Kick out culture

Zufälliges Zusammentreffen der Ereignisse. Kürzlich eine wohlmeinende Mail: Das mit den alten Krimis sei toll, aber warum denn Sponsoren? Es gibt doch öffentliche Fördermittel! Irgendwo ganz bestimmt auch ein Töpfchen für das kulturell Abseitige, aber dennoch Wertvolle. Heute dann ein Blick ins → Forum der Krimicouch : Silvia Kaffke setzt ihren Kreuzzug geben die Kostenlosigkeit der Literatur fort, diesmal argumentiert sie gegen Autorenlesungen ohne Honorar und, indirekt, für mehr öffentliche Fördermittel.

So. Und jetzt der Schock: Ich bin dafür, die Kultur dieses Landes ab sofort mit keinem Euro mehr zu subventionieren. Alles auf Null: Die Theater, die zum 10.000 „Madame Butterfly“ flattern lassen, die bildenden Künstler mit ihrer Hybris, die Filmemacher mit ihrer einen Million für eine Zehntel-Idee. Weg damit. Totale Marktwirtschaft. Wer Kultur schafft, der verkaufe sie gefälligst auch. Wer Kultur konsumiert, der zahle dafür den angemessenen Preis. Und jammert mir nicht, ihr hättet kein Geld dafür! Für alles andere kratzt ihr die letzten Groschen zusammen, aber das Kulturelle möge euch gefälligst ins Maul flattern. Schluss, aus.

Zugegeben: Diese Gesellschaft würde von den Kalamitäten einer abrupt auf das finanziell Trockene gesetzten Kultur nur wenig mitbekommen. Verwundert nicht. Ein Volk, das der Bildzeitung glaubt, hat keine Kultur verdient und will sie sich auch nicht verdienen. Ein Volk, das zuschaut, wie Millionen in die Armut getrieben werden und dem man straflos weismachen kann, Hartz IV mache seine Bezieher zu reichen Müßiggängern, ein solches Volk sollte man vor eine gigantische Flimmerkiste setzen und mit Sabine Christiansen, Prinz Dingsbums und Superstar Trallala bis zum erschöpften Ableben zumüllen. Für alle anderen gilt: Gib dem Künstler, was des Künstlers ist, achte den Wert schriftstellerischer Arbeit, und wenn du dich für alte Krimis interessierst und nicht am Bildschirm lesen willst, dann bezahl dafür.

Verglichen mit anderen kulturellen Zuwendungsempfängern sind Schriftsteller arme Schweine. Manchmal ehrt man sie mit dotierten Preisen, wofür sie sich auch noch herzlich bedanken müssen und bitte, bitte, wenigstens halbwegs im kulturellen und politischen Konsens zu bleiben haben, sonst wird ihnen die Zuwendung, siehe Handke / Heine, postwendend wieder entzogen. Oder man gewährt ihnen Stipendien. Ein Jahr Stadtschreiber in X, 800 € im Monat, dafür aber bitte etwas Stadtbeweihräucherung in gedruckter Form abliefern. Wer von seiner „Schreibe“ leben möchte, muss allerdings notgedrungen in der Marktwirtschaft ankommen, sprich: viele Bücher verkaufen. Na ja, Qualität setzt sich durch. Okay; oftmals aber leider nicht zu Lebzeiten des Autors. Ohne die Pöstchen, die ihnen Goethe verschaffte, wären sowohl Herder als auch Wieland als auch Schiller verhungert. Jean Paul überlebte dank fürstlicher Monatsrente, Arno Schmidt, der hier natürlich nicht fehlen darf, ist nur deshalb nicht in der „Scheiß=Großindustrie“ untergetaucht, weil ihm der Rundfunkredakteur Alfred Andersch ein Zubrot verschaffte und ihn „Nachtprogramme“ über vergessene Dichter und ihre noch vergesseneren Werke schreiben ließ, womit Schmidt, dies nebenbei, übrigens mehr für die Literatur getan hat als 100 Jahre bornierte Germanistik.

