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t.A.T.U.

Saarbrücken, Saarlandhalle. 27.5.2003

     
Es gab Journalisten, die tatsächlich überrascht waren, dass tATu die angekündigte Pressekonferenz platzen ließen. (Den Weg zum Raum nicht gefunden, weil kein Ortskundiger vorweg lief, so die offizielle Begründung.) Es gab auch welche, die sich über das dünne Programm echauffierten. Und es gab welche, die hinterher verbreiteten, es sei alles Playback gewesen.

Erstmal: wer auf die PK vertraute, der hat weniger Ahnung von Rock´n´Roll als die zwei Pop-Ladies aus Russland. Und bis heute nicht verstanden, wie viel ihres Erfolgs auf Inszenierung beruht.

Zweitens: wie viel Repertoire sollen zwei Mädchen aus dem Hut zaubern, die gerade mal ein Album herausgebracht haben? Klar, dass manche Lieder doppelt kamen. Machen alle Bands so am Anfang ihrer Karriere. Immerhin gab´s hier ein paar zweite Durchläufe auf Russisch.

Und drittens: das Konzert in der Saarbrücker Saarlandhalle (das bisher einzige Deutschlandkonzert von tATu) war kein Clubkonzert vor Rock-Puristen, sondern vor knapp zweitausend BRAVO-gestählten Teenagern plus ein paar Anstands-Eltern. (Und manche der Teenager waren Original-tATu-gestylt, mit entsprechenden Frisuren und weißem Blüschen über kurzen Faltenröcken.) Herrjeh, tATu sind das Geschöpf von Produzenten-Legende Trevor Horn (The Buggles, Frankie goes to Hollywood) und einem russischen Marketing-Fachmann. Wer hier „Konzert“ immer noch mit „Authentizität“ übersetzt, hat wirklich gar nichts kapiert. Und offenbar auch ein paar schiefe Töne aus den Mikros überhört. Alles war hier weiß Gott nicht Playback.

Aber wo die Grenze war, ist tatsächlich schwer zu sagen. Fest steht, dass die Stimmen zumindest elektronische Unterstützung bekamen: Filter, Hall etc. Und eine Drei-Mann-Band kriegt den Single-Sound auch nicht so naturgetreu hin, wie es in Saarbrücken der Fall war...

Alles in allem war es aber ein zufriedenstellendes, professionell abgewickeltes Konzert. Die Mädels sangen, tanzten und animierten sich durch ihr Programm, unterstützt von vier Tänzerinnen, und schienen trotz der halbleeren Halle bester Laune. Vielleicht haben sie auch sowieso nur den Pulk von Hardcore-Fans vor der Bühne wahrgenommen. Jedenfalls gab´s etliche Handküsse ans Publikum und viele, viele Spasibas. Während die schwarzhaarige Yulia meist das Wort führte, übersetzte die rothaarige Lena angschließend auf Englisch. (Und anwesende, russischkundige Fans bestätigten, dass es wirklich nur Nettigkeiten waren, die Yulia von sich gab.)

Außerdem: hier standen keine gecasteten Peinlichkeiten auf der Bühne, sondern coole Frauen mit viel Ausstrahlung, die auch einfach mal gemessenen Schrittes auf- und abschreiten konnten, ohne dabei zu verlieren. Und, ähem, das war auch noch aus Reihe 150 erkennbar: die beiden sind wirklich sehr, sehr hübsch.

Musikalisch gab´s neben den beiden Single-Hits „Everything she said“ und „They won´t get me“ unter anderem noch ihren (unaussprechlichen) Grand Prix-Titel (hier wesentlich kraftvoller und mitreißend im Vergleich zum Auftritt in Riga) und viel melancholische Popmusik. Zum Teil als zarte Synthie-Balladen und ansonstens als harte Rockmusik mit vornehmlich gebrüllten Texten. Zumindest statten die Songwriter sie mit hüschen, eingängigen Melodien aus, und ihr Repertoire dürfte zu den besseren zählen, denkt man an andere Jungstars (gerade hierzulande).

Und um diese Frage auch noch zu beantworten: ja, sie haben sich geküsst. Allerdings immer nur in den wohl choreographisch dafür vorgesehenen Gesangspausen. Wirklich spontan sah das nicht aus... Aber: wie eine kleine Umfrage im Publikum ergab, glauben an die lesbische Love-Story nicht mal die kleinen Fans. Und: ja, sie haben sich auch noch ein bisschen ausgezogen. Aber in jedem Christina Aguilera-Video sieht man heute mehr Haut. Am lustigsten vielleicht noch die Aktion, Fans auf die Bühne zu holen und dann die Jungs Jungs und die Mädchen Mädchen küssen zu lassen. Letztere gingen (erwartungsgemäß) unbefangener damit um und schienen die Sache spaßig zu nehmen. Aber, Respekt, auch die Jungs gehorchten am Ende. Und abgesehen von der Blödheit, auf Befehl von zwei Popstars Dinge zu tun, die man gar nicht tun will, gehört doch auch ein bisschen Mut dazu, da mitzumachen. Jedenfalls stell ich es mir im Saarland nicht amüsant vor, am nächsten Tag in der Berufsschule oder vor den anderen Lehrlingen als der Typ zu gelten, der auf der Bühne einen anderen Typ geküsst hat...

Anyway. Es gibt Bands, die liefern on stage alles, nur nicht das, was man von ihnen erwartet und wofür man bezahlt hat. Das lässt sich über das tATu-Konzert nicht sagen. Dank dafür bitte an Herrn Putin richten. Dass das Konzert nicht wie alle anderen geplanten Deutschland-Auftritte abgesagt wurde, dürfte an seiner heimlichen Schirmherrschaft liegen. Denn das Konzert war Teil der diesjährigen (ansonsten ganz auf E-Musik ausgerichteten) Musikfestspiele Saar (!). Und deren spektakulärste Programmpunkte wurden vom hiesigen Organisator direkt mit Putin abgekaspert. Was passiert, wenn man nicht so will wie er (also: Putin), kann man ja mal die Tschetschenen fragen...

(kp)