K.D. Lang: Watershed

Obwohl K.D. Lang erst 46 ist, geht es einem schon ähnlich wie bei Joni Mitchell: Nach jahrelanger Funkstille freut man sich geradezu ekstatisch über ein neues Album und ist eigentlich schon zufrieden, wenn es die Damen annähernd so gut machen, wie man es von ihnen gewohnt ist. K.D. Lang brilliert wie eh und je mit ihrer Stimme, die fein zwischen Intimität und distanzierter Arroganz balanciert.
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Minor Majority: Candy Store

Platten von Minor Majority sind wie die ausgebeulte Lieblingshose und der verknubbelte Pulli für einen gemütlichen Couch-Mittag. Wenn es dann überraschend klingelt, bekommt man den desolaten Zustand nicht schnell genug ausgebügelt und murmelt etwas von >…wollte mich gerade umziehen…< Auch wenn man weiß, dass coole Platten anders aussehen, haben uns die Norweger um Pål Angelskår mit vier wunderbar kuscheligen Studioalben belohnt, die allesamt runtergehen wie eine heiße Tasse Ovomaltine.
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Locas In Love: Saurus

Die alte Weisheit, dass Blinde keine Blinden führen können, wird mit „Saurus“ nachhaltig entkräftet. Man hat nie das Gefühl als habe die Kölner Band für irgendwas Antworten parat, aber die Art wie Locas In Love Geschichten erzählen hat schon fast therapeutische Züge. Jeder der zwölf Songs hat mindestens eine Textzeile, die man sich auf die Innenseite der Augenlider tätowieren sollte.

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2raumwohnung: 36 Grad

Es muss da so eine Kiste geben, und wenn sie geöffnet wird, steigen lauter schöne Dinge daraus empor. Kleine, bunte Schmetterlinge. Blüten. Sterne. Petits fours. Aber auch mal manch graue Wolke. Wunderschöne allerdings nur, natürlich. So stell ich mir das vor, wenn 2raumwohnung mit ihren Ideen für ein neues Album ins Studio gehen. weiterlesen

Parental Advisory

Die Hip-Hop-Szene in den USA sieht sich durch die angekündigte neue Jugendpolitik des US-amerikanischen Präsidenten bedroht: Präsident Bush vs. Hip Hop [Netzeitung]. Zitat:

Vizepräsident Dick Cheneys Frau Lynne zeichnet mit dafür verantwortlich, dass Musik-Alben, in deren Texten Schimpfwörter vorkommen, mit einem Warn-Aufkleber für Eltern versehen werden müssen, das berühmte «parental advisory».

Bei allem reflexartigen Draufschlagen auf Bush & co. sollte nicht vergessen werden, dass für diesen Aufkleber (ohne den sich ja kaum noch eine Hip-Hop-Platte verkaufen läßt) Tipper Gore mit verantwortlich war, die Gattin des ach so liberalen und aufregenden Al Gore.

Puhdys – Rock’n’Roll Music

Fangen wir von Anfang an. Ich glaube an Gott. Es ist ja unvorstellbar, dass alles auf der Erde so schön ist, ohne dass es einen Schöpfer gibt, der es so schön geplant hat. Der Nichtgläubige würde hier sagen, dass es uns alles nur so schön vorkommt, weil wir keinen Vergleich haben, und wenn sich alles anderes entwickelt hätte, würden wir das auch schön finden. Quatsch. Glauben Sie es mir: wenn die Musik und die Frauen und die Blumen nicht so schön wären, würde ich zumindest das merken. Also: einen Gott gibt es. Aber eine richtige Religion? Lass mich überlegen….. ja, ich glaube Lemmy hat meine Religion am besten beschrieben: „Don’t you listen to a single word against rock’n’roll/the new religion/the electric church/the only way to go.“ Und ich weiß, dass es Millionen von Gläubigen gibt, für die der Rock’n’Roll die gleiche Rolle spielt, die ältere Religionen für Milliarden anderer Menschen spielen: Wir verlassen uns darauf, wenn die Fragen des Lebens zu groß und kompliziert werden.

