{"id":11523,"date":"1997-07-22T11:11:00","date_gmt":"1997-07-22T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=11523"},"modified":"2022-05-31T15:34:02","modified_gmt":"2022-05-31T13:34:02","slug":"radiohead-ok-computer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1997\/07\/radiohead-ok-computer\/","title":{"rendered":"Radiohead &#8211; OK Computer"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><a href=\"https:\/\/m.media-amazon.com\/images\/I\/715LZJ5qX0L._SL1200_.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/m.media-amazon.com\/images\/I\/715LZJ5qX0L._SL1200_.jpg\" alt=\"Ok Computer - Radiohead: Musik\" width=\"250\" height=\"250\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Eigentlich hatte ich mit dem Rezensieren von Tontr\u00e4gern abgeschlossen, erschien mir die Flut von zahllosen Ver\u00f6ffentlichungen so gro\u00df, da\u00df sich nur wenige Platten von dem Grand Oeuvre abzuheben schienen. In diesem Fall blieb mir keine andere Wahl: Ich mu\u00df hier und jetzt eine \u00fcberlange Rezension ins Auge fassen, da es sich bei &#8218;OK Computer&#8216; um einen der besonderen Momente im heutigen Musikgeschehen handelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon die ersten beiden Alben von Radiohead, &#8218;Pablo Honey&#8216; (1993) und (vor allem) &#8218;The Bends&#8216; (1995) waren Ausnahmeerscheinungen in der ansonsten von heiteren Kl\u00e4ngen reich gesegneten britischen Musikszene. Die Parameter der Radioheadschen Herangehensweise stehen dem experimentellen Rock viel n\u00e4her, als da\u00df man sie einfach in die g\u00e4ngige Britpopschublade stopfen k\u00f6nnte. Harsche und laute Gitarren (gleich drei Gitarristen), ein oftmals m\u00e4chtiges Schlagzeug, das ganz und gar nicht raven mag und &#8211; dar\u00fcber thronend &#8211; der einzigartige, stark expressive Gesang Thom Yorkes.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Expressivit\u00e4t darf hier nicht mit dem Geschmachte eines Bono Vox gleichgesetzt werden, denn wenn Yorke eine leidende Stimmung vortragen will, dann tut er dies derart \u00fcberzeugend, da\u00df man ihn am Boden windend vor dem geistigen Auge hat. Es ist nicht zu beschreiben, wie unpeinlich Pathos sein kann, man mu\u00df einfach zuh\u00f6ren, wenn es so \u00fcberzeugend dageboten wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Als &#8218;The Bends&#8216; im M\u00e4rz 1995 auf den Markt geworfen wurde, waren sich viele Kritiker einig: Das werden die neuen U2! Welch eine Fehleinsch\u00e4tzung! W\u00e4hrend U2 als eine der letzten abgetakelten britischen Rockbands versuchen, sich durch das Aufgreifen aktueller Trends (siehe Underworld oder The Prodigy) an den eigenen Haaren aus dem Sumpf der Bedeutungslosigkeit zu ziehen, setzen Radiohead Ma\u00dfst\u00e4be.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Zum Album:<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Zu &#8218;The Bends&#8216; gab es, nicht zuletzt durch zahlreiche Interviews best\u00e4tigt, haufenweise Informationen \u00fcber die qualvolle Entstehungsweise des Albums. Nach dem Singleerfolg von &#8218;Creep&#8216; und unter dem Druck, etwas produzieren zu wollen, das die Band von dem Ein-Song-Image wegbringt, h\u00e4tten sich Radiohead beinahe aufgel\u00f6st. Die Schwerm\u00fctigkeit, das K\u00e4mpfen um jeden Millimeter Bandmaterial h\u00f6rt man &#8218;The Bends&#8216; an und das macht die Platte zu einem Meilenstein. D\u00fcster, depressiv, w\u00fctend und verzweifelt &#8211; das sind die Grundstimmungen von &#8218;The Bends&#8216;. Das &#8218;Creep&#8216; &#8211; Image war lange nicht ver(sch)wunden und Thom Yorke, der sich dieses Lied einst selbst gewidmet hatte, verk\u00fcndete, er werde zuk\u00fcnftig versuchen, positivere Songs zu schreiben, indem er sich auf die sch\u00f6nen Momente des Lebens konzentriert. H\u00f6rt man nun &#8218;OK Computer&#8216;, mu\u00df man feststellen, da\u00df Thom Yorke immer noch keinen Ansatz gefunden hat, der seine Musik positiv klingen l\u00e4\u00dft &#8211; im Gegenteil, noch dunkler und verzweifelter, noch komplexer und weniger eing\u00e4ngig als die unkonventionelleren St\u00fccke des Vorg\u00e4ngers, das macht diese dritte Platte aus; vergeblich ist das Warten auf eine fr\u00f6hliche Dur-Harmonie!