Mein Leben mit Hugo Pratt

Hugo Pratt ist tot und er hat einen ganz schönen Haufen Zeichnungen hinterlassen. Das erste, was ich von Pratt las, müssen die Südseeballaden mit Corto Maltese gewesen sein, Mitte der siebziger Jahre. Sie erschienen als Fortsetzungsgeschichte in „Zack“, das ich damals neben „Perry Rhodan“ gegen eine Lesegebühr von 5O Pfg. von meinem älteren Bruder bezog.

Ehrlich gesagt konnte ich damals 15-jähriger mit Pratts „romantischen Helden“ nicht allzuviel anfangen. Ich stand ihnen und ihren Abenteuern mit einer pubertären Mischung aus Neid und Ablehnung gegenüber und konnte mich nicht damit abfinden, daß es vor 60 Jahren Leute gegeben haben sollte, die tollere Sachen erlebten, als ich sie jemals erleben würde. Ich kehrte schnell zu Michel Vaillant und Luc Orion zurück – da war noch alles drin.

Später begegnete mir Corto Maltese, jener schillernde Abenteurer aus den Südseeballaden, im Gare de Lyon wieder. Ich war auf einer Rucksacktour und in entsprechender Stimmung und kaufte mir für 35 F in einer Bahnhofsbuchhandlung ein Maltese-Album. Den Titel habe ich vergessen, den französischen Text habe ich nicht verstanden, aber der Zeichenstil zog mich an. Ich wollte selber Comics zeichnen und fand, daß Pratts effektvoller Strich mir sehr entgegenkam, in dem Bemühen, meine Geschichten besser aussehen zu lassen, als ich zeichnen konnte. Ich schaute mir einige Tricks ab, dann habe ich das Heft hergeliehen und nicht mehr zurückbekommen.

Das ist jetzt zehn Jahre her und ich hätte auch bis heute kein Pratt-Album mehr angerührt, wäre der „heilige Hugo“ nicht jüngst gestorben. So nahm ich mir drei seiner jüngeren Werke vor, zwei Corto Maltese von 1987 und 1990 und Cato Zulu (über eine Gestalt aus dem Südafrika der alten Empire-Zeit), ebenfalls von 1990. Und siehe da, ich habe alles verstanden und dann ein Album nach dem anderen durchgelesen und hätte auch noch drei weitere geschafft, hätte ich sie im Haus gehabt. Wahrscheinlich bin ich endlich im richtigen Alter für Pratt. Daß sich in den Geschichten manches Klischee und manche Abgeschmacktheit tummelt, stört mich nicht sehr, trübt nicht den Lesespaß. Auch Cortos bisweilen reichlich aufgeblasene Monologe seien verziehen. Gehört halt alles dazu, und er war schon ein ziemlich toller Hecht, dieser Kapitän-ohne-Boot, oder seine Kollegen – genauso wie ihr (inzwischen) unsterblicher Autor.

(rw)

RIP Carl Wilson (1946-1998)

It’s always a crass feeling when you have to condense your feelings about an artist down to a few sentences because they have passed away. But the fact is I’ve been thinking about Carl Wilson since first reading that he was suffering from cancer sometime last year. And somehow it’s not that hard to bring it down to one moment that summs up what his voice and music have meant to me. It’s an obvious moment perhaps nine out of ten fans would choose, which I guess qualifies it as his greatest legacy: his vocal on „God Only Knows“ from the 1966 album Pet Sounds.

I recently promised Hinter-Net a long-winded examination of the 4 CD box set version of Pet Sounds released late last year. I started it and it turned out to be too personal and sentimental to be of interest for non-fanatics, a situation that certainly won’t change now that another of its co-creators has died. The difference is that I hope non-fans will at least tolerate a little sentimentality at this time.

Notice that I did say co-creator, which some Beach Boys scholar-fans would disagree with. Obviously Brian Wilson is the primary creator of Pet Sounds and all of the other music the Boys made in the 60’s, but the idea that it was only his work was made up by people who can’t accept what the Beach Boys became after Brian stopped working with them regularly at the end of the 60’s. Whatever bad things Mike Love brought to the Beach Boys, the commercialism and patriotism and revivalism and so on, it has to be said that he played a huge role in some great music.