Soweit zu dem tieferen Hintergrund. Das 4. Puhdys Album „Rock’n’Roll Music“ wurde 1977 in der DDR veröffentlicht, kurz danach auch in der BRD. In den Liner-Notes zu meiner 1981 Amiga-Nachpressung erzählt Keyboarder Peter Meyer wie das Album mit nachgespielten 50’s Rock’n’Roll-Liedern zustande kam: „Irgendwann haben wir…. einfach mal ein Rock-Medley für unsere Live-Konzerte zusammengestellt. Und das hat uns auf der Bühne und den Leuten im Saal dann solch einen Mordsspass bereitet, dass wir auf die Idee kam: Mensch, da machen wir eine Platte draus.“ Uriah Heep wurde nicht erwähnt, aber angesichts der Ähnlichkeit früherer Puhdys-Lieder wie „Türen öffnen sich zur Stadt“ oder „Geh dem Wind nicht aus dem Wege“ zu Heep-Hits wie „Gypsy“ und „Bird of Prey“, vermute ich, dass auch hier die Heepsters eine Vorbildsfunktion geleistet haben, mittels ihres Rock’n’Roll-Medleys auf der 4. Seite ihres 1973 Konzert-Doppelalbum.

Vielleicht war aber ein wichtiger Faktor – und hierüber würde ich gerne mal eines Tages mit den Puhdys selber sprechen – das Gefühl, dass ihr Publikum Nachholbedarf hatte. Als Amerikaner kenne ich mich nicht so gut aus, aber ich bekomme den Eindruck, dass in der DDR die Puhdys eine der ersten ernstzunehmenden Rockbands waren, und vielleicht wollten sie mit „Rock’n’Roll Music“ den Massen zeigen, wo die Wurzeln liegen, wo sie als Musiker die Inspiration gefunden haben. Elvis und Buddy Holly kannte ja jeder, aber auch ein paar relativ obskure Titel (z.B. „Tallahassee Lassie“ von Freddy Cannon) finden sich auf der Platte.

Die genauen Texte für solche Lieder heraus zu finden war, wie Meyer in den Notes erklärt, nicht so einfach. Auch wenn man Englisch-Muttersprachler ist, sind Rock’n’Roll Lieder oft schwer zu verstehen. Die Puhdys haben selbst Chuck Berry nach dem Text zu „Brown Eyed Handsome Man“ gefragt; Er wusste ihn auch nicht mehr. Die Puhdys-Fehler sind manchmal harmlos („Long Tall Sally, she’s pretty sweet“, anstatt das richtige „Long Tall Sally, she’s built for speed“), manchmal charmant („My Tallahassee Lassie, down in L.A.“, oder vielleicht „Adelaide“, anstatt „FLA“, die Abkürzung für Florida – das arme Mädel findet sich so oder so an der falsche Küste). Und manchmal wurde sogar verbessert, wie in „Party“, wo das völlig rätselhafte „I can shake a chicken in the middle of the room“ zum bildhafteren „A cat got a chicken in the middle of the room“ wurde.

Die Textänderungen sind interrasant. Wenn Die Puhdys einen Text nicht richtig verstehen konnten, warum haben sie nicht ein anderes Lied genommen oder aufgegeben? Der Wille, dieses Projekt mit diesen Liedern durchzusetzen, muss ziemlich groß gewesen sein.

Was auch immer die Motivation war, „Rock’n’Roll Music“ war ein Riesenerfolg. Man sagt mir, sie sei eine der meistverkauften Platten in der DDR-Geschichte, und wenn man die Platte hört, ist das nachzuvollziehen. Einige Lieder spielen die Puhdys etwas härter, nämlich „Good Golly Miss Molly“, „Hound Dog“ und das „Long Tall Sally“-Medley (die für mich denn gleich zu den Höhepunkten gehören). Und „Do You Want To Dance“ hat einen ganz leichten Disco-Touch, der nur aus den Siebzigern kommen konnte. Aber sonst blieben sie den Originalversionen sehr treu, verblüffend bei dem Gebrüder-Everly-Evergreen „Bye Bye Love“ oder Tommy Roe’s Buddy Holly-Hommage „Shelia“. Die Puhdys, 1A Musiker, hätten sich aus dem Stehgreif neue Arrangements ausdenken können, wollten aber diese zeitlosen Lieder in ganz simplen Arrangements spielen, so dass jeder Zweibeiner tanzen musste. Mordsspass, und darin liegt der Erfolgsgrund der Platte, ganz schlicht und einfach.

