Gigantomanie der guten Laune

Ich weiß nicht, wie es ist, die Love Parade live zu erleben. Vor der Mattscheibe sitzend löst der organisierte Frohsinn jedenfalls eigenartige Assoziationen aus: Menschen stehen auf fahrenden Wagen und hampeln rum, unten tummeln sich hunderttausende an der Strecke und sind gut drauf. Am Reporter-Mikrofon spielen sich zwei gut aufgelegte Pappnasen die verbalen Bälle zu und sprühen geradezu vor Originalität und Raffinesse. Und wenn die Kamera mal durch die Gegend schwenkt, dann sehen wir in erster Linie Titten und Ärsche. Woran erinnert das? Genau – an den Karneval. Ob in Rio, Mainz-Gonsenheim oder Berlin: Es geht doch nichts über die Gigantomanie der guten Laune.

Ein sehr schönes Lehrstück über Individualität und relative Entfernung zur Masse war dann folgendes, hier kurz skizziertes Interview: Am Rande des Zuges der Bemalten, Tätowierten, Bepierceten, Angemalten, Gefärbten und Nackten steht ein Pärchen im geschätzten Alter von Mitte Dreißig.

Er: Blue Jeans, Ringel-T-Shirt, Schnauzbart, Durchschnittskurzhaarfrisur.

Sie: Blue Jeans, Trägerhemd, schulterlange Dauerwelle, vorne kurz, hinten lang.

Der jugendlich hippe Interviewer fragt: „Sind Sie ihretwegen hier auf der Love Parade, also für sich selbst, oder begleiten Sie Ihren Sohn oder Ihre Tochter?

Antwort: „Wir sind unseretwegen hier. Wir mögen die Musik und dachten, wir schauen uns das mal an.
Frage: „Gefällt es Ihnen denn, kommen Sie nächstes Jahr wieder?

Er: „Uns gefällt es gut hier. Wir werden nächstes Mal wieder dabei sein.

Darauf Sie: „Aber dann werden wir uns anders anziehen. Wir wollen uns richtig stylen, damit wir nicht mehr so stark auffallen.

Sich Radrennen im Fernsehen anzuschauen, ist auf den ersten Blick nicht unbedingt spannend. Auf den zweiten schon.

Es ist sogar mehr als spannend, es ist richtig unterhaltsam.
„Wem gehört denn jetzt eigentlich unser Jan?“ (Harald Schmitt)Vor allem, wenn man die Tour de France in der ARD verfolgt, am besten die Live-Übertragung in den dritten Programmen. Was Herbert Watterott, Hagen Bossdorf und ganz besonders Jürgen Emig da so zusammenreden, ist schon toll. Wenn sie mal nicht gerade von Weißwein, Käsesorten oder den verschiedenen Arten der Fondue-Zubereitung sprechen, dann geben sie uns interessante Einblicke in die Wissenschaft des Sports oder reden einfach Blödsinn.

Mittlerweile wissen wir alles über flüssige Kohlehydrate, konzentrierte Ernährung und  wie man während der Fahrt vom Rad herunter pinkelt. Vor allem Dr. Jürgen Emig weiß immer wieder durch seltsame bis abgedrehte Ideen und Formulierungen zu beeindrucken. „Virenque hat das Bergtrikot seit drei Jahren nicht mehr ausgezogen“ ist ein Satz, der einem zu denken geben sollte. Ebenso die Aussage: „Rechts sehen Sie jetzt ein paar Kühe, die gerade aus dem Bild fahren“.

Einigen Landschaftsimpressionen verhalf er zu ungeahnter Beachtung mit den Worten „Na da fliegt der Helikopter heute aber tief“, obwohl die Bildperspektive nicht oberhalb der Baumspitzen lag. Erst als ein Kameraschwenk zur Seite die Gesichter der begeitenden Motorradfahrer zeigte, gab er zu: „Nein, so tief kann der Hubschrauber aber nicht fliegen, dann haben wir die ganze Zeit doch Bilder der Motorradkamera gesehen.“

Interessant auch die Tatsache, daß man Sportchef des Hessischen Rundfunks werden kann, ohne die durch Geburt im Saarland erworbenen Spracheigenarten abzulegen. Zweimal kommentierte Emig das Schließen des Trikotreißverschlusses mit der Bemerkung „Der Fahrer hat kalt“, obwohl viele Saarländer aus eigener Erfahrung wissen, wie man nördlich von Frankfurt auf diesen Sprachgebrauch reagiert. Nämlich mit mindestens so intelligenten Blicken wie diejenigen der Kühe, als der Hubschrauber auf 0,95 Meter Höhe an ihnen vorbeiflog. Sollte Jürgen Emig etwa in der Hierarchie der Rundfunk- und Fernsehleute schon bis in die Kaste der Unberührbaren vorgedrungen sein, wo man einfach alles erzählen darf?

Wenig zu erzählen haben sich auch Jan Ullrich, der neue deutsche Radfahrheld und sein französischer Konkurrent Richard Virenque. Auf die Frage Jürgen Emigs „wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zu Virenque?“ antwortete Ullrich: „Wir verstehen uns eigentlich sehr gut. Er spricht meine Sprache nicht, ich spreche seine nicht, aber wir kommen sehr gut miteinander aus.“ Wahrscheinlich genau deshalb.

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