Joe R. Lansdale: Gauklersommer

gauklersommer.jpgNichts Neues von Joe R. Lansdale. Gut halt. Aber wem sag ich das. Wer Lansdale mag, mag auch „Gauklersommer“, die Geschichte des Irak-Veteranen Cason Stadler, eines talentierten Journalisten, der einst am Pulizerpreis vorbeischrammte, in eine Art Daseinskrise gerät und sich in seine Geburtsstadt Camp Rapture im tiefsten Texas zurückzieht (den Lesern schon aus „Kahlschlag“ bekannt, damals 30er Jahre, nun Jetztzeit). Dort leben seine Eltern, der Bruder unterrichtet an der Uni, Stadler findet eine Anstellung als Kolumnist beim Ortsblättchen und alles ist irgendwie gut. Bis es verdammt schlecht wird.

Stadler stößt auf der Suche nach Kolumnenthemen auf den Fall einer unter mysteriösen Umständen verschwundenen Studentin, gerät an delikate Pornofilme, auf denen nicht nur die Verschwundene zu erkennen ist, sondern, unter anderem, auch jemand, den Stadler sehr gut kennt. Stich ins Wespennest, weitere grausame Morde und ein Phantom, „der Gaukler“. Gemeinsam mit seiner neuen Freundin gerät Stadler nun selbst ins Fadenkreuz der Killer, ein alter, ziemlich rabiater Kumpel aus Irakzeiten eilt zu Hilfe und nach furiosem Finale ist auch dieser Fall geklärt. Liest sich gewohnt prächtig, ist also Lansdale wie man ihn kennt. Na ja, fast.

Ein paar Dinge nämlich fallen auf. Lansdales große Themen, das Hinterwäldlertum, der Frauenhass, der Rassismus, sind zwar präsent, werden aber nicht weiter ausgewalzt. Zwei Prediger, der eine schwarz und militant, der andere weiß und militant, spielen eine Rolle, erscheinen aber in Persona nicht im Text, ebenso wenig wie die Gruppe der Bösen, die lediglich einen finalen Auftritt haben. So wird „Gauklersommer“ zu einer Art Kammerspiel, das Böse ist abwesend, aber natürlich stets präsent.

Auch sonst ist „Gauklersommer“ ein Werk der Andeutungen, des skizzenhaften Abbildens, vor allem was die Figuren angeht. Über Stadler, der ein verquerer Charakter ist, erfährt man eigentlich erstaunlich wenig, sein Kriegstrauma wird nicht ausführlich thematisiert, wie es naheliegend wäre, die Bösen sind es auf eine solche abgrundtiefe Art, dass ihre Persönlichkeiten dahinter zurückstehen müssen. Aber genau das ist Absicht, die der Handlung zugute kommt. Das Böse als Hintergrundrauschen, sehr banal und allgegenwärtig, Menschen, die sich irgendwie durchlavieren müssen, keineswegs nur unschuldig sind, aber prädestinierte Opfer. Nichts anderes geschieht in „Gauklersommer“ und das reicht völlig aus, wenn ein Könner wie Lansdale eine solche Geschichte inszeniert, Richard Betzenbichler sie gewohnt gekonnt übersetzt und der Golkonda Verlag sie liebevoll zum auch optischen Genuss veredelt.

Joe R. Lansdale: Gauklersommer 
(Leather Maiden. 2008. Deutsch von Richard Betzenbichler).
Golkonda 2011. 300 Seiten. 16,90 €

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