Kritisch nachgefragt

Beckmann, ARD, 31.10.2005.

Sondersendungen zu Hauf, weil auch Münte feststellen mußte, dass seine Partei auch nicht immer nach seiner strengen Pfeife zu tanzen gewillt ist. So weit, so gut. Aber warum muß des nächtens ausgerechnet Schmusetalker R. Beckmann das Thema nochmal aufwärmen? Und dann auch noch ausgerechnet mit Guido Westerwelle, der – o Wunder! – fand, dass die SPD doof, die Lage kritisch und die FDP sowieso die Partei mit den richtigen Rezepten sei. Beckmann spielte brav den Stichwortgeber und sampelte ab und an kleine Pausen in seine Fragen um kritische Distanz zu simulieren.

Da hätte ja ein Interview mit Verona ex-Feldbusch mehr Nährgehalt gehabt. Zumindest am Ende dieses Null-Interviews bewies Beckmann Ironie: „Danke für die Informationen“. Ha!

Christian Bruhn

Was hat dieser Mann nicht alles komponiert: Schlager wie Marmor, Stein und Eisen bricht, Zwei Kleine Italiener, Liebeskummer lohnt sich nicht, Wärst du doch in Düsseldorf geblieben, oder Ein bisschen Spaß muß sein; TV-Musiken wie Heidi, Timm Thaler, Hey, Hey Wickie oder Captain Future ja selbst Werbemelodien wie die von Milkas zartester Versuchung.

Professor Christian Bruhn wird heute 70 Jahre alt. Ein schöner Anlass für ein kleines Interview. Damm damm:

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Ein offenes Ohr

Frl. Katja trifft James Last

Rente – was ist das? Mit über 70 steht James Last noch mittendrin. In der Karriere. Im Orchester. Im Leben. Und ab und zu gibt er Einblick in seine Musik. In seinem typischen schnoddrigen, unverbümten Ton. Ein Nordlicht eben, das aber privat unter der Sonne Floridas lebt. Wenn er nicht gerade auf Tour ist…

Frage: Hunderte von Songs haben den Weg auf Ihre Alben gefunden. Wie springt da eigentlich der Funke über, zwischen Ihnen und einem Lied? Wippt der Fuß, zuckt der Ellbogen?
James Last: Ja, Fuß und Ellbogen. Und im Kopf muss es stimmen. Der muss mir gefallen, so´n Titel. Und er muss für uns spielbar sein. Oder ich mach ihn für uns spielbar.
Frage: Wie halten Sie sich auf dem Laufenden? Gucken Sie MTV? Gehen Sie in Plattenläden?
James Last: Alles. Ich hab immer die Top Zehn zu Hause. Ich hör mir was Neues an. Wir gehen in Shows. Man muss sich halt informieren, dabei sein.
Frage: Haben Sie sich an einem Stück mal richtig die Zähne ausgebissen?
James Last: Eigentlich nicht. Wenn´s mir gefällt, bin ich schon ganz anders bei der Sache. Wenn´s anders wäre, wird´s ja Arbeit. Mir macht die Schreiberei immer noch Spaß. Ich mach das heute am Computer. Viele Leute meinen ja, mit dem Computer geht alles schneller. Das ist Blödsinn. Ich brauche viel mehr Zeit. Aber ich habe natürlich den Vorteil, dass ich vorher hören kann, wie´s klingt.

Frage: Wie lange dauert das, am Computer zu arrangieren?
James Last: Wir spielen gerade eine CD ein, mit 12 Titeln. Da sitze ich bestimmt seit acht Wochen dran, am Arrangieren. Letzte Woche haben wir in unserem Studio in Florida den Rhythmus aufgenommen. Dazu haben wir die Rhythmusgruppe aus Deutschland einfliegen lassen. Dann gehen wir nach London, nehmen da die Trompeten auf. Und die andere Woche sind wir in Hamburg und nehmen den Chor auf. Und dann hoffe ich, dass das Ding im Kasten ist. Und dann gehen wir nach China und machen Tournee.
Frage: Verraten Sie, was Sie gerade produzieren?
James Last: Ja, das war ein Wunsch der Firma, und ich fand das ganz gut. Die haben gesagt: Mensch, ´65 warst Du eigentlich der erste Disc Jockey, der einen Titel nach dem anderen gespielt hat. In Medley-Form, die ganzen aktuellen Titel. Mach doch mal so was Ähnliches. Die Titel von früher im heutigen Sound. Und da haben wir eben so´n paar alte Dinger ausgepackt. „Proud Mary’ ist dabei, “Bully Bully’, “Na Na Hey Hey Goodbye’, “Pretty Woman’ und so weiter. Bisschen discomäßig und ein bisschen rockmäßig.

