{"id":11902,"date":"2005-03-14T11:11:00","date_gmt":"2005-03-14T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=11902"},"modified":"2022-05-09T14:19:41","modified_gmt":"2022-05-09T12:19:41","slug":"crime-school-lektion-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/03\/crime-school-lektion-1\/","title":{"rendered":"Crime School: Lektion 1"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Einschulung in der Crime School! In der ersten Lektion erfahren wir etwas \u00fcber Lesehoffnungen und deren Erf\u00fcllung, die Schwierigkeiten, etwas objektiv zu bewerten, das lediglich Erwartungen best\u00e4tigen soll und warum es t\u00f6richt w\u00e4re, Krimis als blo\u00dfes Unterhaltungsfutter einzustufen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Bahnhof Saarbr\u00fccken. Vor mir liegen sechs Stunden ICE nach Berlin in einem Nichtraucherabteil und, so steht zu bef\u00fcrchten, in Gesellschaft krawattierter Gesch\u00e4ftsleute mit ekstatisch piepsenden Handys.<br \/>Also zum Kiosk, also einen Jerry-Cotton-Roman kaufen.<br \/>Sechs Stunden sp\u00e4ter: Berlin, Bahnhof Zoo. Der Cotton ist gelesen und hat seinen Zweck, mir die Langeweile zu vertreiben und die Anwesenheit fickrig telefonierender Businessmen und \u2013women ertr\u00e4glich zu gestalten, erf\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Habe ich nun ein gutes Buch gelesen? M\u00f6glich. Ich wei\u00df es nicht, weil ich den Cotton nicht aufgeschlagen habe, um ein gutes Buch zu lesen. Mein Urteil beruht einzig und allein auf einem subjektiven Empfinden, dem eine ebenso subjektive Hoffnung in einer ganz speziellen Situation zu Grunde lag.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist diese Hoffnung, ein Buch m\u00f6ge mich gut unterhalten, eine der wesentlichen, die uns dazu bringen, \u00fcberhaupt ein Buch in die Hand zu nehmen. Sie findet sich nach der Lekt\u00fcre erf\u00fcllt oder nicht erf\u00fcllt \u2013 doch wie sollte ich mein Urteil so begr\u00fcnden, dass es einem mir v\u00f6llig unbekannten Leser X zuverl\u00e4ssiger Ratgeber w\u00e4re, seine eigenen subjektiven Hoffnungen zu erf\u00fcllen?<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es auch f\u00fcr die Beurteilung eines Heftromans seri\u00f6se Kriterien, die etwas mit dem zu tun haben, was wir schn\u00f6de \u201eHandwerk\u201c nennen und dort, wo der blanke Genius regiert, als einen eher ungeliebten Eindringling betrachten. Ein Heftromanautor beflei\u00dfigt sich einer m\u00f6glichst schn\u00f6rkellosen, einfachen Sprache, er zeichnet einen gro\u00dfen, von Action gepr\u00e4gten Spannungsbogen, um den sich weitere, kleinere gruppieren. Ein Heftautor kann ein Meister sein, C.H. Guenter sei Dank.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur, sorry: Das \u00e4ndert nichts. Heftautoren arbeiten f\u00fcr ein bestimmtes, genau abgezirkeltes Zielpublikum. Da sehen wir den Arbeiter im Fr\u00fchzug, konzentriert in seinem Cotton schm\u00f6kernd. Wir beobachten, im Sp\u00e4tzug, die Sekret\u00e4rin, wie sie beinahe in den Arztroman hineinkriecht. Oder, ja, wir wundern uns im ICE nach Berlin \u00fcber den doch ganz gebildet aussehenden jungen Mann, den ein trauriges Schicksal f\u00fcr sechs Stunden in die Zielgruppe der \u201eSchundleser\u201c verschlagen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Qualit\u00e4t eines Heftromans h\u00e4ngt also immer davon ab, ob das zu seiner Herstellung verwendete Werkzeug zielgruppengerecht ist. Sprache und das, was ich \u201eTextarchitektur\u201c nenne, haben lediglich die Leser im Auge, niemals aber den Text an sich. Sie verlassen ihn gleicherma\u00dfen, ihr Ziel ist es ausschlie\u00dflich, die Bed\u00fcrfnisse einer fixen Gruppe von Konsumenten zu bedienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wem das