The same must be said of Carl, except that he didn’t bring anything bad to the Beach Boys. He was largely responsible for the pro-ecology, socially aware stance the band took in the early 70’s, when they made several brilliant albums (Surf’s Up, Holland) without Brian’s full involvement. He integrated the Beach Boys by bringing in Ricky Fataar and Blondie Chaplin in 1972. This was without question the best version of the Beach Boys not to include Brian, and had it lasted the Boys might have remained a relevant, creative force for many more years.

This early ’70’s period was Carl’s musical high point. He had enjoyed a big worldwide hit in 1969 with his vocal and producvtion of the Phil Spector song „I Can Hear Music,“ and with that confidence he contributed many excellent songs to Beach Boys albums. At the top of this list would be „Long Promised Road“ from Surf’s Up and „The Trader“ from Holland. Never forget that the Beach Boys included three brothers and by taking over leadership of the band from an unwilling Brian, Carl was not only changing the structure of a band but also a family. He handled this responsibility well and the Beach Boys‘ artistic decline is directly connected to his decrease in authority in the group. In some ways this was an even tougher loss for the Beach Boys than Brian. The group recorded at least several albums of great music without Brian’s leadership, but then almost nothing after Carl’s turn at the helm ended. Most of the fine moments the Boys did manage in the late ’70’s and ’80’s were Carl’s songs such as „Where I Belong“ and „Maybe I Don’t Know“ from the underrated self-titled album of 1985.

But „God Only Knows“ stands above. The box set includes with version of Brian singing one of his greatest songs himself. As a longtime Carl fan I approached this with no fear- I knew that not even Brian could match the angelic intensity that Carl achieves in his vocal. I stand by that conclusion; although Brian’s take is fascinating and great to have, Carl defined the song. When I hear it now I don’t cry because he’s dead, I cried to the song before when he was alive. Not every time, of course; only those times when Carl’s voice makes me believe in the perfect love lyricist Tony Asher wrote about. Almost every time.

(ml)

Zum Tod von George Harrison

Thanks For the Pepperoni

Vor ungefähr dreieinhalb Jahren ist Carl Wilson (–>Nachruf) gestorben, der eine ähnliche Rolle bei den Beach Boys gespielt hat, wie George Harrison bei den Beatles: Lead-Gitarrist und dritter Mann. Und auch nach dem Tod von Harrison ging mein erster Gedanke an ein bestimmtes musikalisches Werk. Nicht aber an ein spezielles Lied, wie „God Only Knows“ der Beach Boys mit dem himmlischen Gesang von Carl Wilson, sondern ein ganzes Album: „All Things Must Pass“. Mit dieser Triple-LP bzw. Doppel-CD hat uns Harrson 1970 nicht nur ein Meisterwerk geschenkt, das das Niveau seiner ehemaligen Band locker hält, er hat uns auch schon in bester Weise auf seinen Tod vorbereitet. Die Lieder auf „All Things Must Pass“ hat Harrison in seinen Mittzwanzigern geschrieben, aber Texte wie „Art of Dying“ und „Hear Me Lord“ beweisen, dass er schon damals sicher in seinem Glauben war und seiner Sterblichkeit bewusst. Deshalb hat mich das Album, als ich es an den traurigen Tagen nach seinem Tod mehrmals hintereinander gehört habe, beruhigt und bestärkt zugleich. Kann es ein höheres Kompliment für ein musikalisches Werk geben?

Wie bei allen Musik-Fans haben die Beatles meinen Leben verändert. Da ich aber ein bisschen zu spät geboren war, um mit ihnen aufzuwachsen, haben sie das eher indirekt gemacht, durch die zahlreichen Musiker, die sie beeinflusst haben und die ich auch liebe. Es ist zwar sehr traurig, dass jetzt nur zwei Beatles am Leben sind, aber das Schaffen Harrisons – alle Lieder, die er während seiner ganzen Karriere geschrieben und gesungen hat, sowie sein Gitarrenspiel – soll man jetzt feiern. George mag ein eher widerwilliger Entertainer gewesen sein, er war aber einer sehr guter und würde es wünschen, dass wir seine Musik einfach geniessen. Und wie er gesagt hat, dass wir einander lieben. Ich hoffe sehr, wir machen beides.

