Manfred Krug: Das war nur ein Moment/Ein Hauch von Frühling

Vor seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik im Jahre 1977 war Manfred Krug nicht nur einer der gefragtesten Schauspieler der DDR, sondern auch ein beliebter Sänger und Musical- bzw. Operetten-Darsteller. Als Schauspieler konnte er im Westen fast nahtlos an diese Erfolge anknüpfen, als Sänger startete er zwar den Versuch (an den ich mich noch dunkel erinnern kann), allerdings fand dieser wenig Beachtung, und so ist die musikalische Seite des Manfred Krug heute kaum noch gegenwärtig.

Das ist ein Jammer, denn diese beiden auf CD wiederveröffentlichten Schallplatten aus den Siebziger Jahren sind Kostbarkeiten, deren Originalität und musikalischer Reichtum nicht hoch genug einzuschätzen sind. Was Krug als Sänger, Günther Fischer als Komponist und Arrangeur und Clemens Kerber als Texter da produzierten, ist nichts weniger als – Achtung festhalten! – großer DDR-Soul, real existierender Bar-Jazz oder auch intelligente, spannende, gehobene deutschsprachige Unterhaltungsmusik.

Zugegeben, in den nicht so brillanten Momenten dieser beiden Alben könnte man eventuell auch auf den Begriff `Schlager´ verfallen, aber da der Gesamteindruck der Werke mit dem, was heute so unter deutschem Schlager gehandelt wird, wirklich und Gott sei Dank nichts zu tun hat, solltet Ihr dieses häßliche Wort im Krug-Zusammenhang schnell wieder vergessen. Fazit dieser haarspalterischen Reflexionen: Laßt mich in Ruhe, nennt es wie Ihr wollt, es ist phantastisch!

Ich habe keine Ahnung, was aus Günther Fischer und Clemens Kerber geworden ist, aber ich befürchte, dieses Wissen muß man auch nicht haben. Zu eng sind „Das war nur ein Moment“ und „Ein Hauch von Frühling“ an eine bestimmte Zeit, an eine Epoche der Musik und wohl auch der gesellschaftlich-kulturellen Atmosphäre gebunden, als daß man heute ähnlich faszinierende Ergebnisse von den Künstlern erwarten könnte. Oder einfacher gesagt: Schaut Euch an, was aus Krug geworden ist (routiniert abgedrehte, immer gleich angelegte Fernsehrollen und notorische Werbespots) und vergleicht es mit dem, was einmal war („Spur der Steine“ – für mich der beste deutsche Kinofilm überhaupt).

Das Bemerkenswerteste an diesen insgesamt 20 Stücken sind die Arrangements und die von Text und Gesang ausgehende spezielle Atmosphäre, die heute kaum noch zu finden ist, schon gar nicht in der deutschsprachigen Musik.

Die Orchestrierung ist schlicht genial und läßt keinen Zweifel, daß ein Bestandteil des imperialistischen Einflusses, den die Ostpolitik letzten Endes doch in den Arbeiter- und Bauernstaat gebracht hat, der dramatische 70er-Jahre-Soul war. Ganz deutlich ist zu erkennen, daß Günter Fischer schon mal von Marvin Gaye und Isaac Hayes und ihrer Arbeit gehört hat. Die Chöre jauchzen, die Streicher schmeicheln, die Flöten schwelgen und Manfred Krug croont, daß es eine helle Freude ist. Seine Gesangsstimme ist um einiges höher, als es seine heutige Sprechstimme vermuten ließe, und wenn er dann „Laß‘ mich nicht gehn, so ohne Abschiedsgruß“ in das Mikro haucht, dann weiß der Hörer, hier wird verhandelt, was das einzig wichtige im Ost-Soul, im West-Soul und im Leben überhaupt ist: LIEBE.

In allen Stücken geht es um Frühlingsgefühle, Trennungsschmerz, Verlangen, Eifersucht, Zurückweisung, Liebeskummer. Das volle Programm. Immer wieder essentiell und selten so ergreifend mit deutschen Texten umgesetzt. Krugs Interpretation ist im besten Sinne „lyrisch“, und das bedeutet: Keine Angst vor poetischen, stark emotionalen Formulierungen. Kenner wissen natürlich: Keine Schönheit ohne Gefahr – hier speziell besteht die Gefahr darin, gelegentlich ins Blumige, Schlagerhafte abzurutschen, manches klingt antiquiert, aber im ganzen ist diese Musik so seriös und wahrhaftig, daß alle Vergleiche mit bundesdeutschen Schlageraltlasten verstummen müssen. Diese Songs sind absolut ungebrochen, nichts daran ist ironisch oder super-fucking-cool-and-clever, d. h. sie sind komplett 90er-Jahre-frei.

Also liebe neuzeitliche Trash-Idioten, laßt bitte die Finger von dieser wunderbar abgedrehten Musik. Wenn Ihr Euch unbedingt über gefühlsbetonte deutsche Texte und schwelgerische Musik amüsieren wollt, dann bleibt bei Guildo Horn und Dieter Thomas Kuhn,-denn dort seid Ihr richtig.