Ohne diese mehr oder weniger privaten, manchmal auch öffentlichen Zuwendungen sähe die deutsche Literatur ärmer aus, keine Frage. Aber ist das ein Argument FÜR Subventionen und Selbstausbeutung? Eher nicht. Denn im Bewusstsein der Schaffenden wie der Konsumenten hat sich eine fatale Eigendynamik entwickelt, die das Bild des Schriftstellers, wie man es heutzutage beklagen muss, geformt hat. Erstes Charakteristikum: Literatur ist etwas Hohes, ein Wert außerhalb wirtschaftlichen Koordinatensystemen, etwas, wofür man sich selbst auszubeuten hat, etwas, für das man Lob und Ehr und Dank und ein paar kleine Scheine (vielleicht auch noch in Koffern konspirativ überreicht) erwarten kann – aber nicht das, was ansonsten wie selbstverständlich dafür sorgt, dass unsere Gesellschaft so funktioniert, wie sie nun einmal funktioniert: eine finanzielle Gegenleistung wie für jede andere Arbeit auch.

Damit jedoch wird Schreiben nicht mehr als das empfunden, was es nun einmal vorrangig ist: Arbeit. Etwas, das Zeit kostet, Zeit, die einem fehlt, um etwa in der Schmidtschen „Scheiß=Großindustrie“ die Brötchen zu verdienen, die man nach Feierabend dann kulturell buttert. Schreiben ist Selbstfindung, Hobby, Suchen nach Anerkennung, man bekommt den Lohn „zugesprochen“, wird gnädigst „ernannt“, bekommt „feierlich überreicht“ (machen Sie das mal bei Ihrem Klempner, der gerade die Wasserleitung geflickt hat! Der Mann ruft umgehend bei der nächstgelegenen Klapse an!). Auch darf man sich „bewerben“: Um Aufnahme in irgendwelche Anthologien, um die Gunst, „in nett-intimen Räumen“ vor notorisch nichtzahlendem Publikum lesen zu dürfen. Ist ja Werbung! Wo kämen wir denn da hin, wenn wir für Kultur bezahlen müssten, die uns nicht mit Gratispröbchen schmackhaft gemacht wurde!

So. Kommando zurück. Natürlich alles Quatsch, nur ein Gedankenspiel. Ich werde weiterhin der Selbstausbeutung frönen, Dinge kostenlos anbieten und irgendwie schauen, dass ich über die Runden komme, ohne den Kuckuck auf dem Rechner geklebt zu kriegen. Ich werde mir weiterhin geduldig dieses „Zu teuer!“ anhören, wenn der Nichterwerb eines Buches gerechtfertigt wird, während im Einkaufstäschchen die Whiskyflaschen, keine unter € 40, gegeneinander schlagen und es nicht einmal hohl klingt. Aber als kleine Vision….Schocktherapie halt….Man stelle sich vor: Die Kultur kollabiert. Nichts mehr ohne Gegenleistung, nichts mehr, wofür man auch noch Danke sagen muss. Ein kleines Häuflein Aufrechter, auf der Produzenten- wie der Konsumentenseite…und dann schauen sie halt, wie sie sich gegenseitig über Wasser halten.

Doch. Tief in mir drin sitzt die Überzeugung, dass wir die herrschende Kulturgroteske nur beenden, indem wir die herrschende Kultur und ihre Mechanismen abschießen.

21 Gedanken zu „Kick out culture“

  1. Zitat: „Da hat der Literaturbetrieb eine sehr sinnvolle Aufgabe.Denn er distribuiert das wenige Geld, das da zirkuliert, immerhin nach Kriterien. „Auch wenn die ‚innerbetriebliche Persistenz‘, ‚Ubiquität‘, ‚Geschmeidigkeit‘ und ‚intellektueller Masochismus‘ heißen. Es sind Kriterien, die letztlich die Subsistenz für etliche Menschen aus dem ‚Kulturtopf‘ entnehmen, wobei jene aus der Sozialamtsstatistik ausgeklammert werden können. Eine zivilisierte Gesellschaft kann sich solche terziären Versorgungssysteme nicht nur leisten, sondern muss es auch dringend. Künstler nämlich, die man nicht ernst genug nimmt oder etwa nicht künstlern lässt, haben bekanntlich schon viel Elend über die Welt gebracht.“