Life on stage

Frage: Sie machen seit über 50 Jahren Musik. Seit rund 40 Jahren mit eigener Band. Wenn Sie runtergucken von der Bühne – was hat sich verändert?
James Last: Ich finde, das Publikum ist aufmerksamer als früher. Und auch dankbarer. Sie verstehen mehr, dass sie von Sorgen und vom Alltag abgehalten werden, wenn wir auf die Bühne gehen. Darin seh ich auch meine Aufgabe. Und die Musiker ziehen da toll mit. Das amerikanische Publikum ist total begeistert, wie die da oben so ausgelassen musizieren. Die Amerikaner sagen: Wir haben gute Musiker. Aber die setzen sich hin, spielen ihr Solo, packen ihr Instrument zur Seite und warten, bis sie wieder dran sind. Bei uns, in der James Last Band, denkt jeder für den anderen mit. Lebt mit dem anderen mit. Und das bei 40 Leuten! Wir teilen das alles. Aber nicht nur für uns. Sondern wir teilen uns dem Publikum mit.
Frage: Das Saarbrücker Publikum durfte Sie auch schon öfters erleben. Haben Sie noch Erinnerungen an Saarbrücker Konzerte?
James Last: Ja, eine ganz negative. Vor über 20 Jahren haben wir dort mal einen Tanz in den Mai gespielt. Aber unsere Instrumente waren unterwegs verunglückt und kamen nicht an. Nun saßen wir da. Der Saal war voll, und wir konnten nicht arbeiten. Wir haben versucht, irgendwie Instrumente in Saarbrücken zu bekommen. Es war nicht möglich. Abends um elf kamen die Instrumente dann an. Da haben wir noch einen los gemacht.

Auf Tuchfühlung mit den Fans

Frage: Sie haben total verrückte Fans. Die merken, wenn Sie in Ihrem Schlagzeug ein Becken austauschen.
James Last: So ungefähr, ja.
Frage: Kommen die auch zu Konzerten und diskutieren mit Ihnen?
James Last: Ja. Ich mache grundsätzlich beim Soundcheck die Türen auf und lass die Fans, die schon draußen sind, rein. Oft sind schon welche um fünf oder sechs vor der Halle. Und eine Stunde vorm Einlass geh ich runter und sprech mit denen. Ich würde schon sagen, dass ich ein Künstler zum Anfassen bin. Und die Leute, die mein Leben mit so schön bereiten, die meinen Geschmack teilen – zumindest in der Musik – die haben ein Recht, mit mir zu sprechen. Da ergeben sich manchmal wunderbare Dinge. Viel Gutes und viel Kritisches.
Wenn wir zum Beispiel in London spielen, dann sind mindestens hundertfünfzig Leute vorher in der Halle. Die dürfen eigentlich gar nicht rein. Aber wenn Hansi Last sagt, das sind meine Freunde, dann dürfen sie alle rein. Die kriegen immer ein Glas Sekt zu trinken. Denn London ist unser Meeting Place. Da treffen sich die Leute aus aller Welt. Für die China-Tournee haben sich schon einige angemeldet, die mitfliegen. Und wenn die Engländer nach Deutschland kommen, dann wohnen die bei Freunden. Wenn die Deutschen nach England kommen, wohnen sie bei den Engländern. Oder die Franzosen, die Dänen… Ganz Europa geht da durcheinander. Und auch Amerikaner kommen mit hier rüber und wohnen dann bei Fans.
Frage: Da wär ich auch gern mal dabei, bei so´m Soundcheck.
James Last: Ja, immer. Immer herzlich willkommen.
Frage: Sie haben auch ein Lied mit den Rappern von Fettes Brot gemacht. Wie kam das zustande? Wie kommt man an Sie ran?
James Last: Wenn jemand zu mir kommt, dann hab ich ein offenes Ohr. Gerade bei jungen Leuten. Ich bin ihnen ja sehr zu Dank verbunden, denn die geben mir so tolle Titel. Xavier Naidoo oder die No Angels, solche Musik hat es in Deutschland früher nicht gegeben. Das ist viel anspruchsvoller geworden. Wenn Leute in meinem Alter mehr hinhören, würden sie feststellen, dass es viel wertvollere Musik als früher ist. Die Schlager waren meistens in die Schnulzenrichtung gedacht. Mit den Rappern muss man sich auseinandersetzen. Da ist eben nicht die Melodie maßgebend, sondern der Text. Was die in den Texten loslassen, sind unheimlich wichtige Sachen. Und die lassen sich total darin aus, stehen konsequent dahinter. Das ist bei Fettem Brot auch so, und das find ich toll, mit denen zu produzieren. Ich hab old fashioned Art gemacht, schön arrangiert und so weiter. Und da haben die mich angerufen und gesagt, wenn wir das machen, machen wir´s wie eine Jamsession. Dann haben wir uns ins Studio gesetzt, haben da zusammengesessen und haben besprochen, was wir machen wollen. Und dann haben sie das konsequent gemacht. Ich würde manchem Symphonieorchester-Musiker wünschen, sich so konsequent mit den Sachen auseinanderzusetzen, wie das die jungen Leute machen. Von wegen, die sind nicht musikalisch, die arbeiten mit Computern und so´n Kram. Das sind dumme Ausreden. Für mich ist das natürlich auch ´ne ganz tolle Sache, dass Puff Daddy einen Titel von mir ausgepackt und gemacht hat. Wenn man über 70 Jahre alt ist, und dann kommt der Puff Daddy und nimmt sich so ne alte Aufnahme von James Last, und macht da seinen Rap drauf, da bin ich aber gegen die Decke gesprungen vor Freude
Frage: Was war das für ein Stück?
James Last:Das hieß bei uns „Fantasie“ von der CD „Seduction“. Die hab ich damals mit David Sunburn aufgenommen, war hier auch in den Top 10 drin.

