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Entenkosmos

Unterwegs in Sachen Gold

 
 

DIE VORGESCHICHTE

Es ist das Jahr 1947. Der Winter hat Einzug gehalten in die Stadt. Ein eiskalter Wind pfeift durch die dunklen Straßen und treibt Schneeflocken vor sich her. Kein lebendes Wesen ist weit und breit zu sehen. Nur hinter den heimelig erleuchteten Fenstern der niedrigen Häuser findet das Leben im kleinen Kreis der Familie statt. Alle sind in angeregter Stimmung, es ist Heiligabend.

Na ja, nicht alle sind guter Dinge, vor allem nicht Donald und seine Neffen, denn es läuft wieder nichts so, wie es laufen sollte. Schuld daran ist vor allem ein unliebsamer Verwandter, der sich aufführt, als wäre sein Charakter aus den Eigenschaften zusammengebastelt, die sonst keiner haben wollte: Hartherzigkeit, Geiz und Egoismus. Die Rede ist von niemand anderem als von Donalds Onkel Scrooge McDuck, der 1947 in dieser Entenpersiflage auf Charles Dickens "A Christmas Carol" von Carl Barks seinen ersten Auftritt hat und erst nach einer langwierigen Läuterung den Sinn des Weihnachtsfests erkennt und Donald letztlich ein wunderschönes Fest beschert.

Ursprünglich sollte Scrooge McDuck nur in dieser Geschichte auftauchen, doch der knauserige alte Sack, der hierzulande als Dagobert Duck bekannt wurde, entwickelte sich zum Publikumsliebling. Dieser Tage kann er auf seinen fünfzigsten Jahrestag im Entenkosmos zurückblicken.

Doch auch nach seiner Läuterung ist die Figur der reichsten Ente der Welt nicht unumstritten. Neben Donald Duck ist Onkel Dagobert wohl der vielschichtigste Entencharakter. Entsprechend kontrovers wird er auch von den Chronisten dieses Jahrhunderts diskutiert. Vordergründig ist dieser alte verknorpelte Erpel nichts anderes als die Fleisch und Federn gewordene Ikone des ungebremsten Kapitalismus. Doch ein Blick hinter die Kulissen auf seine bewegte Lebensgeschichte zeigt auch die anderen Seiten des alten Knackers in seiner Rolle als Familienoberhaupt, Geschäftsmann und Abenteurer.

Donald Sonderheft
 

DAGOBERT DER PATRIARCH

Die erste entscheidende Veränderung, die sein Auftauchen in Entenhausen bewirkte, war die, daß er maßgeblich zur Harmonisierung von Donalds Familienleben beitrug. Bis zu diesem Zeitpunkt war Donald vollauf damit beschäftigt gewesen, seine Neffen Tick, Trick und Track in Zaum zu halten. Diese drei Früchtchen hatten bislang nichts anderes im Sinn, als ihren Onkel auf die Palme zu bringen. Mit dem Auftauchen von Onkel Dagobert änderte sich die Situation grundlegend. Da dieser ständig darauf aus war, Donald und die Neffen zu unentgeldlicher Schwerstarbeit heranzuziehen, wuchs der Zusammenhalt der Gebeutelten, um diesem Schicksal zu entgehen.

Wie die Geschichten zeigen gelang dies nicht immer, aber auch nicht immer wurden Donald und die Neffen zu stupiden Arbeiten eingespannt. Oftmals wurden sie als Reisegefährten erwählt, um an Dagoberts Seite auf Schatzsuche zu gehen und federnsträubende Abenteuer zu erleben im Hochland von Mexico, in Alibabas Höhlen, im Basar von Bagdad und in Unstetistan. Abenteuer reihte sich an Abenteuer, die Donald und die Neffen an der Seite ihres Onkels zu bestehen hatten um dessen unermeßlichen Reichtum zu mehren.

