Zum Tod von Hugo Pratt

Corto Maltese, Abenteurer und Kapitän ohne Schiff, der vielleicht poetischste, sicherlich aber geheimnisvollste Held der Comic-Literatur, ist in seinen Bestimmungshafen eingelaufen – am 20. August starb der Autor und Zeichner Hugo Pratt im Alter von 68 Jahren in der Pully-Klinik von Lausanne.

Die Biographie Pratts liest sich ebenso spannend wie die (fiktive) Biographie seines verträumten Helden: Am 15. Juni 1927 wurde Ugo Eugenio Pratt in Rimini geboren als Sproß einer „anglo-französisch-jüdisch- venezianischen Ehe“, deren Stammbaum in Anatolien wurzelt. Der berühmteste Pratt aus dieser weitverzweigten Sippe war William Henry, der unter seinem Pseudonym Boris Karloff zu Weltruhm gelangte. Doch zurück zu Ugo (das H vor seinem Vornamen hat er schon früh zugefügt). Im Alter von zehn Jahren zog er mit seiner Familie in die italienische Kolonie Abessinien, das heutige Äthiopien. Dort wurde er von seinem Vater in ein „Verteidigungsbatallion“, eine italienische Miliz gesteckt, um die Annäherung Hugos an die einheimische Bevölkerung zu unterbinden, deren unterschiedliche Sprachen er gelernt hatte. Nachdem 1941 Haile Selassis Kampfverbände mit alliierter Hilfe die Macht an sich gebracht hatten, wurde er gefangengenommen und interniert. Das internationale Rote Kreuz erreichte schließlich seine Repatriierung, und die Pratts gingen zurück ins nach wie vor faschistische Italien. Dort wurde Hugo Pratt 1944 verdächtigt, ein südafrikanischer Spion zu sein und von der SS verhaftet. Nach 18 Tagen Haft wurde er zur deutschen Wehrmacht überführt, die ihn zum Patrouillendienst bei der Wasserschutzpolizei zwang. Mit Hilfe seines Freundes Giorgio Bellavitis, damals Partisan, später Berufskollege, entzog er sich dem Dienst, passierte die Front und wurde Dolmetscher der einmarschierenden 8. Armee. Nach einigen Anstellungen in der Militärverwaltung arbeitete er schließlich unter dem nom de guerre „Ongaine“ als Sänger und Tänzer in der Truppenbetreuung der US-Streitkräfte.

Damit war sein Einstieg ins Unterhaltungs- Gewerbe geschafft, der sich dann so fortsetzte, daß Hugo Pratt mit einem Haufen Jungs, die an Film, Kino und Comics interessiert waren die „Gruppo Venezia“ gründete, ein äußerst großspuriger Name für eine Bande Halbwüchsiger; doch aus ihren Reihen erwuchs eine Reihe berühmter Szenaristen, Illustratoren und Regisseure. Sie veröffentlichten ihre Arbeiten in einer eigenen Zeitschrift: „Albo Urgano“, ab Dezember ’45 „Asso di Picche Comics“. Ihre Arbeit trug Früchte; zwei Jahre später wurde ihnen angeboten, die Zeitschrift auch in Argentinien zu vermarkten. Pratt zog um nach Buenos Aires und arbeitete nach einer anderthalbjährigen Eingewöhnungszeit als Lehrer an der neugegründeten „Escuela Panamericana de Arte“, wo er die Grundbegriffe des Comic-Zeichnens lehrte. In dieser Zeit entstand die Serie „El Serganto Kirk“, die Geschichte eines Trappers, der auf der Seite der Indianer stand. 1954 kam „Legion Exantjera“ hinzu.

