More Rockers – 1,2,3 Break / Dis Ya One

Auch wenn der ein oder andere Snaredrum-Sound schon ein wenig verstaubt klingt: die neuen Breakbeats von den More Rockers aus Bristol hüpfen, sind fett produziert und erzählen von einer Leidenschaft beim Produzieren, die niemals zu einem Sich-zu-ernst-nehmen der Produzierenden führt. Deshalb eine willkommene Pause von den apokalyptischen Techstep-Sachen (für die mein Puls auch freudig schlägt). Das hier ist eben mehr so Party im älteren Sinne.

Photek – Ni-Ten-Ichi-Ryu

Wie haben Sie das gemacht, Herr Photek? Obwohl dieser Mann ganz offensichtlich an den Brüchen und Pausen interessiert ist und man gerade bei ihm schon lange nicht mehr von „Mustern“ reden kann, sind diese beiden neuen Stücke so zwingend tänzerisch wie die bewegendsten Jump Up-Maxis aus Bristol. Genauso aber kann sie jemand in Anspruch nehmen, der/die sich schon immer ein tiefgründiges Wissen über Rhythmik aneignen und sich eigentlich ein Buch darüber kaufen wollte. Hier erfahren Sie mehr.

Laika – Breather

Ah, Laika, ah, Atmen. Und zwar Atmen wie bei den Fischen: die ganze Welt wie ein verführerischer Strudel reinziehen, wieder rauslassen, und das alles so schnell, daß es keiner mitkriegt. Dabei blicken Laika wie Fisch teilnahmslos in die Welt, als würde nichts weiter passieren bei diesem ungemein energetischen Treiben. Das machen sie aber extra, um sich selbst mit der Einbildung zu trügen, alles sei ganz entspannt und nicht der Rede wert. So ist Breather also eine hervorragende Selbsterklärung Laikas, und verdammt gute Musik sowieso. (Die Süddeutsche Zeitung würde nicht um die Beschreibung „…die Lunge Laikas…“ umhin kommen.)

Andy & Die Anitas – Banditen der Liebe

Laut Plattenfirma finden wir Andy & Die Anitas in der Schublade (Achtung!) „House-Schlager“. „House“ ist also, wenn es losgeht wie bei ‚Don’t You Want Me‘ von Felix, um dann doch rüberzuwechseln zur Flamencogitarre von Jam+Spoon. Und „Schlager“ ist, wenn es um „brodelnde Hormone“ geht, natürlich alles sooo witzich. Kaum zu glauben, daß diese Band einen wunderschönen Autobahnsong auf ihrer LP hat, nämlich ‚Mit Elvis Im Regen‘. Das ist aber schon alles, was von denen überhaupt hörbar ist.

Andy & Die Anitas
Banditen der Liebe
Spin/ EMI

Magnapop – This Family

Indie Rocker Top Hit. ‚This family’s going to heaven/ this family’s going to hell‚ singe ich beim zweiten Refrain mit, dessen Catchyness schon die Strophe verspricht. ‚Mich-kann schon lange nichts mehr erschüttern‘-Gesang, Melodiebass, fett hingeräuschte Gitarren und Schellenkranz dazu: auch hier sind die Pixies nicht weit (siehe Kelley Deal 6000). Diesmal dienen sie aber als Qualitätsreferenz.

Magnapop
This Family
Play It Again Sam

The Charlatans – One To Another

Keine Frage, dieses Piano rollt, und die einfachen Hooks muntern den Körper zum Hin- und Herbewegen auf. Außerdem singt Tim Burgess cool. Er dehnt noch die kürzesten Silben und findet so seine feine Rhythmik. Tom Rowlands von den Chemical Brothers würzt das Ganze mit ein paar schicken Drumloops ganz im Sinne des Songs. ‚One to another‘ ist also ein wohlschmeckendes Stück Nordengland-Pop, wenn mich jetzt auch die gesamte Redaktion für 50 Jahre nach Blackpool versetzt.

Grant Lee Buffalo – 2+2

Besonders im Refrain klingen diese Harmonien nach ‚Downtown Train‘ von Tom Waits, und manchmal ist die Rod Stewartsche Version selbigen Stückes auch nicht mehr weit entfernt. Seit ‚Fuzzy‘, einem unendlich traurigen Meisterstück, haben Grant Lee Buffalo ja nichts umwerfendes mehr von sich hören lassen. Daß sie sich aber inzwischen nur noch durch die größere Wehleidigkeit von Springsteen und Adams (zu Zeiten von ‚Summer Of 69‘) unterscheiden, läßt mich jetzt das Warten endgültig aufgeben.

