Ivo Stourton: Die Nachtgänger

Ich habe fast zeitgleich „Schilf“ von Juli Zeh und Ivo Stourtons „Die Nachtgänger“ gelesen. Danach ist man bis ans Lebensende mit Metaphern ausgestattet und hat für nahezu jede Alltagsbegebenheit eine blumige Beschreibung parat. Wie immer liegt es in erster Linie am Leser selbst, wie geduldig er diese Bildersprache erträgt. „Die Nachtgänger“ ist Ivo Stourtons Debüt und fällt nicht nur durch seine Metaphern auf. Kurz gesagt ist der Roman fast so gut wie „Die geheime Geschichte“ von Donna Tartt. Der Handlungsrahmen ist ähnlich, aber man fragt sich, wo dieses Kerlchen (*1982) die Lebensweisheit und Erfahrung geborgt hat, die durch sein erstes Buch schimmert.

Die Nachtgänger sind eine kleine Studentenclique in Cambridge, die nachts über alte Dächer klettert und sich auch sonst für alles begeistern kann, was Eltern und Lehrer im Regelfall nicht gutheißen. Stourton baut die Geschichte aus Gegenwart und den Rückblicken in die Vergangenheit geschickt auf, arbeitet aber weniger mit Spannung als mit einer detailreichen Schilderung der Vorgänge und einer klaren Charakterisierung der vier Hauptpersonen. Dabei bleiben manche der geschilderten Exzesse vergleichsweise harmlos und würden Henry Miller oder Hunter S. Thompson wahrscheinlich nur ein mildes Lächeln aufs Gesicht zaubern. Für die vier Hauptpersonen Francis, James, Jessica und Lisa reichen die Erfahrungen aber aus, um sie bis an die Grenzen zu treiben und sich schmerzlich bewusst zu werden, dass dieses Abenteuerleben nicht allzu lange anhalten kann.
„Die Nachtgänger“ wird die literarische Welt nicht aus den Angeln heben, ist aber mit Sicherheit ein aufmerksamkeitsstarkes Debüt, das sich ohne jeden Ärger gut lesen lässt und durch seinen philosophisch-fragenden Unterbau gefällt.

(dmm)

Ivo Stourton: „Die Nachtgänger“
Verlag Droemer/Knaur 2007
deutsch von Karin Dufner
396 Seiten, ISBN 3-426-19754-7, 19,90 €

2 thoughts to “Ivo Stourton: Die Nachtgänger”

  1. Oh, oh – ich war so froh mal ein Buch zu lesen ohne mir Rezi-Gedanken machen zu müssen. Aber wenn Fräulein Anobella wartet, werde ich das eilend überdenken.
    bye
    dmm

  2. ich habe mal im buchladen die erste seite SCHILF gelesen. die war gar nicht schlecht.
    aber sobald die verqueren, verdrehten, verfehlten und verkopften „literarischen“ bilder anfangen … whuah …
    wer hat denn dieses ganze zeug hier auf meinem schreibtisch abgeladen …
    *gräbt einen tunnel, um platz für ihre kaffeetasse zu finden

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