Katja Preissner im Gespräch mit Max Greger, Paul Kuhn und Hugo Strasser

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Zusammen sind Sie 230 und ein paar Zerquetschte alt. Max Greger, Paul Kuhn und Hugo Strasser, die „Swing-Legenden“. Gemeinsam touren Sie mit Swing-Hits von Basie, Dorsey, Ellington, Miller und Co. Greger am Saxophon, Strasser an der Klarinette und Kuhn als Sänger am Mikro.

Greger ist auf der Bühne übrigens auch launiger Conferencier und kann ganz gehörig granteln. Der zurückhaltende Strasser verbreitet seinen bekannten Charme. Und Kuhn ist der gelassene Pragmatiker, der durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist.

Hinternet: Fühlen Sie sich als „Legenden“?

Kuhn: Nein, „Legende“ und „Kult“ sind Worte, die ich nicht mehr hören kann. Wenn ein Film drei Jahre alt ist, ist es ein Kultfilm. Wir finden es einfach schön, dass wir in unserem Alter noch so gefragt sind.

Hinternet: Hat Robbie Williams Ihnen diesen Boom beschert?

Kuhn: Nein, das hat schon vorher angefangen. Robbie Williams hat nur das Sahnehäubchen draufgesetzt.

Greger: Es gab vor Jahren schon den Brian Setzer in Amerika, der hat das richtig angeheizt mit seiner Big Band. Er hat alles am Tom-Tom gespielt, wie Gene Krupa – ba bomm bomm bomm. So ging das los. Die Leute sind wieder ausgegangen und haben sich entsprechend angezogen. Swing ist wieder in!

Hinternet: Was muss man denn machen, damit´s swingt?

Kuhn: Das kann man nicht beschreiben. Wenn Sie ein gutes Essen vor sich haben und sagen „Mir schmeckt´s gut“ – warum schmeckt es Ihnen dann gut? Das können Sie auch nicht beantworten.

Greger: Ich hatte einen super Trompeter, Benny Bailey, ein Weltklassemann. Er sagt: „Swing und Jazz kann man nicht lernen. Brauchst es gar nicht versuchen. Du kannst ein Instrument lernen, ja. Aber swingen nicht. Entweder Du hast es, oder Du hast es nicht.“

Strasser: Swing ist eine Ausstattung, die mit einer gewissen Begabung zu tun hat. Wenn einer swingt, dann gibt er ein modernes Gefühl zum Besten.

Kuhn: Es genügt nicht, die richtigen Noten zu spielen, man muss sie bearbeiten. Aber wie das geschieht, was man da eigentlich macht, das wissen wir selbst nicht so genau.

Hinternet: Haben Sie das Repertoire der Swing-Legenden gemeinsamen ausgetüftelt?

Strasser: Jeder von uns hat seine eigenen Titel, die er gerne spielt. Aber gebündelt zu einem Ganzen, das in sich stimmen muss.

Greger: Und das ist kein unbekanntes Zeugs, sondern alles Nummern, die die Leute kennen. Freilich könnten wir „extrem“ spielen, aber dann haben wir vielleicht drei-, vierhundert Leute in den Konzerten. Also spielen wir bekannte Nummern.

Kuhn: Man will ja nicht gegen die Leute spielen. Und die Leute wollen – das ist ja das Merkwürdige – immer das hören, was sie schon kennen.

Greger: Es kommt bei jedem Titel der sogenannte „Ah-Effekt“. Aaaah, jetzt kommt wieder das, jaja... Das ist der Erfolg von uns. Am Anfang hab ich das allein gemacht, bin erst ohne die Kollegen rumgefahren mit der SWR-Bigband. Vier, fünf Jahre auf Tanzpartys. Da hat man schon gewusst: die Nummer ist nicht so gut, die tun wir raus. Jetzt haben wir ein Repertoire, wo alles stimmt. Das geht hin bis zu todsicheren Standing Ovations. Die Leute können gar nicht anders. Die lass i net sitzen am Schluss, die wissen schon, wo sie aufstehen müssen.

