Mein Leben mit Hugo Pratt

Hugo Pratt ist tot und er hat einen ganz schönen Haufen Zeichnungen hinterlassen. Das erste, was ich von Pratt las, müssen die Südseeballaden mit Corto Maltese gewesen sein, Mitte der siebziger Jahre. Sie erschienen als Fortsetzungsgeschichte in „Zack“, das ich damals neben „Perry Rhodan“ gegen eine Lesegebühr von 5O Pfg. von meinem älteren Bruder bezog.

Ehrlich gesagt konnte ich damals 15-jähriger mit Pratts „romantischen Helden“ nicht allzuviel anfangen. Ich stand ihnen und ihren Abenteuern mit einer pubertären Mischung aus Neid und Ablehnung gegenüber und konnte mich nicht damit abfinden, daß es vor 60 Jahren Leute gegeben haben sollte, die tollere Sachen erlebten, als ich sie jemals erleben würde. Ich kehrte schnell zu Michel Vaillant und Luc Orion zurück – da war noch alles drin.

Später begegnete mir Corto Maltese, jener schillernde Abenteurer aus den Südseeballaden, im Gare de Lyon wieder. Ich war auf einer Rucksacktour und in entsprechender Stimmung und kaufte mir für 35 F in einer Bahnhofsbuchhandlung ein Maltese-Album. Den Titel habe ich vergessen, den französischen Text habe ich nicht verstanden, aber der Zeichenstil zog mich an. Ich wollte selber Comics zeichnen und fand, daß Pratts effektvoller Strich mir sehr entgegenkam, in dem Bemühen, meine Geschichten besser aussehen zu lassen, als ich zeichnen konnte. Ich schaute mir einige Tricks ab, dann habe ich das Heft hergeliehen und nicht mehr zurückbekommen.

Das ist jetzt zehn Jahre her und ich hätte auch bis heute kein Pratt-Album mehr angerührt, wäre der „heilige Hugo“ nicht jüngst gestorben. So nahm ich mir drei seiner jüngeren Werke vor, zwei Corto Maltese von 1987 und 1990 und Cato Zulu (über eine Gestalt aus dem Südafrika der alten Empire-Zeit), ebenfalls von 1990. Und siehe da, ich habe alles verstanden und dann ein Album nach dem anderen durchgelesen und hätte auch noch drei weitere geschafft, hätte ich sie im Haus gehabt. Wahrscheinlich bin ich endlich im richtigen Alter für Pratt. Daß sich in den Geschichten manches Klischee und manche Abgeschmacktheit tummelt, stört mich nicht sehr, trübt nicht den Lesespaß. Auch Cortos bisweilen reichlich aufgeblasene Monologe seien verziehen. Gehört halt alles dazu, und er war schon ein ziemlich toller Hecht, dieser Kapitän-ohne-Boot, oder seine Kollegen – genauso wie ihr (inzwischen) unsterblicher Autor.

(rw)

RIP Carl Wilson (1946-1998)

It’s always a crass feeling when you have to condense your feelings about an artist down to a few sentences because they have passed away. But the fact is I’ve been thinking about Carl Wilson since first reading that he was suffering from cancer sometime last year. And somehow it’s not that hard to bring it down to one moment that summs up what his voice and music have meant to me. It’s an obvious moment perhaps nine out of ten fans would choose, which I guess qualifies it as his greatest legacy: his vocal on „God Only Knows“ from the 1966 album Pet Sounds.

I recently promised Hinter-Net a long-winded examination of the 4 CD box set version of Pet Sounds released late last year. I started it and it turned out to be too personal and sentimental to be of interest for non-fanatics, a situation that certainly won’t change now that another of its co-creators has died. The difference is that I hope non-fans will at least tolerate a little sentimentality at this time.

Notice that I did say co-creator, which some Beach Boys scholar-fans would disagree with. Obviously Brian Wilson is the primary creator of Pet Sounds and all of the other music the Boys made in the 60’s, but the idea that it was only his work was made up by people who can’t accept what the Beach Boys became after Brian stopped working with them regularly at the end of the 60’s. Whatever bad things Mike Love brought to the Beach Boys, the commercialism and patriotism and revivalism and so on, it has to be said that he played a huge role in some great music.