Zwischen seiner Arbeit fand Pratt immer wieder Zeit für ausgedehnte Reisen nach Patagonien und Europa, um als Sänger und Gitarrist in einem Orchester zu spielen (diesmal unter dem Pseudonym „Sbridolin“) und die Bekanntschaft Dizzy Gillespies zu machen oder zu heiraten, bzw. sich wieder scheiden zu lassen. Ab 1957 arbeitete er zusammen mit Hector Oesterheld, der zu dieser Zeit seinen eigenen Verlag „Frontera“ gegründet hatte. Für ihn zeichnete Pratt die Serie „Ticonderoga“, die zur Zeit des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges am Ende des 18. Jahrhunderts spielt und an den Figuren J. F. Coopers ausgerichtet ist. Aufgrund der schechten Papierqualität und des fehlenden Vierfarbdrucks war er gehalten, äußerst plakativ zu arbeiten und entschied sich für die Guache-Technik. Zwei Jahre später verkrachten sich beide und Pratt suchte sich neue Verleger, die seine neue Serie „Ann y Dan“ herausgeben sollten – sein erster Comic, der komplett von ihm konzipiert und realisiert worden ist. Über den Streit mit Oesterheld knüpfte er auch wieder Kontakte zur alten Welt und siedelte 1962 wieder nach Europa über als mittlerweile international etablierter Zeichner. Diese Position erlaubte es ihm endlich auch, den Entschluß zu verwirklichen, mehr auf `Klasse‘ zu achten als auf `Masse‘. Wieder in Venedig ansässig arbeitete Pratt für die Kinderbeilage der Tageszeitung „Corriere de la Sera“ für die er vorgegebene Szenarien ausarbeitete und Adaptionen von Klassikern der Jugendbuch-Literatur wie Stevensons „Schatzinsel“ realisierte.

1967 trat für Pratt eine Situation ein, die sich jeder Comic-Zeichner wünscht: der Immobilienspekulant und Comicnarr Florenzo Ivaldi gründete das Magazin „Sgt. Kirk“, das ausschließlich dazu dienen sollte, die verstreuten Episoden aus der gleichnamigen Reihe in geschlossener Folge in Europa zu publizieren und Hugo Pratt zu Weltruhm zu verhelfen. Dafür, daß Pratt auch andere Zeichner lancieren durfte, machte er seinem Fan ein Geschenk. Pratt konzipierte eine geschlossene Comic-Erzählung auf insgesamt 163 Seiten, den ersten Autoren-Comic mit dem Titel „Una ballata del mare salato“ (dt. Südseeballade) in der auf Seite 7 eine Figur debütierte, die ihn endgültig berühmt machen sollte: Corto Maltese.

Die eigentliche Arbeit an „Corto Maltese“ begann jedoch erst 1970, als er für „Pif-Gadget“ (der franko-belgische Vater des deutschen „YPS mit Gimmick“) eine Folge von 21 Kurzgeschichten zeichnete. Der Erfolg bei den Jugendlichen war jedoch mäßig, in Europa war er immer noch ein Unbekannter. Doch langsam wurde die Erwachsenenwelt auf ihn aufmerksam. Autoren ließen ihn in ihren Comics auftauchen und um seine Person rankte sich ein Mythos, den Hugo Pratt in der Figur des Abenteurers und Kapitäns ohne Schiff Corto Maltese umzusetzen wußte. In dieser Figur verbinden sich Pratts romantische Interpretationen von realer Geschichte. Corto Maltese taucht als sensibler, unberechenbarer (Frauen-)Held auf den markantesten historischen Schauplätzen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts auf und erlebt dort seine Abenteuer.

Pratts Faible für diesen nachdenklichen, verträumten Helden ist es letztlich wohl auch zu verdanken, daß ihn die Person des Antoine de Saint-Exupéry und den ihn und seinen letzten Flug umgebenden Mythos in seinen Bann schlug. Die graphische Umsetzung von Exupérys letztem Flug, das dieser Tage in deutscher Übersetzung erschien, wurde sein letztes Projekt. Gut möglich, daß er jetzt Kritik aus erster Hand von dem empfängt, an den diese Hommage gerichtet war.

(th)