    Stimmt, lieber tw, aber wieviel Elend hätte durch Nichtkünstlernlassen verhindert werden können? Und wieviele der nur unzureichend aus Kulturtöpfen Trinkenden saufen zusätzlich aus den so arg missbrauchten, munter sprudelnden Hartz IV-Brunnen? Dennoch: Schon deshalb, weil es so schön doof, so herrlich verkommen, so wunderbar hirntot ist, muss man die Literaturbetrieblichkeiten erhalten und fördern. Aber lass mir bitte, wenigstens für rare Momente in meinem realpolitischen Dasein, meine Visionen. Kultur paputt, Literaten zeigen Vögel und schnaufen „Leckts mie!“. Literaturbeflissene müssen eine Whiskey-Flasche zurück in den Konsum tragen, damit sie ein Büchlein erwerben können. Zwanzig Seiten? Vierzig Euro? Warum eigentlich nicht. Ach, schöne unrealistische Welt!

    bye
    dpr

  2. Und, wenn ich schon mal beim Forumsgucken bin, das noch:

    „nicht viel Geld ausgeben wuerde ich fuer
    1. Patrick Boman „Josaphat Peabody geht fischen“, ist ganz lustig, aber ich wuerde nicht den vollen Preis fuer das Buch bezahlen.“

    Jo. Hab ich übrigens an einem sehr tristen Christihimmelsfahrtstag mit großem Vergnügen auf einen Sitz gelesen. Kost‘ 10 Affen. Hätte 20 hingelegt. Krieg sowas aber immer umsonst…tz,tz…

    bye
    dpr

  3. Lieber dpr,

    nur, um nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, ich möchte alles öffentlich subventioniert haben: inzwischen ist es mir sogar passiert, dass ich in einer Stadtbibliothek umsonst lesen sollte. Der Topf war einfach leer. Schließlich ist dann ein Buchhändler eingesprungen.

    Es ist ja leider nicht so einfach zu sagen, hört auf, die Statdttheater zu finanzieren und steckt das Geld in andere Kulturbereiche. Dieses um sich greifende Bewußtsein, dass es genug Leute gibt, die ihre wie auch immer geartete Kunst umsonst darbieten, führt ja eben nicht dazu, dass 20 Seiten 40 Euro kosten. Das führt eher dazu, dass man bei der honorarfreien, eintrittsfreien Lesung das Buch demnächst noch als Werbegeschenk drauflegen muss.

    Ich denke übrigens auch, dass gerade die Literatur am meisten von der „mach’s mir umsonst“-Manie betroffen ist. Was ist das denn schon? Da kommt einer, setzt sich hin und liest vor. Keine besondere Leistung. Hat er nicht studieren müssen oder sich in langen Jahren die Finger krumm üben müssen. Braucht er nicht noch eine Anlage schleppen, geschweige denn in eine investieren. Das ist auch gar nicht neu in den heutigen Zeiten, wo alle Töpfe leer sind. Das wurde schon in 70ern diskutiert – aber da habe ich noch Lyrik geschrieben, völlig unkommerziell, wollte eh keiner…

    Liebe Grüße
    Silvia

  4. Weißt du, Silvia, eigentlich habe ich nichts dagegen, wenn sich ein Autor, eine Autorin sagt: Na schön, gibt kein Honorar, aber vielleicht helfen mir die Reaktionen des Publikums weiter, vielleicht verkauf ich ein paar Bücher… Was mich stört, ist dieses Gönnerhafte, wenn Verlage Texte für „Anthologien“ abgreifen wollen oder eben ein paar Willige für Lesungen gesucht werden. Okay, glauben wir mal, dass wirklich kein Geld da ist und alles ganz niedlich, ganz idealistisch, ganz gemütlich. Mit ein wenig Glück kriegst du dann später irgendwelche Zuwendungen, aber das Gönnerhafte bleibt. Schlimmstenfalls führt das zu Schriftstellerexistenzen, die nur noch aus Literaturpreisen, Stipendien, milden Gaben von Mäzenen und oder Verlegern finanziert werden, alles gönnerhaft,und unser Autorlein (ich hab einen konkreten im Sinn, verrat ihn aber nicht) sitzt da und hat eine jahrelange Schreibblockade.