The same must be said of Carl, except that he didn’t bring anything bad to the Beach Boys. He was largely responsible for the pro-ecology, socially aware stance the band took in the early 70’s, when they made several brilliant albums (Surf’s Up, Holland) without Brian’s full involvement. He integrated the Beach Boys by bringing in Ricky Fataar and Blondie Chaplin in 1972. This was without question the best version of the Beach Boys not to include Brian, and had it lasted the Boys might have remained a relevant, creative force for many more years.

This early ’70’s period was Carl’s musical high point. He had enjoyed a big worldwide hit in 1969 with his vocal and producvtion of the Phil Spector song „I Can Hear Music,“ and with that confidence he contributed many excellent songs to Beach Boys albums. At the top of this list would be „Long Promised Road“ from Surf’s Up and „The Trader“ from Holland. Never forget that the Beach Boys included three brothers and by taking over leadership of the band from an unwilling Brian, Carl was not only changing the structure of a band but also a family. He handled this responsibility well and the Beach Boys‘ artistic decline is directly connected to his decrease in authority in the group. In some ways this was an even tougher loss for the Beach Boys than Brian. The group recorded at least several albums of great music without Brian’s leadership, but then almost nothing after Carl’s turn at the helm ended. Most of the fine moments the Boys did manage in the late ’70’s and ’80’s were Carl’s songs such as „Where I Belong“ and „Maybe I Don’t Know“ from the underrated self-titled album of 1985.

But „God Only Knows“ stands above. The box set includes with version of Brian singing one of his greatest songs himself. As a longtime Carl fan I approached this with no fear- I knew that not even Brian could match the angelic intensity that Carl achieves in his vocal. I stand by that conclusion; although Brian’s take is fascinating and great to have, Carl defined the song. When I hear it now I don’t cry because he’s dead, I cried to the song before when he was alive. Not every time, of course; only those times when Carl’s voice makes me believe in the perfect love lyricist Tony Asher wrote about. Almost every time.

(ml)

Das letzte Huba – Zum Tod von Franquin

Franquin ist tot. Der Vater von Fantasio, Gaston und Marsupilami hat uns verlassen – und einen zweiten findst du nimmermehr. Keinen der so elegant die Tusche fließen läßt, keinen der so trefflich die Feder schwingt. Von wem hat man das noch gesagt: Meister der lebendigen Linie? Picasso? Ah der!

Wohl gibt es Adepten, Schüler… allein, das Wasser konnt ihm keiner reichen. Hier wirkt eine Faust zu sperrig, da eine vorwitzige Haarsträhne zu wenig vorwitzig, und die Knie schließlich in all ihrer elastischen Spannung hat schon gar keiner der zahllosen Nachmacher hingekriegt – und ich muß gestehen, auch ich war einst ein solcher.

Und das ist nicht alles, Geschichten hat er geschrieben, Geschichten mit Pointen, mit 1A-Pointen, die immer an der richtigen Stelle saßen. Er beherrschte die große Form, und auch die kleine Form, das 50-Seiten-Album genauso wie den Einzeiler und wenn ich zurückblicke, so fällt mir keines seiner Werke ein, das ich nicht mit Vergnügen gelesen hätte.

Sicher, Franquin war ein gottverdammter Moralist. In seinem Universum hetzte er fleischfressende Pflanzen auf Büroboten und sympatische Pelztiere auf Bürokraten und das alles, um zu zeigen, daß es das Böse nur gibt, um das Gute am Ende siegen zu lassen. Und auch in seinen „Schwarzen Gedanken“, der Gegenwelt, die er als Spätwerk schuf, und in der an allen Ecken und Enden Tod und Vernichtung triumphieren, geht es letztendlich nur darum, daß Hochmut vor dem Fall kommt.

Vielleicht ist das der Grund, warum Franquin für mich nie zu den Autoren gezählt hat, von denen ich sagen kann, sie haben mich nachhaltig beeinflusst. Wohl habe ich mit vierzehn die Geschichten um Gaston, für uns damals JoJo, verschlungen, entsprachen sie doch nur zu sehr meiner pubertären Seelenverfassung, und mit zwanzig war ich verzaubert von der anmutigen Unschuld des Urwaldfabelwesens Marsupilami. Dennoch, sonderlich bewegt hat mich Franquin niemals, angeregt schon, und so möchte ich die Stunden mit ihm nicht missen.

Wenn ich’s mir recht überlege, so spielte er für uns die Rolle eines junggebliebenen Onkels und Hagestolzes, der oben unter dem Dach in einer mit viktorianischem Krimskrams vollgestopften Kammer wohnt. Man besucht ihn regelmäßig nach der Schule, um sich Kartentricks und seltene Briefmarken zeigen zu lassen. Dann zieht man weg und Jahre später hört man, er sei jetzt gestorben und man fragt sich, ob einer die Briefmarkensammlung bekommen hat.

