Die Woche des Authentischen

Die Schriftsteller schöpfen aus der Wirklichkeit, dem Faktischen, Authentischen. So weit so richtig so gut. Aber was kommt dabei heraus, wenn die Schriftsteller – die von Kriminalromanen im Besonderen – nicht nur aus dem Authentischen schöpfen, sondern es zur Grundlage ihrer Arbeit machen?

Über den Umgang mit Tatsachen in Kriminalromanen soll es für den Rest dieser Woche gehen. Nicht um die hanebüchene Beweisführung eines Dan Brown, obwohl dieser Fall in geradezu vorbildlicher Weise zeigt, wie anfällig schlichte Gemüter für das sogenannte „Faktische“ sind, zumal dann, wenn es im Gewand des Mysteriums und der Aufklärung daherkommt. Beginnen wir lieber mit einer stichwortartigen Sammlung von Gedanken und Indizien zum Thema.

Authentizität ist ein Fall für sich; er unterliegt nicht, wie etwa die „fiktive“ Entwicklung eines Krimis, Kriterien der Logik und der allgemeinen Lebenserfahrung. Wenn in, sagen wir, Wien ein Blumentopf aus dem 18. Stockwerk fällt und nicht auf den Boden, sondern den Kopf eines gerade das Haus verlassenden Raubmörders knallt, dann nennen wir das einen bizarren Zufall, der das Authentische noch reizvoller macht. Wird indes die Szene allein der schöpferischen Phantasie eines Autors zugeschrieben, verliert sie dramatisch an Wert und der Zufall, eben noch bizarr, wird mit einem Male billig. Was dort als Pointe geschätzt wird, gilt hier als Unvermögen.

Gerade der Krimi, dessen Wirklichkeit, wäre sie denn authentisch, immer Wirklichkeit in der Extremsituation wäre, steht unter der Fuchtel der allgemeinen Lebenserfahrung des Lesers. Der wird, hat er das Buch gelesen, die Story auf ihre „Realitätstauglichkeit“ prüfen. War es wirklich logisch, dass der Mörder dem Kommissar dort und dann eins überzog, obwohl er gar nicht vorhersehen konnte, dass der Kommissar sich dort und dann aufhalten würde? (eine Frage, die ich mir bei der Lektüre von Fred Vargas’ „Der vierzehnte Stein“ stellte, bevor ich mich von der allgemeinen Logik als Maßstab des Fiktiven verabschiedete). Wäre das alttestamentarische Ambiente, in dem die Dorfbewohner in Berhard Jaumanns „Die Vipern von Montesecco“ Gericht halten, in einem durchschnittlichen italienischen Dorf möglich (Natürlich nicht; oder vielleicht doch?)? Entspricht die im Roman geschilderte Polizeiarbeit der wirklichen Polizeiarbeit?

Eine häufig gestellte Frage. Ich empfehle hier „Todesmuster“ von Norbert Horst, ein Kommissar auch im wirklichen Leben, der Authentizität gerade mit künstlerisch-stilistischen Mitteln herstellt und eben nicht als blanke 1:1 – Wiedergabe versteht. Das hat auch ganz pragmatische Gründe: Einen 1:1-Polizeiroman möchte und könnte nur lesen, wem das Telefonbuch zuviel Action enthält

In diesen Zusammenhang passt auch die jüngste Äußerung der Autorin Gabriele Wolff:

„Mein Thema, sehr abstrakt gefasst, ist das existenzielle Spannungsfeld zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Ideal und Realität, Lesen und Leben, Schein und Sein, Wahrheit und Lüge mit allen ihren segensreichen und zerstörerischen Zwischenformen. Als ich dann Staatsanwältin wurde und hauptberuflich, so sah ich das, daran gehen konnte, diese Spannungsfelder zu verkleinern, fiel mir die Nähe meiner Arbeit zum Kriminalroman auf.“

In diesem Statement stecken nun so ziemlich alle Schlüsselwörter, die uns zum Verhältnis authentisch – fiktiv, wahrhaftig – erfunden, Original – Nachahmung einfallen könnten. Ergänzt um die berechtigte Frage, ob die hauptberufliche Beschäftigung mit den „Fakten“ den nebenberuflichen Umgang mit ihnen tatsächlich unterstützen kann, die Fiktion also die Wirklichkeit bedient und umgekehrt.

Es ist nicht so einfach mit dem Authentischen. Und erwähnen wir den theoretischen Klassiker aller theoretischen Klassiker nur am Rande: Was wird aus „empirischer Wirklichkeit“, wenn sie zu „fiktiver Wirklichkeit“ wird?

Im „Freitagsessay“ wollen wir uns an kurzen Beispielen anschauen, welche Funktion „der authentische Kriminalfall“ für die Entwicklung dessen hatte, was ich nicht mehr „Genre“ nennen möchte. Nur mal reinschnuppern in diese hochinteressante Geschichte; vollständig aufgetischt werden wird sie dann bei anderer, größerer Gelegenheit.

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