    bye
    dpr

  5. Silvia Kaffkes heftige Reaktion hat mich überrascht. Es fragt sich doch, zu welchem Zweck eine Lesung durchgeführt wird. Warum sind Autoren daran interessiert, zu lesen? Warum gehen Leser zur Lesung ? Vermutlich ergibt es sich, dass es da unterschiedliche Interessen gibt und dass junge unbekanntere Autoren hier eher eine Chance sehen und etablierte Autoren Arbeit. Cui bono? Der soll es zahlen ! Das wird von Fall zu Fall unterschiedlich sein und kann Autoren, Verlage, Leser oder auch Sponsoren betreffen. Eine Stadtbibliothek (vielleicht noch eine Veranstaltung mit Einladung/Grußwort des Bürgermeisters) die sich kostenlos für die eigene Reputation Künstler fängt, hinterlässt auch bei mir ein Geschmäckle.

    In einem älteren Beitrag in ihrem Blog schrieb Tess Gerritsen, dass Lesungen in Deutschland auch für amerikanischen Autoren interessant seien, da Deutschland nicht nur der zweitgrößte Buchmarkt der Welt sei, sondern Lesungen auch bezahlt würden. Also, während die Deutschen noch die Vorstellung vom kulturbeflissenen Bildungsbürger pflegen, bearbeiten die Marketingkünstler aus Amerika dort den Markt? Die Beschreibungen Barry Eislers in M.J. Roses Blog über seine Marketingarbeit legen dieses nahe.

    Aber vielleicht auch klar. Mit vollen Hosen lässt sich gut stinken. Ein Autor wie Barry Eisler tut sich natürlich leicht. Silvia Kaffke redet hier aber von einem akademischen Proletariat, welches am Rande des Existenzminimums lebt und in die Zange genommen wird von mächtigen Marktteilnehmern in Form von großen Konzernen und einem Publikum, das, geblendet von den Darstellung einiger weniger erfolgreicher Stars in den Gazetten, nicht einmal die Konsequenzen von Raubkopien versteht und Benzin und Spiele für ein elementares Lebensrecht hält.

    Beste Grüße

    bernd

  6. Eigentlich ne klare Sache, Bernd. Der Schriftsteller betrachtet Lesungen als Werbeveranstaltungen (warum keine literarischen Kaffeefahrten mit Büchern statt Heizdecken?), die er für ummesonst macht und anschließend ein paar seiner Werke verscheuert. Okay; das ist Markt.
    Was mich stört, ist der große Kontext. Sehr aufschussreich hierzu die Replik des betroffenen Veranstalters auf Silvias Einwände. Ich zitiere mal kurz: „(…)ich finde es wirklich super, dass es noch solche Autoren gibt, die etwas unkommerzielles schätzen, sich gerne in unserem Rahmen erproben und einen gemütlicher Abend bei uns verbringen.“
    Yep, ebbes Unkommerzielles; sich erproben; gemütlicher Abend. Dass Schriftsteller für ihre Arbeit bezahlt werden, ja, vielleicht gar davon leben wollen – ein Igitt. Aber so isses allgemein: Das Dichten als Ehrenamt, die finanzielle Zuwendung als Gnade. Plötzlich hat das „akademische Proletariat“, das sich Lesungen antut, „kein Geld“. Natürlich gibts das. Aber glaube mir: Viele haben für alles Mögliche Geld, aber bei Dichters solls halt möglichst „unkommerziell“ zugehen, sprich: Da sparen wir uns die paar Euro für den Italiener oder Griechen oder den nächsten Kneipenbesuch. Mal davon abgesehen, dass solche Lesungen größtenteils von Gutverdienenden heimgesucht werden.

