Was ist Krimi? Neues aus der Zettelwirtschaft 3

Ein weiterer Zehnerpack Verzettelungen zur Krimifrage. Ohne Verbindungen zur Eurofrage, also NICHT essentiell. Mit Brecht und Brechmitteln, am Ende mit einer dummen, vielleicht nicht ganz dummen Idee. Wie stets in Echtzeit, Zettel für Zettel, auf Facebook, dort wo die sozialen Netzhäute tränen.

Zettel 21: Das „Genre“ entwickelt sich, sei es in Deutschland, Frankreich, England, als Zuspitzung sozialer Ist-Zustände. Diese Entwicklung selbst folgt literarischen Traditionslinien.

Zettel 22: Eine Typologie deutscher Krimipioniere. Die verzweifelte Furie – der sachliche Visionär im Exil – der innere Emigrant, der „ankommt“ – der gelenkige Abenteurer zwischen Dichter und Entrepreneur. Ganz anders in England oder Frankreich. Warum? Siehe „Genre“.

Zettel 23: Genre, Genre, Genre: Schubladen, die sich angeblich nach der Qualität dessen richten, was sie aufnehmen sollen, in Wirklichkeit aber das, was sie aufnehmen, auf ihre Maße zurechtschneiden.

Zettel 24: Einen schlechten Autofahrer erkennt man u.a. daran, dass er Gas- und Bremspedal verwechselt. Einen schlechten Krimiautor daran, dass er gar nicht weiß, dass man auch beim Schreiben zwischen Beschleunigen und Verlangsamen unterscheiden kann. Einen schlechten Krimikritiker an seine vom vielen Lügen so arg verkürzten Beine, die gar nicht mehr an die Pedale reichen. Einen schlechten Krimileser daran, dass er keinen Führerschein hat und sich lieber fahren lässt.

Zettel 25: Spekulation: Wie wird man in 20 oder 30 oder 100 Jahren in der Kriminaliteratur-Geschichtsschreibung auf unsere Zeit zurückblicken? Welche AutorInnen werden sie repräsentieren? Kate Pepper, Stieg Larsson und Ferdinand von Schirach? Oder Jim Nisbet, Jenny Siler und, was lese ich gerade?, Guido Rohm? Für beides und noch viel mehr wird man Gründe finden, so wie man Gründe gefunden hat, Arthur Conan Doyle A.K. Green vorzuziehen. Gute Gründe, gewiss. Aber dennoch bleibt Willkür, bleibt die Farbe des Glases, durch die man etwas betrachtet, bleibt das Diktatorische. Eine alte Lieblingsidee von mir: Die literarische Geisterarmee. AutorInnen, die zu Unrecht vergessen wurden (gerade im Krimideutschland des 19. Jahrhunderts!) oder die, als Opfer ihrer Lebensumstände, überhaupt nie nie nie geschrieben haben, obwohl sie, hätten sie es tun können… egal. Tiefes Misstrauen in die (zumeist) Herren mit den pendelnden Daumen. Du bist drin, du nicht.

Off-topic-Zettel aus dem Mittendrin: Zurücklehnen, zuschauen, gähnen. Die Lemuren pushen sich gegenseitig, das Zittern in der Stimme des Jahrmarktschreiers, der gleichzeitig den Staub von seinem Blog pustet. Autodestruktivismus, le dernier cri der Krimicritik. Lesen Sie die Botschaft des Zettels und essen Sie sich dann auf.

Zettel 26: Brecht, Kaukasischer Kreidekreis, die Noirvariante. Trivial- und Hochliteratur zerren am Kind Krimi, zwei gnadenlose Mütter. Die niederen und die überhöhten Instinkte, aber das malträtierte Kind bleibt stoisch und unzerreißbar. Krimi ist Triviales als überraschende intellektuelle Leistung. Und der Kern des Hehren und in wahrhaft intellektueller Filigranität Geschaffenen? Triviales. Guck mal, Sie reißen dem Kleinen nur die Kleider vom Leib und ziehen triumphierend von dannen.

Zettel 27: Wenn miteinander konkurrierende Kräfte in ein System gepresst werden, entsteht Spannung der sowohl konstruktiven als auch der destruktiven Art. Dpr goes Physik und alle seine ehemaligen Physiklehrer rotieren – nach den gültigen Naturgesetzen – in ihren Gräbern. Spannungs-Literatur also. Allmachtsphantasie und die Urangst vor dem Unbekannten (Gott, Gott, Gott!) interagieren auf der trivialen Ebene des Verbrechens, dort also, wo die Antipoden fein säuberlich durch Recht, Moral und Gesetz voneinander zu trennen sind. Vielfältige Assoziationen, sehr wirr, siehe nächsten Zettel.

Zettel 28: Assoziationen: Auschwitz, Eurokrise, ein gemeinsames Bild: Die Menschheit taumelt durch die labyrinthischen Gänge einer vollautomatischen Fabrik, deren Maschinen hinter gefällig zweckdesignten Ummantelungen ihren beruhigend monotonen Singsang hören lassen. Gleichmaß der Arbeit, Effizienz des Chaos, aber immer die Furcht, dass die Maschinen stoppen, verstummen, dass ihre Arbeitsgeräusche aus dem Takt geraten. Das ES im Kleide des ÜBERICH, aber nein: Mit Freud kommen wir nicht, obwohl er zwingend dazugehört. Abschlussthese dieses wirren Zettels: Sherlock Holmes ist Sigmund Freud mit unterhaltsamen Mitteln.

Zettel 29: Vollkommener Hirnschwurbel, ich hasse das bisschen Restverstand, den mir das Leben noch nicht hinweggespült hat. Heute Morgen also: Idee für eine Reihe von Kriminalerzählungen, die die Entwicklung der Kriminalliteratur auf die absonderlichste Weise illustrieren sollen. Natürlich gleich mit der ersten angefangen, nur weil mich die Eröffnungsszene ergötzte: Einem Mann wird eine Faust in die Magengrube gerammt, er steht auf der obersten Stufe einer Treppe und die Kotze fliegt ihm in hohem Bogen aus dem Maul. Der Rest schreibt sich von selbst, siehe: Hirnschwurbel, Restverstand. Was für das Projekt spricht: SIE werden es hassen! Und das wird mich hoch erfreuen. Was gegen das Projekt spricht: Ich habe keine Zeit dafür. Also: Das ist kein Argument, das interessiert mich nicht wirklich.

Zettel 30: Ja, klar, fast völlig vergessen, danke dir Restverstand, Hirnschwurbel: Daguerre! Fotografie! Realismus! Muss unbedingt mit rein!

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