Kinderfest III

Heute wird´s rustikal. Ein Klassiker des Fest-Büffets. Und ich tippe, in vielen deutschen Familien gibt´s sowas auch an Heiligmittag und Silvesterabend: einen deftigen Salat. Kein normaler Kartoffelsalat – dafür sind hier einfach zu wenig Kartoffeln drin. Dafür aber noch jede Menge Kochschinken, Käse und Erbsen und Möhrchen. Gewürzt wird mit einer Vinaigrette. Meine Mutter nahm immer noch ein bisschen Gewürzgurkensaft, um Kartoffelsalat zu würzen. Ich habs mir hier verkniffen. Steht ja nicht im Rezept. Aber ich merke schon, wie beim Kochen verschüttetes 70er Jahre-Wissen aus dem Nebel des Vergessens hochsteigt. Vielleicht biet´ ich das mal als VHS-Kurs an: „Kochen gegen das Vergessen – Toast Hawaii statt Psychoanalyse“.

Und was hat die Styling-Abteilung von Dr. Ö hier nicht wieder aus sich rausgeholt – !! Hobbykeller-Flair im Landhausstil. Jaja, wenn Papas Schnapspinnchen und der marmorne Aschenbecher der Kinderparty weichen müssen. Und der Strohhalm auf die Dartscheibe abgestimmt wird. Herrlich, aber das kann ich natürlich nicht bieten. Die rote Girlande im Hintergrund macht auch was her. Bei uns dagegen wurde früher gern alles, was nicht rechtzeitig fliehen konnte, mit buntem Krepppapier umwickelt. Sozusagen das Partykleidchen für die Wohnung.

Ansonsten muss ich aber mal rügen, dass bei Dr. Ö die eine Abteilung nicht weiß, was die andere macht. Oder es bewusst ignoriert. Ja, die Rezeptkarten offenbaren auch mächtig betriebsinternes Missmanagement. Ich nehme schon Anmeldungen für meinen McKinsey-Kurs entgegen: „Wenn die Illustration das Rezept meuchelt – Kochbuchlesen für Abteilungsleiter“. Denn wie heißt das Gericht? Bunter Salat mit Bratwurst im roten Röckchen. Und was steht in der Zutatenliste? Cocktailwürtchen aus der Dose. …die kurz im Wasser heiß gemacht und in Ketchup getaucht werden. Ich denke, das war nichtmal in die 70er Jahren die Definition für „Bratwurst“. Aber was weiß ich als Vegetarierin schon… Als nächstes stelle ich womöglich fest, dass das auf dem Foto aber nicht die „Holzstäbchen“ sind, die laut Rezept gefordert werden. Wahrscheinlich hat sich die Deko-Abteilung gedacht: „Pöh, diese Kochfritzen wieder. Geschmack ist nicht alles. Ein Essen ist erst ein Essen, wenn was Poppigbuntes aus Plastik drinsteckt.“ Holzstäbchen (70er Jahre-Sprech für „Zahnstocher“) werden in unserem Haushalt auch eher gebraucht, um Fimo-Figuren vor dem Backen zu stabilisieren, deshalb hab ich meine Retro-Plastik-Piekser rausgeholt. Schönste Anweisung im ganzen Rezept, übrigens: den Salat „bergartig“ in einer Schüssel anrichten. Ich hab mir herzlich Mühe gegeben.

Das irgendwie orangefarben Glimmende auf dem Bild ist ein „Apfelsinentrank“. Apfelsinen-Innereien ziehen gezuckert gut durch. Und dann werden sie mit Apfelschorle vermischt, was der Apfelschorle eine herrlich apfelsinige Note gibt. Man braucht allerdings eine schön große Schüssel und einen Schöpflöffel dazu. Aber allein das macht mir schon ein Wahnsinns-Retro-Gefühl. In meiner Vorstellung wurden bei 70er Jahre-Parties Getränke ausschließlich mit Schöpfkellen aus Schüsseln gefischt. Oder aus bauchigen Flaschen, die mit Bast umwickelt sind, eingegossen. Dazu läuft James Last im Hintergrund, und ein Gutteil des Büffets ist in Aspik eingelegt. Ja, es war nicht alles schlecht in der bunten alten Zeit. See you soon.