Stadtlandschaft

Wenn bei der Wohnungsbesichtigung das Wort „Stadtlandschaft“ fällt, ist es der richtige Zeitpunkt, zu gehen. Oder den Vermieter zu bitten, die Rolläden der Fenster hochzuziehen und einen Blick nach draußen zu gestatten. Nur, um die schlimmsten Befürchtungen bestätigt zu sehen…

Stadtlandschaft hieß früher mal Betonwüste. Vertikal gewachsene Betonwüste. Oben mit schlecht imitierter Skyline abschließend, unten dunklen Hinterhöfen Grenzen setzend.

Landschaft ist das, was der Vermieter vor dem Fenster hat. Ihre natürliche Farbe ist grün. Stadtlandschaft ist das, was Ihr nach der Unterschrift vor dem Fenster habt. Ihre natürliche Farbe ist grau. Ein Lächeln ist das, was Eure Freunde im Gesicht haben, wenn ihr glücksstrahlend eure Stadtlandschaft preist. Die Botschaft des Lächelns ist Mitleid.

Gartenkralle

Würde die Werbewirtschaft eine „Goldene Himbeere“ verleihen – die Täufer der Gartenkralle würden sie einheimsen. Für den gräßlichsten Produktnamen aller Zeiten.

Die Gartenkralle. Lange Schatten werfend, näherte sie sich dem Liegestuhl von hinten. Lautlos verschluckte sie erst den Campingtisch mit dem Erdbeerschälchen, dann den arglos seinen Feierabend genießenden Doktor Zimperl, und am Ende die gesamte Schrebergartenkolonie. – So vielleicht?

Oder so: Die Gartenkralle. Niemand sah dem unscheinbaren Stahl-Instrument an, dass ein Fluch auf ihm lag. Ganze Generationen hatten sich das rostige Knäuel weitergereicht. Aber Elfriede Heckmann war die erste, die damit bei Vollmond in ihr Gärtchen ging. Ein greller Blitz war der Auftakt, bevor sich die Kralle in die Erde wühlte, immer tiefer hinein. Nichts konnte sie stoppen. Bis zum ersten Sonnenstrahl grub und hexelte sie alles um, was ihr in den Weg kam…

Oder vielleicht auch so: Die Gartenkralle. Ein riesiges behaartes Bein war das erste, was von ihr ans Tageslicht drang. Elf weitere sollten folgen. Dazwischen ein wuchtiger Panzer mit echsenhaftem Kopf. Der Himmel verdunkelte sich, die Kinder nahmen Reißaus…

Ja, so vielleicht. Die Gartenkralle. Ein unschuldiges Gartenwerkzeug. Gestraft mit einem furchtbaren Namen.

Liebficken

Das alte Urs-Jenny-Prinzip – fast zwanzig Jahre danach lacht es einen aus den Charts an. Funktioniert also immer noch. Wenn auch zur Unkenntlichkeit verstümmelt und mit Clearasil verwässert. Nur das Aussehen der Band und das Ausmaß ihrer kreativen Tiefstapelei erreichen noch annähernd das Schockniveau vom „Babyficker“. weiterlesen

selber

Ja, es ist wieder so weit: „Erdbeeren zum selber Pflücken“. Ich versuche immer, wenn ich an besagtem Feld vorbeifahre, das schreckliche, inzwischen vom Duden legitimierte, Wort „Selber“ zu übersehen. Hilft nichts, bei uns gibt es sogar „Spargel zum selber Stechen“. Was kommt als Nächstes? Baumwolle? Zum Pulli selber Machen? Deutschland, das Convenience-Volk, macht es sich wieder selber. weiterlesen

Bernd Begemann

Bernd Begemann

live im Kamp Bielefeld. 6.2.2004

Bernd, was soll das? „Eine Rückwendung ins Lokalpatriotische“ sieht die FAZ im Opener dieses Abends „Ich stamme aus den Hügeln“. Mit Recht, steht zu befürchten. Aber der besserwisserische Kritiker wird später mit dem ironisch/sarkastischen „Bad Salzuflen weltweit“ und der „Deutschen Hymne ohne Refrain“ versöhnt – was immer auch das „dieses Land verstehen“, das doch „droht“ und ’niemanden verschont‘, bedeuten soll.

Der arme Bernd musste sich vom Bodensee aus durch die einsetzenden Wochenendstaus nach Bielefeld ins Kamp durchkämpfen, um dort verspätet direkt auf die Bühne zu treten. Berechtigt wäre etwas Erholung gewesen, aber der Live-Profi hat in den nächsten 3 Stunden mal wieder alles gegeben. Zum Glück hatte das einladende Kulturkombinat für eine Couch auf der Bühne gesorgt (aber Entertainer müssen auf den Beinen bleiben) und auch noch eine Flasche billigen Rotwein spendiert. Zu hören gab es Klassiker und neues, allerdings nicht vom Country-Projekt mit Dirk Darmstätter. Einige der „Endlich“-Songs und einen Hit von gaaanz früher präsentierte Bernd zum Popschmonzetten-Playback aus der Dose, ansonsten wurde die gesamte emotionale Spannbreite des Begemann-Universums gekonnt mit der Gitarre abgedeckt – Peter Burschs Gitarrenbuch kann einen Künstler weit bringen! Liebe, Sehnsucht, Verlust, Zynismus und immer wieder ein Lacher für’s Publikum: Warum wird der Mann kein großer Star?

Die interessantesten Momente eines Bernd Begemann Konzertes sind die Kommentare, Geschichten, Scherze und Ansagen. Cooler Hall-Effekt, Bernd, nur heißt es „Kamp“, nicht „Kamps“. Der Running Gag über den jeweils hippsten Indie-Gitarrenschrammel-Laden der Stadt reist mit Bernd durch die Republik, ansonsten kommt alles aber sehr spontan und kreativ. Aber Bernd, diese nervigen „Jetzt die Jungs“ und „Die Girls können das aber lauter“ Geschichten: Nein, das ist echt nicht sexy, und Du hast ja selbst die Ahnung von der nahen Verwandschaft zu billigen Tricks von Comedy-Künstlern geäußert. Sei nicht so neidisch auf deren TV-Präsenz: Vielleicht hast Du noch zu viel Qualität, um zwischen Stefan Raab und Anke Engelke die Werbepausen zu präsentieren.
Apropos sexy: Diese Album- und Autogrammfotos, mannomann! Aber live dann diese weiße Bollerhose… das kannst Du doch besser! Das Publikum stimmte auch prompt gegen den neuen Bart, dabei war der vielleicht nur zu großflächig und noch zu kurz (und damit noch etwas schäbig, Entschuldigung)…

Kein Abitur, aber trotzdem „Masse und Macht“ von Elias Canetti gelesen: So viel Bildung konnte niemand sonst im Kamp vorweisen – oder hat sich nur nicht getraut, wie meine hochgeschätzte Canetti-lesende Begleiterin, ätsch Bernd! Wenn Du noch mehr massenpsychologische Tricks für Deine Publikumsspielchen lernen willst, lies doch noch Adornos „Studien zum autoritären Character“.

Schade, dass „Die Befreiung“ nicht mit dabei war, vielleicht werde ich das im Mai in Osnabürck genießen, ich kann Bernd mit Band aus Bremer Erfahrung nur empfehlen! Ansonsten tourt der Herr ja ständig, demnächst auch in einem Jugendzentrum in Deiner Nähe, sicher bald auch wieder im (Echo) „KAMP(s)“! Da drücken wir uns dann wieder unsere „kleinen Nasen an der Gitterabsperrung platt“, um ein Autogramm zu bekommen.

(sk)