Ottens/Rubin: Klezmer-Musik

Das Ziel des Buches

Jiddische Klezmer-Musik kennt heute fast jeder. Allerdings weiß kaum jemand, wo sie herkommt und welche Bedeutung sie in der jüdischen Kultur hat. Damit sich das ändert, hat das Autorenpaar Joel Rubin und Rita Ottens ein Buch veröffentlicht, das sich auf populärwissenschaftlichem Wege des Themas annimmt.

Das Wort „Klezmer“

Das Wort „Klezmer“ kommt übrigens aus dem Hebräischen und heißt eigentlich „Musikinstrument“. Seit dem 16. Jahrhundert steht es in Osteuropa für den Musikanten, und heute bezeichnet es einen spezifischen Musikstil.

Klezmer – ein Relikt mit abgelaufenem Verfallsdatum?

Klezmer-Klänge dienten ursprünglich einem höheren, religiösen Zweck. Doch der ging verloren auf der Überfahrt von der Alten in die Neue Welt. Und vor allem auf dem Weg von der Alten in die Neue Zeit. Die Geschichte des Klezmer ist eine Wandergeschichte, ein Entwicklungs- und Reiseroman mit hoffentlich noch offenem Ausgang. Denn glaubt man den Autoren Rubin und Ottens, dann erzählt die Klezmer-Historie eher ihren eigenen Niedergang. Klezmer – ein Relikt mit abgelaufenem Verfallsdatum? Nur, wenn das Wissen um die Wurzeln endgültig verschüttet wird. Dem entgegenzuwirken, ist der Auftrag des Buches. Und wenn es auch kein Happy-End hat, so könnte es doch die Asche sein, aus der sich ein neuer Phönix erhebt. Das Leitmotiv des Textes lautet also gewissermaßen „Was bisher geschah“.

Die „Hauptfigur“: Klezmer-Musik

Doch zunächst gilt es, den Hauptdarsteller vorzustellen. Die Klezmer-Musik ist ein Janusgesicht. Sie umfasst auch ausgelassene Tänze, aber das Ah und Oh ist ihr klagendes Lamento. Ob ein Klezmorim sein Handwerk beherrscht, läßt sich ganz direkt daran ablesen, ob er sein Publikum zum Weinen bringt, denn das jüdische Herz ist angeblich eine Fiedel. Die Geige ist das Hauptinstrument des Klezmer, auch wenn sie später von der Klarinette verdrängt wird. Die Töne haben leicht gebogen zu klingen, und die Melodien werden reich verziert, ohne dabei die typische Sangbarkeit zu erdrücken. Die Arrangements des ganzen Ensembles entziehen sich der Dur-Moll-Harmonik, sind allerdings auch nicht rein modal angelegt.

Das gewisse „Etwas“

Doch der seltsame Zauber, der von dieser Musik ausgeht, läßt sich kaum musiktheoretisch erfassen. Es ist das gewisse Etwas, das echten Klezmorim von Kind an mitgegeben wird. Der Beruf des Klezmorim wurde meist vom Vater an den Sohn vererbt (die Klezmer-Geschichte ist eine reine Männergeschichte!). Ohne Lehrbücher und Notenschriften, denn die Melodien wurden mündlich tradiert. Für die Juden kein Problem, denn sie lernen schon früh in der Tora-Schule, ihr Gedächtnis zu trainieren.

Was bisher geschah

Die Wurzeln des Klezmer liegen im Spätmittelalter an den Rheinufern Westeuropas. Von dort wurden diese aschkenasischen Juden gen Osten vertrieben. Wo sie im 18. und 19. Jahrhundert die geordneten westeuropäischen Musikformen mit der osteuropäischen Improvisationskunst vermolzen. Vor allem im heutigen Weißrußland, in Polen, Litauen, Rumänien und der Ukraine blühte die Klezmer-Musik. Jede Kleinstadt, jedes Schtetl hatte seine eigenen Vorlieben.

Die Stellung der Klezmorim war allerdings eine ambivalente. Ihre Nähe zu Gauklern und Spielleuten machte sie auch in der eigenen Kultur zu Außenseitern. Obwohl sie aus dem sozialen Leben nicht wegzudenken waren.

Hochzeit im Schtetl

Klezmer-Musik hatte religiöse und mystische Bedeutung. Sie verkörperte Leben und Tod, das jüdische Urdrama. Kein Fest, kein Ritus kam ohne sie aus. Am wichtigsten aber war sie bei den Hochzeiten, wo sie böse Geister vom Brautpaar fernhalten sollte. Die Schilderung der jüdischen Hochzeitszeremonie mit ihrem festgelegten Ablauf, dem üppigen Programm und den großen Emotionen gehört zu den Höhepunkten des Buchs! Fast kriegt man auch als Nichtjude Lust, wenn da nicht die vielen Tränen und drohenden Ohnmachten wären. Als jüdische Braut muß man schon hart im Nehmen sein…

Abschied von der Alten Welt

Doch schnell holt die Realität den Gang der Geschichte wieder ein. Immer neue Pogrome begleiten die Juden auch im 19. Jahrhundert, als der Geniekult in die Klezmer-Musik Einzug hält und die Annäherung an die sogenannte „Kunstmusik“ wächst. Riesige Auswanderungswellen schwappen um die Jahrhundertwende nach Amerika, vor allem nach New York, wo die Klezmer-Musik ihre letzte Blüte feiert.

