Was ist Krimi? Dunkelzettel

Von den fünf Krimis, die ich in letzter Zeit angelesen habe, nur zwei fertig gelesen. Was hat das zu bedeuten? Dass ich mich „vom Genre entfremde“? Oder das Genre sich von mir? Einer der gelesenen Romane erhält das Urteil, selten etwas so An- und Aufregendes gelesen zu haben. Es ist derjenige, der sich von den Fünfen wohl am schlechtesten verkaufen wird. Also entfremdet sich der gemeine Leser, die gemeine Leserin von Kriminalliteratur? Und es wird endlich Zeit für den großen Schnitt zwischen Krimi und Kriminalliteratur, zwischen dem anspruchslos Konsumierten, dem immer wieder Affirmativen, und dem wirklich Spannenden, dem Unerwarteten? Zwischen all denen, die, wie ich neulich las, „die Seele“ im Medium vermuten und nicht im Text, die natürlich „das haptische Vergnügen des Buches“ schätzen und niemals auf die Idee kämen, einen Text als E-Book zu lesen? Zwischen den Schnäppchenjägern, die für ihren Reader alles kaufen, was 0,99 € kostet, und denjenigen, die bereit sind, Lebenszeit in eine Lektüre zu investieren, die sie nicht ablenkt von, sondern hinlenkt zu dem, woran man eigentlich nicht denken möchte?
Lesen, mesdames et messieurs, ist der sicherste Weg zur Verdummung. Kein Wunder, dass man staatlicherseits für Leseförderung Geld ausgibt. Wer liest, der akzeptiert auch die alltägliche Ausbeutung, die skrupellose, weil offen praktizierte Re-Installierung der Ständegesellschaft – überlegen Sie mal, ob Sie vor zehn Jahren jemanden von „Unterschichten“ haben reden hören. Wahrscheinlich nicht. Heute redet man darüber, weil es sie erstens gibt und weil man sie zweitens braucht, um Sündenböcke zu haben. Und ja, das hat etwas mit „Krimi“ zu tun, sehr viel sogar, mit dieser ewigen Abfütterung eines vergnügungssüchtigen, amnesierten Volkes, das Lektüre als innenarchitektonische Verbesserung (volle Bücherregale!) und intellektuelle Sedierung zu schätzen gelernt hat. Weg damit! Trennung! Schlussstrich! Ich möchte nichts mehr mit euch zu tun haben, eure Dummheit kotzt mich an so wie euch meine Arroganz ankotzt. Wir sind fertig miteinander, ihr lest euren Dreck, ich lese meinen.

Sehr düster. Ob ich das alles meine wie ich es schreibe? Ob man jemals schreibt was man meint? Hier wird es noch düsterer, hier ist es angesagt, aufzuhören.

dpr

Drood komplett!

droodcoverklein.jpgEndlich! Nach dem Ende des „Edwin-Drood-Projekts“ gibt es die 600 Folgen nun als wohlfeiles E-Book. Gute 1000 Druckseiten für 3,99 €, mit einem Personenregister und nur echt mit dem Original-Vorwort von Ch. Dickens! Wer den legendären Internetkrimi ohne Ende schon immer mal in Ruhe lesen wollte, kann es ab sofort tun! Oder warten, bis das Ding werbemäßig für umsonst angeboten wird, aber das macht ihr natürlich nicht…

Neues von den Jungs

rohm.jpgLassen Sie uns, während alle Welt von Schwedenkrimis und toten Feuilletonisten schreibt, doch einmal von Literatur reden. Literatur. Das ist das, was der Kopf braucht, wenn er als Hutablage zu schade ist. Oder das, was nicht zwingend in Talkshows vor Grinsefressen in die Kamera gehalten wird, was nicht naturgesetzlich auf den Krabbeltischen der Buchhandlungen liegt, ja, was manchmal gar nicht „Buch“ ist, sondern Datei. Lassen Sie uns, kurz, von drei neuen Texten von drei Männern reden, die Literatur machen. Kriminalliteratur. Doch, die gibt es noch. Man muss sie nur suchen. Oder hier finden.
Guido Rohm. Das ist der wo kein Deutsch kann, also kein richtiges, wie man es in der Schule beim Aufsatz gelernt und später in all den Krimileins wiedergelesen hat. Mit „Fleischwölfe“ und „0 – Noirvelle“ legt er nun in einem Band gleich zwei neue Texte vor. „Fleischwölfe“ ist ein „Buch zum Film“, wobei es den Film selbstverständlich gar nicht gibt. „0 – Noirvelle“ ist das, was der Name sagt. Das nette Bändchen erscheint in diesen Tagen bei →Evolver Books und wird hier selbstverständlich besprochen werden. Ein erster Leseblick macht neugierig.

Peter J. Kraus. Der lebt zwar in den USA, kann aber Deutsch. Und wie. Aber anders als die anderen Krimischreiber, was wohl daran liegt, dass er in den USA lebt. Das macht es ihm schwer, denn wenn der Weltmann in die Provinz kommt – also nach Deutschland -, dann oh je. Nun könnte das aber anders werden. PJ hat jüngst seinen 2003 erschienenen Knaller →„Geier“ als Ebook bei Amazon veröffentlicht und rockt seitdem die Selfpublisher dort. Flugs hat er auch den Nachfolgekrimi →„Aasgeier“ – bisher unveröffentlicht! – dort hochgeladen und rockt weiter. Und das alles zu Preisen, bei denen sogar Kaiser Wilhelm noch von „Schnäppchen“ gesprochen hätte. Wer hier nicht zugreift, hat keine Arme mehr.