(ml)

s.a.: Katja Preissner zum Tod von George Harrison

William S. Burroughs – Agent in eigener Sache

Viele haben überhaupt nicht mehr damit gerechnet, doch das Unwahrscheinliche ist eingetreten: Am Sonntag dem 3. August 1997 starb der Übervater der Underground-Kultur William Seward Burroughs im Alter von 83 Jahren an Herzversagen.

Foto William Seward Burroughs Burroughs, Kammerjäger, Privatdetektiv und schließlich Schriftsteller, ist seit seinem ersten öffentlichen Auftreten Ende der Vierziger Jahre zu einer generationenübergreifenden Kultfigur des Undergrounds geworden. In den Fünfziger Jahren und in den Roaring Sixties wurde er zur grauen Eminenz der Beat Generation. In den Siebzigern wurde er zur Ikone der Popwelt, und nachdem es in den Achtzigern etwas ruhiger geworden war um den zerknitterten alten Mann in seinem Buchhalteranzug, tauchte er in den Neunzigern wie ein Phönix aus der Asche und wurde auch von den jüngsten Wilden der Popfraktion hofiert. Fast alle seine Mitstreiter und Jünger hat er überlebt: Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Nico, Andy Warhol, Frank Zappa, Kurt Cobain und seine deutsche Epigone Jörg Fauser. Einer, der in dieser Verlustrechnung vorkommt, aber fast immer unerwähnt bleibt, ist sein Sohn William Burroughs Jr.. Ihm erging es wie den anderen. Sie alle haben ihm gehuldigt, ihn imitiert und keiner hat ihn überlebt. Was bei vielen auch daran lag, daß sie seinen exzessiven und selbstzerstörerischen Lebensstil kopierten und sich damit zugrunde richteten. Was war dran an diesem mumienhaften Mann, der sie alle in seinen Bann schlug und der heute auf einer 29 Cent Briefmarke abgebildet ist?

Seine Herkunft war es wohl nicht. Sein Großvater hatte die ‚Burroughs‘ erfunden, eine mechanische Additionsmaschine, die Buchhalter glücklich und die Familie reich machte. Der 1914 geborene William S. Burroughs erhielt eine exquisite Ausbildung, studierte englische Literatur und Anthropologie in Harvard und machte 1934 seinen B.A.. Danach bereiste er Europa, nahm anschließend in den USA wieder seine Studien auf und meldete sich nach Kriegseintritt als Freiwilliger. Bei der Marine wurde er aufgrund seiner Plattfüße und seiner Kurzsichtigkeit abgelehnt. Burroughs kaschierte diese Handicaps jedoch geschickt und wurde von der Luftwaffe als Pilot ausgebildet. Erst im Nachhinein flog er auf und wurde ausgemustert. Doch Bill gab nicht auf und bewarb sich beim Geheimdienst der Army. Dort wurde er abgelehnt. Der Vorsitzende der Kommission war eben der Hausmeister von Harvard, dem er Jahre zuvor eine selbstgebastelte Bombe vor sein Fenster gelegt hatte. Burroughs Vorliebe für Waffen war schon recht früh ausgeprägt. Im Anschluß an diese Zeit begann die Phase seines persönlichen und wirtschaftlichen Niedergangs, die ihn letztlich berühmt werden ließ.

1944 hielt sich Burroughs in New York auf. Er sog fasziniert die Klänge des Hot Jazz in sich auf und arbeitete, sein Erbe hatte er inzwischen verpraßt, als Kammerjäger, ein Beruf der im Amerikanischen den plastischen Namen ‚Exterminator‘ trägt und als Titel für ein 1966 erschienenes Buch herhielt, in dem er diese Zeit verarbeitete. Ins Jahr ’44 fiel auch seine Bekanntschaft mit Herbert Huncke, einem Kleinkriminellen, Fixer und Stricher vom Times Square, der ihn und seine Freunde Ginsberg und Kerouac mit diesem urbanen Dschungel vertraut machte. Huncke war es auch, der Burroughs auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin den ersten Schuß setzte.