So glaubte ich, und so will ich glauben. Letztens hat aber ein Freund von mir, ein Westdeutscher, die Theorie vorgeschlagen, dass der Erfolg des Albums weniger mit der Musik zu tun hatte als mit der Tatsache, dass sie etwas Exotisches und nicht sehr Zugängliches in der DDR darstellte: amerikanische Kultur. Als er das sagte, hat mein Freund sogar erwartet, dass ich als Ami stolz darüber sein würde. Denkste!

Wenn Rock’n’Roll meine Religion ist, heißt das, dass die U.S.A. so etwas wie ein heiliges Land sind? Ich will nein sagen, fest steht aber: Die Musik wie wir sie kennen wäre nicht in einem anderen Land zustande gekommen. Zumindest in ihrer Geburtsform ist sie eng mit dem Riesenauto, dem Hamburger und der Konsumkultur verbunden. Und mit Coca-Cola. Als ich neulich America’s funniest Punks, die Dickies in Straßburg sah, trank Sänger Leonard Graves Phillips (den ich persönlich für ein Genie halte) aus einer Coca-Cola-Flasche. Einige französische Punks schimpften ihn: Füük Coca-Cola! Sein Antwort: „Oh, it’s like that, is it? WHAT ARE YOU, A BUNCH OF COMMUNISTS? IT’S COCA-COLA!“ Für ihn gehörte die Flasche selbstverständlich auf der Bühne. Und wenn die Puhdys Chuck Berry nach dem Text zu einem seiner besten Lieder („Back in the U.S.A.“, was vermutlich für die „Rock’n’Roll Music“-Platte nicht in Frage kam) gefragt hätten, hätte er bestimmt ganz schnell antworten können: „I’m so glad to be living in the U.S.A./Anything you want, they got it right here in the U.S.A.“ So einfach nennt Chuck den Grund, warum hunderte Millionen Leute – beide innerhalb und außerhalb Amerikas – diese Konsumkultur immer noch lieben. Ich bin sehr sentimental (ich meine, sehr sentimental – das singende Stofftier „Rockin‘ Rudi“ von Feindbild McDonald’s spricht mich an) und habe sie teilweise selber sehr gerne.

Als ich das WTC-Attentat im Fernsehen sah, gingen mir natürlich viele Gedanken durch den Kopf. Vor allem das Leid der Opfer, aber die schreckliche Wahrheit ist, Tausende von unschuldigen Menschen sterben jeden Tag, und ich will nicht erst darüber weinen, wenn sie meine Landesleute sind. Ich dachte auch an die Konsumkultur, die wir genießen, auf Kosten der Drittländer, für die zuwenig Ressourcen übrig bleiben, obwohl diese oft aus ihren eigenen Ländern stammen. Knapp drei Monate nach den Attentaten klingt es vielleicht schon wieder undenkbar, sogar lachhaft übertrieben, aber am 11.9. war alles denkbar, und ich fragte mich: wenn das hier der Anfang vom Ende ist – und damit meine ich, das Ende von der Konsumkultur – werde ich zurechtkommen? Es tut mir extrem weh, Michael Stipe („It’s the end of the world as we know it/and I feel fine“) in irgendeiner Art zuzustimmen, und ich glaube, er würde genauso unfreiwillig wie ich in ein System wechseln, in dem wir nicht alles, was wir uns leisten können, kaufen können. Aber wenn es zu einem solchen Wechsel käme, könnte ich im Großen und Ganzen sagen: es ist okay, ich liebe die Konsumkultur nicht.

Aber – und Sie wissen, was jetzt kommt – ich liebe Rock’n’Roll. Deswegen will ich wissen, dass der Rock’n’Roll größer als die Kultur ist, aus der er kam. Dass diese Musik ein Kind ist, das wie alle Kinder von seinen Eltern zwar geprägt ist, seine Eltern aber nicht mehr braucht. Kann man Rock’n’Roll von der Konsumkultur und dem Kapitalismus trennen?

