Rick DeMarinis: Götterdämmerung in El Paso

Es ist keine besonders erwähnenswerte Leistung, „anspruchsvolles“ Krimipatchwork auf kunstgewerbliche Art zu produzieren. Kein Regioschmarren, der es versäumt, „aktuelle Themen“ abzuhandeln; kein Klappentext, der sein Produkt nicht als irgendwie „welthaltig“ preist oder wenigstens Philosophisch-Psychologisches verspricht – und seien es die altbekannten seelischen Abgründe. Der Krimi als All-Inclusive-Urlaub, als überladener Kuchen, im Idealfall mit einem Zuckerguss aus „Pulp“ oder „Noir“ aufgehübscht.

So betrachtet, liefert auch Rick DeMarinis mit „Götterdämmerung in El Paso“ ein opulentes Stückchen zum Entzücken von Krimikritik und anspruchsvoller Leserschaft. J.P. Morgan, Versicherungsdetektiv ohne Anstellung, soll für seinen Freund, den exzentrischen Schriftsteller Luther Penrose, dessen abgängige Ehefrau Carla aufspüren und zurückbringen. Die, so glaubt Penrose, treibt sich mit ihrem jüngeren Latin Lover in Las Vegas herum. Die beiden Freunde kennen sich aus dem Irak, wo sie Teil des Wüstensturms waren (aha!), Morgan findet rasch heraus, dass Carla nicht aus erotischen, sondern politischen Gründen verschwunden ist, es geht um die illegalen Grenzgänger aus Mexiko (aha!). Finstere Typen sind hinter ihr her, Neonazis (aha!), Morgan bekommt es zu spüren, doch nicht nur das. Seine Mutter ist wunderlich geworden und soll nun behördlicherseits in ein Pflegeheim (aha!). Außerdem geht es generell um die US-amerikanisch-mexikanische Geschichte und auch noch um Umweltzerstörung (aha!). Aber genug der Ahas. Kunst, wie gesagt, ist keine Frage der Zutaten, sondern fordert den Koch und sein Können. Und da, mein Gott, erscheint uns DeMarinis wie ein Maestro mit drei oder mehr Sternen an der Mütze.

Denn der Autor umschifft souverän alle Klippen der Alibibetroffenheit und des Schmonzettentums. Welches Rührstück hätten wohl mindere Autoren aus Morgans Problemen mit der Mutter gemacht, die die Heilige Jungfrau in der Mauertünche erblickt (Originaltitel: „Virgins in the Woodwork“). Bei DeMarinis wird es ein nüchternes Kabinettstückchen von Anderssein in Zeiten normierter Bürokratie, das sich elegant mit den übrigen Themen des Buches kurzschließt, mit der an akuter Weltflucht leidenden Ehefrau des Bösewichts etwa, eines Dermatologen, der seinen rassistischen Wahnsinn durchaus intellektuell zu verkaufen versteht, für den Grenze Haut und Haut Grenze ist – womit DeMarinis zugleich das neue Buchprojekt von Luther Penrose ins Spiel bringt, wo sich Hitler und Richard Wagner über absonderliche Dinge unterhalten sollen, zwei auf ihre Art Besessene beim abstrusen Kamingespräch, das aber am Ende doch nicht stattfindet, weil sie so etwas nur schlecht verkauft, keine Sau kennt Richard Wagner… Und so weiter. Man liest einen ungeheuer flüssigen Text und es reißt einen hinein. In den Text, in die (übrigens exzellent übersetzte) Sprache, in sich selber.

Ja, das ist der Unterschied. Literatur als ein Wunderwerk der Assoziationen, der verblüffenden Verwandtschaften, Literatur als Treibstoff für des Lesers Kopfmaschine, und das alles in Gestalt einer so gar nicht verkopften Handlung, die tatsächlich „Pulp“ ist (wozu übrigens Thomas Klingenmeier gerade →etwas Erhellendes geschrieben hat), ein Feuerwerk ekligster Typen und blutigster Begegnungen nämlich. Irgendwie kein Wunder, dass so etwas aus Amerika kommt. Zum einen, weil dieses verquere Land den Stoff für Könner wie DeMarinis in reicher Auswahl bereitstellt; zum anderen, weil es spätestens seit Chandler gute amerikanische Krimitradition ist, dass sich der vorgebliche Krimischund und tiefschürfende Intellektualität nicht ausschließen. Namen wie George V. Higgins oder Robert B. Parker fallen einem ein.

Und natürlich Rick DeMarinis. Autoren mit Kopf und Bauch, in denen Reflexion Spannung und Spannung Reflexion sein kann. Viele Zutaten – eine Einheit, ein System kommunizierender Röhren, kurz: das Leben selbst. Und ebenfalls kurz: „Götterdämmerung in El Paso“ ist mein derzeitiger Favorit des Jahres – und sollte es mir im nächsten Jahr endlich gelingen, die Krimikritik-Diktatorenschaft an mich reißen zu können, wird mein erster Befehl lauten: Ihr wollt Krimis schreiben? Okay, aber zuerst DeMarinis lesen und von ihm lernen.

Rick DeMarinis: Götterdämmerung in El Paso. 
Pulp Master 2012. 320 Seiten. 13,80 €
(Virgins in the Woodwork. 2007. Deutsch von Ango Laina und Angelika Müller)
(auch als E-Book für 9,99 €)

Ein Gedanke zu „Rick DeMarinis: Götterdämmerung in El Paso“

  1. Auch wenn du nächstes Jahr die Krimikritik-Diktatorenschaft nicht an dich reißen kannst, weil da der eine oder andere noch ein Wörtche mitredet, übe ich mich in vorauseilendem Gehorsam und werde es anschaffen und lesen. Versprochen.
    Ave!

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