Klezmer erobert New York

Dem jüdischen Leben in Brooklyn und an der Lower East Side ist ein Großteil des Buches gewidmet. Man erfährt viel von armen Sweatshop-Workers und reichen Alrightniks, von schummrigen Gangster-Bars, der Sommerfrische in den Catskills sowie der Verschmelzung von Klezmer und Entertainment-Industrie.

Das New York-Kapitel ist das atmosphärisch dichteste des ganzen Buches. Hier finden sich auch die wenigen auflockernden Anekdoten. Kein Wunder, denn sie sind den letzten noch lebenden Ohrenzeugen zu verdanken, die Rubin und Ottens interviewt haben. Ansonsten gerät der Text kaum ins Plaudern. Die Schilderungen sind zwar alle gut lesbar, aber sehr sachlich gehalten. Dafür sind die Abschnitte aber auch gespickt mit Hinweisen auf Erzähl-Literatur, wo sich der jüdische Alltag und besonders der der Klezmorim entsprechend lebendig nachlesen läßt.

Das „Klezmer-Revival“

Im Laufe des 20. Jahrhunderts verliert sich die Spur des Klezmer. Die Alten sterben aus, die Neuen assimilieren sich lieber in der modernen Welt. Mit dem sogenannten Klezmer-Revival, das in den 70er Jahren seinen Ausgang wiederum an der Lower East Side nimmt, gehen die Autoren hart ins Gericht. Die Anklage lautet auf Mainstream-Kitsch, verwässerte Spieltechnik und Ignoranz der ursprünglichen, rituellen Funktionen der Musik.

Giora Feidman-Dissing

Besonders subtil, aber dadurch erst recht bissig wird´s, wenn es um Giora Feidman geht. Der wird zwar nicht groß kritisiert, aber die Aufzählung seiner Engagements reicht schon aus, um ihn zwischen den Zeilen zu diskreditieren: Feidman „tritt in Kirchen, in Weihnachtssendungen, im Bundestag, bei der deutschen ´Grand Prix d´Eurovision´-Vorentscheidung und in der Wagner-Festspielstadt Bayreuth auf.“

Kampf um die kulturelle Anerkennung

Trauer und Wut schwingen da mit, doch der konstruktivere Weg, eine Umkehr zu erreichen, ist sicher das Buch als solches. Die Intention, dem Klezmer auf ernsthafte Weise endlich den Respekt zu verschaffen, der ihm als Hochkultur zusteht, klingt durch jede Zeile.

Nichtmal am Rande: der Holocaust

Der Holocaust spielt in „Klezmer-MusiK“ übrigens kaum eine Rolle. Viel wichtiger sind die beiden lange zurückliegenden, fast mythisch erscheinenden Tempel-Zerstörungen. Denn die Verzweiflung darüber lebt vor allem im klagenden Ton des Klezmer weiter, und das schon seit Jahrhunderten. Außerdem ist die Klezmer-Musik mit den osteuropäischen Juden ausgewandert, so daß ihre Geschichte schließlich in Amerika fortgeschrieben werden muß. Und vermutlich ging es den Autoren auch darum, das Augenmerk nicht vom eigentlichen Thema ablenken zu lassen. Und das ist nunmal die Musik.

Fazit

Aber: keine Musik ohne Menschen, und so stehen eigentlich sie im Mittelpunkt des Textes. Musiker und Publikum. Ihre Zeit- und Lebensumstände werden immer im Auge behalten, entlang des roten Fadens der „Klezmer-Musik“. Ein Buch, das weder für Soziologen und Historiker noch für Musikwissenschaftler geschrieben wurde, sondern für alle Interessierten, die mehr wissen wollen über das Faszinosum Klezmer.

Klezmer zum Hören und Sehen

Das Label Wergo veröffentlich eine CD zum Buch: „Oytsres Treasures“. Darauf werden die wichtigsten Klezmer-Persönlichkeiten dieses Jahrhunderts in zum Teil unveröffentlichten Aufnahmen zu hören sein. M. I. Rabinowitsch, Solomon Fajntuch, Naftule Brandwein, Dave Tarras, Max Epstein – und Joel Rubin.

Rubin ist nämlich auch Klarinettist. Und als solcher einer der wenigen Klezmer-Musiker, die noch die ursprüngliche, reich verzierte Spielweise beherrschen. Mit seinem „Jewish Music Ensemble“ hat er bei Wergo auch eigene CDs eingespielt. Gemeinsam mit Rita Ottens schrieb er ebenfalls das Drehbuch zum Film über die Geschichte der Epstein Brothers: „A tickle in the heart“.

Rita Ottens/Joel Rubin
Klezmer-Musik
335 Seiten (1999)
Bärenreiter/dtv. DM 19.90

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