Für (International) Noise Conspiracy lautet der Antwort natürlich: Ja. Sie singen es sogar ausdrücklich in „Capitalism Stole My Virginity“: „But now we are unsentimental and unafraid to destroy this culture that we hate.“ Sie überzeugen mich aber nicht, weil sie es nicht einmal für nötig halten, von spezifischen, konkreten Lebenssituationen zu reden. Okay, vielleicht doch zweimal: „I don’t mind breaking Starbucks windows“ und „We are waiting for what this culture fears/The end of dress codes, pants/skirts“ (ich frage mich, ob die Abschaffung der Kleiderregeln für Männer und Frauen nicht in manchen anderen Kulturen eher gefürchtet wird, aber egal). Das letzte Album von der Noise Conspiracy, „A New Morning, Changing Weather“, ist ein Genuss, und solche Bands, die uns mit voller Überzeugung auf die philosophischen und literarischen Grundlagen unserer Situation hinweisen, haben wir nötig. Wirkliche soziale Veränderungen, in welche Richtung auch immer, werden aber eher von denen verursacht, die sich nicht auf Dogmen verlassen. Man denkt an die „Velvet Revolution“ in der Tschechoslowakei, deren Teilnehmer Inspiration in den Texten der Velvet Underground fanden, obwohl diese zumindest an der Oberfläche kaum etwas mit politischer Revolution zu tun haben. Oder an Bob Dylan, der zu einer noch wichtigeren Figur wurde, nachdem er die politische Folk-Musik hinter sich liess, was zu Kritik von vielen weniger bedeutenden Protestsängern führte. Fazit: der Künstler muss auch mit den Leuten kommunizieren, die keinen Bock haben, Chomsky und Baudrillard und Amin zu lesen – mit mir, beispielsweise.

Viel überzeugender als „Capitalism Stole My Virginity“ finde ich deshalb diese vier Wörter von Buzzcocks‘ Pete Shelly: „I hate fast cars“. Das ist etwas, das ganz im Gegensatz zu den meisten Rock’n’Roll-Klassikern steht, ist aber selbst Teil eines Rock’n’Roll-Klassiker. Ein Satz also, der die Grenzen des Rock’n’Rolls erweitert. Er verpflanzt die Musik nicht in eine andere Kultur, aber vielleicht in eine andere Denkweise.

Manche werden hier zurecht an John Lennon denken: „Imagine no possessions/I wonder if you can“. Ein weiteres Bespiel fällt mir spontan ein: „I Was Wrong“ von Social Distortion. Wenn eine Revolution wirklich von innen anfangen muss, muss jeder Teilnehmer die Fähigkeit haben, „ich lag falsch“ zu sagen. Es gibt aber insbesondere im Punk-Rock kaum Lieder, die das so direkt und ehrlich sagen. Natürlich sangen die Crickets und Bobby Fuller und Joe Strummer „I fought the law, and the law won“, es ist aber nicht nur in der Clash-Version zu verstehen, dass das Rechtsystem zu unrecht gewonnen hat. Social Distortions Mike Ness (den ich persönlich für ein Genie halte) singt: „I realize now that I was wrong“. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer Schritt für die Musik.

Solche Schritte sind in den Texten auf der Puhdys „Rock’n’Roll Music“ Platte natürlich nicht zu finden. Aber wenn überhaupt eine Platte mich überzeugen kann, dass Rock’n’Roll weder von einer Kultur noch von einem System begrenzt werden kann (um es ehrlicher auszudrücken: dass ich als Gläubiger kein Angst haben muss, vor den vielleicht unvermeidlichen sozialen Veränderungen den nächsten Jahren und Jahrzehnten), ist es diese Platte. Die Puhdys haben ja in einem anderen System, dem das DDR, gelebt. Ich kann nicht beurteilen, ob dieses System so grundsätzlich anders war, ob es besser oder schlimmer war, als das, das ich kenne. Solche Beurteilungen kann ich (wie übrigens alle Westdeutschen auch) nur von den Menschen erfahren, die jetzt in beiden Systemen gelebt haben. Ich glaube aber, dass das System der DDR zumindest nicht die Idee förderte, dass man sich mit Kaufen und Verbrauch glücklich machen kann. Die Puhdys haben es damals geschafft, Rock’n’Roll in dieses System zu verpflanzen. Deswegen sind sie für mich so etwas wie Helden.

Mike Lehecka

Manfred Krug: Das war nur ein Moment/Ein Hauch von Frühling

Vor seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik im Jahre 1977 war Manfred Krug nicht nur einer der gefragtesten Schauspieler der DDR, sondern auch ein beliebter Sänger und Musical- bzw. Operetten-Darsteller. Als Schauspieler konnte er im Westen fast nahtlos an diese Erfolge anknüpfen, als Sänger startete er zwar den Versuch (an den ich mich noch dunkel erinnern kann), allerdings fand dieser wenig Beachtung, und so ist die musikalische Seite des Manfred Krug heute kaum noch gegenwärtig.