<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgenommen wurde von Juni 1996 bis M\u00e4rz 1997 mit zahlreichen Unterbrechungen, bedingt durch Festival &#8211; Auftritte und eine U.S. Tour mit Alanis Morrisette. Das Studio blieb immer gleich, die Umgebung wurde gewechselt, das hei\u00dft &#8218;OK Computer&#8216; wurde an verschiedenen Pl\u00e4tzen mit mobilem Equipment und einer experimentellen Herangehensweise produziert. Illustre Pl\u00e4tze wie eine umgewandelte Scheune (&#8218;Canned Applause&#8216;) oder die Gem\u00e4uer eines alten Anwesens (&#8218;St. Catherine\u00b4s Court&#8216;) annimierten die Band dazu, eine Athmosph\u00e4re zu kreieren, die in einem normalen Studio nicht nachzustellen ist &#8211; mit Erfolg! &#8218;OK Computer&#8216; klingt homogen und trotzdem hat jedes St\u00fcck seine individuelle Note, sei es der extrem klare und weit im Vordergrund stehende Gesang in &#8218;Exit Music (For A Film)&#8216; oder das verzerrte Schlagzeug in &#8218;Airbag&#8216;.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Zu den Songs:<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p><strong>Airbag: <\/strong>Ein Opener im Stil von &#8218;Planet Telex&#8216; auf &#8218;The Bends&#8216;. Viele Bleeps und ein getriggertes Drum, das einen leichten Chemical Bros-Groove simuliert. Die D\u00fcsterheit der ganzen Platte wird angedeutet: Eine flirrende Gitarrenlinie schl\u00e4ngelt sich \u00fcber einen angefunktem Basslauf, ansonsten viel Fl\u00e4che, die durch Ger\u00e4uschbreaks zerhackst\u00fcckt wird.<\/p>\n\n\n\n<p><br \/><strong>Paranoid Android:<\/strong> Das unkommerziellste St\u00fcck auf &#8218;OK Computer&#8216;, das tats\u00e4chlich zur Single auserkoren wurde. Mit einer L\u00e4nge von 6:23 nicht gerade das \u00fcbliche Format, aber auch vom Aufbau her nicht besonders eing\u00e4ngig. &#8218;Android Paranoid&#8216; ist eine kleine, moderne Rockoper im Stil der Mittsiebziger, mit einem Breakdown in der Mitte. Wenn sich der Gitarrenl\u00e4rm erhebt, bleibt nur noch ein Klagelied, das mit seinem Trauerchor im Hintergrund als Soundtrack zur Neuverfilmung von Tolstois Krieg und Frieden dienen k\u00f6nnte. Dieser Part steigert sich \u00e4hnlich wie Queens &#8218;Bohemian Rapsody&#8216; bis die Band nochmal abrocken darf! Textlich sehr abstrakt gehalten, erwecken die Metaphern eine real-wirkende, paranoide Stimmung.<\/p>\n\n\n\n<p><br \/><strong>Subterranean Homesick Alien:<\/strong> Der schwebende Come-Down &#8211; fast schon einlullend, w\u00e4ren da nicht die surrenden und halligen Gitarren, die sich an anderen Ger\u00e4uschen reiben und zusammenprallen. Der Gesang h\u00f6rt sich auch nicht sehr vers\u00f6hnlich an; erinnert irgendwie an eine Katze die schon acht Leben hinter sich hat. \u00c4hnlich einer Smashing Pumpkins-Ballade &#8211; Dynamik ist mal wieder die alte Erfolgsformel.<\/p>\n\n\n\n<p><br \/><strong>Exit Music (For A Film):<\/strong> Das traurigste St\u00fcck ever made! Der passende Film w\u00e4re ein Road Movie, der ein katastrophales Ende nimmt! &#8218;Exit Music&#8216; startet akustisch mit einem total im Vordergrund stehenden Thom Yorke. Der Song handelt vom Plan abzuhauen, \u00e4hnlich eines &#8218;She\u00b4s Leaving Home&#8216; von den Beatles, allerdings mit einem unvers\u00f6hnlicheren Ende. Die Steigerung erfolgt mit einem sakralem Don Kosakenchor, der mit einem Mooggewaber zum theatralischen H\u00f6hepunkt verschmilzt. Danach kehrt wieder die Todesmessenstimmung ein. Auch f\u00fcr Fans alter Nick Cave-St\u00fccke nicht uninteressant.<\/p>\n\n\n\n<p><br \/><strong>Let Down:<\/strong> Mein pers\u00f6nlicher Lieblingssong.