Interview: Lambchop

Super Sophistication, Nashville

Offen gesagt mag ich keine Country Musik, und demzufolge habe ich auch keine Ahnung davon. Und damit sich auch die weiterhin für einen Artikel über Lambchop interessieren, denen der Begriff ähnlich dumpfe Assoziationen einjagt wie mir, werde ich mich hüten, ihre Musik als Country zu bezeichnen. Eine Nashville Band sind Lambchop aber sehr wohl, und dazu gleich mehr.

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Speech – Like Marvin Gaye Said

Klar, das ist schon ein toller Song, aber Marvin Gaye selbst hat das ganze viel treffender gesagt. Im Vergleich zu dessen Originalversion fehlt Speech dann doch der Soul- aber wer könnte da auch schon mit Marvin mithalten. Gerade bei der Album Version klingen Baß und Snare so unbeweglich für einen Seelenhit, während Speechs Sprechgesang sich beeindruckend biegt.

Die Single wird gerettet vom Organized Noize Mix, der mit WahWahs und cremigerem Rhythmus-Arrangement die Tiefen des Stückes betritt.

Nicolette – No Government

Talking Loud veröffentlichen wieder interessante Sachen, und „No Government“ killt Dich mit einem verführerischen Lächeln. Der Sound führt vorbei an Electro, Jungle, Jazz, HipHop und Dub, ohne diese für sich zu vereinnahmen. Immerhin ist Nicolette inzwischen über dreißig (31) und möchte daher eine Meta-Position einnehmen, was Pop-Untergründe betrifft.

Genau diese Position symbolisiert der Radio-Edit, während die Bud Brothers einen hervorragenden Drum’n Bass-, Plaid (ex Black Dog) einen Mix beisteuern, der auf geradezu unheimliche Weise das Phänomen der Gleichzeitigkeit erforscht. Dazu kommt ja auch noch Nicolette’s Stimme: sie pflückt in der Hölle Blumen.

Wuhling – Mondsound

Wahrscheinlich ist diese Veröffentlichung als Appetithäppchen gedacht. Wuhling sind die erste Berliner Band auf City Slang, und Ende Februar werden sie nach Chicago fliegen, um bei Steve Albini ihre Debut-Lp aufzunehmen. Diese Nummerngröße ist angesichts ihrer Liveauftritte etwas verwundernswert. Dort wurde zwar schon gezeigt, daß sie einmal sehr aufregende Musik machen werden können – aber noch lernen müssen, die Spreu vom Weizen zu trennen.

In ihren besten Momenten spielen sie silbrigen, introspektiven Rock in Triobesetzung. Dazu gehört „Dimdedimde“, die B-Seite- doch „Mondsound“ selbst klingt zu hölzern und hüftsteif, um schon mal eine Vorahnung für „Wuhling sind das neue Ding“ sein zu können. Die deutschsprachigen Lyrics sind mir zu esoterisch, aber die sind auch nur mit größter Mühe zu verstehen.

Interview: Bedlam Rovers

Pro-Proletarisch!

Wer kennt eigentlich die Bedlam Rovers; hat tatsächlich schon einmal ihre Musik gehört? Mit „Land Of No Surprises“ haben sie ein tolles neues Album vorgelegt und touren zur Zeit durch Europa. Zwei gute Gründe also, sie zu den Veränderungen seit ihrem relativen Bekanntwerden im Jahr 1993 zu befragen. Da die Einstiegsfrage so schwierig zu beantworten ist, zunächst mal das Grundsätzliche.

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Das ABC der Jugendbewegung

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Jugend! Begleitet Tocotronic bei ihrem freien Fall durch die Ideenwelt einer charmanten, einfühlsamen und sozial wie politisch korrekten Jugend. Startet in Utopia (A) und schaufelt den Weg frei, damit ihr über metaphorische Imolas (I) ins Feindesland langhaariger, bärtiger Menschen und überhaupt alles Bösen (Z) gelangt. Hört zwischendurch immer wieder die beste Musik, die 22-jährige so geprägt haben kann. Und hört letztendlich die ganz neue Tocotronic-LP (was dann die dritte wäre), denn nichts anderes ist in diesem Gespräch entstanden.

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