Allzu oft läßt sich an einer solchen Biographie mühelos ergänzen, was kommen muß: entwürdigendes Suchtverhalten, ein paar verzweifelte Versuche, aus dem Teufelskreis auszubrechen und schließlich doch nichts anderes, als der dreckige kleine Tod eines Fixers in einer stinkenden Toilette, dessen volle Dramatik darin zum Ausdruck kommt, daß die Statistik der Drogentoten um eins nach oben gerückt wird. Nicht so bei Burroughs. Der führte zwar das Leben eines Abhängigen, bewies jedoch die Cleverness zu überleben und seine Sucht literarisch zu verarbeiten, und das, nachdem er 1951 bei einer ‚Wilhelm Tell Nummer‘ das Glas auf dem Kopf seiner Gattin knapp verfehlte und unter Mordanklage gestellt wurde. 1953 erschien sein erster Roman ‚Junkie‘, der binnen kürzester Zeit bei der Beat Generation Kultstatus erlangte. Burroughs wurde zur Vaterfigur der Beats, der jungen Nachkriegswilden, die gegen die verlogene Bürgerlichkeit ihrer Eltern rebellierten, dummerweise aber nicht wußten, was sie eigentlich wollten. Kerouac, Ginsberg, Ferlinghetti, Corso und wie sie alle hießen gebärdeten sich in der Art einer neuen, dekadenten Boheme, hingen ständig zusammen und machten aus ihrer Umtriebigkeit, heute New York – morgen Tanger, und ihrer exzessiven Lebensweise ein Programm. Burroughs war nur insofern eine Ausnahme, als er das Initial dieser Sippe war: Reiste er nach Tanger, reisten ihm die anderen nach.

1959 erschien das Buch, das ihn endgültig berühmt oder, wie man’s nimmt, auch berüchtigt machte: Naked Lunch. Mehrere Jahre hatte er daran gearbeitet und in einer Art Stream of Consciousness das zu Papier gebracht, was die literarische Welt bisher noch nicht gesehen hatte: schwule Obsessionen, Obszönität, Paranoia und das alles aus den Innenansichten der hermetischen Welt eines Drogensüchtigen . Selbst ein Pariser Pornoverleger hatte sich geweigert dieses Buch zu verlegen. Damit und mit der von Brion Gysin entwickelten literarischen Technik des cut-up und folt-in, die Burroughs weiterentwickelte, schrieb er Literaturgeschichte. Mit dieser neuartigen, für damalige Verhältnisse schockierenden und radikalen Technik, der Verbindung von Stream of Consciousness und dem Einbeziehen des Zufallsprinzips schrieb sich der ausgemergelte Junkie an die Spitze der literarischen Avantgarde dieses Jahrhunderts. Seine Literatur stand und steht im z.T. krassen Gegensatz zur rational konstruierten postmodernen Literatur, an der zu dieser Zeit Arno Schmidt in Deutschland herumbastelte.
Auch nachdem sich die Beat Generation im Sand verlief, auf Friedhöfen und in psychiatrischen Kliniken ihr belangloses Ende fand, Burroughs Kultstatus blieb davon unberührt. Im Gegenteil, die nächste Generation der Huldiger war bereits nachgewachsen. Paul McCartney sorgte dafür, daß ein Foto von ihm im Bildteil des Sgt. Pepper’s Album erschien, Nico ließ sich Texte von ihm schreiben und auch Warhol ließ sich gerne in seiner Gegenwart ablichten. Die Reihe seiner Bewunderer riß nie ab von der Beat Generation bis zur Generation X. Kurt Cobain malträtierte 1992 seine Gitarre zur schnarrenden uhrwerksgleich lesenden Stimme von Burroughs, ähnlich gestaltete sich auch das HipHop-Projekt Spare Ass Annie im folgenden Jahr. Die letzten Aufnahmen von Burroughs sind wenige Wochen alt und flimmern in der Schlußeinstellung vom jüngsten U2-Clip ‚Last Night On Earth‘ via MTV und Satellit in alle Welt hinaus.

