William S. Burroughs – Agent in eigener Sache

Viele haben überhaupt nicht mehr damit gerechnet, doch das Unwahrscheinliche ist eingetreten: Am Sonntag dem 3. August 1997 starb der Übervater der Underground-Kultur William Seward Burroughs im Alter von 83 Jahren an Herzversagen.

Foto William Seward Burroughs Burroughs, Kammerjäger, Privatdetektiv und schließlich Schriftsteller, ist seit seinem ersten öffentlichen Auftreten Ende der Vierziger Jahre zu einer generationenübergreifenden Kultfigur des Undergrounds geworden. In den Fünfziger Jahren und in den Roaring Sixties wurde er zur grauen Eminenz der Beat Generation. In den Siebzigern wurde er zur Ikone der Popwelt, und nachdem es in den Achtzigern etwas ruhiger geworden war um den zerknitterten alten Mann in seinem Buchhalteranzug, tauchte er in den Neunzigern wie ein Phönix aus der Asche und wurde auch von den jüngsten Wilden der Popfraktion hofiert. Fast alle seine Mitstreiter und Jünger hat er überlebt: Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Nico, Andy Warhol, Frank Zappa, Kurt Cobain und seine deutsche Epigone Jörg Fauser. Einer, der in dieser Verlustrechnung vorkommt, aber fast immer unerwähnt bleibt, ist sein Sohn William Burroughs Jr.. Ihm erging es wie den anderen. Sie alle haben ihm gehuldigt, ihn imitiert und keiner hat ihn überlebt. Was bei vielen auch daran lag, daß sie seinen exzessiven und selbstzerstörerischen Lebensstil kopierten und sich damit zugrunde richteten. Was war dran an diesem mumienhaften Mann, der sie alle in seinen Bann schlug und der heute auf einer 29 Cent Briefmarke abgebildet ist?

Seine Herkunft war es wohl nicht. Sein Großvater hatte die ‚Burroughs‘ erfunden, eine mechanische Additionsmaschine, die Buchhalter glücklich und die Familie reich machte. Der 1914 geborene William S. Burroughs erhielt eine exquisite Ausbildung, studierte englische Literatur und Anthropologie in Harvard und machte 1934 seinen B.A.. Danach bereiste er Europa, nahm anschließend in den USA wieder seine Studien auf und meldete sich nach Kriegseintritt als Freiwilliger. Bei der Marine wurde er aufgrund seiner Plattfüße und seiner Kurzsichtigkeit abgelehnt. Burroughs kaschierte diese Handicaps jedoch geschickt und wurde von der Luftwaffe als Pilot ausgebildet. Erst im Nachhinein flog er auf und wurde ausgemustert. Doch Bill gab nicht auf und bewarb sich beim Geheimdienst der Army. Dort wurde er abgelehnt. Der Vorsitzende der Kommission war eben der Hausmeister von Harvard, dem er Jahre zuvor eine selbstgebastelte Bombe vor sein Fenster gelegt hatte. Burroughs Vorliebe für Waffen war schon recht früh ausgeprägt. Im Anschluß an diese Zeit begann die Phase seines persönlichen und wirtschaftlichen Niedergangs, die ihn letztlich berühmt werden ließ.

1944 hielt sich Burroughs in New York auf. Er sog fasziniert die Klänge des Hot Jazz in sich auf und arbeitete, sein Erbe hatte er inzwischen verpraßt, als Kammerjäger, ein Beruf der im Amerikanischen den plastischen Namen ‚Exterminator‘ trägt und als Titel für ein 1966 erschienenes Buch herhielt, in dem er diese Zeit verarbeitete. Ins Jahr ’44 fiel auch seine Bekanntschaft mit Herbert Huncke, einem Kleinkriminellen, Fixer und Stricher vom Times Square, der ihn und seine Freunde Ginsberg und Kerouac mit diesem urbanen Dschungel vertraut machte. Huncke war es auch, der Burroughs auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin den ersten Schuß setzte.

Allzu oft läßt sich an einer solchen Biographie mühelos ergänzen, was kommen muß: entwürdigendes Suchtverhalten, ein paar verzweifelte Versuche, aus dem Teufelskreis auszubrechen und schließlich doch nichts anderes, als der dreckige kleine Tod eines Fixers in einer stinkenden Toilette, dessen volle Dramatik darin zum Ausdruck kommt, daß die Statistik der Drogentoten um eins nach oben gerückt wird. Nicht so bei Burroughs. Der führte zwar das Leben eines Abhängigen, bewies jedoch die Cleverness zu überleben und seine Sucht literarisch zu verarbeiten, und das, nachdem er 1951 bei einer ‚Wilhelm Tell Nummer‘ das Glas auf dem Kopf seiner Gattin knapp verfehlte und unter Mordanklage gestellt wurde. 1953 erschien sein erster Roman ‚Junkie‘, der binnen kürzester Zeit bei der Beat Generation Kultstatus erlangte. Burroughs wurde zur Vaterfigur der Beats, der jungen Nachkriegswilden, die gegen die verlogene Bürgerlichkeit ihrer Eltern rebellierten, dummerweise aber nicht wußten, was sie eigentlich wollten. Kerouac, Ginsberg, Ferlinghetti, Corso und wie sie alle hießen gebärdeten sich in der Art einer neuen, dekadenten Boheme, hingen ständig zusammen und machten aus ihrer Umtriebigkeit, heute New York – morgen Tanger, und ihrer exzessiven Lebensweise ein Programm. Burroughs war nur insofern eine Ausnahme, als er das Initial dieser Sippe war: Reiste er nach Tanger, reisten ihm die anderen nach.

