Popkomm 1996-1

Ein kryptisches Köln-Tagebuch von Kai, Carsten, Roland, Axel, Wolfgang, Walter und Nicole

Donnerstag, 15-8-1996:

Köln besteht aus vielen, vielen bunten Autos und ist gar nicht so groß, wie ich dachte.
Auf dem Deck der Sporthalle parken wir drei Wagen neben den Fantastischen Vier, die gerade aus einem richtig fetten Mercedes mit Stuttgarter Kennzeichen aussteigen, was mich irgendwie traurig stimmt. Nicht daß ich je etwas von ihnen gehalten hätte, aber als Hip-Hop-Crew aus dem Schwaben-Ländle einen Daimler-Benz zu fahren, zeugt nicht gerade von ausgefallenem Stilbewußtsein.

Was mir sehr bald im Gewimmel all der wichtigen und noch wichtigeren Leute auffällt, ist die Tatsache, daß Menschen aus dem Fernsehen im wahren Leben viel kleiner sind, als man so denkt. Z. B. der MTV-Moderator Toby Amies, der mir abends beim Tortoise-Konzert über den Weg läuft und wahrscheinlich beim James-Dean-Lookalike-Contest einen vorderen Rang belegen würde. Aber zum Glück findet ein solcher Contest auf dieser Messe nicht statt, dafür aber ein Theodor-W.-Adorno-Ähnlichkeitswettbewerb, natürlich veranstaltet von Titanic. Bin allerdings nicht dagewesen.

Nicht nur alte Dschingis Khan Sänger sieht mensch, auch Thomas Anders ist eher zwergwüchsig.

Was sehen Heavy Metal Musiker in Bühnenklamotten am Tage bei Neonlicht doch Panne aus.

Stichwort Tortoise-Konzert: Klasse Musik, die auf der Bühne des Gloria aber so dargeboten wird, daß meine Laune in den Keller geht. Ganz üble Bieder-Jazz-Atmosphäre macht sich breit, das Publikum beklatscht einzelne Soli (!) und der Gast-Gitarrist hat seinen Akkreditierungspass während des Gigs um den Hals hängen(!!). Dies ist definitiv kein Rock ’n‘ Roll.

Im Gegensatz zu Gallon Drunk: Fünf gutgekleidete Herren auf der Bühne – darunter einer, dessen Job den ganzen Abend ausschließlich aus dem Schwenken von Rumba-Rasseln besteht – schauen gelassen ihrem Sänger beim Ausrasten zu: der gibt uns den Iggy, spielt liegend Gitarre und knieend Orgel und alle zusammen fabrizieren eine Art Der-junge-Nick-Cave-auf-Drogen-Musik, angereichert mit Noise und Bläserpassagen. Sehr eleganter Kick-Ass.

Wir entdecken einen hervorragenden vietnamesisch-chinesischen Imbiß, der gar nicht teuer ist und eine bezaubernde Bedienung hat, deren Alter nicht so leicht zu schätzen ist.
Ich stelle fest, daß ich kein Kölsch mag und steige um auf tschechisches Flaschenbier. Darf auch holländisches sein.

Vorm Luxor fällt in meinem Rücken der Name Extrabreit und ich beginne sofort mit Carsten über diese Band vom Leder zu ziehen. Aus einer dumpfen Ahnung heraus drehe ich mich um und bemerke, daß der Sänger besagter Combo einen Meter hinter mir steht. Zum Glück sind die etwa 100 Umstehenden so blau und brüllen dementsprechend durch die Gegend, daß eine potentiell peinliche und unangenehme Situation gar nicht erst entsteht.

Gegen eventuellen Übergriff eines angetrunkenen Kai Hawaii könnte vielleicht ein eingeschaltetes Aufnahmegerät helfen. Die Presse ist mächtig !!!

23.25-03.45: Petra.

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