Unvollständige Welten

Wenn der Rezensent grad keine Lust zum Rezensieren hat, dann schreibt er über das Rezensieren. Das nennt man „Schmoren im eigenen Saft“ oder „kritisches Hinterfragen der eigenen Existenz“, je nachdem, ob man Zyniker oder Sozialpädagoge ist. Irgendwie geht’s immer um „Erkenntnis“, und wenn wir von Erkenntnis sprechen, sie gar zu erlangen versuchen, dann geht’s auch immer gleich um „Objektivität“. Immer?

Nicht immer. Meine Rezension von Rex Millers „Fettsack“ zum Beispiel kreist um ein für mich stets merkwürdig und beunruhigend gebliebenes Faktum meiner Biografie. Das Herkommen des Rezensenten mit dem Gegenstand der Rezension zu verbinden, ist aber höchst unwissenschaftlich oder, auch das eine Frage des Standpunkts, irgendwie anders wissenschaftlich. Nun, warten wir’s ab. Zitieren wir lieber aus einem bald erscheinenden Büchlein:

„Vor allem aber ist die Welt, die der literarische Text kreiert, eine unvollständige Welt, auch wenn manche dieser literarischen Welten umfassender sind als andere. Angemessener wäre es, von heterogenen Weltfragmenten zu sprechen, die aus Figuren- und Dialogteilen bestehen, ohne ein zusammenhängendes Ganzes zu bilden. (…) Diese Unvollständigkeit der literarischen Welt ist jedoch nicht absolut. Sie wird durch die Intervention des Lesers relativiert, der die Lücken des Textes nicht ganz, aber doch teilweise auffüllt. (…) Nach dieser Hypothese existiert also um die vom Werk eröffnete literarische Welt herum eine Vielzahl anderer möglicher Welten, die wir durch unsere Bilder und Worte vervollständigen.“

Das ist nun nicht neu, aber der Autor wendet seine Erkenntnisse konsequent an und das auch noch auf dem Gebiet der Kriminalliteratur, die uns hier ja maßlos interessiert. – Ich verrate jetzt noch nicht, von welchem Büchlein die Rede ist, weil noch eine Sperrfrist bis Anfang September draufliegt. Aber es wird uns noch beschäftigen.

2 Gedanken zu „Unvollständige Welten“

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