Nein, hat keiner und ich sehe keinen der uns Franquin ersetzen könnte. Franquin ist tot und er fehlt uns, wie ein Schmetterling, der ausgestorben ist.

(rw)

RIP JG Ballard

10 Songs für JG Ballard (1930-2009)

  • Joy Division: The Atrocity Exhibition
  • Gary Numan: Down in the Park
  • The Normal: Warm Leatherette
  • The Buggles: Video Killed the Radio Star
  • Hawkwind: High Rise
  • Madonna: The Drowned World
  • Manic Street ­Preachers: Mausoleum
  • The Jawbox: Motorist
  • John Foxx: Underpass
  • Dan Melchior´s Broke Revue: Me and JG Ballard

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Ali Farka Touré (1939-2006)

Gewissermaßen aus heiterem Himmel tauchte in Europa im Herbst 1988 ein Musiker auf, der nicht dem Ethno-Folk-Image jener Zeit entsprach, keine wallenden Klamotten eines westafrikanischen Griots trug und auch nicht das für den Sahel typische Instrument, die Kora (eine sog. Bogenharfe), spielte. Gleichwohl verstand sich auch Ali Farka Touré als Geschichtenerzähler und Geschichtenbewahrer. Sein bevorzugtes Instrument war die Gitarre.
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Gonzo’s gone. Ein Nachruf auf Hunter S. Thompson

Es musste ja so kommen. Hunter S. Thompson, Erfinder des „Dr. Gonzo“ und, nun ja…äh, Kultbuchautor, hat sich, wie es die Presse vornehm umschrieb, „eine tödliche Schusswunde beigebracht“. So what?

Ich gebe zu, dass mich „Fear and Loathing in Las Vegas“, Thompsons Hauptwerk, über weite Strecken gelangweilt hat. Vom 2001-Versand in den Endsiebzigern (waren’s die Endsiebziger? Es können nur die Endsiebziger gewesen sein) penetrant beworben, hatte ich mir das Buch gekauft, um vor allem jenen Dr. Gonzo kennenzulernen, der als Namensgeber für den „Gonzo-Journalismus“ herhalten musste, das Gegenteil eines „Spiegel-Journalismus“, könnte man sagen, nicht objektiv, nicht feingeistig, nicht distanziert-ironisch, sondern halt: gonzo. Subjektiv, grob, mittendrin. Weiterlesen

Zum Tod von George Harrison

Ich geb´s ja zu: mit acht war ich in Paul McCartney verknallt. Der hatte ein süßes Babyface und machte sich tierisch gut zwischen Tommi Ohrner und Leif Garett. Mein liebster Beatles-Song war „Octopus´ garden“.

Aber dann wuchs mein Gehirn, und mit ihm mein Faible für George Harrison. „While my guitar gently weeps“ ist vermutlich der schönste Beatles-Song überhaupt, und das jagende „Old brown shoes“ mysteriöser als „I am the walrus“ und „Rain“ zusammen. Straight, klar und nicht zu süßlich – so mochte ich Harrison. Mit der Strahlkraft von „Something“ und „Here comes the sun“ konnte ich lange nichts anfangen. „Taxman“ und „Savoy truffle“ lernte ich erst als Teenager kennen, begeistert von der spröden Sophistication der Harmonien und dem schluffig-scharfzähnigen Understatement. Harrisons gitarrenlastige, dezent psychedelische Songs haben den Sound der Independent-Bands mit vorbereitet.

Und noch mehr Erfindungen gehen auf Harrisons Konto:

  1. der Ganzkörper-Jeansanzug,
  2. der erste Rocksong mit Sitar,
  3. der erste Beatles-Song mit Gastmusiker (Eric Clapton auf „While my guitar gently weeps“)
  4. das erste Live Aid-Konzert: The Concert for Bangladesh 1971,
  5. das Triple-Album
  6. und einzige hörenswerte Solo-Album eines ehemaligen Beatle.

„All things must pass“ ist auch 30 Jahre später noch eine Offenbarung. Fließend, schillernd, hochinspiriert. In Sachen Psychedelik gibt´s hier die volle Packung. Vor allem auf der dritten Platte, die den Musikfans ungefähr dasselbe bedeutet wie den Literaturwissenschaftlern Klopstocks „Messias“: jeder weiß, was drin ist, aber niemand tut sich den Inhalt an, weil er einfach unerträglich ist. Neunzig Minuten wuchernde Sitar-Klänge, nur unterbrochen durch das Umdrehen der Platte – this is Hardcore.