Das ist ein Jammer, denn diese beiden auf CD wiederveröffentlichten Schallplatten aus den Siebziger Jahren sind Kostbarkeiten, deren Originalität und musikalischer Reichtum nicht hoch genug einzuschätzen sind. Was Krug als Sänger, Günther Fischer als Komponist und Arrangeur und Clemens Kerber als Texter da produzierten, ist nichts weniger als – Achtung festhalten! – großer DDR-Soul, real existierender Bar-Jazz oder auch intelligente, spannende, gehobene deutschsprachige Unterhaltungsmusik.

Zugegeben, in den nicht so brillanten Momenten dieser beiden Alben könnte man eventuell auch auf den Begriff `Schlager´ verfallen, aber da der Gesamteindruck der Werke mit dem, was heute so unter deutschem Schlager gehandelt wird, wirklich und Gott sei Dank nichts zu tun hat, solltet Ihr dieses häßliche Wort im Krug-Zusammenhang schnell wieder vergessen. Fazit dieser haarspalterischen Reflexionen: Laßt mich in Ruhe, nennt es wie Ihr wollt, es ist phantastisch!

Ich habe keine Ahnung, was aus Günther Fischer und Clemens Kerber geworden ist, aber ich befürchte, dieses Wissen muß man auch nicht haben. Zu eng sind „Das war nur ein Moment“ und „Ein Hauch von Frühling“ an eine bestimmte Zeit, an eine Epoche der Musik und wohl auch der gesellschaftlich-kulturellen Atmosphäre gebunden, als daß man heute ähnlich faszinierende Ergebnisse von den Künstlern erwarten könnte. Oder einfacher gesagt: Schaut Euch an, was aus Krug geworden ist (routiniert abgedrehte, immer gleich angelegte Fernsehrollen und notorische Werbespots) und vergleicht es mit dem, was einmal war („Spur der Steine“ – für mich der beste deutsche Kinofilm überhaupt).

Das Bemerkenswerteste an diesen insgesamt 20 Stücken sind die Arrangements und die von Text und Gesang ausgehende spezielle Atmosphäre, die heute kaum noch zu finden ist, schon gar nicht in der deutschsprachigen Musik.

Die Orchestrierung ist schlicht genial und läßt keinen Zweifel, daß ein Bestandteil des imperialistischen Einflusses, den die Ostpolitik letzten Endes doch in den Arbeiter- und Bauernstaat gebracht hat, der dramatische 70er-Jahre-Soul war. Ganz deutlich ist zu erkennen, daß Günter Fischer schon mal von Marvin Gaye und Isaac Hayes und ihrer Arbeit gehört hat. Die Chöre jauchzen, die Streicher schmeicheln, die Flöten schwelgen und Manfred Krug croont, daß es eine helle Freude ist. Seine Gesangsstimme ist um einiges höher, als es seine heutige Sprechstimme vermuten ließe, und wenn er dann „Laß‘ mich nicht gehn, so ohne Abschiedsgruß“ in das Mikro haucht, dann weiß der Hörer, hier wird verhandelt, was das einzig wichtige im Ost-Soul, im West-Soul und im Leben überhaupt ist: LIEBE.

In allen Stücken geht es um Frühlingsgefühle, Trennungsschmerz, Verlangen, Eifersucht, Zurückweisung, Liebeskummer. Das volle Programm. Immer wieder essentiell und selten so ergreifend mit deutschen Texten umgesetzt. Krugs Interpretation ist im besten Sinne „lyrisch“, und das bedeutet: Keine Angst vor poetischen, stark emotionalen Formulierungen. Kenner wissen natürlich: Keine Schönheit ohne Gefahr – hier speziell besteht die Gefahr darin, gelegentlich ins Blumige, Schlagerhafte abzurutschen, manches klingt antiquiert, aber im ganzen ist diese Musik so seriös und wahrhaftig, daß alle Vergleiche mit bundesdeutschen Schlageraltlasten verstummen müssen. Diese Songs sind absolut ungebrochen, nichts daran ist ironisch oder super-fucking-cool-and-clever, d. h. sie sind komplett 90er-Jahre-frei.

