Vicki Hendricks: Cruel Poetry

Renata ist eine Sonne: Nur wer aber den rechten Abstand wahrt, den wärmt sie, wer ihr aber zu nahe kommt, der verglüht. Die sorgenfreie und ausgeglichene Frau ist jung, sexy und setzt scheinbar den besonderen Stoff frei, der alle, Frauen wie Männer, in seinen Bahn schlägt. Und Sex, Lust empfinden, Vergnügen spenden und Geld verdienen, ist wiederum der Stoff, der sie antreibt. Nicht, dass sie eine Strassendirne wäre, aber der gelegentliche Lustexzess allein oder gemeinsam mit ihrem Lover mit ausgewählten einzelnen Kunden oder Pärchen darf’s schon sein.

Während Francisco, ihr Lover, scheinbar den richtigen Abstand hält, um nicht unweigerlich an ihr zu zerschellen, schafft Richard, regelmäßiger Kunde, Poet und Professor an der lokalen Uni, das nicht. Seitdem der Endvierziger Renata kennengelernt hat, tut er alles, um sie davon zu überzeugen, ihr leicht schäbiges Hotel zu verlassen und mit ihm durchzubrennen. Jules, die Nachbarin aus dem Nachbarzimmer, im Hotel abgestiegen, um ihr erstes Buch zu schreiben, getrennt nur durch eine dünne Wand und ein Gemälde, welches ein Guckloch verdeckt, durch das sie das Treiben auf der anderen Seite verfolgen kann, ist eigentümlich fasziniert.

In “Cruel Poetry” trifft Anais Nin auf Noir. Und wir beobachten, wie alles, was in Renatas Nähe gerät, ins Strudeln kommt – selbst ihre Schlange, eine Python, die sie wie eine Halskette trägt, verhält sich eigentümlich zahm. Das labile Gleichgewicht der Personen kommt zu Fall, als sie eines Tages von einem Kunde attackiert wird und dieser mit Hilfe der Nachbarin dabei zu Tode kommt. Wohin nun mit der Leiche ? Zum Glück kennt Francisco Leute … Ungeschick reiht sich an Pech und immer tiefer versinken die Personen im Morast des unweigerlichen Unglücks.

Dieses Abenteuer und Renatas Wirkung auf die Menschen organisieren den Text und ziehen ihn zum Ende. „Cruel Poetry“ ist ein emotionales Buch und das weniger wegen der „expliziten Szenen“, sondern wegen der Personen, die den Leser bewegen und der scheinbaren Unausweichlichkeit ihres Schicksals. Ihr Auftreten ist unprätentiös und sie funktionieren ohne die so häufig verwendeteten Klischees: Die Personen sind so wie sie sind, sie mögen ein Vorleben haben, es ist aber nicht Schuld an ihren Leben.

Ein anregendes Buch also; ein Noir, so weiblich, so aufregend, so eigenständig wie nur wenige.

Vicki Hendricks: Cruel Poetry. Serpent's Tail 2007. 312 Seiten. 10,99 € 
(noch keine deutsche Übersetzung)

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