Marcus Starck. Ebenfalls 2003 debütierte der gebürtige und jetzt in Australien beheimatete Österreicher mit „SexDotCom“ und sorgte für einiges Aufsehen. Dann wurde es ruhig um ihn. Jetzt ist er wieder da, ebenfalls bei Amazon, ebenfalls mit Ebooks. Der digitalen Variante seines →Erstlings nämlich und mit dem neuen Roman → „419 – Ohne Namen wird mich der Tod nicht finden“. Dank der Links werden geneigte Leser aber die Bücher finden und können sie – wieder zu äußerst moderaten Preisen – erwerben. Ich habe so den Eindruck, man sollte es auch tun.

Aasgeier

aasgeier.JPGWährend ein Teil der Krimikritik weiterhin munter Feuilleton spielt und hechelnd hinter PR-Aktionen her rezensiert (und damit endgültig den Nachtwächterstatus erreicht, den man seit Jahren schon mutmaßt), während also die Aasgeier aufessen, was die Aasgeier übrig gelassen haben, hat Peter J. Kraus endlich den Nachfolger seines legendären „Geier“-Krimis veröffentlicht. Ein Ereignis, wie schon kursorisches Lesen beweist. „Aasgeier“ heißt das gute Stück, vorerst nur →bei Amazon als E-Book für den Kindle zu haben, zu einem lächerlichen Preis auch noch. Man kann „Aasgeier“ übrigens auch auf dem Rechner lesen, eine entsprechende Kindle-Software bietet Amazon kostenlos und komplikationslos an. Worauf also warten? Und, nein: Keine Skandälchen. Einfach nur klasse Kriminalliteratur. Ist die überhaupt noch gefragt?

Uschi (mach kein Quatsch)

Auf den ePetitions-Seiten des Deutschen Bundestags findet man jetzt eine Petition „Internet – Keine Indizierung und Sperrung von Internetseiten“ (auch gerne mal Anti-Zensursula-Petition genannt):

Text der Petition

Wir fordern, daß der Deutsche Bundestag die Änderung des Telemediengesetzes nach dem Gesetzentwurf des Bundeskabinetts vom 22.4.09 ablehnt. Wir halten das geplante Vorgehen, Internetseiten vom BKA indizieren & von den Providern sperren zu lassen, für undurchsichtig & unkontrollierbar, da die „Sperrlisten“ weder einsehbar sind noch genau festgelegt ist, nach welchen Kriterien Webseiten auf die Liste gesetzt werden. Wir sehen darin eine Gefährdung des Grundrechtes auf Informationsfreiheit.

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Verantwortungslose Kampagne

Das Aktionsbündnis “Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft’ nimmt in einer Presseerklärung Stellung zur fleissigen Lobbyarbeit der Initiatoren des „Heidelberger Appells„:

Das Aktionsbündnis „Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft“ hat mit Bedauern und Sorge zur Kenntnis genommen, dass die für die Heidelberger Erklärung Verantwortlichen (Referenz dazu am Ende) ihre verantwortungslose Kampagne fortsetzen und sich nun auch direkt an die Bundeskanzlerin gewandt haben, damit diese sich für „Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte“ (so im Titel der Erklärung) einsetze.

Ein solcher Appell wäre an sich sicher in Ordnung, wenn nicht, so der Sprecher des Aktionsbündnisses Prof. Rainer Kuhlen, in der Heidelberger Erklärung ein rückwärts gerichtetes und pur individualistisches Verständnis von Freiheit und Rechten deutlich würde, das an den rechts-konservativen Bund Freiheit der Wissenschaft aus den 70er Jahren erinnert.

Die gesamte Presserklärung: →Für ein vorwärts, nicht rückwärts gerichtetes Urheberrecht

Tapfer

Stefan Niggemeier geht dahin, wo es richtig wehtut und klickt sich durch das Online-Angebot von RTL:

Ich bin immer versucht, die Texte, die dort erscheinen, dadurch zu erklären, dass sie von indischen Kindern neben ihrer Teppichknüpfarbeit geschrieben werden, aber dann wären sie besser. Wahrscheinlicher ist die Theorie, dass es sich um Rückübersetzungen aus dem Klingonischen handelt.

Mit vielen „schönen“ Beispielen: →Deutschland, ein Stilblütenmeerchen

Win-win Situation

„Er ist einer der beliebtesten und kompetentesten Moderatoren Deutschlands. Gemeinsam mit ihm werden wir nicht nur die Marke ‚ran‘ erstklassig präsentieren, sondern auch die journalistische Kompetenz von Sat.1 weiter ausbauen.“

(Sat.1-Geschäftsführer Guido Bolten über Johannes B. Kerner und seinen Wechsel zu Sat.1)
Der erste Satz gilt nur in einem Deutschland fernab unserer kleinen Gemeinschaftspraxis. Aber das mit dem Ausbau der journalistischen Kompetenz stimmt wohl. Nicht nur für Sat.1, sondern auch fürs ZDF.
(Dr. Zapp)

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