Ein Lied für die Insel

Frage: Wenn Sie auf eine einsame Insel führen, welches Lied würden Sie mitnehmen?
James Last: Ich glaube, das wäre „MacArthur Park“. Denn damit fing eine andere Art Musik für uns an, zu leben. Das hat ja damals der Richard Harris, der Schauspieler, gesungen. Und der Titel war sechs oder sieben Minuten lang. Das war der erste Titel, der so lang war und tatsächlich voll im Radio gesendet wurde. Den hab ich in New York gehört, hab ihn gleich für uns arrangiert. Und das war jeden Abend eine sehr erfolgreiche Aufführung, wenn wir den gespielt haben.
Frage: Ich glaub, ich kenn das Lied nur von Donna Summer.
James Last: Könnte sein, da gibt´s ne Discoversion von. (Singt:) MacArthur Park, slepping in the dark, dadida dada… Wunderbare Melodie ist das auch. Und die Phrasen… Von der rhythmischen Aufteilung ein sehr schönes Lied.

Wackelpudding mit Schnäuzer

Gabi Bauer, 12.3.2003. ARD.

Lustig zu sehen, wie Gabi Bauer mit Charme und Beharrungsvermögen versuchte, einen Pudding namens Jürgen Möllemann an die Wand zu nageln. Dabei wollte der doch nur sein am nächsten Tag erscheinendes Buch promoten. „Nichts als die Wahrheit“. Oder doch „Klartext“? Egal. Am Ende schwoll Mr. 18 Prozent sichtlich der Kamm, ob der Unbotmäßigkeit dieser immer wieder nachfragenden Interviewpartnerin. „Ach, wär‘ ich doch wieder zu Beckmann gegangen. Oder zu Kerner…„.

Interview: Chemikal Underground

Kai Florian Becker im Gespräch mit Stewart Henderson und Alun Woodward von Chemikal Underground

Ein paar hundert Meter entfernt vom imposanten Stadion des 1887 von katholischen irischen Einwandern gegründeten Fussballclubs F.C. Celtic Glasgow liegt ein überschaubares Industriegebiet. In einem der wenigen Bürogebäude hat sich vor ein paar Jahren im obersten Stockwerk die junge und aufstrebende Plattenfirma Chemikal Underground Records eingenistet.