1959 erschien das Buch, das ihn endgültig berühmt oder, wie man’s nimmt, auch berüchtigt machte: Naked Lunch. Mehrere Jahre hatte er daran gearbeitet und in einer Art Stream of Consciousness das zu Papier gebracht, was die literarische Welt bisher noch nicht gesehen hatte: schwule Obsessionen, Obszönität, Paranoia und das alles aus den Innenansichten der hermetischen Welt eines Drogensüchtigen . Selbst ein Pariser Pornoverleger hatte sich geweigert dieses Buch zu verlegen. Damit und mit der von Brion Gysin entwickelten literarischen Technik des cut-up und folt-in, die Burroughs weiterentwickelte, schrieb er Literaturgeschichte. Mit dieser neuartigen, für damalige Verhältnisse schockierenden und radikalen Technik, der Verbindung von Stream of Consciousness und dem Einbeziehen des Zufallsprinzips schrieb sich der ausgemergelte Junkie an die Spitze der literarischen Avantgarde dieses Jahrhunderts. Seine Literatur stand und steht im z.T. krassen Gegensatz zur rational konstruierten postmodernen Literatur, an der zu dieser Zeit Arno Schmidt in Deutschland herumbastelte.
Auch nachdem sich die Beat Generation im Sand verlief, auf Friedhöfen und in psychiatrischen Kliniken ihr belangloses Ende fand, Burroughs Kultstatus blieb davon unberührt. Im Gegenteil, die nächste Generation der Huldiger war bereits nachgewachsen. Paul McCartney sorgte dafür, daß ein Foto von ihm im Bildteil des Sgt. Pepper’s Album erschien, Nico ließ sich Texte von ihm schreiben und auch Warhol ließ sich gerne in seiner Gegenwart ablichten. Die Reihe seiner Bewunderer riß nie ab von der Beat Generation bis zur Generation X. Kurt Cobain malträtierte 1992 seine Gitarre zur schnarrenden uhrwerksgleich lesenden Stimme von Burroughs, ähnlich gestaltete sich auch das HipHop-Projekt Spare Ass Annie im folgenden Jahr. Die letzten Aufnahmen von Burroughs sind wenige Wochen alt und flimmern in der Schlußeinstellung vom jüngsten U2-Clip ‚Last Night On Earth‘ via MTV und Satellit in alle Welt hinaus.

Was ihn zur Ikone der Popwelt gemacht hat war seine Ambivalenz: Der große Mann, der sich zu keiner Zeit vor sprachgewaltigen Obszönitäten scheute, hatte ein zurückhaltendes, vornehmes, ja seriöses Auftreten. So radikal wie er sich der bürgerlichen Ordnung entgegenstellte, so fuhr er gleichfalls im Fahrwasser der Ideologie, die die USA groß gemacht hat. Er war Waffennarr, glaubte an eine Verschwörung des Staates (der die AIDS-Viren züchtet) gegen die Bürger. Das rehabilitierte den schwulen, perversen alten Junkie in den Augen der Rednecks. Seinen Lebensabend verbrachte Burroughs in Kansas, der Hochburg der gottesfürchtigen Militia, auf deren Konto auch das Oklahoma-Attentat ging, um bessere Gelegenheit zu haben, seine Schießübungen abzuhalten. Auch sein literarischer Ruhm ist nicht unangefochten. Es gibt nicht Wenige, die seine Biographie als die ‚Krankenakte eines Patienten mit drogenbedingter Schizophrenie‘ ansehen und seine Werke als Krankenberichte. Das mag durchaus seine Richtigkeit haben, auch, daß ihn Herbert Huncke als ‚intellektuellen Studenten‘ bezeichnet, für den der Times Square ein ‚Abenteuer-Spielplatz‘ war. Auch Mohamed Choukri, der bedeutendste marokkanische Schriftsteller meinte, daß Burroughs sich lediglich in Tanger herumtrieb, nicht um die Aura des Landes zu erheischen, sondern ungehindert ’seinen Süchten und Begierden nachzugehen‘.

Das mag alles stimmen, zeigt aber vor allem eines: William S. Burroughs war ein Meister der Selbstinzenierung, er schuf sich selbst als Kunstfigur und vermarktete sich geschickt über Jahrzehnte hinaus. Nie ließ er sich vereinnahmen, im Gegenteil, ließ sogar Musiker für sich werben, deren Musik er sich niemals angehört hätte. William S. Burroughs war stets Agent in eigener Sache. Er tauchte auf und verschwand wieder von der Bildfläche, aber nie ohne Wellen zu schlagen. Sein letzter Streich dieser Art war sein Ableben. Am Tag danach verdrängte er die Nachrichten über die Jahrhundertflut an der Oder von der Titelseite. Am 4. August 1997, 38 Jahre nach dem Erscheinen von ‚Naked Lunch‘, erschien die Berliner taz mit dem Aufmacher auf der Titelseite:

Heute kein Hochwasser: Burroughs tot

(th)