Trotzdem: „All things must pass“ war eine musikalische Sternstunde. An Tiefe, Kraft und Glanz konnte ihr kein anderes Post-Beatles-Werk das Wasser reichen.

Aber auch für Harrison gab´s Durststrecken. Die Zeit mit den Beatles etwa. Nach Lennon/McCartney war er immer nur der „dritte Mann“. Nach George Martin sogar nur der vierte. Aber in ihrem Bemühen, Harrisons musikalisches Output zu unterdrücken, scheitern sie: oft schlich sich doch noch ein Harrison-Song mit auf´s Album. Manchmal sogar zwei. Möglich, dass der Ruhm der Band noch größer wäre, hätte man nur sorgfältiger den musikalischen Durchfall von Lennon/McCartney selektiert und den Ausschuss rausgehalten. Und statt dessen mehr Harrison mit drauf genommen. Als seinen größten Fehler bezeichnete es George Martin später, das musikalische Talent Harrisons nicht mehr gefördert zu haben. Späte Einsicht.

Technisch konnte Harrison von den Beatles sowieso niemand das Wasser reichen. Der einzig echte Musiker unter den Vieren setzte mit seinem Gitarrenspiel von Beginn an vielen Beatles-Songs seinen Stempel auf: der Schlussakkord von „She loves you“, das Solo in „All my loving“, die fließenden Linien in „Eight days a week“, die perlende Rickenbacker in „A hard day´s night“…

Aber auch nach den Beatles gab´s Reinfälle. Experimente mit elektronischer Musik floppten, auch die Filmmusik zu „Wonderwall“ – aber nicht die Filme. Ohne Harrison kein „Life of Brian“: die Pythons brachten es auf den Punkt. Harrisons „Handmade Films“ machten den Brian erst möglich.

1987 war er dann plötzlich wieder da, wie Kai aus der Kiste an die Spitze der Charts katapultiert. Verwirrt fragte ich mich, ob ich mich verhört hatte. In der Radio-Hitparade wurde Harrisons Name wie eine Selbstverständlichkeit verlesen, kein Hinweis auf alte Zeiten, kein Ausdruck des Erstaunens. Ein Beatle, noch dazu George Harrison, auf Nr. 1: business as usual?

„Got my mind set on you“ war Harrisons Fußnote zum Thema 80er. Musikalisch kein großer Wurf, ein clever gemachter Popsong zum Mitklatschen, aber eben gelungene Unterhaltung. Mainstream deluxe auch „Fab“: Harrisons ironisch-nostalgisches Kabinettstück zur eigenen Vergangenheit.

All das avancierte schnell zum Vorspiel von Harrisons nächstem Coup: die Gründung der Travelling Wilburys, einer sympathischen Supergroup ohne Ambitionen. Muffelige alte Männer mit zauseligen Haaren, von denen Roy Orbison noch der Jüngste schien. Das Rad hatten die meisten von ihnen schon früher neu erfunden, warum also nochmal groß Mühe geben?

Den Treppenwitz der Harrison-Geschichte lieferten Oasis Mitte der 90er-Jahre. Die „Wonderwall“ war plötzlich in aller Ohren. Nur eben nicht Harrisons „Wonderwall“. Die Hommage mag er verstanden haben.

Der klare Blick aus dem scharfgeschnittenen Gesicht, das selbst beim Lachen noch ernst wirkte. Die tiefe Religiösität. Das Faible für fernöstliche Klänge. Nein, Harrison war kein Sunnyboy. Kein witziger Sprücheklopfer. Aber immer gut für musikalische Sternstunden. Er war mein Lieblingsbeatle.