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Interview: Beangrowers

Popbohnen von der Insel

Auf Malta ist es immer schön warm, kein Wunder, daß dort keine allzu düstere Musik entstehen kann. Überhaupt, kennt ihr Bands aus Malta? Ich nicht, zumindest bis vor einigen Wochen nicht. Jetzt aber kenne ich die Beangrowers. Das Trio aus St. Julian hat sich 1995 für die Musik entschieden und seitdem an seinem Sound gefeilt. Mit Erfolg, wie ich meine. Das Debüt „48k“ überzeugt mit seinem poppigen Gitarrenrock und der schönen Stimme von Alison Galea (auch an der Gitarre zu bewundern). Ihr zur Seite steht Bassist Mark Sansone und Ian Schranz (sitzend am Schlagzeug).

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Interview: Chris Jagger

Im Frühsommer 1998 erschien beim Hamburger Label Hypertension „From Lhasa To Lewisham„, das jüngste Album von Chris Jagger. Er hat es gemeinsam mit dem Multiinstrumentalisten Charlie Hart (Ex-Ronnie Lane’s SLIM CHANCE, Ex-BALHAM ALLIGATORS) und dem Blues- und Boogie-Pianisten Ben Waters aufgenommen. Das Trio firmiert unter dem (programmatischen) Namen ATCHA ACOUSTIC. Ende November kamen die drei wieder auf Deutschlandtournee, nachdem sie hierzulande im Mai und Juni bereits einige begeistert aufgenommene Gigs absolviert hatten.

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Interview: Beginner

Musikalisch paaren

1992 fand sich auf der deutschen Compilation „Kill The Nation With A Groove“ der Song „K.E.I.N.E.“, die erste Veröffentlichung aus dem Hause Absolute Beginner. Ein Jahr später stand die EP „Gotting“ in den Läden, der Monate darauf die Single „III Stylez“ folgte. Zwei Jahre gingen (wegen einiger Nebenaktivitäten) ins gelobte Land bis „Flashnizm (Stylopath)“, das Debüt, im Kasten war. Das Warten hatte sich gelohnt; das Album wurde mit Lob überschüttet. Mit dem Erfolg kam der Major auf den Plan.
Schnitt! Die Zeitrechnung zählt 1998. Es hat sich was getan. Der neueste Stand der Dinge: „Bambule“ heißt auf hochdeutsch „Krach“. Mit Krach hat das zweite Album der Hamburger HipHop-Crew Beginner jedoch absolut nichts gemein. Und absolut sind die Beginner auch nicht mehr, da Martin, der dritte MC im Bunde, zuletzt das Handtuch warf. Das Adjektiv wurde in Folge gedroppt.

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Ein Yankee namens Blueberry

Totgeglaubte leben länger

1963 erblickte ein junger Yankee namens Leutnant Blueberry das Licht der Welt. Den Mann, der ihm die Worte in den Mund gelegt hat, Jean-Michel Charlier, hat er bereits überlebt. Vielleicht wird er auch noch seinen Zeichner Jean Giraud, auch bekannt als Moebius, überleben, der die Reihe seitdem in Eigenregie fortführt. Blueberry ist eine Kultfigur und einfach nicht totzukriegen. Bereits die nächste und übernächste Generation seiner Bewunderer investiert ihr Monatssalär oder Taschengeld in seine Abenteuer.
Einer von ihnen ist der 1960 geborene Daniel Pizzoli. Ihn trieb es bis in die USA, in die Indianerreservate in Arizona, an die Originalschauplätze von Blueberrys Abenteuer. Seine Leidenschaft ist nicht abgeklungen, im Gegenteil, er hat sie zu Papier gebracht. Das Ergebnis ist eine Dokumentation mit dem Titel ‚Ein Yankee namens Blueberry‘.

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Wir sehen zunehmend egoistischen und zynischen Zeiten entgegen

Ein Roman im Internet? – Der Schriftsteller Ilja Trojanow sieht darin keinen Widerspruch und legt mit „Autopol„ein respektables Werk vor

Einem Schriftsteller bei der Arbeit zuzusehen, ist eine spannende Sache. Von März bis August diesen Jahres konnte der Internet-Nutzer Ilja Trojanow (32) beim Schreiben des Science-Fiction-Romans „Autopol“ beobachten. Der Roman, vor kurzem bei dtv premium erschienen, ist das jüngste Werk der sogenannten Web- Literatur: „Novel in Progress“ (fortschreitende Geschichte) nennt beispielsweise das ZDF sein Web- Literatur-Projekt. Ilja Trojanow sprach mit Hinternet-Mitarbeiter Martin Schrüfer in München Ende November über die düstere Zukunftsvision seines Buches und über Literatur im Internet.

