Live: Urge Overkill/Stoll Vaughan

Hannover, Café Glocksee, 17.8.2004.

Alles zu seiner Zeit.

Aussagen, die anderswo zu drei Euro ins Phrasenschwein führen, gewinnen an gewissen Orten neue Bedeutung. Zum Beispiel auf der Bühne des Café Glocksee in Hannover, wo Mitte August die Chicagoer Band Urge Overkill eines ihrer Deutschland-Konzerte gab.

Urge Overkill? Da war doch mal was… Richtig: Drei Glamrock-Hardrock-Popmusik-Poser, die Anfang der 90er in den einschlägigen Medien extrem angesagt waren. Bei den meisten im Gedächtnis verankert haben sie sich mit zwei Coverversionen: Hot Chocolate’s „Emma“ (bei UO hieß es dann „Emmaline“) und natürlich „Girl, you’ll be a woman soon“, mit dem sie es 1994 in Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ schafften. Die Pforte zum Mainstream-Himmel (oder doch eher Hölle?!) war geöffnet, der Schritt zum nächsten großen Rockmusik-Ding schien nur noch eine Frage sehr kurzer Zeit. Aber es kam, wie es oft kommt: Die Idee war gut, doch die Welt noch nicht bereit (um mal welche der Rockmusik-Säue zu zitieren, die danach durchs Dorf getrieben wurden). Urge Overkill hatten mit Neil Diamonds Song, zu dem sich Uma Thurman das falsche Pulver durch die Nase zog, nur ein kurzes Gastspiel im Mainstream, um dann still und leise zu verschwinden.

Jetzt sind sie wieder da. Von still und leise kann bei der Show keine Rede sein, aber ganz angekommen im Hier und Jetzt wirken Urge Overkill auch nicht, wenn sie – mittlerweile zu viert – einen Gig hinlegen, für den man das Wort unambitioniert erfinden müsste, würde es nicht bereits existieren. Sie haben’s noch drauf, die Gitarren krachen, Drummer Blackie Onassis haut ordentlich rein – und dennoch machen die beiden Sänger und Gitarristen Nash Kato und King Roeser permanent den Eindruck, als sei ihnen selbst nicht ganz geheuer, was sie da tun. Die Songs, die sie zum Besten geben, stammen in erster Linie vom 1993er-Album „Saturation“. Die sind sicher nicht schlecht, aber zweifelsohne… alt. Und kommen zehn Jahre zu spät.

Bestenfalls halbherzig spulen die in die Jahre gekommenen Hipster ihr bandinternes Greatest-Hits-Programm ab. Ganz ohne die Coolness und die narzistische Selbstinszenierung, die sie früher auszeichnete. Bei der ersten Zugabe drängt sich beim Blick auf die Bühne unweigerlich der Eindruck auf, vier Vegetarier in der Schlachterei zu beobachten. „Girl, you’ll be a woman soon“. Natürlich. War ja klar. Muss ja. Hätt‘ aber so auch nicht sein müssen. Dann doch lieber einen Neuanfang ohne die alten Hits, wenn die zwischenzeitlich zu Altlasten geworden sind.

Alles zu seiner Zeit. Für Urge Overkill scheint die Zeit vorbei zu sein. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Rock ’n‘ Roll ist kein Jugendding. Zumindest nicht ausschließlich. Wer mitmischen will, sollte allerdings noch genug Feuer unterm Arsch haben. Ohne das geht gar nix. Aber wer weiß: Vielleicht reicht’s ja noch mal für einen Tarantino-Soundtrack.

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