Was ihn zur Ikone der Popwelt gemacht hat war seine Ambivalenz: Der große Mann, der sich zu keiner Zeit vor sprachgewaltigen Obszönitäten scheute, hatte ein zurückhaltendes, vornehmes, ja seriöses Auftreten. So radikal wie er sich der bürgerlichen Ordnung entgegenstellte, so fuhr er gleichfalls im Fahrwasser der Ideologie, die die USA groß gemacht hat. Er war Waffennarr, glaubte an eine Verschwörung des Staates (der die AIDS-Viren züchtet) gegen die Bürger. Das rehabilitierte den schwulen, perversen alten Junkie in den Augen der Rednecks. Seinen Lebensabend verbrachte Burroughs in Kansas, der Hochburg der gottesfürchtigen Militia, auf deren Konto auch das Oklahoma-Attentat ging, um bessere Gelegenheit zu haben, seine Schießübungen abzuhalten. Auch sein literarischer Ruhm ist nicht unangefochten. Es gibt nicht Wenige, die seine Biographie als die ‚Krankenakte eines Patienten mit drogenbedingter Schizophrenie‘ ansehen und seine Werke als Krankenberichte. Das mag durchaus seine Richtigkeit haben, auch, daß ihn Herbert Huncke als ‚intellektuellen Studenten‘ bezeichnet, für den der Times Square ein ‚Abenteuer-Spielplatz‘ war. Auch Mohamed Choukri, der bedeutendste marokkanische Schriftsteller meinte, daß Burroughs sich lediglich in Tanger herumtrieb, nicht um die Aura des Landes zu erheischen, sondern ungehindert ’seinen Süchten und Begierden nachzugehen‘.

Das mag alles stimmen, zeigt aber vor allem eines: William S. Burroughs war ein Meister der Selbstinzenierung, er schuf sich selbst als Kunstfigur und vermarktete sich geschickt über Jahrzehnte hinaus. Nie ließ er sich vereinnahmen, im Gegenteil, ließ sogar Musiker für sich werben, deren Musik er sich niemals angehört hätte. William S. Burroughs war stets Agent in eigener Sache. Er tauchte auf und verschwand wieder von der Bildfläche, aber nie ohne Wellen zu schlagen. Sein letzter Streich dieser Art war sein Ableben. Am Tag danach verdrängte er die Nachrichten über die Jahrhundertflut an der Oder von der Titelseite. Am 4. August 1997, 38 Jahre nach dem Erscheinen von ‚Naked Lunch‘, erschien die Berliner taz mit dem Aufmacher auf der Titelseite:

Heute kein Hochwasser: Burroughs tot

(th)

Nobody´s Listenin`

Zum Tod von Ronnie Lane

Bis in die frühen 1990er Jahre hinein schien ein Song seines Albums „One For The Road“ unabwendbare Gültigkeit zu besitzen: Nobody’s Listenin‘. In seiner englischen Heimat hatte man den kleinen Sänger, Songwriter und Bassisten mit dem verschmitzten Grinsen eigentlich längst vergessen. Ronnie Lane war 1984 in die USA übergesiedelt, um (klimatisch) angenehmere Bedingungen für sein Leiden – er erkankte in den späten 70ern an Multiple Sklerose – zu finden. In der texanischen Musikszene blieb er sogar – trotz seines Handicaps – recht aktiv, und er genoß die Wertschätzung, die ihm, dem Gründer der legendären britischen Modband THE SMALL FACES und den daraus hervorgegangenen Party-Rockern THE FACES, ausgerechnet hier von vielen Musikern entgegengebracht wurde.

Die englische Presse nahm hingegen kaum Notiz von ihm; alles, was er nach den SMALL FACES musikalisch zu Wege gebracht hatte, interessierte sie nicht. Seine „good time music“, die er mit seiner Band SLIM CHANCE seit seinem Weggang von den FACES 1973 spielte, galt vielen Kritikern als zu „leichtgewichtig“, zu „uncool“, vor allem zu wenig „britisch“. Ronnie kümmerte sich nicht um „musical correctness“, er machte immer nur das, was er auch machen wollte. Schräge und harte Töne waren in der Tat seine Sache nicht. Er mochte natürliche Musik im wahrsten Sinne des Wortes; er verleugnete zwar nicht seine Herkunft aus dem proletarischen Londoner East End, aber er liebte eben das Leben auf dem Lande, und er liebte ländliche Musik, Folkmusic, Country Blues, Tex-Mex, Cajun Music…Seine spezielle Mixtur wollte in den Hochzeiten von Punk und New Wave kaum jemand hören, aber es kümmerte ihn nicht. Er blieb sich treu, verschmähte jegliche Trends, verkaufte sich auch nicht an den Mainstream (wie z.B. sein FACES-Gegenspieler Rod Stewart).