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Bei uns ging’s eigentlich nie um Jugendlichkeit

Ein Gespräch mit Dirk von Lowtzow (Tocotronic)

Hinter-Net!: Tournee-Zeit heißt auch Interview-Zeit. Seid Ihr schon gestreßt?

Dirk: Nö, eigentlich nicht. Natürlich machen wir ’ne Menge Interviews, und oft sind es immer wieder dieselben Fragen. Eine gewisse Routine hat das schon. Daher kommt es auch selten vor, daß wir zu dritt ein Interview machen, meist geht nur Einer von uns hin. Da kann die Frage noch so gut sein, irgendwann hast du sie doch schon mal gehört, und wenn dann Einer von uns loslegt mit der Antwort, dann sitzen die beiden anderen rum und können nicht mehr zuhören, weil wir das untereinander alles schon mal gehört haben.

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Guided By (female) Voices

Ein Telefoninterview mit Hindernissen

Vielbeschäftigter Hinternet-Mitarbeiter

Hinter-Net! Mitarbeiter sind vielbeschäftigte Menschen und die Redaktion mangels spendabler Sponsoren (haaallloo! hört uns jemand da draußen?!) arm wie eine Kirchenmaus. Das heißt u.a. grüner Tee (Iiigitt! die Red.) und Salzstangen statt Champagner und Kaviar bei den Redaktionssitzungen. Und natürlich keine Flugtickets zu Interviewterminen in München, Hamburg oder London. Wenn der zu interviewende Berg nicht zu uns kommt, bleibt als letzte Möglichkeit meist nur noch ein Telefoninterview

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Interview: Stella

„Glaubst Du, wir meinen das nicht ernst?“

„Stella“ sind zwar nicht mehr jung, dafür aber trotzdem neu. Sie kommen aus der Hamburger Schule, haben aber mit ihren Kollegen nicht viel gemeinsam. Ihre Lieblingsbeschäftigung ist streiten und auf elegante Art und Weise politische Utopien unters Volk zu bringen.

Das Debut nennt sich ==>„Extralife“: Ein elegantes Stück Musik zwischen Rock, Pop und Wave, das es in sich hat. Hinternet-Mitarbeiter Martin Schrüfer sprach mit den Stellas Elena Lange und Thies Mynther.

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Interview: Anton Fier

Ein Mann geht seinen Weg

Anton Fier ist einer der vergleichsweise wenigen Schlagzeuger, der sich erfolgreich zu einem selbständig plattenproduzierenden Künstler gemausert hat. Wenn Fier Platten macht, dann unter dem Namen GOLDEN PALOMINOS. Acht waren es bislang, die erste 1983 und die neueste, „Dead Inside“ Ende 1996. Obwohl er mit einigen der besten Experimentalmusiker aus New York zusammenarbeitet (wie Bill Laswell und Gitarrist Nicky Skoplelitis, die auf allen acht Alben spielen), IST Anton Fier die GOLDEN PALOMINOS. Und er beeilt sich gleich zu Beginn des Interviews, mich darauf hinzuweisen: „There ain´t no band!“

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Ein Haufen alter Hippies…

Ein Interview mit David Munyon

David Munyon begann so um 1967 in Kalifornien Musik zu machen. Anfangs spielte er Gitarre in einigen Bands, die so nette Namen wie Grapes of Wrath ( wie das Steinbeck Buch) oder East Coast Chapter hatten. Die Bands konnte er nie zusammenhalten, da die Jungs zum Militär mußten oder einfach zuviel tranken.

Daraufhin beschloß er, nur noch allein mit der Acoustic in den USA zu reisen, um in Cafes, Restaurants und gelegentlich in Bars zu spielen. 1986 ging er schließlich nach Nashville und traf dort Greg Humphrey, seinen heutigen Produzenten und begann ein Projekt zusammen mit Matt Rowlins und Leland Sklar, Anthony Crawford, Billy Joe Williams jr.. In ihrem Haus haben sie sich zusammen gesetzt und in 4 bis 5 Tagen auf 24 Spuren ein Album aufgenommen.

