{"id":11906,"date":"2005-03-20T11:11:00","date_gmt":"2005-03-20T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=11906"},"modified":"2022-05-09T14:25:04","modified_gmt":"2022-05-09T12:25:04","slug":"crime-school-lektion-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/03\/crime-school-lektion-2\/","title":{"rendered":"Crime School: Lektion 2"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Beim Schreiben ist mir der Leser piepegal.<br \/>Hat da einer \u201earrogantes Arschloch!\u201c gerufen?<br \/>Beim Schreiben habe ich nur ein Ziel: Dass der Leser die Lekt\u00fcre nicht bereuen m\u00f6ge und vielleicht etwas erfahre, das er ohne mein Buch nicht erfahren h\u00e4tte.<br \/>Was hei\u00dft hier \u201eDu widersprichst dir ja selber!\u201c?<\/p>\n\n\n\n<p>Denn beide Strategien passen nicht nur gut zusammen, sie sind auch die beste M\u00f6glichkeit, einen gelungenen Text abzuliefern. Dar\u00fcber wollen wir uns jetzt ein paar Gedanken machen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der gro\u00dfe Arno Schmidt war ein Autor, dessen Credo lautete, ein Leser habe sich gef\u00e4lligst zum Text zu bem\u00fchen und nicht umgekehrt. Leser interessierten ihn zuv\u00f6rderst als Bewunderer, doch er machte es ihnen nicht leicht. Und trotzdem: Kein deutscher Autor der Nachkriegszeit hat so viele Leser auf den rechten Weg gef\u00fchrt, ihnen die abseitige Literatur des 18. \/ 19. Jahrhunderts er\u00f6ffnet (also alles, was man dir in der Schule als verstaubten, unmodernen Tinnef verleidet hat) und ein Personal geschaffen, das einen das ganze Leben begleitet. Wie hat er das blo\u00df gemacht?<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz einfach: Wenn Arno Schmidt sich an den Schreibtisch setzte und zu formulieren anfing, stand der Text ganz im Zentrum seiner \u00dcberlegungen. Er entwickelte Eigenleben, bildete einen selbstst\u00e4ndigen Organismus aus, blieb nicht \u2013 wie beim handwerklich unver\u00e4chtlichen Heftroman \u2013 blo\u00dfes Transportmittel f\u00fcr das legitime Unterhaltungsbed\u00fcrfnis seiner Zielgruppe.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir uns den Text aber als Organismus vorstellen, etwas, das atmet und lebt, dann haben wir schon einen entscheidenden Schritt getan. Denn ein solcher Text, der ganz ohne Schielen auf die m\u00f6gliche Zielgruppe entsteht, entwickelt wie jedes lebendige Wesen das Bed\u00fcrfnis, mit der Au\u00dfenwelt zu kommunizieren. Ein Text, der seine Leser nicht findet, stirbt ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Arno Schmidt wusste das und hat deshalb seine \u201ePrivataltert\u00fcmer\u201c, seine geheimen, nicht f\u00fcr die Kommunikation geeigneten Chiffren immer in eine Form gegossen, die sie beredt gemacht haben. Es war nun Sache des Lesers, diesen Kommunikationsfaden aufzunehmen, Fragen an den Text zu stellen, auf dass dieser ihm antworte und selbst wieder Fragen stelle. So etwas nennt man, glaube ich, eine Unterhaltung, und wenn ich also in ein solches Gespr\u00e4ch mit einem Text eintrete, m\u00f6chte ich schon gerne, dass diese Unterhaltung f\u00fcr beide Seiten ein Gewinn ist. Zumindest sollte man mich nicht langweilen, f\u00fcr dumm verkaufen oder mir das \u201eUnterhaltungspotential\u201c quasi mit spitzen Fingern und einem \u201eIgitt\u201c auf den Lippen servieren: \u201eEigentlich bin ich ja ein ernster Autor, aber wenn\u2019s der Wahrheitsfindung dient, lasse ich mich halt auf die Unterhaltungsebene herab\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Letzteres \u00fcbrigens eine Attit\u00fcde, mit der man in Deutschland Literaturpreise gewinnt und nicht, wie es gerechter w\u00e4re, zwei Klapse hinter die Schlappohren bekommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Fassen wir kurz diese Lektion zusammen und wagen einen Ausblick auf die n\u00e4chste: Texte sind kommunizierende Wesen. Sie verlangen von mir gleichfalls Kommunikation \u2013 also Nachdenken. Wenn mir das keinen Spa\u00df macht, war die M\u00fche vergebens. Im \u00fcbrigen, das sei betont, dient diese Kommunikation nicht prim\u00e4r der Wissensvermittlung. Wenn ich in einen Text einsteige und erkenne, dass er lebt, dann kommuniziere ich mit ihm, ohne wirklich etwas dabei zu gewinnen \u2013 au\u00dfer der Freude daran, einen lebendigen Text gelesen zu haben. Aber das ist ja schon genug. In der n\u00e4chsten Lektion werden wir untersuchen, wie man die Elemente eines solchen Textes beurteilen kann. Wir lernen ein Beispiel aus der Welt des Kriminalromans kennen und wollen sehen, welche Funktion das Genre \u201eKrimi\u201c dabei \u00fcbernimmt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Schreiben ist mir der Leser piepegal.Hat da einer \u201earrogantes Arschloch!\u201c gerufen?Beim Schreiben habe ich nur ein Ziel: Dass der Leser die Lekt\u00fcre nicht bereuen m\u00f6ge und vielleicht etwas erfahre, das er ohne mein Buch nicht erfahren h\u00e4tte.Was hei\u00dft hier \u201eDu widersprichst dir ja selber!\u201c? 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