 

DAGOBERT DER GROSSKAPITALIST

So zog sich das Leben im Entenkosmos jahrzehntelang dahin, bis es Anfang der achtziger Jahre zum großen Knall kam. Martin S. Gans (Pseudonym), ein zu spät gekommener Achtundsechziger, schickte sich an, die heilige Ente zu schlachten. Er veröffentlichte DAS WAHRE LEBEN DES DONALD D. - ENTENHAUSENS UNGLAUBLICHE GESCHICHTE. In diesem Machwerk präsentierte der Enthüllungsjournalist geheime Tagebücher von Donald und entwickelte daraus ein Portrait der Duckschen Sippe, das sie in die Nähe des Denver Clans rückt. Vor allem aber geriet Dagobert ins Kreuzfeuer der Kritik. Passagen aus den Donaldschen Tagebüchern ließen massive Zweifel aufkommen, ob Dagobert rechtmäßig zu seinem Vermögen gekommen sei, wie er immer zu beteuern pflegte. Da heißt es an einer Stelle wörtlich: "Reiche Leute mit Beziehungen können sich Minister kaufen und Regierungen stürzen, ganz wie es ihnen beliebt. Das habe ich getan: Ein paar Taler hier, ein paar Taler da, und alle tanzen nach meiner Pfeife. Der Fall Möllemann Maus. Den habe ich lanciert." (Als Quelle diente ein vertrauliches Gespräch mit seinem Neffen, das dieser fast wörtlich niederschrieb.)

Abgründe taten sich auf und nach der Veröffentlichung dieses Buches war die Welt nicht mehr so, wie sie einmal war. Ist die Unschuld erstmal dahin - ist sie schlicht und ergreifend dahin.

DAGOBERTS REHABILITATION

Doch dieser Skandal nahm eine ungeahnte Wende. Keiner dieser Vorwürfe war haltbar und wie sich rausstellte entsprangen diese, wie sich ebenfalls herausstellte, fiktiven Tagebücher auch nicht der Feder von Donald. Heute zeigt sich Martin S. Gans reumütig, versucht abzuwiegeln und bettelt darum, wieder in den erlauchten Kreis der Entenfans aufgenommen zu werden.

Er hätte es besser wissen müssen. Genauere Recherchen hätten ihn zu dem Ergebnis gebracht, daß Carl Barks den Charakter von Onkel Dagobert wesentlich vielschichtiger angelegt und sich keineswegs darauf beschränkt hat, einen platten Erpel zu zeichnen, der es vom mittellosen Goldwäscher zum geizzerfressenen Fantastilliardär gebracht hat. Bereits vor mehr als dreißig Jahren zeigte Barks in Geschichten wie DER SCHATZ DES MARCO POLO und DER FLIEGENDE SCHOTTE, daß der knausrige Alte durchaus großzügig sein kann und auch so etwas wie ein soziales Gewissen hat - EHRLICH SPART AM LÄGSTEN.

Der Mut zum Fair Play, auch wenn er mit finanziellen Einbußen verbunden ist, ist es letztlich ja auch, was ihm die Sympatien der Leser eingebracht und damit ein langes Leben beschert hat. Man kann es drehen und Wenden wie man will, er ist schon eine sympatische Figur, wie er einerseits als knallharter Geschäftsmann seinen Konkurrenten Klaas Klever ausbootet und andererseits beständig darauf bedacht ist, von seiner Schwester Dorette (=Oma Duck), keinen Rüffel zu kriegen. Dagobert hat seit seinem Auftreten vor fünfzig Jahren für einige ganz entscheidende Akzente im Entenkosmos gesetzt. Man denke nur mal: Kein Dagobert, kein Klaas Klever und vor allem keine Panzerknacker. Hand aufs Herz, wer möchte darauf schon verzichten. Selbst für Donald, den ewigen Unterduck, ist es nicht von Nachteil, wenn ihn der rüstige Alte an und ab einspannt und er kein Fett ansetzen kann. So bleibt auch er uns lange erhalten. Inzwischen ist Onkel Dagobert sogar in die Annalen der Weltgeschichte eingegangen. THE PEOPLE'S ALMANACH von David Wallechinsky und Irving Wallace enthält einen Beitrag über Scrooge McDuck in der Rubrik: "Menschen die es nie gab... und die heute noch leben". Dort findet er sich an der Seite von Sherlock Holmes, Tarzan, Superman und, was dem alten Erpel wohl am liebsten ist, Wonder Woman. Da sag mal einer Geld macht nicht glücklich.