(Katja Preissner)

s.a.: →Mike Lehecka zum Tod von George Harrison

Zum Tod von George Harrison

Thanks For the Pepperoni

Vor ungefähr dreieinhalb Jahren ist Carl Wilson (–>Nachruf) gestorben, der eine ähnliche Rolle bei den Beach Boys gespielt hat, wie George Harrison bei den Beatles: Lead-Gitarrist und dritter Mann. Und auch nach dem Tod von Harrison ging mein erster Gedanke an ein bestimmtes musikalisches Werk. Nicht aber an ein spezielles Lied, wie „God Only Knows“ der Beach Boys mit dem himmlischen Gesang von Carl Wilson, sondern ein ganzes Album: „All Things Must Pass“. Mit dieser Triple-LP bzw. Doppel-CD hat uns Harrson 1970 nicht nur ein Meisterwerk geschenkt, das das Niveau seiner ehemaligen Band locker hält, er hat uns auch schon in bester Weise auf seinen Tod vorbereitet. Die Lieder auf „All Things Must Pass“ hat Harrison in seinen Mittzwanzigern geschrieben, aber Texte wie „Art of Dying“ und „Hear Me Lord“ beweisen, dass er schon damals sicher in seinem Glauben war und seiner Sterblichkeit bewusst. Deshalb hat mich das Album, als ich es an den traurigen Tagen nach seinem Tod mehrmals hintereinander gehört habe, beruhigt und bestärkt zugleich. Kann es ein höheres Kompliment für ein musikalisches Werk geben?

Wie bei allen Musik-Fans haben die Beatles meinen Leben verändert. Da ich aber ein bisschen zu spät geboren war, um mit ihnen aufzuwachsen, haben sie das eher indirekt gemacht, durch die zahlreichen Musiker, die sie beeinflusst haben und die ich auch liebe. Es ist zwar sehr traurig, dass jetzt nur zwei Beatles am Leben sind, aber das Schaffen Harrisons – alle Lieder, die er während seiner ganzen Karriere geschrieben und gesungen hat, sowie sein Gitarrenspiel – soll man jetzt feiern. George mag ein eher widerwilliger Entertainer gewesen sein, er war aber einer sehr guter und würde es wünschen, dass wir seine Musik einfach geniessen. Und wie er gesagt hat, dass wir einander lieben. Ich hoffe sehr, wir machen beides.

(ml)

s.a.: Katja Preissner zum Tod von George Harrison

Realismus und Magie – Ein Nachruf auf Morris

Dass ich nicht der einzige Lucky Luke-Fan war, merkte ich in der fünften Klasse. Als wir uns im Englisch-Unterricht englische Namen geben sollten, nannte sich ein Klassenkamerad fortan „Averell“.

Morris – das ist für die meisten einfach „Lucky Luke“. Auch für mich. Ich besorgte mir die Hefte stapelweise aus der Bücherei. Keine Ahnung, wie sehr der dünne Cowboy mein Männerbild prägte. Denn klar: er war einfach ein Traummann. Verantwortungsbewusst, gelassen und attraktiv. Immer auf der Seite der Guten. Sportlich. Eben schneller als sein eigener Schatten. Wie oft hab ich vor dem Spiegel geübt…

Lucky Luke ist ein untypischer Comic-Held. Realistisch gestaltet inmitten einer Welt von Überzeichneten. Wer weiß, ohne seine skurrilen Begleiter – das sprechende Pferd und der Anti-Hund Rantanplan – wäre er vielleicht blass geblieben. Aber der Kontrast stimmte, und auch, wenn da noch die Sache mit dem Schatten war: ein Superheld war Lucky Luke nicht.

Realismus und Magie, das war die Mischung, die Morris´ Cowboy-Geschichten prägte. Realistisch waren die grandios entworfenen, liebevoll ausgestalteten Landschaften, durch die Banditen und Kavallerie ritten. In sich stimmig, vor Leben sprühend, die Atmosphäre mit Händen zu greifen, so waren auch die Saloon-Szenen. Mit oder ohne Schlägerei. Magisch, kein Zweifel.

Immer gab es viel zu gucken in den Morris-Bildern. Setzkästen in Zeitungsstuben, Telegraphen-Masten, Hotelzimmer mit Krug und Wasch-Schüssel und die unnachahmlichen „Willkommensschilder“ am Stadtrand. Sie waren so sicher wie der singende Cowboy im Schlussbild, der Sonne entgegenreitend. Zum festen Inventar gehörten natürlich auch die Daltons, Sheriffs und Bürgermeister, ängstliche Städter und bedauernswerte Postkutschen, dralle Revuetänzerinnen, jede Menge Teer und Federn und fiese Totengräber, in denen Morris seine alten Lehrer von der Jesuiten-Schule verewigte, die ihm als Jugendlichem das Zeichnen verbieten wollten.

Die Eltern von Maurice de Bévère (geboren 1923 im belgischen Courtrai) waren da schon toleranter. Zeichner: Ja. Aber Comics? Oh Gott, brotlose Kunst. Um seinen Vater optimistischer zu stimmen, zeichnete ihn Morris in einem Lucky Luke-Band als Goldgräber.