    bye
    dpr

  7. Ach, die netten Jungs aus München haben da ja was losgetreten: Sie wollen halt ein bisschen für das sorgen was ihnen wohl fehlt: Reden über Literatur womöglich mit den Produzenten. Sowas ist notgedrungen no profit. Gibt`s hier in Berlin auch, in Frankfurt und sonst wo und heisst Salon. Die Größe der Kaliber, die da aufreten, ergeben sich aus den Kontakten der Veranstalter alle haben einen netten Abend – that`s ok. Von Anspruchsdenken, heimlichen Profiten oder was auch immer, keine Spur.
    Natürlich leben Textproduzenten von ihrer Keybaord Arbeit – aber auch da gibt es Unterschiede: Man verkauft Texte (oder tritt auf oder berät oder was auch immer) für möglichst viel Geld dahin, wo Geld ist. Und man schreibt Texte (tritt auf oder berät oder was auch imer), notfalls für lau, wenn man ein Projekt gut findet oder was zu sagen hat, was man sonst nicht im gewünschten Format unterkriegt oder was auch immer. Ich finde das völlig normal und halte das seit 25 Jahren auf der freien Wildbahn auch immer noch so und 100 Kollegen und -innen genauso.
    Gilt natürlich nicht für ganze Romane – die sollte man nur für Geld (am besten sinnvolle Vorschüsse) schreiben. Geht auch kaum anders. Da fängt`s an: Der Drang vieler AutorInnen für lächerliche Summen bzw. gar mit Zuzahlung aus eigener Tasche den eigenen Namen gedruckt zu sehen, ist erstaunlich.
    Wiederum auf der anderen Seite ist der Vorschußwahnsinn der letzten Jahre endlich vom Tisch, und ein gewisser Realismus eingekehrt. Wiederum andererseits biedern sich inzwischen Verlage an, die fast unbesehen jeden Schrott drucken, weil er „wenig kostet“ – viele Ms. die bei mir nicht am Vorzimmer vorbeigekommen sind, erscheinen ein paar Monate später als „richtige“ Bücher – für deren Existenz es nur einen Grund gibt: Sie waren „günstig in der Kalkulation“.
    Das Verschwinden oder allmählich Versiegen öffentlicher Gelder – ja, eine Realität, mit der alle Sektoren des Lebens zurechtkommen müssen – und die auf der Ebene der „Kunstförderung“ nicht unbedingt zu lösen oder zu diskutieren ist …
    Und dem Würgegriff der Konzerne könnten die Endverbraucher ein Ende bereiten: In dem sie deren Schrottprodukte (auch die Großen haben anderes im Angebot, die würden doch glatt auch Qualität verkaufen, da sind die ganz wertneutral) nicht kaufen – bzw. diese Kaufentscheidung nicht als besonders demokratischen Akt des „breiten Publikumsgeschmacks“ auch noch aggressiv propagieren würden – Stichwort: Blick in die Foren, lieber dpr. Anyway, der Kuchen ist noch (?) groß genug und die Nischen können gepolstert werden. Nur auf Subventionen gibt es kein verbrieftes Recht – eine Gesellschaft SOLLTE sie sich leisten, aber legitimiert müssten sie dann schon sein. Und wenn man keine guten Argumente hat – nu, dann wird`s eben kritisch. Miese Literatur (und es gibt da eben nicht nur Geschmackskriterien)zu subventionieren, nur damit das Budget immer schön ausgeschöpft ist, schauderhaft …
    Einen schönen Tag wünscht
    TW

  8. Ich suche einen Elektriker, der in gemütlicher Atmosphäre über seine Arbeit plaudert. Unkommerziell, of course. Warum durchkribbelt es mich immer, wenn ich mit einer Büroklammer in den Steckdosenlöchern bohre, um sie zu reinigen? So was vielleicht. Und am nächsten Tag komme ich dann zu diesem Elektriker und sage ihm: Hör mal zu. Du machst mir jetzt zwanzig Jahre lang alles Elektrische. Für lau. Wenn ich mit deiner Arbeit zufrieden bin, gehe ich mit dem Hut rum, sammle und verleihe dir den Großen Elektrikerpreis plus 5000 Euro. Mensch, wird der sich freuen!
    Will sagen: Nix gegen einen „elektrischen Salon“. Da würde sich bestimmt jemand finden, der ganz elegant Werbung für sein Geschäft machen könnte. Aber der Rest?
    Bei Dichters ist das nun mal so. Klar wäre es anders, wenn nicht die 90% Bockmist, die allenthalten die Regale der Dichter&Denker-Nachfahren vollstellten, die Portemonnaies leeren würden, bevor „das gute Buch“ ans Türchen klopft und „kauf mich“ sagt. Aber was dagegen tun? Versuchen, die 90% Bockmist gegen Null tendieren zu lassen? Auf die Intelligenz der Leser vertrauen? Nö. Dann lieber die Radikalkur: 100 % Bockmist! Allüberall! Und dann könnte man ja mal schauen, ob sich was entwickelt. Glaubs ja nicht. Nee. Alles nur Vision. Bis dahin: Gute Bücher kaufen. Übrigens: Ich hab mal Leute gekannt,und das waren nicht wenige und alles natürlich Moralisten und wegen-jedem-gefällten-Baum-Betroffene, die fanden nichts dabei, Bücher zu klauen. Is Kultur, gehört allen. Remember Zettels Traum Raubdruck. Als die Raubdrucker dann das „Honorar“ dem Autor übern Zaun warfen und leider zu schnell weg waren, bis der mit seinem Findling zurückwerfen konnte.
    Ja, ja, kompliziert, unlösbar.