<br \/>Gro\u00df und majest\u00e4tisch erhebt sich das Streichorchester \u00fcber den perlenden Gitarrenpickings und man m\u00f6chte sich in diesem Pathos suhlen. Das Arrangement ist derart ausgefeilt, da\u00df der 7\/8tel Rhythmus im Mittelteil nichts von der vorhandenen Pomp\u00f6sit\u00e4t wegnimmt oder st\u00f6rend wirken k\u00f6nnte. Ein Song, der einer Kutschenfahrt in Sibirien gen Sonnenuntergang gleichkommt.<\/p>\n\n\n\n<p><br \/><strong>Karma Police:<\/strong> Und wieder ein geschickt positionierter Antipol. Im Gegensatz zu &#8218;Let Down&#8216; spartanisch arrangiert und einfach strukturiert. Das Schlagzeug hat die gewisse Bonham-Schwere, das Piano die Charakteristik einer sp\u00e4ten Beatlesnummer \u00e0 la &#8218;Let It Be&#8216; und der Gesang &#8211; wie k\u00f6nnte es anders sein &#8211; leidend. Ob sie doch eine zweite, fortschrittlichere Version von &#8218;Creep&#8216; geschrieben haben? &#8211; Sicherlich ungewollt!<\/p>\n\n\n\n<p><br \/><strong>Fitter Happier:<\/strong> Eine Comicstimme (klingt wie Homer Simpson) erz\u00e4hlt \u00fcber eine dramatische Klangcollage eine Minute lang \u00fcber ein universales Heilmittel. Sicher sowas wie ein Interlude.<br \/>Electioneering: Der einzige Rocker auf dem Album. Archaisch vom Feeling her &#8211; sogar vor dem Einsatz einer Kuhglocke wird nicht haltgemacht. Hat was vom Sonic Youthschen Verst\u00e4ndnis wie Rock klingen soll &#8211; also sehr noisig und wiederum theatralisch inszeniert mit einem Gesang, der sich selbst in ungeahnte H\u00f6hen pitcht.<\/p>\n\n\n\n<p><br \/><strong>Climbing Up The Walls:<\/strong> Das Trip Hop-St\u00fcck von Radiohead. Mit einer Snare ohne Teppich, fl\u00e4chigen Gitarreneffekten und einer entr\u00fcckten Stimme, die durch eine zweite, verzerrte in ungeahnte Gefilde vorst\u00f6\u00dft. Dann, nach einer Minute setzt eine Schweinegitarre \u00fcberlaut ein, die wiederum von Geigenzittern und noch entr\u00fcckterem Gesang \u00fcbert\u00f6nt wird. Dieses Szenario findet mit einem unheimlichen Ger\u00e4uschsample sein abruptes Ende.<\/p>\n\n\n\n<p><br \/><strong>No Surprises:<\/strong> Ein im Gegensatz zu den restlichen Liedern, melodisches und hoffnungverbreitendes St\u00fcck. Die Kindermelodie des Glockenspiels erinnert an ein Lullaby. Thom Yorke klingt milde gestimmt, fast schon m\u00fcde. Zeit die Schuhe auszuziehen und sich auf dem n\u00e4chsten Sofa zu r\u00e4keln, mit der Bitte, nicht gest\u00f6rt oder b\u00f6se \u00fcberrascht zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p><br \/><strong>Lucky:<\/strong> War der Beitrag zum Bosnien Benefiz-Sampler &#8218;Help&#8216;! Traurig und getragen pa\u00dft dieses St\u00fcck zu einem zerst\u00f6rten Sarajevo und man f\u00fchlt sich unweigerlich an die Kriegswirren in Ex-Jugoslawien erinnert. Diese dramatischen Ch\u00f6re ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Platte. Hat am Ende eine Gitarrenlinie, der man l\u00e4nger zuh\u00f6ren m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p><br \/><strong>The Tourist:<\/strong> Ein unspektakul\u00e4res Ende eines spektakul\u00e4ren Albums. Auch hier k\u00f6nnen Paralellen zu &#8218;The Bends&#8216; gezogen werden. Der Charakter gleicht dem von &#8218;Fade Out&#8216;, ein Crescendo, das zusammenfa\u00dft, was man ohne Abnutzung (am besten gut gelaunt) h\u00f6ren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine ganz gro\u00dfe Platte, die den auf dem Abstellgleis stehenden Rockzug nochmal in Fahrt bringt.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Radiohead\nOK Computer\n(Parlophone)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich hatte ich mit dem Rezensieren von Tontr\u00e4gern abgeschlossen, erschien mir die Flut von zahllosen Ver\u00f6ffentlichungen so gro\u00df, da\u00df sich nur wenige Platten von dem Grand Oeuvre abzuheben schienen. 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