Pizzicato 5 – Happy End of the World

Japanische Verwirrungstaktiken.

Da klingt ein Stück nach leichtfüssigem, französischem Chanson, heißt auch noch „Ma vie, lété de vie“, der Text ist aber auch für Frankophone gänzlich unverständlich – weil japanisch.
Da sind die Fotos im CD-Booklet, die Pizzicato 5 als Menschen mit altmodischem (Mode)Geschmack und zugleich einem Hang zu moderner Technik ausweisen.
Und da ist der Widerspruch des CD-Titels.

Ja, die Welt der Pizzicato 5 ist geprägt von Gegensätzen. In den über 10 Jahren ihres Bestehens waren Pizzicato 5 nie mehr als drei. Inzwischen besteht die Band nur noch aus Sängerin Maki Nomyia und dem Soundtüftler Yasaharu Konishi (die zahlreichen Gastmusiker nicht gezählt). Sie – die divenhafte Sängerin, die vom Auftreten her an Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“ erinnert, er der Tüftler, für den das Studio wohl so etwas wie ein musikalisches Legoland ist, in dem fröhlich Easy Listening, brasilianische Rhythmen, französisches Chanson, Filmmusik und (viel) Drum’n’Bass zusammengemischt werden.

Das Ergebnis ist ein ebenso leichtfüssiges wie abwechslungsreiches Vergnügen. Popmusik wie sie sein sollte: eingängig und fortschrittlich zugleich.

(wm)

Mark Eitzel: 60 Watt Silver Lining

Mark Eitzel war jahrelang Kopf des American Music Clubs, einer Band aus San Francisco, die – kommerziell eher erfolglos – viel Kritikerlob einheimste. Jetzt hat Eitzel den American Music Club aufgelöst. Angeblich weil er mit der Band nicht mehr restlos glücklich gewesen sei. Eine Begründung, die nicht so ohne weiteres nachzuvollziehen ist. Zum einen spielen auf Eitzels Solo-CD „60 Watt Silver Lining“ zwei seiner ehemaligen Klubkameraden mit, zum anderen hat sich auch am Sound so viel nicht geändert.

Auch auf „60 Watt Silver Lining“ finden sich zumeist ruhige Songs voller Alkohol & Herzschmerz. Dabei versteht es Eitzel meisterhaft das aufkommende Selbstmitleid immer wieder durch eine gehöriger Portion Selbstironie zu brechen.

Auffälligster Unterschied zwischen Eitzels Solo-CD und den Alben zuvor mit dem American Music Club ist, daß Eitzel auf seinen langjährigen Gitarristen Vludi (und dessen gelegentliche Gitarren-Lärm-Attacken) verzichten muß. An dessen Stelle sorgt der renommierte Trompeter Mark Isham für einige Akzente und – gelegentlich – für einen ungewohnt leichtfüssigen, jazzigen Sound.

Trotz exzellenter Songs: Mark Eitzel war nie kommerziell erfolgreich und wird es auch mit dieser CD nicht sein. Dazu ist er sich selbst über die Jahre hinweg zu treu geblieben.

(wm)

Bones: When the night comes

Auch die gelegentlich lärmenden Gitarren täuschen nicht über die Tatsache hinweg, dass der Song doch eher seicht und charakterlos daher kommt. Dass die Band mehr zu bieten hat, ahnt man beim dritten Titel auch wenn dort offenbar auf Teufel-komm-raus ein Refrain in einen atmosphärisch angelegten Song eingebaut wurde.

Eine Band in den Fängen hitorientierter A&R-Manager??

P.S.: Während die Band selbst an der Kommerzkandarre liegt darf sich wenigstens der Promotexter austoben:

„Fahl und knochenbleich leuchtet der Mond in seiner mystischen Pracht vom Nachthimmel. Das Cover der neuen Single der Bones hat den atmosphärischen Kick zu dem Song, der Bände spricht… vom Leben im urbanen Irgendwo, vom Widerwillen nach neuen Kontakten in der freien Wildbahn des Nightclubbings und von der Sehnsucht nach vertrauter Nähe, zu lesen auch als leidenschaftliche Liebeserklärung. (…)Und das ist nur die Spitze des Eisbergs, den das kommende 3. Album bildet. Da wird noch manchem Popfan ein Licht aufgehen, nicht nur bei Vollmond.“

Wow!!!

(wm)

Camping – Maritime Strick und Regenmoden

„Ich weiss nicht wohin ich will oder wonach ich mich sehne,
ich hab viel zu wenig Zeit und viel zu viele Probleme“

(„Unterwegs“).

CDs mit Autos auf dem Cover… Womit eigentlich alles gesagt wäre, aber…

…der Reihe nach: Die Zeiten, da deutsche Texte in der Rock- und Popmusik eher selten waren sind längst vorbei. Dennoch scheint die Verwendung deutscher Texte weiterhin sehr trendabhängig zu sein. Kaum hat eine Hip Hop Band Erfolg mit deutschen Texten, gründen sich an allen Ecken und Enden Hip Hop Bands, die dem Englischen abgeschworen haben. Umso erfreulicher, daß es auch eher untypische deutschsprachige Musik gibt, wie z.B. die Debut-CD einer Band namens Camping, die den noch viel unytpischeren Titel „Maritime Strick- und Regenmoden“ trägt; musikalisch aber eher durch spröden Charme als durch Obskurität glänzt.

