Lena, Krimi, Pop und der Rest

Wenn drei Leute eine CD, einen Film, ein Buch mögen, ist das noch lange kein Pop. Pop bedeutet Masse, Dynamik, Hype und Täuschung, bedeutet, sich auf einen Nenner zu einigen, ungeachtet der Struktur und der möglichen Komplexität eines Gegenstandes. Lena ist Pop, weil sie Lena ist und sonst nichts. Ein trotz des medialen Irrsinns auf zwei, drei Begriffe reduzierbares Wesen: natürlich, hübsch, eigensinnig.

Auch Krimi ist Pop. Populäre Literatur, auf deren kleinsten Nenner sich die Leser geeinigt haben: Spannung. Natürlich stößt nicht jeder einzelne Krimi in Popdimensionen vor, ist auch hier dieser gemeinsame Nenner oft genug nichts weiter als eine Fotografie, auf der nur die gröbsten Konturen erkennbar geblieben sind. Vielleicht trägt ja auch Lena ein Trauma mit sich herum, etwas Düsteres, etwas Hochkomplexes. Aber wir sehen es nicht. Denn Pop bedeutet zwingend auch Reduktion.

Dieses Sichbegnügen mit dem Offensichtlichen kennzeichnet den Krimipop. Sebastian Fitzek etwa hat Erfolg, weil man sein Rezept in dem einen Wort Spannung fassen kann. Alles was in seinen Romanen geschieht, ist auf eine geradezu penetrante Weise sinn-los und zweck-voll. Du sollst dieses Buch nicht aus der Hand legen können. Alles, aber auch wirklich alles, die Geschichte, der Plot, die Psychologie, die Gesellschaft werden auf ihren potentiellen Wert als Bausteine dieser Spannung geschätzt und verwendet.

Pop ist auch Andrea Maria Schenkels „Tannöd“. So wie die Sängerin Lena Erfolg hat, weil sie anders ist als die lächerlichen Homunculi sonstiger Castingshows, so ist „Tannöd“ eben anders als der ortsübliche Krimi. Gleichzeitig ist der Text in seiner Form seltsam transparent, ein Stimmengeraune zwar, aber eben eins, von dem man genau weiss, zu welchem Zweck es veranstaltet wird. „Tannöd“ verspricht Reduzierung, eine geradezu kunstlose Zusammenfassung dessen, was man „Natürlichkeit“ nennen kann. Keine Aufklärungsmaschinerie rattert, kein kriminalliterarischer Hype, nur die nackten Stimmen.

Völlig belanglos ist in diesem Zusammenhang die Frage nach der Qualität im Sinne tradierter Werte des Künstlerisch-Handwerklichen. Kann Lena in klassischer Definition „singen“? Kann sie nicht. Aber hey, es ist Pop. Joe Cocker, den sie aus jedem Dorfchor geschmissen hätten, ist ein begnadeter Interpret von Pop, jeder ausgebildete Opernsänger, der sich an Popsongs wagt, hingegen nichts anderes als furchtbar.

Fitzek mag ein bescheidener Stilist sein, Schenkel von Spannungsbogen und Krimidynamik keinen Schimmer haben. Es spielt keine Rolle. Sie haben Popkrimis verfasst und damit eine Sehnsucht nach jener Sinnlosigkeit formuliert, die am Ende eben doch das ideale Leben ausmacht.

7 Gedanken zu „Lena, Krimi, Pop und der Rest“

  1. Jetzt verstehe ich warum ich mir die CD von Lena nicht gekauft habe – ich habe nämlich auch keinen Sebastian Fitzek und keine Andrea Maria Schenkel gekauft.

    Dafür besitze ich eine CD von Joe Cocker!!

  2. Könnte man evtl die derzeitige Zurücktreteritis als neueste Pop-Variante betrachten? (Die intransitive ist gemeint…)
    Nur mal so als Idee.

  3. @Mistie: Wer Joe Cocker hört, liest auch Sebastian Fitzek. Das ist Naturgesetz, also halte dich gefälligst daran!
    @Poppi: Diskussionswürdige These. Wenn der erste Krimiautor, der von der Kritik zerfleischt wird, sich aus dem Geschäft zurückzieht, wollen wir uns Gedanken darüber machen.

    dpr

  4. doch, lieber dpr, die Bedürfnisse, die von Pop befriedigt werden, sind mir fremd: Lena, so steht’s heute in der TAZ, „vereint eine Nation hinter sich“. Da bleibe ich gern abseits. Und auch in den Schenkelschen Ausrottungsphantasien („Natürlichkeit“) kann ich nichts finden, was mir die Vereinigung schmackhafter machen würde. Insofern bin ich dankbar, daß Sie Cocker nicht als Pop, sondern als Interpreten von Pop bezeichnen.

    Beste Grüße!

  5. Wenn Sie die Kommentare zu Fräulein Lena im Netz ein wenig verfolgen, lieber JL, wird der Bezug zu „Tannöd“ offensichtlich. Beide polarisieren nämlich. Nicht „eine Nation“ steht hinter Lena, sondern nur die halbe. Die andere Hälfte ahnt den Weltuntergang, kann das Fräulein doch nicht richtig singen! Und jetzt lesen Sie mal die Kommentare zu „Tannöd“… Pop befriedigt also auch die Bedürfnisse von Anti-Pop.

    dpr

  6. Ach ja, „Natürlichkeit“. „Tannöd“ wurde ja AUCH ein Erfolg, weil der Fall, auf dem das Buch basiert, als „authentisch“ erkannt wurde. Frau Schenkel hat also nichts in ihrer Ausrottungsphantasie erfunden, so wie Fräulein Lena nicht „gemacht“ wurde, sondern halt immer schon da war, jetzt aber quasi in ihrer medialen Version präsent ist. Auf den entsprechenden Plagiatsprozess werden wir aber wohl vergeblich warten.

    dpr

  7. was Fräulein Lena angeht, lieber dpr, muß ich perfekte Ignoranz bekennen, könnte also nicht einmal ‚Anti-‚ sein. (Kein böser Wille, sondern schlichtes und völlig unreflektiertes Desinteresse.) Was Schenkel angeht, halte ich die Ausrottungsphantasie für das authentische und pop-gemeinschaft-stiftende Ingredienz, nicht den Fall. Und, ceterum censeo, Verbrechen ist immer (schon) Pop.

    Beste Grüße!

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