Dort fand er sich dann in guter Gesellschaft, denn in der lange Geschichte von Lucky Luke standen immer wieder Unbekannte und Promis Pate für das Western-Volk. Jean Gabin, Louis de Funes, Alfred Hitchcock, David Niven, John Carradine, Boris Karloff, Mark Twain. Und die lieben Kollegen: Franquin, Uderzo, Goscinny (der lange die Szenarien für Lucky Luke schrieb), und der Verleger Dupuis. Sein Haus verbot Morris übrigens die frivolen Tänze der Saloon-Schnecken. Erst nach Morris´ Wechsel zu einem anderen Verlag kam Lucky Luke in ihren Genuss.

Ärger gab es um ein Haar auch mit Coca Cola: just als Morris ein Entgelt für sein dezentes Product Placement ausgehandelt hatte, erschien im aktuellen Spirou-Heft die Lucky Luke-Folge, in der ein Indianer nach einem Schluck Cola tot umfällt.

Und natürlich wurde die Zigarette zum Stein des Anstoßes. Nach Protesten der amerikanischen Trickfilm-Branche musste der Cowboy künftig am Grashalm nuckeln.

Der Cowboy war sein Schicksal. Aber es scheint, als sei Morris nie unglücklich drüber gewesen. Hauptsache, er konnte Zeichnen. Kinderbücher hat er illustriert, Titelblätter gezeichnet für Comichefte und Liebesromane. Seine erste Lucky Luke-Geschichte erschien 1946 im Spirou-Almanach. Ab 1955 verfasste René Goscinny die Szenarios, nach seinem Tod 1977 arbeitete Morris mit wechselnden Autoren.

Aber es gab noch eine Leidenschaft, von der nur wenige wissen: Morris war begeisterter Tüftler. Kleine Comic-Gimmicks gehen auf sein Konto, und dabei ließ er auch die Figuren der Kollegen auftreten. Ein Marsupilami auf einem Einrad, das einen Bindfaden entlang rollt. Ein Gaston, der auf dem Arm eines Plattenspielers twistet. Und natürlich die Daltons, steineklopfend und Schubkarren-ziehend – bis zum Ende der Tischplatte und keinen Schritt weiter. Wie all die Dinge funktionieren, lässt sich mit den Gesetzen der Physik leicht erklären. Aber schöner ist es, ehrfürchtig über die vielen Talente des Morris zu staunen und ein kleines Geheimnis zu lassen. Franquin zum Beispiel wusste nicht einmal von der Existenz des radelnden Marsupilamis und des tanzenden Gaston.

(kp)

William S. Burroughs – Agent in eigener Sache

Viele haben überhaupt nicht mehr damit gerechnet, doch das Unwahrscheinliche ist eingetreten: Am Sonntag dem 3. August 1997 starb der Übervater der Underground-Kultur William Seward Burroughs im Alter von 83 Jahren an Herzversagen.

Foto William Seward Burroughs Burroughs, Kammerjäger, Privatdetektiv und schließlich Schriftsteller, ist seit seinem ersten öffentlichen Auftreten Ende der Vierziger Jahre zu einer generationenübergreifenden Kultfigur des Undergrounds geworden. In den Fünfziger Jahren und in den Roaring Sixties wurde er zur grauen Eminenz der Beat Generation. In den Siebzigern wurde er zur Ikone der Popwelt, und nachdem es in den Achtzigern etwas ruhiger geworden war um den zerknitterten alten Mann in seinem Buchhalteranzug, tauchte er in den Neunzigern wie ein Phönix aus der Asche und wurde auch von den jüngsten Wilden der Popfraktion hofiert. Fast alle seine Mitstreiter und Jünger hat er überlebt: Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Nico, Andy Warhol, Frank Zappa, Kurt Cobain und seine deutsche Epigone Jörg Fauser. Einer, der in dieser Verlustrechnung vorkommt, aber fast immer unerwähnt bleibt, ist sein Sohn William Burroughs Jr.. Ihm erging es wie den anderen. Sie alle haben ihm gehuldigt, ihn imitiert und keiner hat ihn überlebt. Was bei vielen auch daran lag, daß sie seinen exzessiven und selbstzerstörerischen Lebensstil kopierten und sich damit zugrunde richteten. Was war dran an diesem mumienhaften Mann, der sie alle in seinen Bann schlug und der heute auf einer 29 Cent Briefmarke abgebildet ist?

