Colin Cotterill: Dr. Siri sieht Gespenster

Ganz kurz in Amazon-Manier: Wenn Ihnen „Dr. Siri und seine Toten“ von Colin Cotterill gefallen hat, dann dürfte Ihnen auch „Dr. Siri sieht Gespenster“ gefallen. Erkannten Sie indes schon in Cotterills Erstling Vorboten des Unterganges des kriminalliterarischen Abendlandes, dann… Bisschen ausführlicher? Na, okay.

Dr. Siri, wir wissen es inzwischen, ist ein 73jähriger Gerichtsmediziner, der einzige im kommunistischen Laos der späten siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Außerdem ist er ein Geist, wenigstens wohnt ein solcher in ihm. Siris Helfer sind eine mollig-patente Krankenschwester und ein Junge mit Down-Syndrom. Auch ein Polizist und ein höherer politischer Kader stehen Dr. Siri zur Seite, wenn er nicht nur mit Toten, sondern auch den Verbrechen dazu konfrontiert wird.

Und Verbrechen gibt es zur Genüge. Zwei tote Männer neben einem Fahrrad, von einer Bestie – wahrscheinlich einem entsprungenen Bären – zerfleischte Frauen, ein abgeschossener Hubschrauber im Norden des Landes, der alten Königsstadt. Neben allerhand skurrilem Personal – diversen Zauberern, einem gärtnernden König, einem königlichen Puppenspieler, einem frivolen russischen Dompteur, einem Wertiger und vielen lästigen politischen Schießbudenfiguren – fährt Cotterill die gesamte Geisterwelt von Laos auf. Das ist nun nicht jedermanns Sache, aber höchst vergnüglich. So witzig wie es scheint, indes auch nicht; denn diese Melange aus Übersinnlichem und der real existierenden Tristesse zeichnet insgesamt ein prächtiges Bild laotischer Kultur. Die, man ahnt es, wenig mit westlicher Ratio zu tun hat und deshalb so manchen Leser hierzulande abschrecken dürfte. Denn „die Fälle“ können nur mit Hilfe von Geistern und Zauberern gelöst werden – wobei bescheiden angemerkt sei, dass auch die omnipotenten Detektive des Westens nichts weiter sind als Magier, die ihre Spielchen mit den Fakten und dem mehr oder weniger gesunden Menschenverstand spielen, wenn sie „die Wahrheit“ aus jener dubiosen black box hervorzaubern, die sie ihren Verstand nennen.

Wie schon gesagt: Wer das erste Buch von Cotterill schätzen gelernt hat (wenn nicht als herkömmlichen Krimi, dann doch immerhin als witzige Landeskunde mit durchaus tragischen und realitätstauglichen Aspekten), der wird auch zum zweiten greifen. Und auf das dritte gespannt warten.

Colin Cotterill: Dr. Siri sieht Gespenster. Manhattan 2009 
(Thirty Three Teeth. 2005. Deutsch von Thomas Mohr). 319 Seiten. 17,95 €

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