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Altlasten aus 15 Jahren


Isabel Kreitz

Ich sehe den Comic halt eher in der Badewanne als im Bücherregal"

Da bemüht sich die deutsche Comic-Szene seit Jahrzehnten mühsam, den Comic aus der Schmuddelecke herauszuziehen und das Image der Graphischen Literatur, so der salonfähige Ausdruck, aufzubessern und dann kommt jemand wie Isabel Kreitz daher und hat nichts Besseres zu tun, als dies mit einem Satz vom Tisch zu fegen. Na ja, ganz so einfach liegen die Dinge nun auch wieder nicht. Die Hamburger Zeichnerin Isabel Kreitz (Jahrgang 1967) ist sowas wie das Fräuleinwunder in der deutschen Comicszene und ihre Aussage zum Comic als Badeentchenersatz spielt eigentlich auf den Aspekt des Comics als Massenmedium an (mehr dazu im Interview). Aber der Reihe nach.

Das Geunke um den Comic reißt nicht ab. Vor allem nicht in Deutschland. Jahrzehnte hat es gedauert, bis sich der Comic in Form von Asterix über die Wartezimmer der Zahnärtzte und den Lateinunterricht in der Schule gesellschaftlich etabliert hatte. In den Achtzigern schließlich wurden anspruchsvolle Autoren-Comics zum Aushängeschild und plötzlich galt es auch in intellektuellen Kreisen als chic, Comics zu lesen. Der Erfolg blieb nicht aus. Die Auflagen sanken beständig, die billigen Allerweltsheftchen verschwanden vom Kiosk und die exklusiveren Produktionen fristeten ihr Dasein in den Gettos der Comicläden. Kaum ein Verlag wollte sich noch auf das Risiko einlassen, einheimischen Produktionen eine Chance zu geben. Auf Nummer sicher gehen hieß lapidar, auf ausländische Produktionen zu setzen. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

In diesem Klima deutscher Comicverzweiflung hat es eine charmante junge Dame namens Isabel Kreitz geschafft, sich in diesem Männergewerbe mit Zeitungsstrips und Alben in Schwarzweiß-Grafik einen Namen zu machen, ja zur deutschen Comic-Hoffnung zu avancieren. Eine ungewöhnliche Karriere in vielfacher Hinsicht, zumal sich die Comics von Isabel Kreitz nicht auf eine Schiene festlegen lassen.

Ihre ersten Arbeiten waren Strips für Tageszeitungen (Ottifanten, Heiß und fettig). Es folgten zwei Eigenproduktionen über S-Bahn-Surfer (Schlechte Laune, Ralf lebt), die in Christian Heeschs Zwerchfell-Verlag erschienen. Mit diesen Alben wurde sie einem breiteren Publikum bekannt und ihr nächstes Album (Ohne Peilung) erschien bereits bei Carlsen. "Ohne Peilung" schildert die Erlebnisse von drei Jugendlichen, die in den Dunstkreis von jungen und alten Nazis geraten. Dieses Album sorgte für einigen Wirbel, vor allem aber für Jubel in der Presse und rückte Isabel Kreitz endgültig in den Fokus der Öffentlichkeit. "Ohne Peilung" markiert allerdings schon den Übergang zu einer neuen Thematik, der jüngeren Geschichte Hamburgs. In der Umsetzung von Uwe Timms Roman "Die Entdeckung der Currywurst" stehen nicht mehr länger Jugendliche im Mittelpunkt des Geschehens, sondern eine junge Frau und ihre Erlebnisse in den Wirren der Nachkriegszeit.

Bei aller Ernsthaftigkeit, die aus den letzten Veröffentlichungen herauszulesen ist, gehört Isabel Kreitz nicht zu den elitären und introvertierten Sensibelchen der Szene. Trotz aller Lorbeeren hat sie die Bodenhaftung und ihren Sinn für Humor nicht verloren. Beim letzten Hamburger Comicsalon ersteigerte sie mit sichtlicher Wonne ein Büschel Schamhaare von Zeichner-Kollege Matthias Schultheiss. Und Probleme mit der Bodenhaftung haben da eher Journalisten, denn es kann schonmal vorkommen, daß Isabel Kreitz, wenn sie besoffen ist, ihren niederen Trieben nachgibt und Journalisten die Treppe hinunter schmeißt. Aber von Elvis hatte man ja auch angenommen, daß er wahnsinnig war, als er auf seinen Fernseher geschossen hat. Heute weiß man, er war ein Visionär.

Trotz der Aussicht, sich die Gesundheit vollends zu ruinieren, sind wir das Risiko eingegangen und haben Isabel Kreitz interwiewt. Und obwohl das Interview mit ihr im zweiten Stock stattgefunden hat, kam es nicht zu bösen Stürzen, Handgreiflichkeiten oder sonstigen entwürdigenden Szenen (Isabel: Hinter-Net! dankt es Dir!).