Seine Herkunft war es wohl nicht. Sein Großvater hatte die ‚Burroughs‘ erfunden, eine mechanische Additionsmaschine, die Buchhalter glücklich und die Familie reich machte. Der 1914 geborene William S. Burroughs erhielt eine exquisite Ausbildung, studierte englische Literatur und Anthropologie in Harvard und machte 1934 seinen B.A.. Danach bereiste er Europa, nahm anschließend in den USA wieder seine Studien auf und meldete sich nach Kriegseintritt als Freiwilliger. Bei der Marine wurde er aufgrund seiner Plattfüße und seiner Kurzsichtigkeit abgelehnt. Burroughs kaschierte diese Handicaps jedoch geschickt und wurde von der Luftwaffe als Pilot ausgebildet. Erst im Nachhinein flog er auf und wurde ausgemustert. Doch Bill gab nicht auf und bewarb sich beim Geheimdienst der Army. Dort wurde er abgelehnt. Der Vorsitzende der Kommission war eben der Hausmeister von Harvard, dem er Jahre zuvor eine selbstgebastelte Bombe vor sein Fenster gelegt hatte. Burroughs Vorliebe für Waffen war schon recht früh ausgeprägt. Im Anschluß an diese Zeit begann die Phase seines persönlichen und wirtschaftlichen Niedergangs, die ihn letztlich berühmt werden ließ.

1944 hielt sich Burroughs in New York auf. Er sog fasziniert die Klänge des Hot Jazz in sich auf und arbeitete, sein Erbe hatte er inzwischen verpraßt, als Kammerjäger, ein Beruf der im Amerikanischen den plastischen Namen ‚Exterminator‘ trägt und als Titel für ein 1966 erschienenes Buch herhielt, in dem er diese Zeit verarbeitete. Ins Jahr ’44 fiel auch seine Bekanntschaft mit Herbert Huncke, einem Kleinkriminellen, Fixer und Stricher vom Times Square, der ihn und seine Freunde Ginsberg und Kerouac mit diesem urbanen Dschungel vertraut machte. Huncke war es auch, der Burroughs auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin den ersten Schuß setzte.

Allzu oft läßt sich an einer solchen Biographie mühelos ergänzen, was kommen muß: entwürdigendes Suchtverhalten, ein paar verzweifelte Versuche, aus dem Teufelskreis auszubrechen und schließlich doch nichts anderes, als der dreckige kleine Tod eines Fixers in einer stinkenden Toilette, dessen volle Dramatik darin zum Ausdruck kommt, daß die Statistik der Drogentoten um eins nach oben gerückt wird. Nicht so bei Burroughs. Der führte zwar das Leben eines Abhängigen, bewies jedoch die Cleverness zu überleben und seine Sucht literarisch zu verarbeiten, und das, nachdem er 1951 bei einer ‚Wilhelm Tell Nummer‘ das Glas auf dem Kopf seiner Gattin knapp verfehlte und unter Mordanklage gestellt wurde. 1953 erschien sein erster Roman ‚Junkie‘, der binnen kürzester Zeit bei der Beat Generation Kultstatus erlangte. Burroughs wurde zur Vaterfigur der Beats, der jungen Nachkriegswilden, die gegen die verlogene Bürgerlichkeit ihrer Eltern rebellierten, dummerweise aber nicht wußten, was sie eigentlich wollten. Kerouac, Ginsberg, Ferlinghetti, Corso und wie sie alle hießen gebärdeten sich in der Art einer neuen, dekadenten Boheme, hingen ständig zusammen und machten aus ihrer Umtriebigkeit, heute New York – morgen Tanger, und ihrer exzessiven Lebensweise ein Programm. Burroughs war nur insofern eine Ausnahme, als er das Initial dieser Sippe war: Reiste er nach Tanger, reisten ihm die anderen nach.

