Zum Tod von George Harrison

Ich geb´s ja zu: mit acht war ich in Paul McCartney verknallt. Der hatte ein süßes Babyface und machte sich tierisch gut zwischen Tommi Ohrner und Leif Garett. Mein liebster Beatles-Song war „Octopus´ garden“.

Aber dann wuchs mein Gehirn, und mit ihm mein Faible für George Harrison. „While my guitar gently weeps“ ist vermutlich der schönste Beatles-Song überhaupt, und das jagende „Old brown shoes“ mysteriöser als „I am the walrus“ und „Rain“ zusammen. Straight, klar und nicht zu süßlich – so mochte ich Harrison. Mit der Strahlkraft von „Something“ und „Here comes the sun“ konnte ich lange nichts anfangen. „Taxman“ und „Savoy truffle“ lernte ich erst als Teenager kennen, begeistert von der spröden Sophistication der Harmonien und dem schluffig-scharfzähnigen Understatement. Harrisons gitarrenlastige, dezent psychedelische Songs haben den Sound der Independent-Bands mit vorbereitet.

Und noch mehr Erfindungen gehen auf Harrisons Konto:

  1. der Ganzkörper-Jeansanzug,
  2. der erste Rocksong mit Sitar,
  3. der erste Beatles-Song mit Gastmusiker (Eric Clapton auf „While my guitar gently weeps“)
  4. das erste Live Aid-Konzert: The Concert for Bangladesh 1971,
  5. das Triple-Album
  6. und einzige hörenswerte Solo-Album eines ehemaligen Beatle.

„All things must pass“ ist auch 30 Jahre später noch eine Offenbarung. Fließend, schillernd, hochinspiriert. In Sachen Psychedelik gibt´s hier die volle Packung. Vor allem auf der dritten Platte, die den Musikfans ungefähr dasselbe bedeutet wie den Literaturwissenschaftlern Klopstocks „Messias“: jeder weiß, was drin ist, aber niemand tut sich den Inhalt an, weil er einfach unerträglich ist. Neunzig Minuten wuchernde Sitar-Klänge, nur unterbrochen durch das Umdrehen der Platte – this is Hardcore.

Trotzdem: „All things must pass“ war eine musikalische Sternstunde. An Tiefe, Kraft und Glanz konnte ihr kein anderes Post-Beatles-Werk das Wasser reichen.

Aber auch für Harrison gab´s Durststrecken. Die Zeit mit den Beatles etwa. Nach Lennon/McCartney war er immer nur der „dritte Mann“. Nach George Martin sogar nur der vierte. Aber in ihrem Bemühen, Harrisons musikalisches Output zu unterdrücken, scheitern sie: oft schlich sich doch noch ein Harrison-Song mit auf´s Album. Manchmal sogar zwei. Möglich, dass der Ruhm der Band noch größer wäre, hätte man nur sorgfältiger den musikalischen Durchfall von Lennon/McCartney selektiert und den Ausschuss rausgehalten. Und statt dessen mehr Harrison mit drauf genommen. Als seinen größten Fehler bezeichnete es George Martin später, das musikalische Talent Harrisons nicht mehr gefördert zu haben. Späte Einsicht.

Technisch konnte Harrison von den Beatles sowieso niemand das Wasser reichen. Der einzig echte Musiker unter den Vieren setzte mit seinem Gitarrenspiel von Beginn an vielen Beatles-Songs seinen Stempel auf: der Schlussakkord von „She loves you“, das Solo in „All my loving“, die fließenden Linien in „Eight days a week“, die perlende Rickenbacker in „A hard day´s night“…

Aber auch nach den Beatles gab´s Reinfälle. Experimente mit elektronischer Musik floppten, auch die Filmmusik zu „Wonderwall“ – aber nicht die Filme. Ohne Harrison kein „Life of Brian“: die Pythons brachten es auf den Punkt. Harrisons „Handmade Films“ machten den Brian erst möglich.

1987 war er dann plötzlich wieder da, wie Kai aus der Kiste an die Spitze der Charts katapultiert. Verwirrt fragte ich mich, ob ich mich verhört hatte. In der Radio-Hitparade wurde Harrisons Name wie eine Selbstverständlichkeit verlesen, kein Hinweis auf alte Zeiten, kein Ausdruck des Erstaunens. Ein Beatle, noch dazu George Harrison, auf Nr. 1: business as usual?

„Got my mind set on you“ war Harrisons Fußnote zum Thema 80er. Musikalisch kein großer Wurf, ein clever gemachter Popsong zum Mitklatschen, aber eben gelungene Unterhaltung. Mainstream deluxe auch „Fab“: Harrisons ironisch-nostalgisches Kabinettstück zur eigenen Vergangenheit.

All das avancierte schnell zum Vorspiel von Harrisons nächstem Coup: die Gründung der Travelling Wilburys, einer sympathischen Supergroup ohne Ambitionen. Muffelige alte Männer mit zauseligen Haaren, von denen Roy Orbison noch der Jüngste schien. Das Rad hatten die meisten von ihnen schon früher neu erfunden, warum also nochmal groß Mühe geben?

Den Treppenwitz der Harrison-Geschichte lieferten Oasis Mitte der 90er-Jahre. Die „Wonderwall“ war plötzlich in aller Ohren. Nur eben nicht Harrisons „Wonderwall“. Die Hommage mag er verstanden haben.

Der klare Blick aus dem scharfgeschnittenen Gesicht, das selbst beim Lachen noch ernst wirkte. Die tiefe Religiösität. Das Faible für fernöstliche Klänge. Nein, Harrison war kein Sunnyboy. Kein witziger Sprücheklopfer. Aber immer gut für musikalische Sternstunden. Er war mein Lieblingsbeatle.

(Katja Preissner)

s.a.: →Mike Lehecka zum Tod von George Harrison