über U-Bahnen, U-Boote und Currywurst

Ein Hinterview

Hinter-Net!: Wie kamst du zum Comic?

Isabel Kreitz:Ich war so fünfzehn, da habe ich meinen ersten Comic gezeichnet, "Die Mumie". Da ging es mir eigentlich nur drum, die Geschichte, die ich gelesen hatte, für mich visuell erfahrbar zu machen. Später besuchte ich in Hamburg die Kunsthochschule, wo man einen perfekten Graphiker aus mir machen sollte. Der künstlerische Anspruch den man dort vertreten hat, hat mir allerdings nicht behagt, das war alles so perfekt und gesichtslos. Hab also erstmal abgebrochen und bin in die USA gegangen, nach New York. Dort habe ich Kurse an einer Kunsthochschule belegt, unter anderem einen, in dem es darum ging Comics im Marvel-Stil zu zeichnen. Dadurch bin ich wieder mit der Nase auf Comics gestoßen, habe begeistert gezeichnet und habe erstmals die Möglichkeiten dieses Mediums erahnt. Nach einem halben Jahr bin ich kurz zurück nach Deutschland und wollte dann wieder in die USA. Bin aber hängengeblieben.

Hinter-Net!: Bei Deinem letzten Album "Ohne Peilung" geht es - unter anderem - um deutsche U-Boote in den letzten Kriegstagen. Die Fakten sind akribisch recherchiert. Vielleicht verfalle ich damit ja in ein Klischee, aber ist es nicht recht untypisch für eine Zeichnerin, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen?

I.K.: Das mag sein, daß das ein Klischee ist. Es fing damit an, daß ich von diesem Bunker hörte, der eine spannende Location versprach. Und ich hatte die Idee zu diesem Schlußgag. Dann fingen die Recherchen an. Ein Freund von mir ist Historiker und hat mir geholfen, Material zu sammeln. Das ist dann so viel geworden und wir haben so viele Leute kennengelernt, die damals dort gearbeitet haben, daß sich das verselbständigt hat.

Hinter-Net!: Wie hat die Presse auf dieses Album reagiert?

I.K.: Die Presse war ganz unterschiedlich, eigentlich war sie zwiespältig, aber als Zeichner merkt man sich ja bloß die schlechten, mir geht es jedenfalls so. Eine Journalistin die für einen Kölner Regionalanzeiger arbeitet, die hat das wohl in den falschen Hals und mir rechte Tendenzen zugeschoben.

Hinter-Net!: Und wie ist Deine Meinung zu "Ohne Peilung"?

I.K.: Meiner Meinung nach ist das Album zu brav, zu P.C. geraten, das würde ich heute so nicht mehr machen. Ursprünglich hatte ich die Idee, Horror in einer aktuellen Form darzustellen. Man kann heute einfach nicht mehr hingehen und ein Spukschloß mit Gewitter zeichnen. So bin ich auch damals auf die Idee mit den U-Bahn-Surfern (SCHLECHTE LAUNE,RALF LEBT) gekommen. Die langen dunklen U-Bahn-Schächte haben mich fasziniert.

Hinter-Net!: Bei den Begriffen U-Boot und Horror denkt man doch eher an das Spiel mit den Motiven Tiefenangst, Ertrinken usw.. Aber darum geht es in "Ohne Peilung" ja überhaupt nicht.

I.K.: Darum nicht, das war mir durch Filme wie "Das Boot" einfach zu abgenudelt. Der Horror, den ich zeigen wollte, entsteht durch die Atmosphäre in dem alten Bunker und den verrückten Alten. Der eigentliche Horror, um den es geht, ist der NS-Terror.

Hinter-Net!: Dann hat das Album ein pädagogisches Ansinnen?

I.K.: Nee, eigentlich nicht, neben dem Horror ging es mir auch darum, das Thema NS-Zeit aufzugreifen, aber ohne den gehobenen Zeigefinger. In der öffentlichen Meinung wird immer alles Schwarz-Weiß dargestellt. Und mir fehlen die Graustufen bei diesem Schwarz-Weiß-Denken. Die Hauptfiguren, die drei Jungs, die sich irgendwo zwischen den Neonazis und dem verrückten Alten bewegen, sind ja eigentlich ziemliche Hohlköppe. Dadurch wirkt das Album wohl auch so mißverständlich.

Hinter-Net!: Dein jüngstes Werk ist die Umsetzung von Uwe Timms Roman "Die Entdeckung der Currywurst". Wie bist Du auf die Idee zur Adaption von Uwe Timms Roman gekommen?

Cover: Die Entdeckung der CURRYWURST I.K.: Nun ja, da ist natürlich auch wieder dieses historische Interesse: Hamburg in der Nachkriegszeit. Aber das Buch hat mir gefallen, vor allem wegen der Leichtigkeit mit der Uwe Timm erzählt und wie sich die Handlung in eine völlig andere Richtung entwickelt als man erwartet.