    cheers
    dpr

  9. Lieber dpr,

    Du hast ja recht.

    „(…)ich finde es wirklich super, dass es noch solche Autoren gibt, die etwas unkommerzielles schätzen, sich gerne in unserem Rahmen erproben und einen gemütlicher Abend bei uns verbringen.“

    Das ist keine Replik, sondern naives Gesülz. Ist doch ganz klar, wenn ich die Dinge, die ich emotional wertschätze (sprich: die mir gefallen) nicht auch monitär wertschätze (sprich: kaufe), werden die Anbieter dieser Dinge ihr Angebot zurückziehen und ihre Arbeitskraft (so sie können) anderweitig anbieten.

    beste Grüße

    bernd

  10. Zitat: „Ist doch ganz klar, wenn ich die Dinge, die ich emotional wertschätze (sprich: die mir gefallen) nicht auch monitär wertschätze (sprich: kaufe), werden die Anbieter dieser Dinge ihr Angebot zurückziehen und ihre Arbeitskraft (so sie können) anderweitig anbieten.“
    Versteh ich das jetzt falsch, oder werden WTD und Jahrbücher und Titel-Magazin o.ä. jetzt eingeklappt?
    Hmmm
    TW

  11. Das würde dir so passen, lieber tw (von dem Hamburger red ich gar nicht; der bekäme Heulkrämpfe vor Glück), wenn ich hier einklappen würde! Aber nix da! Ich bestehe auf unkommerzielle Selbstausbeutung bei netten Menschen in gemütlicher Atmosphäre! Das ist Menschenrecht! Bei den Jahrbüchern isses halt die blanke Kalkulation. Wird nix gekauft, wird auch irgendwann nix mehr hergestellt. Selber schuld, ihr Spardosen (du ja nu nicht, tw, du zahlst ja…nicht nur mit Geld…irgendwann adoptier ich dich)!

    bye
    dpr

  12. Wieso werd ich hier nicht auch gelobt? Auch ich habe mein Rezensionsexemplar von Holtei bezahlt! Wollte ich nur mal sagen. Ansonsten tut es mir sehr leid zu sagen, dass dpr wieder einmal recht hat.

    Ich finde den Hinweis auf den Salon interessant, aber nicht ganz zutreffend. Das waren hochwichtige Veranstaltungen, auf denen sich die Elite traf. Gibt es die noch? (Nicht hier in Karlsruhe, glaube ich. Obwohl auch wir Elite haben.) Aber da haben sich dann auch Dichter durchfüttern lassen und wurden von den Salonisten mitverpflegt und mäzenisiert. Und man traf sich da auch wegen der Kunst und der Politik, die man miteinander und manchmal noch während des Entstehens diskutieren konnte. Das ist denn doch noch was anderes als „gemütliche Atmosphäre und nette Menschen“.