50 Jahre Onkel Dagobert
 

Goodies zum Geburtstag von Onkel Dagobert

Zum fünfzigsten Jahrestag seines Erscheinens im Entenkosmos gibt es eine Reihe von Sonderausgaben, allen voran LUSTIGES TASCHENBUCH 236 - 50 JAHRE ONKEL DAGOBERT (6,80 DM). Gleichzeitig erscheint Heft 150 Der Reihe DONALD DUCK als Sonderheft im Zeichen von Dagobert und präsentiert drei Geschichten von Onkel Dagobert aus der Feder von Carl Barks, ein Dagobert Poster (nach einem Ölgemälde von Barks) und eine umfassende Dagobert-Biographie von Wolfgang J. Fuchs. Und das alles zum Preis von 4,60 DM. Zudem ist für den Oktober ein weiterer Band von Don Rosas Reihe ONKEL DAGOBERT: SEIN LEBEN - SEINE MILLIARDEN angekündigt mit der ominösen Bandnummer "0"! Darin wird das Geheimnis seines ersten Talers gelüftet, den er sich im Goldrausch am Klondyke verdient hat.
Wer immer noch nicht genug hat, das Interesse an den Ducks ungebrochen ist und sich mit historisch-kritischem Beiwerk die Zeit bis zur nächsten Veröffentlichung vertreiben will, der kann zu dem folgenden Werk greifen:

 

 

 

WHO'S WHO IN ENTENHAUSEN

Das Werk von Johnny A. Grote und Andreas Platthaus könnte ebensogut die Duck-Files heißen. Akribisch werden alle Figuren in Wort und Bild aufgeführt, die irgendwann einmal im Entenkosmos aufgetaucht sind. Der Geschäftsmann Sigismund Sodbrenner und der Maharadscha von Majoran sind ebenso vertreten wie Gestalten von Entenhausener Wahlplakaten, Autoren wie Mark Twain oder Stevenson, deren Werke in Donalds Bibliothek stehen. Zu jedem Namen, der irgendwann einmal gefallen ist, zu jeder Figur, die irgenwo durchs Bild gelaufen ist gibt es einen Eintrag. Selbst Rotbarsch, der halbzahme Fuchs und Daniel Düsentriebs Helferlein finden Eingang in diese Enzyklopaedie. Unglaublich!

Doch es gibt zwei Einschränkungen. Zum einen sind nur Figuren aufgeführt, die den Barks Comics entstammen; wer also Gestalten aus jüngeren lustigen Taschenbüchern nachschlagen will, wird nicht fündig werden. Zum anderen, und das ist nun doch ein echter Wermutstropfen, ist die Sippe der Ducks, ihre Verwandten und Vorfahren nicht vertreten. "Eine eingehende, ausführliche Betrachtungen ihrer Biographien und verwandtschaftlichen Verhältnisse würde den Rahmen dieses Werks sprengen", meinten die Autoren im Vorwort. Das ist zweifelsohne richtig. Es ist jedoch auch keine Frage, daß es gilt, diese Lücke zu schließen. So warten wir denn darauf, bis es aus den Reihen von Grote und Platthaus heißt: HOPPLA DIE DUCKS KOMMEN (Lustiges Taschenbuch Nr.47)

Cover Who is who in Entenhausen

 


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