Hinter-Net!: Wie hat Uwe Timm auf dieses Projekt reagiert?

I.K.: In einem Treffen mit ihm habe ich ihm das Konzept des Albums vorgestellt und ich glaube, er fand die Idee auch ganz interessant. Als er wissen wollte wie hoch die Auflage sein würde, stellte sich raus daß der Comic nur einen Bruchteil der Auflage des Romans haben sollte. Die lag bei 50 000. Da liege ich weit drunter.

Hinter-Net!: Wie gehst Du damit um, eine mehrere hundert Seiten lange Handlung in einem Album von 48 Seiten unterzubringen? Soll die Umsetzung eine persönliche Interpretation des Stoffs werden?

I.K.: Ich hatte schon vor, die komplette Handlung beizubehalten und nicht vordergründig eine eigene Interpretation zu liefern, die entsteht ohnehin. Ich wollte einfach versuchen, die Stimmung und die Leichtigkeit der Erzählweise umzusetzen, ohne großartig was daran zu verändern.

Hinter-Net!: Bis auf die Currywurstgeschichte handeln sämtliche Alben von Jugendlichen, wird das so bleiben?

I.K.: "Schlechte Laune" und "Ralf lebt", das sind Sachen, da gibt es jetzt schon eine Distanz zu den Figuren von 8-9 Jahren. Und mal abgesehen von "Die Entdeckung der Currywurst" werden die Personen wohl mit mir älter werden. Wenn ich also mal 50 bin, werde ich wohl 40jährige zeichnen.

Hinter-Net!: Ist das die Eitelkeit der Zeichner, sich mit seinen Figuren jünger zu mogeln, als man ist?

I.K.: Nun ja. (legt den Kopf schief und grinst)

Hinter-Net!: A propos Eitelkeit; könntest Du Dir vorstellen, unter Pseudonym zu zeichnen?

I.K.: Ja ich glaube das könnte ich machen, aber interessanter finde ich die Vorstellung unter einem Pseudonym etwas Zusätzliches, womöglich völlig anderes zu machen. Im übrigen habe ich auch schon anonym gearbeitet.

Hinter-Net!: Was waren das für Aufträge?

I.K.: Ich habe Ottifanten gezeichnet, für den Strip in der Hamburger Morgenpost. Da glaubt auch jeder, daß Otto die erfunden hat, was aber so nicht stimmt.

Hinter-Net!: Wird Dein nächstes Album auch wieder eine Literaturumsetzung?

I.K.: Nein, die nächste Geschichte spielt auch in Hamburg

Hinter-Net!: Ach!?

I.K.: Ja, und auch wieder in der Vergangenheit, in der NS-Zeit. Es geht diesmal um einen jungen Mann, der sich den Nazis andient, um Karriere zu machen.

Hinter-Net!: Das klingt doch sehr nach Gustaf Gründgens.

I.K.: Um den geht es nicht. Die Figur auf die ich da anspiele, ist aus meiner Verwandtschaft.

Hinter-Net!: Mit Ausnahme der Literatur-Adaption von Uwe Timms Roman hast Du bislang alle Szenarien selbst geschrieben. Wird das so bleiben?

I.K.: Da bin ich mir ziemlich sicher. Freunde haben mir schon Vorschläge gemacht oder Geschichten geschrieben, aber ich habe mich damit irgendwie nicht wohlgefühlt.

Hinter-Net!: Wie denkst Du werden sich Deine Arbeiten entwickeln? Wirst Du auch Farbe einsetzen?

I.K.: Also prinzipiell habe ich nichts gegen Farben - wenn das jemand anders macht. Aber ich setze mich nicht hin mit dem Tuschekasten und fange an zu kolorieren. Außerdem, als Newcomer hast du mit Farben kaum eine Chance, einen Verlag zu finden. Ein Album von Newcomern verkauft sich nur, wenn es günstig angeboten werden kann. Um es günstig anbieten zu können muß es der Verlag günstig produzieren, deshalb Schwarz/Weiß. Wo ich stilistisch noch dran arbeiten will? - Hmm, beim Zeichnen habe ich früher wenig Text eingesetzt und ihn direkt in die Sprechblasen geschrieben. Heute bin ich der Meinung, daß man durchaus auch mal fünf Minuten an einer Seite lesen kann. Ich will mit meiner Arbeit so weit kommen, daß ich nicht mehr das Gefühl habe, rot werden zu müssen, wenn ich ein altes oder ein gerade erschienenes Album von mir in die Hand nehme.

Hinter-Net!: Was gibt Dir das Gefühl rot werden zu müssen, wo Dich die Presse doch größtenteils über den grünen Klee lobt?

I.K.: Ja, schon. Aber wie gesagt, als Zeichner behält man nur die schlechten Kritiken in Erinnerung. Hm.


Das Interview mit Isabel Kreitz führte Thomas Hau am 8. Juni 1996 während des 7. Internationalen Comicsalons in Erlangen.