„Maritime Strick- und Regenmoden“ ist die CD einer kleinen Band, die wohl nie groß rauskommen wird. Zu unspektakulär ist die Campingmusik, die sich so gar nicht an den gängigen Trends orientiert. Konkret heißt das: Popmusik der ruhigen, entspannten Art mit viel akustischer Gitarre und Streichern, ohne Schlagzeug, dafür mit gelegentlichem Einsatz eher exotischer Instrumente (Klarinette!). Das Presseinfo verweist auf Bernd Begemann und DIE ANTWORT und Menschen, die sich damit besser auskennen als ich, bestätigen das.

Naturgemäß stehen bei einer deutschsprachigen Band die Texte mehr im Mittelpunkt des Interesses als bei englisch singenden. Was bei CAMPING dabei besonders beeindruckt ist die Art mit der simple Alltagsdinge (viel Zwischenmenschliches, wen wundert´s?) in Texte gepackt werden, die sich nicht verbiegen müssen, sondern so nah wie möglich an der Alltagssprache bleiben. Henning Fritzenwalders schnoddrig-relaxter Gesang gibt dazu den teils witzigen, teils melancholischen Texten eine Beiläufigkeit, die den Liedern sehr gut tut.

Und überhaupt! Wer kann schon einer CD widerstehen, auf deren Cover ein alter Käfer (noch dazu mit Surfbrett) abgebildet ist? Eben!

(wm)

Ted Hawkins, der ewige Straßenmusiker

„Ich war schon viele Male tot, aber ich war einfach zu stur, um liegen zu bleiben.“
(Ted Hawkins – zu Lebzeiten)

Seine Musik, eine Mischung aus Blues, Soul und Country, war vor allem geprägt durch seine rauhe, stark an sein großes Vorbild Sam Cooke erinnernde, Stimme und eine Ausdrucksstärke in der sich wohl all die Niederlagen und Nackenschläge seines Lebens widerspiegelten.

Hawkins wurde am 28. Oktober 1936 in Lakeshore, Mississippi geboren. Er wuchs in äußerst ärmlichen Verhältnissen auf. Sein Vater machte sich früh davon, seine Mutter war Alkoholikerin. Mit 12 Jahren kam er in eine Besserungsanstalt. Das Beste was ihm dort widerfuhr war wohl ein Besuch der New Orleans Legende Professor Longhair, ein Besuch, der in Hawkins die Liebe zur Musik weckte. Im Alter von 15 Jahren wurde er in die berüchtigte Parchman Farm State Strafanstalt in Mississippi eingewiesen, weil er eine Lederjacke aus einem Harley-Davidson Laden gestohlen hatte.

„Ich ging direkt in die Hölle“, erinnerte sich Hawkins später an die folgenden drei Jahre. Nach seiner Entlassung führte Hawkins ein unstetes Leben. Er zog im Osten der USA von Stadt zu Stadt, zumeist als blinder Passagier auf irgendwelchen Frachtzügen. Erst 1966 war er in der Lage , ein Zugticket zu bezahlen, daß ihn ihn endlich dorthin brachte „wo ich nicht frieren mußte“. Der Ort war Los Angeles, wo Hawkins in den folgenden Jahren den Lebensunterhalt für sich und seine Familie als Straßenmusiker verdiente.

Als 1982 seine erste LP „Watch Your Step“ erschien steckte Hawkins selbst wieder mal im Knast wegen Diebstahls. „Wenn du arm bist, dann mußt du stehlen“. Bekannter in Europa wurde Hawkins erst in der zweiten Hälfte der 80er Jahre. Andy Kershaw von der BBC hatte ihn zu einigen Sessions eingeladen, Hawkins spielte u.a. auf dem Montreux Jazz Festival, das holländische Munich Label veröffentlichte zwei Platten mit Coverversionen (On The Boardwalk – The Venice Beach Tapes Vol I+II“ und das englische PT-Label veröffentlichte eine in Bandbesetzung eingespielte Platte.

1994 wurde sein erfolgreichstes Jahr. Im März veröffentlichte er „The Next Hundred Years“, seine erste Veröffentlichung auf einem Majorlabel (produziert von Tony Berg) und tourte u.a. durch Australien, wo er sehr herzlich aufgenommen wurde und einen Top20 Hit hatte.

Am 29. Dezember 1994 erlitt er einen Schlaganfall und starb am Neujahrstag 1995 ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Er hinterließ eine Frau und fünf Kinder.

Diskografie:

„Watch Your Step“ (1982), Rounder
„Happy Hour“ (1986), Rounder
„On The Boardwalk – The Venice Beach Tapes Vol. I“ (1986), Munich
„On The Boardwalk – The Venice Beach Tapes Vol. II“ (1986), Munich
„I Love You, too“ (1989), PT
„The Next Hundred Years“ (1994)