zu theoretisch ist, dem sei ein kleines praktisches Beispiel zur Verdeutlichung geliefert. Bleiben wir bei C.H. Guenter und einem seiner Serienhelden, dem famosen \u201eMr. Dynamit\u201c, Agent des BKA und das Idealbild eines Heftchengottes. Die gesamte Konstruktion der Story basiert auf der Intention, Mr. Dynamit in m\u00f6glichst viele, m\u00f6glichst spannende, m\u00f6glichst actionreiche Situationen zu bringen. Die Sprache, mit der dies bewerkstelligt wird, ist diesem Zweck v\u00f6llig untergeordnet: klipp und klare Schilderungen, lakonische Dialoge, ein wenig Sex f\u00fcr den kleinen erotischen Hunger zwischendurch. Es ist NICHT die Absicht des Autors, durch Konstruktion, Dramaturgie und Sprache etwa das Schema gut \/ b\u00f6se (sprich: freier Westen \/ unterdr\u00fcckter Ostblock) zu analysieren oder gar in Frage zu stellen. Solche Dinge kommen bei der Zielgruppe nicht gut an. Sie will unterhalten werden, das ist ihr gutes Recht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das meine ich, wenn ich behaupte, bei Heftromanen seien Sprache und Handwerk einzig auf die Kommunikation mit der Zielgruppe angelegt und erf\u00fcllten exakt deren W\u00fcnsche. Sie konstituieren den Text in Abh\u00e4ngigkeit von seinem Zweck, das Publikum gut zu unterhalten. Das ist eine Leistung, die man nicht untersch\u00e4tzen sollte.<br \/>Nur kann ich als Kritiker dann nicht die Qualit\u00e4t des Textes beurteilen, sondern nur, wie es dem Autor gelungen ist, seine Zielgruppe zu befriedigen. Der Text selbst bleibt au\u00dfen vor, er ist Mittel zum Zweck.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir uns darauf einigen, genau das sei auch die Aufgabe des Kriminalromans \u2013 gut. Aber dann tappen wir arglos in die Falle der Krimiver\u00e4chter, die dieses Genre unter \u201eUnterhaltungsliteratur\u201c subsummieren und ihm damit jegliche weiteren Qualit\u00e4ten absprechen.<br \/>Aber wollen wir das wirklich? Geben wir uns zufrieden, solche Krimis zu lesen, solche Krimis zu schreiben? Auf einige trifft es gewiss zu. Andere jedoch erwarten von Krimiliteratur neben dem v\u00f6llig legitimen Wunsch, angenehm unterhalten zu werden, noch die Erf\u00fcllung eines zweiten: Literatur n\u00e4mlich soll mir die Welt so zeigen, wie ich sie ohne ein bestimmtes Buch niemals sehen w\u00fcrde. Sie soll mir, durch Sprache und \u201eTextarchitektur\u201c, Einblicke in neue Sph\u00e4ren des Denkens erm\u00f6glichen, mich auf Gedanken bringen, die zu denken ich ohne dieses Buch niemals begonnen h\u00e4tte. Kurz: Es gibt eine Zielgruppe von Lesern, die eben NICHT erwartet, dass ein Text so konstruiert ist, dass er ausschlie\u00dflich ihre Unterhaltungsw\u00fcnsche erf\u00fcllt, sondern dass er sie selbst in irgendeiner Weise ver\u00e4ndert. Das ist quasi der Gegenentwurf zur reinen Unterhaltungsliteratur, wo es ja h\u00f6chstes Gebot sein muss, den Leser unangetastet zu lassen und wo die literarischen Mittel v\u00f6llig im Dienste dieses Lesers stehen. Dazu mehr in der n\u00e4chsten Lektion, wo wir speziell der wichtigen Frage nachgehen wollen, warum Autoren beim Schreiben nicht an Zielgruppen denken sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Hausaufgabe bis dahin solltet ihr das soeben Gelesene \u00fcberdenken, eventuelle Einw\u00e4nde formulieren, euch wichtige Erg\u00e4nzungen auch, und, so ihr wollt, mir per Mail \u00fcbermitteln. Schlie\u00dflich sind wir hier eine moderne Schule und wollen, dass der Sch\u00fcler, die Sch\u00fclerin selbstst\u00e4ndig an der Erarbeitung des Stoffes mitarbeitet. Alle eure Mails werden von mir gelesen und zu Beginn der n\u00e4chsten Stunde besprochen. Bis dann!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einschulung in der Crime School! 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