  13. Danke, lieber dpr, für das Ausmerzen der Tippfehler, hab jetzt meine andere Brille auf ….
    Natürlich gibt`s keine Rachel like Salons mehr, aber „zeitlich angepaßt“ schon – bei Susanna Mende in Berlin, bei Lothar Ruske in Ffm. Was ich nur sagen wollte: Die Jungs aus München – vielleicht ein bisschen unprofessionell, vielleicht a weng ungeschickt und a weng weng outspoken – machen ja nix Böses oder Unsittliches – Kanonen auf Spatzen …
    🙂
    T

  14. Ja, lieber tw, Kanonen auf Spatzen, und vielleicht müssen jetzt die Münchner Jungs nur unter der sich bei mir anlässlich gewisser Wortwahlen automatisch einschaltenden verbalen Flammenwerfer leiden…Ändert nichts am Grundsätzlichen und auch nicht daran, dass ich außer einer nicht praktikablen Radikallösung auch nix zu bieten hab. Leider. Also weitermachen wie bisher. Zähne zusammenbeißen, nochmal prüfen, ob die Pumpgun geladen ist und dann nix wie rein in den Dschungel.

    bye
    dpr
    *übrigens, lieber Georg, hättest du zuerst die Rezension geschrieben, hättest du natürlich Schwarzwaldau umsonst bekommen. Tja, das Kritikerleben ist ein Teufelskreis…

  15. Danke für den Hinweis. Ich werde also jetzt das Buch von Karl Haffner, „Der Polizei=Agent“, mit einer hübschen Umschlagzeichnung „des bekannten saarländischen Illustratoren und Künstlers Raphael Wünsch“ (Zitat aus einem recht neuen, intelligenten, interessanten Weblog). Und hoffe, dass es dann auch mal kommt.

    Wie war das: Rezensenten zahlen das Doppelte? Auch so ein Vorschlag zur laufenden Kulturdiskussion.

  16. Rezensenten zahlen das Doppelte? Bring mir den guten tw bloß nicht auf dumme Gedanken, das würde mein Konto aber nun dermaßen auf Null setzen…
    Wen`s interessiert: Es wurden von Schwarzwaldau tatsächlich keine Rezensionsexemplare verschickt. Erstens weil sie keiner angefordert hat, zweitens weil ich nicht auf gut Glück die schönen Büchlein in die Welt hinausschicken wollte. Dass es dennoch etliche Kritiker gibt, die ein kostenloses Exemplar erhalten haben, hat einen ganz anderen Grund und war, ich schwörs, nicht mit dem Gedanken an eine Rezension verknüpft. Und es gab sogar welche darunter, die hätten davor sogar bezahlt. Fand ich schön, fand ich rührend. Also: „Der Polizei=Agent“. Ich erwarte deine Rezension.

    bye
    dpr

  17. Auch wenn die Diskussion hier zuletzt eher launig war, was heute zu dem Thema bei der Krimicouch noch abging, schägt dem Fass den Boden aus.

    Da sagt mir so ein Schnösel, 250 Euro VHS Mindesthonorar für „ein Stündchen Vorlesen“ sei ja wohl unverschämt, wenn man bedenke, dass ein Hartz VI Empfänger einen halben Monat davon leben müsse…

    Meine Erklärung, schließlich gehöre das Lesungshonorar letztlich zu dem, was man aus seiner schlecht honorierten Arbeit an einem Buch noch herausbekommen kann, tut er ab mit dem Hinweis, man lese ja aus einem fertigen Buch.

    Soviel also noch zum Thema Entlohnung geistiger Arbeit – und da sind wir weit weg von der Subventionsdiskussion. Ich kann es nicht fassen!

    Liebe Grüße
    Silvia

  18. Zitat Couch: „… zeigt doch genau die Einstellung, die z.T. hier, aber noch mehr im Hinternet, zu dem Thema diskutiert worden ist. Eine erschreckende Mißachtung geistiger Arbeit allgemein und der von Autoren im besonderen.“

