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Die Sehnsucht nach dem schönen Schein ist nicht nur eine Sehnsucht der kleinen Leute, zu deren Sprecher sich die Bild-Zeitung immer wieder zu machen versucht. Es ist auch eine Sehnsucht derer, die sich früher die besseren Stände nannten und die heute bisweilen von besseren Zeiten träumen. Auch diese Sehnsucht hat ein Organ: Die Zeit, das wurde in den Guttenberg-Wochen deutlich, ist eine Bild-Zeitung der Gebildeten.

Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung: ↑Die Sehnsucht nach dem Gesalbten

Optimismuskampagne

Wer immer noch behauptet, in Deutschland herrschten Pessimismus und miese Laune vor, der kennt Friedbert Pflüger nicht. Der fuhr bei den Wahlen in Berlin das schlechteste Ergebnis der Nachkriegszeit für die CDU ein und erzählte danach stolz: „Die CDU hat ihr Ergebnis entgegen dem Bundestrend konsolidiert“.

Weiter so, Friedbert!
Wahltag

Das Märchen von der Vollbeschäftigung

Die Kräfte, die sich am Vollerwerbsmodell festkrallen, rechnen mit Wundern. Umverteilung der Arbeit soll das Schlimmste verhindern. Das ist schon oberflächlich betrachtet grober Unfug. Selbst in längst vergangenen Zeiten, als die meisten Menschen nur stupide, leicht einstudierbare Arbeit in Fabriken leisteten, ließ sich das kaum realisieren. Wenn Arbeit aber vor allem geistige Tätigkeit ist, also Wissensarbeit – wie sollte Umverteilung dann funktionieren? Durch Gehirntransplantationen?

Automation und Fortschritt, Wissensarbeit und Kapitalismus vernichten Arbeitsplätze. Und das ist gut so. Es geht nämlich auch anders.
Lesetipp: →  Der Lohn der Angst (Brand Eins)

Better Propaganda

Freunde des RIAA-kompatiblen Downloads kennen natürlich die Site von Epitonic. Einer der Epitonic-Gründer steckt mit hinter einen neuen Website, die auf den ersten Blick auch ein ganz ähnliches Konzept hat. Better Propaganda bietet legale MP3s – für den User Gelegenheit, neue Bands kennenzulernen, für die Independent-Labels, die sich hier präsentieren eine kostengünstige Art, ihre Künstler bekannter zu machen. Wie bei Epitonic gibt es auch bei Better Propaganda Kurzbeschreibungen der einzelnen Bands und Querverweise, die zum Stöbern einladen. Das Spektrum reicht von Electronic bis Punk, von bekannt (Frank Black, The Church, Mogwai, Yo La Tengo) bis kommend.
Für die Anhänger der gepflegten Melacholie sei hier etwa „Carry Me Ohio“ von Sun Kil Moon empfohlen, der neuen Band von Red House Painters-Mastermind Mark Kozelek.

We will rock you. Lexikon berühmter Popsongs

Der Umschlagstext verspricht „Geschichten, Anekdoten und Wissenswertes von zweihundert berühmten Songs und ihren Interpreten“. Und genau das hält das Buch. Günther Fischer und Manfred Prescher haben hier Material zu Entstehung, Texten und Wirkungsgeschichte zusammengetragen. Das Ergebnis ist leicht verdauliche – im Schnitt anderthalb Seiten lange – Kost. Gerade Leute, die den Englischunterricht etwas zu oft geschwänzt haben werden hier einige Lichter über die wahre Bedeutung bestimmter Songs aufgehen: „The Night They Drove Old Dixie Down“ ist halt trotz Juliane Werdings „Am Tag als Connie Kramer starb“ kein Antidrogenstück und so mancher auf den ersten Eindruck liebliche Text hat seine überraschenden Untiefen.

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Gallery: Smile

Mit allen elektronischen Finessen aufgemotzter Power-Metal. Düster, pathetisch und melodiös. Mit saftigen Gitarren, harten Beats und jeder Menge Special Effects. Oft an der Grenze zum Skater-Rock der Guano Apes. Einfallsreich und knackig produziert. Mainstream-Metal im Blockbuster-Format. Kids mit abgehärteten Ohren werden Gallery aus der Hand fressen. „Elevator Music“ heißt übrigens einer der Takes.

Gallery: Smile
(Virtual Records VV 0024-2)

Neil Young: Silver & Gold

Lange hat’s gedauert, bis dieses Album erndlich fertig war. Bereits 1997 nahm Neil Young die ersten Stücke für sein Album „Silver & Gold“ auf. Damals noch solo und rein akustisch. Danach ließ er sich viel Zeit, um dieses Album zu vervollständigen. Songs wurden überarbeitet, verworfen, ausgetauscht. Auch die Wiedervereinigung von Crosby, Stills, Nash & Young profitierte von diesem musikalischen Output. In der fertigen Fassung wird Young von einer kompletten Begleitband unterstützt, die aber offenbar mehr für die Noten bezahlt wurde, die sie nicht spielte.

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Rainer Eisfeld – Als Teenager träumten

Was sie schon immer über die 50er Jahre wußten und eigentlich nicht auch noch lesen müssen: hier steht es! „Die 50er Jahre für Anfänger“ gewissermaßen. Denn dass die Fifties in Deutschland keine bleierne Zeit waren, zumindest was die Jugendkultur angeht (so die These des Autors) – wer wollte es bestreiten? Die Politik, okay. Mief und Muff, Altnazis, Kommunistenparanoia und Wirtschaftswunder. Aber dass sich bei den Unter-30-jährigen ´was tat, hat sich mittlerweile rumgesprochen. Offene Türen zum Einrennen also allenthalben, und dafür auch noch Geld zu verlangen – wow!

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Comedy-Lexikon

Wenn ein Verlag Lexika im Wochenrhythmus veröffentlicht, läßt das natürlich beim wachen Rezensenten die Alarmglocken schrillen. Und in der Tat: das womit der Lexikon Imprint-Verlag („jedem sein Lexikon“) da die Schaufenster der Buchhandlungen zukleistert ist selten akzeptabel (siehe das HipHop-Lexikon), oft überflüssig und gelegentlich so ärgerlich wie das vorliegende Comedy-Lexikon.

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Robyn Hitchcock: Jewels For Sophia

Die Rockmusik kennt einige Anti-Helden. Musiker, die jahre- und jahrzehntelang ihre Musik machen, von einem kleinen Fankreis und den Kritikern hochgeschätzt – von der sogenannten breiten Masse aber beharrlich ignoriert. Einer dieser Anti-Helden ist Robyn Hitchcock, der jetzt seit über 20 Jahren Platten veröffentlicht. Ende der 70er zusammen mit den Softboys, danach auf eigene Rechnung, mal mit Band, mal ganz allein. Nach einigen Akustik-Alben griff Hitchcock für „Jewels For Sophia“ wieder auf die Hilfe einer richtigen Rockband zurück. Und das zahlt sich aus. Denn so lebt das Album nicht nur von spleenigen Texten und guten Melodien sondern auch vom Variantenreichtum der Arrangements. Ob ruhige Ballade oder treibendes Bluesrockstück, alles wird zusammengehalten durch einen Hauch von 60er Jahre Psychedelia. Gerade so stark dosiert, daß es nicht nach purer Nostalgie klingt.

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