Reich geworden ist er von seiner Musik nie; und um die ihm zustehenden Tantiemen von alten SMALL FACES-Songs wurde er in großem Stil betrogen. Deshalb taten sich seine Ex-Kollegen Ian McLagan und Kenny Jones vor wenigen Jahren zusammen und gründeten einen Musikverlag, der Ronnies Urheberrechte gegenüber Plattenfirmen wahrnehmen sollte. Vor allem (junge) BritPop-Musiker (z. B. OASIS, OCEAN COLOUR SCENE) hatten schließlich auch den Songwriter Ronnie Lane entdeckt und waren ihm zu Ehren ins Studio gegangen, um seine Songs für eine Tribute-EP aufzunehmen. Leider kommt sie, wie auch die lange angekündigte CD-Veröffentlichung seiner Live-Aufnahmen für die BBC, für ihn zu spät.

Am 4. Juni 1997 starb Ronnie Lane in Trinidad, Colorado, an den Folgen einer schweren Lungenentzündung.

(rs)

Zum Tod von Hugo Pratt

Corto Maltese, Abenteurer und Kapitän ohne Schiff, der vielleicht poetischste, sicherlich aber geheimnisvollste Held der Comic-Literatur, ist in seinen Bestimmungshafen eingelaufen – am 20. August starb der Autor und Zeichner Hugo Pratt im Alter von 68 Jahren in der Pully-Klinik von Lausanne.

Die Biographie Pratts liest sich ebenso spannend wie die (fiktive) Biographie seines verträumten Helden: Am 15. Juni 1927 wurde Ugo Eugenio Pratt in Rimini geboren als Sproß einer „anglo-französisch-jüdisch- venezianischen Ehe“, deren Stammbaum in Anatolien wurzelt. Der berühmteste Pratt aus dieser weitverzweigten Sippe war William Henry, der unter seinem Pseudonym Boris Karloff zu Weltruhm gelangte. Doch zurück zu Ugo (das H vor seinem Vornamen hat er schon früh zugefügt). Im Alter von zehn Jahren zog er mit seiner Familie in die italienische Kolonie Abessinien, das heutige Äthiopien. Dort wurde er von seinem Vater in ein „Verteidigungsbatallion“, eine italienische Miliz gesteckt, um die Annäherung Hugos an die einheimische Bevölkerung zu unterbinden, deren unterschiedliche Sprachen er gelernt hatte. Nachdem 1941 Haile Selassis Kampfverbände mit alliierter Hilfe die Macht an sich gebracht hatten, wurde er gefangengenommen und interniert. Das internationale Rote Kreuz erreichte schließlich seine Repatriierung, und die Pratts gingen zurück ins nach wie vor faschistische Italien. Dort wurde Hugo Pratt 1944 verdächtigt, ein südafrikanischer Spion zu sein und von der SS verhaftet. Nach 18 Tagen Haft wurde er zur deutschen Wehrmacht überführt, die ihn zum Patrouillendienst bei der Wasserschutzpolizei zwang. Mit Hilfe seines Freundes Giorgio Bellavitis, damals Partisan, später Berufskollege, entzog er sich dem Dienst, passierte die Front und wurde Dolmetscher der einmarschierenden 8. Armee. Nach einigen Anstellungen in der Militärverwaltung arbeitete er schließlich unter dem nom de guerre „Ongaine“ als Sänger und Tänzer in der Truppenbetreuung der US-Streitkräfte.

Damit war sein Einstieg ins Unterhaltungs- Gewerbe geschafft, der sich dann so fortsetzte, daß Hugo Pratt mit einem Haufen Jungs, die an Film, Kino und Comics interessiert waren die „Gruppo Venezia“ gründete, ein äußerst großspuriger Name für eine Bande Halbwüchsiger; doch aus ihren Reihen erwuchs eine Reihe berühmter Szenaristen, Illustratoren und Regisseure. Sie veröffentlichten ihre Arbeiten in einer eigenen Zeitschrift: „Albo Urgano“, ab Dezember ’45 „Asso di Picche Comics“. Ihre Arbeit trug Früchte; zwei Jahre später wurde ihnen angeboten, die Zeitschrift auch in Argentinien zu vermarkten. Pratt zog um nach Buenos Aires und arbeitete nach einer anderthalbjährigen Eingewöhnungszeit als Lehrer an der neugegründeten „Escuela Panamericana de Arte“, wo er die Grundbegriffe des Comic-Zeichnens lehrte. In dieser Zeit entstand die Serie „El Serganto Kirk“, die Geschichte eines Trappers, der auf der Seite der Indianer stand. 1954 kam „Legion Exantjera“ hinzu.