    Aber liebe Frau Kaffke (entschuldigen Sie, ich Du-ze grundsätzlich nicht so schnell, ob Forum oder nicht),
    natürlich sind 250 € für eine Lesung völlig ok und angemessen. Früher gab`s mehr, aber heute müssen wir freelancer alle für das selbe Geld (oder weniger) mehr arbeiten. Wenn man mehr kriegen kann, nimmt man mehr .. wenn`s um weniger geht, entscheidet man nach Sympathie oder Taktik.
    Grundsätzlich sehe ich nicht, daß geistige Arbeit (oder speziell die von Autoren, wo ist der Unterschied?) hier besonders gering geschätzt wird. Au contraire. Sowohl dpr wie auch Georg Patzer betreiben Selbstausbeutung – weil sie wissen, dass geistige Arbeit NIE geldwerte Äquivalente hat – und nie hatte (historisch gesehen). Das muß man wissen, wenn man sich diesen Beruf aussucht. Dieses Risiko ist essentiell. Wer schreiben, sagte mein Freund Robin Cook aka Derek Raymond immer, als bequemen Weg in eine Mittelschichtsexistenz betrachtet, wird nur Scheiße schreiben. Und das redet NICHT dem armen Poeten das Wort, überhaupt nicht. Sondern unterstreicht nur die prekäre Lage, in der kreative Geister immer sind und immer waren! Egal welche Kunst sie ausgeübt haben und ausüben. Das kann gutgehen, man kann reich werden, aber es steht nirgends geschrieben, dass es einen vorgeschriebenen Weg gibt.
    Wenn Sie Subventionsabbau geißeln, dann behaupten Sie auch eine spezielle Position von Kunst in dieser Gesellschaft (die auch nicht a-historisch ist) – und die müsste, wie gesagt, begründet sein. Und da wird`s schwierig …
    Das wollte ich nur so mal einstreuen!
    Best
    TW

  19. Ja, liebe Silvia, es tränen einem schon die Augen, wenn man sich auf die Couch setzt. Gewisse Ansichten sind so bizarr, dass man eigentlich mit ihnen auftreten und Eintritt verlangen könnte (davon lebt das Fernsehen, denk ich mal).
    Was tw schreibt, ist schon richtig. Die Schriftstellerei ist zunächst einmal ein Armutsberuf, was jedem klar sein sollte. Historisch beginnts eben mit dem Mäzenatentum, dem Haus- und Hof- und Lob- und Minnedichter, der bei Wettstreiten auftritt oder irgendwann sein Lehen bekommt. Noch im ausgehenden 18. Jahrhundert ist vom „Schutz des geistigen Eigentums“ keine Rede. Es wird raubgedruckt, als sei’s eine Selbstverständlichkeit – und es war auch eine. Mit der Industrialisierung und dem Anlaufen von Marktgesetzen (Lohnarbeit hier, Angebot und Nachfrage dort), beginnt es jedoch anachronistisch zu werden. Der Autor bietet etwas an – wenns gekauft wird, kriegt er die Tessiner Villa, wenn nicht, frisst er den Kalk von den Wänden. Wieder tritt das Mäzenatentum auf, heißt „Literaturpreis“ oder staatliche Kulturförderung, von Lohnarbeit keine Spur, was ich mir ehrlichgesagt bei Schriftstellers auch nicht vorstellen kann. Angemessene Entlohnung der Arbeit, das würde bedeuten: Mindestens doppeltes, wenn nicht drei-vierfaches Autorenhonorar bei entsprechender Verteuerung der Bücher – die dann keiner mehr kauft, und schon bist du im Teufelskreis.
    Wogegen ich mich wende, ist diese Billigheimer-Kultur-Mentalität. Aktuelles Beispiel: In Saarbrücken gibt es seit 18 Jahren in jedem Sommer kostenlose Konzerte am Schloss. Wirklich gute Blues-, Jazz- und Rockgruppen, alles bezahlt vom Stadtverband. Da der nun aufgelöst werden soll, wird auch diese Konzertreihe wohl den Bach runtergehen. Reaktion der (zahlreichen!) Besucher: Jo, dann kommt eben keiner mehr, wenns nicht umsonst ist. Leute, die gemütlich ihre fünf Bier trinken und die erlesenen Speisen kosten, aber keine fünf Euro für die Musik hinlegen würden. Soll doch der Staat bezahlen. Und geschrieben wird eh „aus einem inneren Bedürfnis heraus“, da darfst du froh sein, „Feedback“ zu kriegen. Irgendwann wirst du dafür wahrscheinlich auch noch bezahlen müssen.

    bye
    dpr

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