Also liebe neuzeitliche Trash-Idioten, laßt bitte die Finger von dieser wunderbar abgedrehten Musik. Wenn Ihr Euch unbedingt über gefühlsbetonte deutsche Texte und schwelgerische Musik amüsieren wollt, dann bleibt bei Guildo Horn und Dieter Thomas Kuhn,-denn dort seid Ihr richtig.

What’s going on, Manfred, oder: If loving you is wrong, I don’t want to be right.

(km)

Die beiden Amiga-Alben wurden 1994 von BMG auf einer CD wiederveröffentlicht

Stella: Extralife

„An extra life is what I need…“

Wenn drei sich streiten, freuen sich die vierten. Und das sind all die, die in den nächsten Wochen das Debut-Album der Hamburger Band Stella in den CD-Player legen und in ihren Wohnzimmern tanzen. Stella sind cool und auftregend, elegant und tanzbar zugleich.

„Extralife“ verdient es, mit einem Klangkosmos verglichen zu wer-den: Tausend kleine Melodien, Geräusche und Samples verbinden sich zu einer eleganten Mischung aus Pop, New Wave und groovigen Beats.

Herrlich: Der Song „Perfume“, mit dem die Band wütend klarstellt: „Be good, be bad, just be. But be without me“. Ohrwurmqualitäten hat vor allem der vorab als Single veröffentlichte, ironische Song „O.K., tomorrow I`ll be perfect“. Entspannter geht es bei der einzigen ruhigeren Nummer der CD, „Harbour“ zu: Sängerin Elena Lange besingt müde und traurig die Hafenromantik. Jeder Song – ein Abenteuer, jedes Hören ist wie ein Spaziergang durch eine vertraute Landschaft, die sich doch irgendwie verändert hat…

Natürlich kommt es nicht von ungefähr, daß Stellas Musik so viele Stile vereint: Die Bandmitglieder sind in diversen anderen Projekten tätig. Elena Lange, Thies Mynther und Mense Reets hat man schon bei Schorsch Kamerun, GTV, Der allwissenden Billardkugel und anderen Bands gesehen.

Stella sind sich zum Glück nie einig geworden, ihre Musik ist ein Aufeinanderprallen von Meinungen und Lebensgefühlen. Im Vorder-grund lauert eine poppige Gitarren-Melodie, während sich von hinten der Synthie-Groove anschleicht und den Song mitreißt.

Von Terror und Nervenzusammenbrüchen erzählen Elena, Thies und Mense, von diktatorischen Bemühungen, Vorschläge durchzudrücken. Dort, wo andere Bands „wir“ sagen und sich gegenseitig auf die Schultern klopfen, wetzen die Stellas die Messer. Gereizt und mißlaunig klingen viele Lieder, denn zu sagen haben Stella auch etwas. Und zwar, daß sie mit der Gesellschaft nicht einverstanden sind, den Deutschen an sich alles Schlechte wünschen und ansonsten gegen Chauvinismus, Nationalismus und Kapitalismus ansingen.

Puh. Zum Glück bringen sie die Message nicht straight-forward rüber, wie so viele unsägliche Punk-Bands, sondern im schillernden Pop-Gewand. Für die einen sind es bunte Songs, und wer bitteschön darauf besteht, alle Songtexte zu zerlegen, findet darin mehr oder weniger deutlich formulierte politische Statements. Auch ein Grund, warum „Extralife“ auch nach Tagen permanenten Anhörens nicht langweilig wird.

Ende April sind die drei streitenden Hamburger auf Tour, doch die Zeit bis dahin wird uns ja nicht lang, denn seit neuestem haben wir ein „Extralife“ – Stella sei dank.

(ms)

Hannah Marcus – Faith Burns

„Na klar bespreche ich die“, hab ich bei der letzten Redaktionssitzung laut getönt und den Rest der coolen Gang nicht mehr an die Scheibe rangelassen. War ja auch irgendwie berechtigt, hab ich doch Hannah Marcus schon mal live gehört und Normal-Records und Neo-Folk gehören eh zu meinen Favorites. Um es gleich zu sagen: So richtig warm werde ich nicht mit der Platte und im Winter ist dies ja besonders wichtig. Aber eins nach dem anderen. weiterlesen