Zwischen seiner Arbeit fand Pratt immer wieder Zeit für ausgedehnte Reisen nach Patagonien und Europa, um als Sänger und Gitarrist in einem Orchester zu spielen (diesmal unter dem Pseudonym „Sbridolin“) und die Bekanntschaft Dizzy Gillespies zu machen oder zu heiraten, bzw. sich wieder scheiden zu lassen. Ab 1957 arbeitete er zusammen mit Hector Oesterheld, der zu dieser Zeit seinen eigenen Verlag „Frontera“ gegründet hatte. Für ihn zeichnete Pratt die Serie „Ticonderoga“, die zur Zeit des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges am Ende des 18. Jahrhunderts spielt und an den Figuren J. F. Coopers ausgerichtet ist. Aufgrund der schechten Papierqualität und des fehlenden Vierfarbdrucks war er gehalten, äußerst plakativ zu arbeiten und entschied sich für die Guache-Technik. Zwei Jahre später verkrachten sich beide und Pratt suchte sich neue Verleger, die seine neue Serie „Ann y Dan“ herausgeben sollten – sein erster Comic, der komplett von ihm konzipiert und realisiert worden ist. Über den Streit mit Oesterheld knüpfte er auch wieder Kontakte zur alten Welt und siedelte 1962 wieder nach Europa über als mittlerweile international etablierter Zeichner. Diese Position erlaubte es ihm endlich auch, den Entschluß zu verwirklichen, mehr auf `Klasse‘ zu achten als auf `Masse‘. Wieder in Venedig ansässig arbeitete Pratt für die Kinderbeilage der Tageszeitung „Corriere de la Sera“ für die er vorgegebene Szenarien ausarbeitete und Adaptionen von Klassikern der Jugendbuch-Literatur wie Stevensons „Schatzinsel“ realisierte.

1967 trat für Pratt eine Situation ein, die sich jeder Comic-Zeichner wünscht: der Immobilienspekulant und Comicnarr Florenzo Ivaldi gründete das Magazin „Sgt. Kirk“, das ausschließlich dazu dienen sollte, die verstreuten Episoden aus der gleichnamigen Reihe in geschlossener Folge in Europa zu publizieren und Hugo Pratt zu Weltruhm zu verhelfen. Dafür, daß Pratt auch andere Zeichner lancieren durfte, machte er seinem Fan ein Geschenk. Pratt konzipierte eine geschlossene Comic-Erzählung auf insgesamt 163 Seiten, den ersten Autoren-Comic mit dem Titel „Una ballata del mare salato“ (dt. Südseeballade) in der auf Seite 7 eine Figur debütierte, die ihn endgültig berühmt machen sollte: Corto Maltese.

Die eigentliche Arbeit an „Corto Maltese“ begann jedoch erst 1970, als er für „Pif-Gadget“ (der franko-belgische Vater des deutschen „YPS mit Gimmick“) eine Folge von 21 Kurzgeschichten zeichnete. Der Erfolg bei den Jugendlichen war jedoch mäßig, in Europa war er immer noch ein Unbekannter. Doch langsam wurde die Erwachsenenwelt auf ihn aufmerksam. Autoren ließen ihn in ihren Comics auftauchen und um seine Person rankte sich ein Mythos, den Hugo Pratt in der Figur des Abenteurers und Kapitäns ohne Schiff Corto Maltese umzusetzen wußte. In dieser Figur verbinden sich Pratts romantische Interpretationen von realer Geschichte. Corto Maltese taucht als sensibler, unberechenbarer (Frauen-)Held auf den markantesten historischen Schauplätzen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts auf und erlebt dort seine Abenteuer.

Pratts Faible für diesen nachdenklichen, verträumten Helden ist es letztlich wohl auch zu verdanken, daß ihn die Person des Antoine de Saint-Exupéry und den ihn und seinen letzten Flug umgebenden Mythos in seinen Bann schlug. Die graphische Umsetzung von Exupérys letztem Flug, das dieser Tage in deutscher Übersetzung erschien, wurde sein letztes Projekt. Gut möglich, daß er jetzt Kritik aus erster Hand von dem empfängt, an den diese Hommage gerichtet war.

(th)