ESC 2010: Das zweite Halbfinale

Oha, das war also das vorher so gehypete zweite Semifinale. Aus dem laut Expertenmeinung auch der spätere Sieger hervorgehen wird. Nun. Erstmal müssen wir wieder etwas Abbitte leisten. Miro aus Bulgarien war ein toller Performer, der auch noch total sympathisch rüberkam. Sein Trick: er hat gelächelt. Schmelz! Top Gesang, top Show, trotz des vielen Nebels und der lustigen weißgekleideten Tänzer und trotz des schwachen Songs. Ihm hätten wir das Weiterkommen trotzdem gegönnt. Respekt auch vor dem Folklore-Rock-Crossover aus Slowenien, das sowas von lässig und souverän on stage geben wurde. Hier kam der Witz der Nummer absolut rüber, alles war stimmig und hörte sich klasse an.

Schau mal einer, die Ukrainerin in ihrem grauenvollen Outfit inklusiver Ku-Klux-Klan-artiger Kapuze mit ihrem seltsamen Mystery-Lied ist weiter. Und zwar hochverdient. Hammerperformance. Wirkte ein bisschen wie die Wiedergeburt von Doro Pesch, aber dieser Auftritt im Semifinale war wirklich wirklich beeindruckend. Anders als der der Irin. Der tolle Song soll sie bewogen haben, als Ex-Gewinnerin wieder in den Ring zu steigen? Nun ja, wenn man auf kitschige Balladen steht. Ihr Auftritt war eine ziemlich gemischte Angelegenheit: wenn die Frau lächelt, verbreitet sie enormes Charisma, und das hat sie mehrfach getan. Die Stimme war allerdings nicht immer erstklassig. „Gesang: naja“ gilt auch für das Damentrio aus Kroatien. Die Show war völlig schlimm, sah aus wie eine Probe für möglichst künstliche Fotoshootingposen. Mit langen nackten Beinen lässt sich noch kein ESC gewinnen – mh, das ist jetzt auch zu hart geurteilt. Aber der Gesang war hier echt zweite Wahl, während das Körperliche erheblich überbetont wurde.

Mh. Ihr merkt, wir cruisen hier ein wenig ohne echte Prioritätenliste rum. Das zweite Semifinale war irgendwie schlecht zu packen. Keine ganz großen Sympathieträger, denen man die Daumen drückte – und wenn doch, dann mit zwei Seelen in einer Brust. Der Israeli war eigentlich sehr gut, kam beeindruckend rüber, und wenn man das ein oder andere Auge zudrückt, fällt auch der ein oder andere nicht gaaaaanz getroffene Ton nicht ins Gewicht. Der Song ist weiter toll. Michael von der Heide für die Schweiz ist kein glatter Retortenbubi, wie schön, aber dieser langweilige Song, aua aua. Wollte man nicht wiederhören, muss man nun auch nicht. Die Niederlande – ?! Auch wenn man Sieneke nett findet und von Herzen für ihren grässlichen Schlager bedauert, konnte man doch nicht wirklich wünschen, das Ding im Finale zu hören (das Ding=der Song). Dass sie einen Einsatz verpasst hat, hat sie so toll abgefangen, dass wir es gar nicht gemerkt haben. Schweden: mh. Kein schlechter Song, weiß Gott nicht schlecht gesungen, höchstens mal ein bisschen aus der Puste gekommen, so schien es. Und Anna Bergendahl kam auf jeden Fall als interessante Frau rüber. Aber dass sie nicht weitergekommen ist, tut nicht wirklich weh.

Litauen mit dem Eastern European Funk: hätten wir eigentlich weiter gesehen, weil kraftvoller Auftritt und musikalisch doch der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich alle Alternativen einigen können, die schlimme Allergien gegen Balladen und Folklore haben.

Kommen wir zu den wenigen Schwergewichten und Ausreißern nach oben und unten. Dänemark weiter. Oh nein oh nein oh nein. Der Song ist genauso penetrant und schrecklich wie im Video. Lächerlich überfrachtete Show mit Windmaschinen (okay, die war gestern nun wirklich im Dauereinsatz), mit einer Milchglasscheibe und fürchterlichen Magiergesten, die es wohl günstig bei David Copperfield zu erwerben gab. Dieses Lied darf einfach nicht gewinnen. Aber wenn im ersten Semifinale Finnland rausgeflogen ist und Weißrussland weiter ist, warum soll nicht auch das zweite Halbfinale mit Frechheiten aufwarten? Der Gesang von Chanée und N´ Evergreen war absolut im grünen Bereich, das müssen wir zähneknirschend zugeben.

Rumänien ist ebenfalls weiter mit diesem schrillen, zusammengepuzzelten Horrorsong. Wir können nicht glauben, dass wir grad im Zusammenhang mit dem Rumänienbeitrag das Wort „Song“ im Satz untergebracht haben *kopfschüttel*. Die hohen Töne saßen, keine Frage. Aber was war mit den Haaren der Sängerin passiert? Und was sollten diese steifen Tänzerinnen? Und wer um Himmels Willen hat für dieses Machwerk gepunktet???

Kommen wir zu Aserbaidschan. Junge, Junge. Furiose Show, angeblich von Beyoncées Choreograph höchtspersönlich entworfen. Ambitioniert kam sie auf jeden Fall rüber. Gut, es musste nicht so minimalistisch sein wie im Video. Aber – warum eigentlich nicht? Der Song ist stark genug, Safura ebenfalls – wieso Herrgott muss sie über die Bühne turnen und rennen und zwischendurch hörbar keine Luft mehr zum Singen haben? Die Show war eine Nummer zu groß für sie. Es kam kühl und nicht stimmig rüber, obwohl der Gesang ansonsten sehr ordentlich bis richtig gut war und sich Safura mit dem Lied an sich sehr wohlzufühlen scheint. Schade, weniger Show hätte besser getan. Es hat trotzdem fürs Finale gereicht. Gut so.

Zypern: oha. Auch hier müssen wir Abbitte leisten und alle Vorschusslorbeeren wieder kassieren. Bei Jon Lilygreen fragte man sich, ob er tatsächlich schon das Mindestalter von 16 Jahren erreicht hat, auch sein arges Vibrato hat er im Video schmählich verheimlicht. Bei den leiseren Passagen des Songs wirkte er stimmlich verloren und der ganze Sound irgendwie zerfahren. Hätte nicht ins Finale gemusst, ist aber dort gelandet.

Und jetzt zu einem der wenigen echten Glanzpunkte (neben der Ukraine, Georgien – völlig zu Recht weiter, jeder Ton saß, trotz spektakulärer Show mit ganzem Körpereinsatz der Sängerin, kam sehr angenehm rüber; jou, auch den Slowenen und der Armenierin): die Türkei! Hallo!! Das war ein mördercooler Ausnahmeauftritt in diesem ganzen zweiten Halbfinale. Hier hat wirklich alles gestimmt. Song, Performance, Sound, Show – und die Musik war sowas von auf der Höhe der Zeit. Rasanter Rock, der live gar nicht so glatt klang wie im Video. Vielen Dank, liebe Türkei, wir wünschen Euch alle 12 Punkte dieser Welt!!! Und: wir trauen sie Euch auch zu!

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