What’s going on, Manfred, oder: If loving you is wrong, I don’t want to be right.

(km)

Die beiden Amiga-Alben wurden 1994 von BMG auf einer CD wiederveröffentlicht

D’Angelo: Lady

Der 22jährige Michael Archer alias D’Angelo gilt seit seinem sehr guten Debütalbum „Brown Sugar“ als mittelschwere Sensation auf dem Soul-Sektor. Als Komponist, Multiinstrumentalist und Sänger überzeugte er auf seinem letzjährigen Debüt als Follower der Hip-Hop-Generation, trotzdem ist „Brown Sugar“ 100% Soul.

Schmerzverarbeitung spielte im Soul immer schon eine große Rolle und Seelenschmerzen scheint Michael Archer schon häufig empfunden zu haben, nur so ist es zu erklären, wieso er trotz seiner jungen Jahre schon so tief aus der Seele heraus singt. Marvin Gaye, Smokey Robinson und Prince sind seine Vorbilder, sowohl stimmlich als auch musikalisch. „Lady“ ist zwar nicht der beste Song der CD, trotzdem ist die smoothe Groove-Ballade ein Hit-Knaller. Stevie Wonder-artiges E-Piano-Intro, ein durchgehender Groove und eine Melodie zum mitgröhlen machen „Lady“ zum ultimativen Frühjahrshit. In den USA sind Single und Album schon in den Top 10 plaziert, im eher seelenarmen Deutschland wird es D’Angelo wohl etwas schwerer haben.

Die Maxi enthält vier Versionens des Stücks, darunter auch als besonderes Schmankerl die Live-Version aus dem „Jazz Cafe“ in London. Mein Frühlingstip: CD von D’Angelo kaufen und hören, hören, hören.

(tk)

Ted Hawkins, der ewige Straßenmusiker

„Ich war schon viele Male tot, aber ich war einfach zu stur, um liegen zu bleiben.“
(Ted Hawkins – zu Lebzeiten)

Seine Musik, eine Mischung aus Blues, Soul und Country, war vor allem geprägt durch seine rauhe, stark an sein großes Vorbild Sam Cooke erinnernde, Stimme und eine Ausdrucksstärke in der sich wohl all die Niederlagen und Nackenschläge seines Lebens widerspiegelten.

Foto Ted HawkinsHawkins wurde am 28. Oktober 1936 in Lakeshore, Mississippi geboren. Er wuchs in äußerst ärmlichen Verhältnissen auf. Sein Vater machte sich früh davon, seine Mutter war Alkoholikerin. Mit 12 Jahren kam er in eine Besserungsanstalt. Das Beste was ihm dort widerfuhr war wohl ein Besuch der New Orleans Legende Professor Longhair, ein Besuch, der in Hawkins die Liebe zur Musik weckte. Im Alter von 15 Jahren wurde er in die berüchtigte Parchman Farm State Strafanstalt in Mississippi eingewiesen, weil er eine Lederjacke aus einem Harley-Davidson Laden gestohlen hatte.

„Ich ging direkt in die Hölle“, erinnerte sich Hawkins später an die folgenden drei Jahre. Nach seiner Entlassung führte Hawkins ein unstetes Leben. Er zog im Osten der USA von Stadt zu Stadt, zumeist als blinder Passagier auf irgendwelchen Frachtzügen. Erst 1966 war er in der Lage , ein Zugticket zu bezahlen, daß ihn ihn endlich dorthin brachte „wo ich nicht frieren mußte“. Der Ort war Los Angeles, wo Hawkins in den folgenden Jahren den Lebensunterhalt für sich und seine Familie als Straßenmusiker verdiente.

Als 1982 seine erste LP „Watch Your Step“ erschien steckte Hawkins selbst wieder mal im Knast wegen Diebstahls („Wenn du arm bist, dann mußt du stehlen“). Bekannter in Europa wurde Hawkins erst in der zweiten Hälfte der 80er Jahre. Andy Kershaw von der BBC hatte ihn zu einigen Sessions eingeladen, Hawkins spielte u.a. auf dem Montreux Jazz Festival, das holländische Munich Label veröffentlichte zwei Platten mit Coverversionen (On The Boardwalk – The Venice Beach Tapes Vol I+II“ und das englische PT-Label veröffentlichte eine in Bandbesetzung eingespielte Platte.

1994 wurde sein erfolgreichstes Jahr. Im März veröffentlichte er „The Next Hundred Years“, seine erste Veröffentlichung auf einem Majorlabel (produziert von Tony Berg.) und tourte u.a. durch Australien, wo er sehr herzlich aufgenommen wurde und einen Top20 Hit hatte.

Am 29. Dezember 1994 erlitt er einen Schlaganfall und starb am Neujahrstag 1995 ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Er hinterließ eine Frau und fünf Kinder.

 

(wm)