Musikbücher VI
gelesen von Dieter Paul Rudolph
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A href, Freunde! Mit diesem orientalischen Gruß melde ich mich nach einer längeren Zeit des Schweigens wieder einmal mit neuen Musikbüchern, die sich wie immer dadurch auszeichnen, dass sie schon steinalt sind.

Aber halt! Eine Ausnahme. In bälde erscheinen wird die erste deutschsprachige Joni-Mitchell-Biografie, ein Werk von außerordentlicher literarischer Klasse, philosophischem Tiefsinn und aberwitzigstem Witz. Der nicht genug zu lobende Starcluster-Verlag wird die gut 200, mit vielen unglaublichen Fotos gewürzten Seiten as soon as possible herausbringen, lächerliche 49 Mark 80 dafür verlangen und expressement versenden.

Eigentlich sollte dieses epochale Oeuvre bereits im März auf die Welt daniederkommen, indes: Der Drucker sah sich außerstande, ein solch ungewöhnliches Buch nüchtern zu drucken, geriet er doch bei jedem gelesenen Wort (und selbst Drucker lesen bisweilen) in eine solche Extase, dass ihm der Sinn nach allem Möglichen stand, bloß nicht nach drucken. Aber es kommt!

Und gerne würde ich euch an dieser Stelle mehr Lobpreisungen posaunen, doch, leider: Ich darf nicht. Habs nämlich selber geschrieben, dieses Meisterwerk (es heißt übrigens „Joni Mitchell und einige ihrer Zeitgenossen“ und kann über starclustermusic.com auch im WWW vorbestellt werden!). Als Autor muß ich natürlich bescheiden sein und also beende ich diese Ausführungen mit der von der Monty-Python-Seite geklauten Aufforderung: „buy or piss off!“

Kehren wir also zur Normalität des Musikbuchrezensenten zurück. Bibliophilie gehört nicht unbedingt zu den Merkmalen dieses Genres. Meist erscheinen die Dinger als billige Broschuren (Ausnahme: die erste deutsche Joni-Mitchell-Biografie, die auf bestem Papier gedruckt und gebunden sein wird).

Eine Ausnahme ist „Beneath The Diamond Sky. Haight-Ashbury 1965-1970“ (Bloomsday Publishing 1997) von Barney Hoskyns, dessen Los Angeles-Sittengemälde dieser wilden Jahre in einer früheren Ausgabe unserer Reviews schon gebührend gelobt wurde. Jetzt also Haight-Ashbury, San Franzisco mithin, das Herz der Hippiekultur. Das Buch wie gesagt ist eine Augenweide, sehr bunt, sehr gut bebildert, und der Text hält dieses Niveau.

Auf den ersten Blick geht es, wie schon in Hoskyns Los-Angeles-Buch, um die Geschichten der prägenden Musiker; in SF also um Jefferson Airplane, Quicksilver Messenger Service, Santana, Moby Grape und andere. Doch während Hoskyns erzählt, entsteht etwas anderes: ein Soziogramm der Hippiekultur, der Siege und Niederlagen, der Triumphe, der Irrfahrten, des Niedergangs einer Bewegung, die eine neue Kultur des Zusammenlebens begründen wollte und am Ende an der alten scheiterte, von ihr aufgesogen wurde. Hoskyns läßt Zeitzeugen erzählen, stellt Zusammenhänge her, schweift ab - das alles spricht für sich, und die Fotos illustrieren das auf ihre Weise perfekt.

Kleiner Minuspunkt: Durch die opulente Gestaltung hält sich die Textmenge in Grenzen. Zu manchem möchte man mehr erfahren. Besonders jungen Lesern dürfte so manches an Hintergrundwissen fehlen, ohne dass so einige Passagen des Buches schwer zu verstehen sind.

Aber dafür gibt es wiederum andere Bücher, die kurz, knapp und kompetent die Geschichte der Rockmusik ausbreiten. Zum Beispiel „A Time To Rock. A Social History of Rock´n´Roll“ von David Szatmary (Schirmer Books 1996, ca. 50 Mark). Wie schon der Titel sagt, analysiert der Autor seinen Gegenstand vor dem Hintergrund der jeweiligen Zeit. Ihn interessiert also weniger, welche künstlerische Klasse etwa einen Elvis Presley auszeichnet, sondern viel mehr, welche günstige Umstände es brauchte, um ihn überhaupt populär zu machen. Man kann dieses Buch als Einführung für des Englischen mächtige Leser getrost empfehlen, wenn es auch - wie schon Hoskyns´ Buch - das Manko der begrenzten Textmenge hat. Aber besser, weil unaufgeregter/ weniger ideologisch als deutsche Literatur zum Thema ist Szatmarys Arbeit allemal.

Tja. Deutschland. Können nicht Fussball spielen, können keine Musikbücher schreiben (Ausnahme: die bald im Starcluster Verlag erscheinende Joni-Mitchell-Bio). Auch hierzulande ist vor kurzem ein Buch über Hippies erschienen, im Imprint Verlag, heißt „Hippie-Lexikon“, und wer´s geschrieben hat, weiss ich nicht, weil schon flüchtiges Durchblättern in einer Buchhandlung wieder einmal sämtliche Messer in meiner Seele gewetzt hat. Hat auch einen Eintrag zu Joni Mitchell, das Buch. Hä? Joni? Hippie? Wir erfahren in etwa folgendes: Joni Mitchell hat einmal einen Song namens „Woodstock“ geschrieben, womit die Zugehörigkeit zur Hippiekultur natürlich hinreichend bewiesen wäre, außerdem haben Crosby, Stills, Nash und Young sich immer drum gestritten, wer mit Joni ins Bett durfte (Stichwort: freie Liebe = Hippie. Alles klar?).

Und was sagt uns das?

  1. In den Körpern von Hippielexikonautoren pocht bisweilen ein gar arg von Dummheit und Kleinkariertheit zerfressenes Herz.
  2. Wieder einmal ein Buch, das man sich schenken kann.
  3. Eine willkommene Gelegenheit für dich, liebeR LeserIn, die wunderbare Joni-Mitchell-Bio zu geniessen, die in bälde und im StarCluster Verlag und in edler Ausstattung und für lächerliche 49,80 erscheinen wird.
  4. Hübsche Gelegenheit, ein prachtvolles Stück Lyrik zu verfassen. So ungefähr:

Der Büchergott, ein dummer Typ,
hat auch Analphabeten lieb.
Er lässt sie über Hippies schreiben
und immer schwächren Schwachsinn treiben.
Der Leser weiss es und er denkt:
Dies Büchlein gehört aufgehängt!
Meint er am Ende die Autoren gar?
Ich sage: nein - und hoffe: ja.

 

In diesem Sinne bis zum nächstenmal.

(dpr)

Nachwort der Redaktion: Dieter Paul Rudolph, der Autor dieser Buchkritiken, hat - nur wenige Wochen nach Niederschrift dieser Zeilen - im Starcluster-Verlag seine so dezent angekündigte Joni-Mitchell-Biografie veröffentlicht. Titel: „Joni Mitchell und einige ihrer Zeitgenossen“, Preis: DM 49,80.
Wir bitten um freundliche Beachtung. (Wer will, kann das Werk hier auch gleich bestellen).