Mit der Unterstützung von ein paar Freunden aus Kalifornien brachten sie die Platte auf einem eigenen Label (Los Hermanos) raus. Ihnen fehlte es aber am nötigen Kleingeld, um das gute Stück vernünftig zu verkaufen. Insgesamt wurden nur einige hundert Stück der ‚Code Name: Jumper‘ verkauft. Auf einer Messe in Texas traf er dann jemanden vom deutschen Label Glitterhouse. Glitterhouse brachte das Album und die Nachfolger „Acrylic Teepees“ und „slim possibilities“ in Europa raus und unterstützte Munyon schon auf seiner ersten Europatournee vor drei Jahren.

David Munyon ist eine unglaublich charismatische Perönlichkeit. Während seiner Konzerte sitzt er mit seiner Acoustic auf einem Stuhl, vor ihm ein Notenständer, auf dem sein Songbook mit mehr als 400 Songs liegt. Die Aura um ihn herum läßt sich nur mit einem Hochspannungskondensator vergleichen. Man hat ständig das Gefühl, die Spannung springt über.

Leider gibt es immer wieder besch… Publikum. Jauchzende Barfußtänzer und Landeier, die nie die Klappe halten können. Irgendwann schließt Du deine Augen und hörst ihm zu. Vor dem geistigen Auge laufen die Geschichten ab, von denen er erzählt. Alles andere erscheint irrelevant. Im Anschluß an sein Konzert im Kölner MTC nimmt er sich Zeit für ein kurzes Interview. Im kleinen Backstage Raum spielt sich Steve Wynn hinter mir für seinen Auftritt warm. Munyon ist anzusehen: Er hat alles mitgemacht, die schlimmsten Dinge gesehen und erlebt; hat kleine Dinge gesehen, die ihm eine Riesen-Freude bereitet haben. Sein Glück strahlt er aus jeder Pore seines vernarbten Gesichtes; ohne zu lachen, ohne zu lächeln.

Hinter-Net!: Mr. Munyon, auf Ihren Platten spielen Sie mit einer Band, hier auf der PopKomm spielten Sie aber ganz allein…

Munyon: Ich spiele meist allein. Für diese Europatournee wollte ich eigentlich mit der Band spielen, mit der ich auch die letzten Platten aufnahm. Ich kann es mir einfach nicht leisten, eine Band zu engagieren. Außerdem haben die meisten eine Familie in Nashville und daher wenig Interesse, mehrere Monate durch Europa zu touren.

Hinter-Net!: Was für ein Unterschied ist für Sie live mit oder ohne Band zu spielen ?

Munyon: Ich hatte bis jetzt nur einige Male die Gelegenheit dazu. Unter anderem mit Warren Haynes ( Allman Brothers). Sonst spiele ich nur mit anderen zusammen, wenn es sich zufällig ergibt. Vielleicht werden wir auf der nächsten Tour mit Band spielen.

Hinter-Net!: Spielen sie mit Band die gleichen Songs ?

Munyon: Ja, da ändert sich nicht viel. Für diese Tour war sie geplant mit David Pomeroy am Bass, mit Craig Krampf an den Drums und mit Al Perkins (Ex-Emmylou Harris Band) an der E-Gitarre. Die meisten wollten nicht ohne Familie touren. Viele Musiker aus Nashville wollen im Moment in kein Flugzeug steigen, da Freunde im Crash in Florida gestorben sind. Und Chet Atkins Bassist ist mit der TWA 800 über Long Island abgestürzt. Jetzt ist er vielleicht im Himmel und schreibt Songs mit Elvis. Ich hatte genug Glauben und war sicher, heil anzukommen.

Hinter-Net!: Kommen in Europa andere Leute zu Ihren Konzerten als in den USA ?

Munyon: Das Publikum in Europa ist völlig anders. Ich wünschte, ich könnte es mitnehmen. Sehr enthusiastisch und die Leute behandeln mich mit sehr viel Respekt. Manchmal spiele ich in Nashville in einem Cafe fünf Stunden am Stück und bekomme keinen Applaus. Die großen Shows in Nashville, das ist nur Country. Ich habe allerdings kein stereotypisches Country Publikum. In den USA ist es normalerweise so: Komme ich in eine Stadt, frage ich einfach solange, bis ich irgendwo spielen darf. Dadurch kommen die Leute eher zufällig. Reisen liegt mir im Blut. Mein Vater war in der Navy, und arbeitete für die NASA, wir haben schon immer aus dem Koffer gelebt. Bis jetzt habe ich in den USA, Kanada und Europa gespielt, wir planen aber im Fernen Osten (Japan, Taiwan) zu touren. In China wurde ein Einreiseverbot verhängt. Aus politischen Gründen. Ein Song vom ersten Album, Bejing Dreams, handelt vom Massaker während des letzten Revolutionsversuchs.

