Charles Benoit: Relative danger

Im US-amerikanischen Krimi kann man über die letzten Jahre eine Verschiebung, weg von verwurbelten Rätseln hin zum erzählenden Roman beobachten. Charles Benoits Erstling „Relative Danger“ ist ein gutes Beispiel für die neue Stilistik. Er ist ein Krimi gewordener Reiseroman, geschrieben für eine Nation, bei der man das Gefühl hat, dass für sie die Juden der Gegenwart die Moslems sind.

Douglas Pearce ist arbeitslos und hat früher als Flaschenspüler in einer kleineren Brauerei gearbeitet. Er wird als junger, gutmütiger Kerl geschildert, der eine eher unscharfe Vorstellung von der Welt außerhalb seines Heimatortes und insbesondere außerhalb der USA hat [womit er natürlich in der Realität in den USA nicht alleine dasteht]. Da bittet ihn eine ältere Dame Nachforschungen zum Tode seines Onkels anzustellen. Dieser, ein Weltenbummler und ehemals guter Bekannter der Dame, war vor 50 Jahren in Singapur erschossen worden. Der Täter konnte nicht ermittelt werden. In Pearce Familie war der Onkel immer das schwarze Schaf gewesen, über das keiner sprach, und ohne etwas über ihn zu wissen, meinte Douglas immer, dass da eine Geistesverwandtschaft zwischen ihnen bestünde.

Douglas macht sich auf den Weg nach Nordafrika. Fünfzig Jahre nach dem Ableben des Onkels tut er sich natürlich schwer, in fremden Ländern Anknüpfungspunkte zu dessen Lebensgeschichte zu finden. Dennoch hat er Erfolg, lernt Menschen kennen, die ihm helfen; und er scheint auch beobachtet zu werden, denn immer wieder gerät er in gefährliche Situationen. Ausgehend von Casablanca reist er durch Länder, die ihm geographisch, kulturell und sprachlich fremd sind.

Und hierbei handelt es sich um das eigentliche Thema des Buches: Es schildert eine ferne Welt, jenseits der Terrorangst und der verzerrten Wahrnehmungen des Pauschaltourismus – es ist eine Welt, die Douglas zunehmend akzeptabel erscheint. Ähnliches haben andere natürlich auch schon versucht zu erzählen, aber selten so gekonnt. Benoit kennt offensichtlich die fernen Gegenden dieser Welt aus eigener Anschauung, und die Geschichte gibt ihm ausreichend Gelegenheit das zu demonstrieren. Das Buch hält was es verspricht, nicht mehr – aber auch nicht weniger. Der Autor würzt das Programm mit viel Humor, z.B. wenn er eine Gruppe britischer Fremdarbeiter in Bahrain beschreibt, die dringend einen zehnten Mann zum Saufen suchen – bei weniger schenkt der Barkeeper nichts aus – und bei einem Rugbyspiel enden. Charles Benoit ist ein kluger Beobachter und ihm ist ein sprachlich und erzählerisch sehr reifer und ausgewogener Erstling gelungen.

Schwachpunkt des Buches ist etwas die „Rätselarbeit“. Hier hat der Autor nicht so viel investiert. Im Verlauf des Buches werden nur wenige (falsche) Spuren gelegt, so dass die Auflösung des Rätsels einerseits (aus der inneren Logik der Geschichte heraus) etwas aus dem Hut gezaubert wirkt, aber andererseits (für den Leser) vorhersehbar ist. Wenn Charles Benoit hier in Zukunft „nachbessert“, können wir noch viel von ihm erwarten.

Charles Benoit: Relative Danger. Poisoned Pen Press 2004. 620 Seiten, 20 €
(bislang noch keine deutsche Übersetzung)

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