Hinternet: Max Greger, Sie haben mit der SWR Bigband allein schon vor sechshundert Menschen gespielt. Und jetzt, bei den Swing-Legenden, sind es über zweitausend.

Greger: Es ist ausverkauft, weil die Leute sagen: Herrlich, das ist Musik, die´s im Fernsehen nicht mehr gibt. Und zwar keine Minute mehr! Im Fernsehen gibt´s nur die volkstümliche Musik: schöne Menschen, Playback, und das war´s.

Strasser: Ja, das ist das Stichwort: Playback. Wir dagegen stehen auf der Bühne und musizieren. Handgemachte Musik.

Kuhn: Das ist ganz interessant, weil die jungen Leute das überhaupt nicht kannten. Die haben sich ja jahrzehntelang von Lautsprechern unterhalten lassen. Und jetzt sehen sie mal, wie Musik entsteht, wie Leute improvisieren und die Band sehr präzise spielt. Das macht Riesenspaß.

Hinternet: Im Sommer spielen Sie auch Open Air. Eine neue Erfahrung für Sie?

Greger: Nein, das haben wir schon ein paarmal gemacht. In Singen hatten wir zur Gartenschau fünftausend Leute. Die haben zum Schluss alles gestürmt, die Zäune niedergerissen...

Kuhn: Das war wie beim Rockkonzert.

Greger: Und ich hatte vorher gedacht, vielleicht sind das so volkstümliche Anhänger, die misstrauisch unten sitzen. Aber nein. Die waren so begeistert, das kann man gar nicht beschreiben. Was soll denn da noch passieren?

Hinternet: Die Musiker in Ihrer Band sind viel jünger als Sie. Gibt´s da Probleme?

Strasser: Überhaupt nicht. Das ist ganz locker und kollegial.

Kuhn: Ich hatte in meiner Band oft ganz junge Leute und daneben viel ältere. Das geht. Die verstehen sich allein schon durch die Musik.

Hinternet: Sie haben mit vielen Jazz-Legenden zusammengearbeitet. An wen erinnern Sie sich besonders gern?

Greger: Vor allem an Louis Armstrong. Mit dem hatte ich eine Fernsehshow. Aber ich hab auch Benny Goodman begleitet. Der hat zum Teil unsere Arrangements übernommen. Ich hatte ein sehr schönes Benny-Goodman-Potpourri. Wir haben´s ihm geschickt, und er hat gesagt: „Das nehm ich. Genauso möchte ich´s am Abend haben.“ Das war wunderbar.

Kuhn: Ich hab mit Clark Terry, Harry Edison und Glenn Holloway gespielt. Also mit Jazzleuten aus den Bands Basie/Ellington. Die sind später als Solisten durch Europa gereist, und ich bin mit ihnen gefahren. Also, mit Clark Terry zu spielen – besser geht´s nicht.

Greger: Besser geht´s nicht.

Kuhn: Nee.

Strasser: Ich war ja fünf Jahre lang in der Greger- Band. 1949. Da haben wir natürlich auch mit Größen wie Ella Fitzgerald gespielt.

Greger: Wir waren in einem Schwarzenclub. Der Clubchef hatte uns hinterher eingeladen. High Life, alles frei... Damals haben wir mit Ella Fitzgerald, Count Basie, Duke Ellington und Lionel Hampton gespielt. Das lassen wir uns nicht mehr nehmen. War ´ne schöne Zeit. Da hat man am meisten gelernt. Das war unser bestes Konservatorium.

Hinternet: Haben Sie auch während des Krieges Jazz gehört, als er von den Nazis verboten war?

Kuhn: Ja, ich hab ihn gehört. Verbotene Sender und verbotene Platten. Bei Freunden. Andrew Sisters-Platten, Basie-Platten...

Strasser: Es gab im besetzten Paris schon 1942/43 die Möglichkeit, Schallplatten zu kaufen. Da hat man bei Soldaten, die dort stationiert waren, solche Platten bestellt.

