Weltuntergängchen
Ich bin eigentlich sehr genau mit meinen Terminen. Ich trage jeden fein säuberlich, farblich nach objektiver Dringlichkeit und persönlicher Neigung abgestuft in meinen Agenda ein. Zu diesem Zweck führe ich ständig neun Rapidographen mit: jeweils drei grüne, blaue und rote in den Ausführungen 0,2, 0,5 und 0,7 mm. Rapidographen sind eigentlich nicht das geeignete Schreibmaterial, sie sind dazu da, gerade Linien entlang eines perfekt geeichten Lineals zu ziehen, wenn man damit schreiben will, gibt es ärgerliche Kleckse und Aussetzer, gar nicht davon zu reden, dass sie unglaublich empfindlich sind, ein hastiger Schwung, und die teure Spitze bricht ab. Deshalb schreibe ich auch in der Luft, das heisst, ich setze die Kanüle, aus der der millimeterdünne tintengetränkte Wildschweinborsten herausragt überhaupt nicht auf. Es erfordert ein ziemliches Geschick, sich in dieser Weise Termine zu vermerken, das klappt nur in immobilen Orten, und sogar da gereicht es nur dem Glasabsetzen des Kellners, um meinem Aufwand ein Ende zu setzen.
Da mir dieses Manko wohl bewusst ist, schreibe ich mir meine Treffen erst dann auf, wenn ich mir der seismographischen Ungetrübtheit eines Ortes sicher sein kann. Diesen Ort habe ich gefunden, seltsamerweise im Kellerverschlag des Bürohauses, in dem ich arbeite, seltsamerweise am Knotenpunkt zweier Autobahnen und eines Trams, mitten in der Flugschneise des Flughafens, neben dem unterirdischen Parkhaus eines grossen Einkaufszentrums gelegen: im Auge des Sturms sozusagen.
In diesen Verhau ziehe ich mich zurück, um die mannigfaltigen Verantwortlichkeiten, derer ich mich schuldig gemacht habe, niederzuschreiben, ob in blau 0,7 (geschäftlicher Termin) oder grün 0,5 (Geburtstag meines Neffens) oder rot 0,3 (Arzttermin).
Da ich mir sämtliche Termine erstmal merken muss, bevor ich dazu komme, sie niederzuschreiben, dürfte man meinen, dass ich sie auch grundsätzlich behalte, aber so ist es nicht. Habe ich zunächst etwas vermerkt, überlasse ich meinem Agenda das Gedächtnis meiner Treffen.
Ich bin ein zuverlässiger, anspruchsloser Angestellter. Ich glänze durch unaufdringliche Anwesenheit. Ich hebe schon nach dem ersten Klingeln den Telefonhörer ab und halte meine Gespräche auf das Notwendigeste beschränkt. Ich trete niemandem zu nahe, und ich glaube, man ist mir dafür dankbar.
Deswegen war ich auch zunächst etwas gekränkt, als ich heute morgen folgenden Eintrag in meinem Agenda fand: 17h00 Apokalypse.
Blau, 0,5.
26. Juni 2010