1959 erschien das Buch, das ihn endgültig berühmt oder, wie man’s nimmt, auch berüchtigt machte: Naked Lunch. Mehrere Jahre hatte er daran gearbeitet und in einer Art Stream of Consciousness das zu Papier gebracht, was die literarische Welt bisher noch nicht gesehen hatte: schwule Obsessionen, Obszönität, Paranoia und das alles aus den Innenansichten der hermetischen Welt eines Drogensüchtigen . Selbst ein Pariser Pornoverleger hatte sich geweigert dieses Buch zu verlegen. Damit und mit der von Brion Gysin entwickelten literarischen Technik des cut-up und folt-in, die Burroughs weiterentwickelte, schrieb er Literaturgeschichte. Mit dieser neuartigen, für damalige Verhältnisse schockierenden und radikalen Technik, der Verbindung von Stream of Consciousness und dem Einbeziehen des Zufallsprinzips schrieb sich der ausgemergelte Junkie an die Spitze der literarischen Avantgarde dieses Jahrhunderts. Seine Literatur stand und steht im z.T. krassen Gegensatz zur rational konstruierten postmodernen Literatur, an der zu dieser Zeit Arno Schmidt in Deutschland herumbastelte.
Auch nachdem sich die Beat Generation im Sand verlief, auf Friedhöfen und in psychiatrischen Kliniken ihr belangloses Ende fand, Burroughs Kultstatus blieb davon unberührt. Im Gegenteil, die nächste Generation der Huldiger war bereits nachgewachsen. Paul McCartney sorgte dafür, daß ein Foto von ihm im Bildteil des Sgt. Pepper’s Album erschien, Nico ließ sich Texte von ihm schreiben und auch Warhol ließ sich gerne in seiner Gegenwart ablichten. Die Reihe seiner Bewunderer riß nie ab von der Beat Generation bis zur Generation X. Kurt Cobain malträtierte 1992 seine Gitarre zur schnarrenden uhrwerksgleich lesenden Stimme von Burroughs, ähnlich gestaltete sich auch das HipHop-Projekt Spare Ass Annie im folgenden Jahr. Die letzten Aufnahmen von Burroughs sind wenige Wochen alt und flimmern in der Schlußeinstellung vom jüngsten U2-Clip ‚Last Night On Earth‘ via MTV und Satellit in alle Welt hinaus.

Was ihn zur Ikone der Popwelt gemacht hat war seine Ambivalenz: Der große Mann, der sich zu keiner Zeit vor sprachgewaltigen Obszönitäten scheute, hatte ein zurückhaltendes, vornehmes, ja seriöses Auftreten. So radikal wie er sich der bürgerlichen Ordnung entgegenstellte, so fuhr er gleichfalls im Fahrwasser der Ideologie, die die USA groß gemacht hat. Er war Waffennarr, glaubte an eine Verschwörung des Staates (der die AIDS-Viren züchtet) gegen die Bürger. Das rehabilitierte den schwulen, perversen alten Junkie in den Augen der Rednecks. Seinen Lebensabend verbrachte Burroughs in Kansas, der Hochburg der gottesfürchtigen Militia, auf deren Konto auch das Oklahoma-Attentat ging, um bessere Gelegenheit zu haben, seine Schießübungen abzuhalten. Auch sein literarischer Ruhm ist nicht unangefochten. Es gibt nicht Wenige, die seine Biographie als die ‚Krankenakte eines Patienten mit drogenbedingter Schizophrenie‘ ansehen und seine Werke als Krankenberichte. Das mag durchaus seine Richtigkeit haben, auch, daß ihn Herbert Huncke als ‚intellektuellen Studenten‘ bezeichnet, für den der Times Square ein ‚Abenteuer-Spielplatz‘ war. Auch Mohamed Choukri, der bedeutendste marokkanische Schriftsteller meinte, daß Burroughs sich lediglich in Tanger herumtrieb, nicht um die Aura des Landes zu erheischen, sondern ungehindert ’seinen Süchten und Begierden nachzugehen‘.

Das mag alles stimmen, zeigt aber vor allem eines: William S. Burroughs war ein Meister der Selbstinzenierung, er schuf sich selbst als Kunstfigur und vermarktete sich geschickt über Jahrzehnte hinaus. Nie ließ er sich vereinnahmen, im Gegenteil, ließ sogar Musiker für sich werben, deren Musik er sich niemals angehört hätte. William S. Burroughs war stets Agent in eigener Sache. Er tauchte auf und verschwand wieder von der Bildfläche, aber nie ohne Wellen zu schlagen. Sein letzter Streich dieser Art war sein Ableben. Am Tag danach verdrängte er die Nachrichten über die Jahrhundertflut an der Oder von der Titelseite. Am 4. August 1997, 38 Jahre nach dem Erscheinen von ‚Naked Lunch‘, erschien die Berliner taz mit dem Aufmacher auf der Titelseite:

Heute kein Hochwasser: Burroughs tot

(th)