Kuhn: Ich hab im Radio die ersten Sendungen von Glenn Miller gehört, der in England war und – in deutscher Sprache – für die „geknechtete deutsche Jugend“ Jazz spielte. Auch deutsche Titel.

Strasser: Es gab während des Krieges auch amerikanische Titel, die wir mit deutschen Texten gesungen haben. Zum Beispiel „Whispering“: „Lass mich dein Badewasser schlürfen“. Das waren Texte, die damals entstanden sind, um das zu verstecken. Denn die Nazis waren natürlich nicht informiert über den Ursprung dieser Musik.

Hinternet: Haben Sie auch musikalische Erinnerungen ans Saarland?

Kuhn: Ich hab viel mit Truck Branss gearbeitet. Der hat viele Sendungen mit Udo Jürgens gemacht, da war ich als Gast dabei. Und vor allen Dingen mit Gilbert Bécaud, den hatte ich dann später auch in meinen Sendungen.

Strasser: Es gab doch auch diesen großen Ball hier... Wie hat der noch geheißen, dieser Faschingsball? Premabüba! Den hab ich auch gespielt mit meinem Orchester.

Greger: Ja, da musste man schon Nerven haben, das war ein Hexenkessel. Aber das war genau das, was ich wollte. Ich hab da mal zusammen mit Hazy Osterwald gespielt. Dem war sein Schlagzeuger abhanden gekommen, der war in München abgestürzt. Und bei so einem Ball mit viertausend Leuten, am Faschingssamstag, da kriegst Du den schlechtesten Schlagzeuger nicht. Da kriegst Du überhaupt keinen mehr! Also hab ich meinem Schlagzeuger gesagt: „Du, pass auf, Toilette kannst Du Dir gleich sparen. Immer wenn der Osterwald drankommt, bist Du drüben.“ So hab ich dem Osterwald ausgeholfen. Das wird er mir nie vergessen.

Hinternet: Welchen Musiktitel würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?

Kuhn: Also, wenn ich jetzt sofort wegmüsste, würde ich wahrscheinlich eine Aufnahme von den Singers Unlimited mitnehmen. Die singen „Emily“, eine Riesennummer. Die ist so schön arrangiert, harmonisch so toll. Das würd ich mitnehmen.

Greger: Ich würde Oscar Peterson mitnehmen, „Dein ist mein ganzes Herz“. Aber noch lieber wäre mir – da sollen die Kollegen jetzt nicht böse sein – Maria Callas. Die ist für mich die Jahrhundertsängerin. Und wenn ich da auf der Insel mit der Callas... Das würde mir genügen.

Strasser: Ich würde von Nat King Cole „Stardust“ mitnehmen.

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Kurzbios

Paul Kuhn (geb. 1928) hatte mit acht Jahren seinen ersten TV-Auftritt als Akkordeonspieler. Wurde später Jazzpianist und leitete lange das Tanzorchester des SFB. So richtig bekannt wurde er aber als „Paulchen Kuhn“, mit Schlagern über Bier auf Hawaii und den Mann am Klavier. Verheiratet mit der ebenso legendäre Ute Mann (von den Ute-Mann-Singers).

Max Greger (geb. 1926) begann ebenfalls als Akkordeonspieler, spielte Klarinette in amerikanischen Clubs und wechselte dann ans Tenorsaxophon. 1948 gründete er sein eigenes Sextett, dem unter anderem Hugo Strasser angehörte. Begleitete Caterina Valente, Marlene Dietrich, Juliette Greco und Lionel Hampton bei dessen Deutschlandtournee. Ab den 60ern mit Band als „Fernsehorchester“ beim ZDF (unter anderen bei „Drei mal Neun“).

Auch Hugo Strasser (geb. 1922) spielte nach dem 2. Weltkrieg Klarinette in amerikanischen Clubs. Gründete 1954 ein eigenes Tanzorchester und spielte eine Reihe von Schallplatten im „strikten Tanzrhythmus“ ein. Erhielt die Ehrennadel des Allgemeinen Deutschen Tanzschulverbands.

 

 


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