Hinter-Net!: Wieviel Politik liegt in Ihren Texten ?

Munyon: Ich glaube ich war schon immer ein politischer Songwriter, habe auch Politikwissenschaften an der Uni studiert. Mir war aber nie bewußt, daß ich politische Songs schreibe, bis eine Verlegerin sagte, ich schreibe politische Texte. Erst da wurde es mir richtig bewußt. Ich sehe mich aber lieber als ein Geschichtenerzähler.

Hinter-Net!: Sehr oft sprechen Sie von »wir«, wenn es um Ihre Musik geht

Munyon: Wir ist Gott, ich, alle, die mit geholfen haben. Ich spiele Gitarre, seit ich 13 bin und jetzt nach 30 Jahren bekomme ich eine solche Anerkennung, das ist ein gutes Gefühl. Es war anscheinend das Warten wert. Glitterhouse macht gute Arbeit, die beste Firma, die ich haben könnte. Mit 13 hatte ich kein Geld, jetzt habe auch nicht viel mehr. Ich lebe »on a steady diet of miracles«.

Hinter-Net!: Haben Sie den Erfolg noch erwartet ?

Munyon: Irgendetwas hat mich immer vorangetrieben. Mit 17 habe ich angefangen in LA aufzutreten, dann wurde meine Mutter in Florida erschossen. Irgendwelche Verrückte, die neben ihr wohnten, haben mit einem Gewehr durch Wand geschossen und sie dabei getötet. Ich war zu der Zeit in LA. Im Militär war ich einige Male, auch in Vietnam, bin aber immer wieder zur Musik zurück gekommen. Einige Jahre Alkoholkrankheit, habe es aber überstanden. Die Dinge laufen sehr gut im Moment, ich bin sehr glücklich, fühle mich fast wieder wie ein Kind.

Hinter-Net!: Was hat Sie zum Weitermachen getrieben ?

Munyon: Songs konnte ich immer schreiben, egal ob ich meinen Job verloren habe oder etwas anderes mich umgeworfen hat. Songs konnte ich immer schreiben. Jemand aus meiner Kirche zeigte mir vor einiger Zeit einen Vers aus der Bibel » Gott schenkt uns unsere Lieder in der Nacht« Es ist meine Bestimmung, Songs zu schreiben. In den letzten Jahren war Gott sehr gut zu mir, fast hätten sie mich untergekriegt, ich bin wohl gerade noch davon gekommen.

Hinter-Net!: Denken Sie, die vermehrten Reisen und der Erfolg werden Ihre Musik verändern ?

Munyon: Die Musik wird sich nicht verändern, vielleicht wird sie besser. Ich lerne vielleicht einige neue Akkorde. Greg (Produzent) und ich haben lange darüber nachgedacht, was wir machen wollen. Versuchen wir zu einem Major Label zu kommen, aber mit unserer Musik, 7-8 minütige Songs über Jesus, Krishna, Buddah, Rama, Vishnu, damit will die große Country-Industrie nichts zu tun haben. Sie mögen die Musik vielleicht, können sie aber nicht bei ihrem Publikum vermarkten. So beschlossen wir »Zur Hölle mit dem Geld !«

Hinter-Net!: Sie sprechen sehr oft von Gott, aber auch vielen anderen Religionen.

Munyon: Es gibt da ein Buch: »Autobiography of a Yogi«. Er verbindet alle Religionen, und sagt, es sind alles nur Namen, genauso wie es viele Namen für Blumen oder Bäume gibt.

Hinter-Net!: Ist dies ein Teil Ihrer Message ?

Munyon: So ungefähr. Wir hoffen auch etwas peace zu bringen, wenn wir nicht vorher aus der Stadt gejagt werden. Wir sind halt ein Haufen alter Hippies

Backstage: der Künstler und sein Interviewer