{"id":11912,"date":"2005-03-22T11:11:00","date_gmt":"2005-03-22T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=11912"},"modified":"2022-05-09T14:32:04","modified_gmt":"2022-05-09T12:32:04","slug":"crime-school-lektion-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/03\/crime-school-lektion-3\/","title":{"rendered":"Crime School: Lektion 3"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Heute arbeiten wir aus, was in der letzten Stunde besprochen wurde und beginnen damit eine kleine Reise durch die Geschichte des Kriminalromans, seiner Regeln und seiner Autoren, die sich nicht an diese Regeln gehalten haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst jedoch: Der Sch\u00fcler Zander hat zu Recht moniert, dass der in Lektion 1 genannte \u201eMister Dynamit\u201c nicht beim BKA, sondern beim BND angestellt war. Auch gef\u00e4llt ihm der Ausdruck \u201eHeftchengott\u201c nicht, denn \u201eMister Dynamit\u201c sei ausschlie\u00dflich im Taschenbuch erschienen. Genaugenommen hat Zander nat\u00fcrlich auch hier Recht; mit \u201eHeftchen\u201c meine ich aber all das, was \u201ePulp\u201c genannt werden kann. Trotzdem: Ein Flei\u00dfk\u00e4rtchen f\u00fcr den Sch\u00fcler Zander, und nun weiter im Text.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>In der letzten Stunde haben wir gelernt, dass ein Text zun\u00e4chst ohne Bezug zur Zielgruppe auskommt. Er ist ein noch unf\u00f6rmiges Konstrukt im Kopf seines Autors, eine Kette aus vagen Ideen, vielleicht schon im Korsett einer grobk\u00f6rnigen Story, mehr noch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Je weiter dieses Konstrukt reift und Gestalt annimmt, desto dringlicher wird der Ruf nach den Schnittstellen, die Text und Leser in Verbindung bringen und ein Gespr\u00e4ch zwischen beiden Instanzen erlauben. Dies bedeutet nichts anderes, als dass die Story mit all ihren Erz\u00e4hlf\u00e4den und \u2013ebenen konstruiert werden muss, Dramaturgie und Sprachduktus zu w\u00e4hlen sind. Der Text wird \u201eberedt\u201c gemacht, er erh\u00e4lt eine Stimme.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige unserer flei\u00dfigen Sch\u00fcler haben dankenswerter Weise die gro\u00dfe Pause nicht dazu genutzt, auf dem Klo zu rauchen oder Damenunterw\u00e4sche in der Umkleidekabine der Turnhalle zu mopsen, sondern machten sich \u2192 Gedanken, wie solche Schnittstellen aussehen k\u00f6nnten. Ihre \u00dcberlegungen zielen, naheliegend, auf den Einsatz des Krimigenres, postulieren hier aber, es sei notwendig, auf Wirklichkeitsn\u00e4he und strenges Regelwerk zu achten. Das ist, wie gesagt, l\u00f6blich, Jungs; auch ihr bekommt eure Flei\u00dfk\u00e4rtchen. Dennoch werden wir sehen, dass \u201eWirklichkeit\u201c eine Schim\u00e4re ist und Genreregeln nur der erste Schritt zum versatzst\u00fcckhaften Zimmern v\u00f6llig pointenloser Literatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Wilhelm Raabe \u2013 der Trickser<br \/>Es lohnt sich immer, den gro\u00dfen Meistern \u00fcber die Schulter zu schauen und zu beobachten, wie sie es denn angefangen haben. Den ersten Krimik\u00f6nner hat mir der Zufall vor kurzem in die H\u00e4nde gespielt: Wilhelm Raabe. Raabe ein Krimiautor? Die Literaturgeschichte wei\u00df davon nichts, aber das soll uns nicht weiter \u00fcberraschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stellen uns Herrn Raabe n\u00e4chtens an seinem Schreibtisch vor. Man schreibt den 4. Dezember 1888, wir befinden uns im gutb\u00fcrgerlichen Braunschweig. In des Autors Kopf beginnen sich vage Ideen langsam zu formieren. Einen Roman m\u00f6chte er schreiben, in dem sich zwei Au\u00dfenseiter der Gesellschaft finden und, nach allerhand M\u00fchsal, ein zur\u00fcckgezogenes, aber doch erf\u00fclltes und idyllisches Leben f\u00fchren k\u00f6nnen. Das Thema dieses noch ungeschriebenen Romans hat Raabe schon in fr\u00fcheren Arbeiten besch\u00e4ftigt, vorz\u00fcglich in \u201eAbu Telfan\u201c von 1868. Auch dort geht es um b\u00fcrgerliche Enge, das brutale Diktat der Mittelm\u00e4\u00dfigkeit und das letztendliche Scheitern jedes Individuums, das nicht ins Raster dieser ehrenwerten Gesellschaft passt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der neue Roman variiert das Thema an entscheidender Stelle. Zwar bleiben b\u00fcrgerliche Wohlh\u00e4bigkeit und Verlogenheit nach wie vor erkennbar, doch im Mittelpunkt stehen die beiden \u201eOutsider\u201c und ihre erfolgreichen Bem\u00fchungen, eine Insel in diesem Meer der Dummheit zu besetzen, um dort zu \u00fcberleben.<br \/>Raabe konstruiert nun die erste dieser beiden Hauptpersonen, den dicken, gefr\u00e4\u00dfigen und, so seine Umwelt, dummen Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen. Dieser f\u00fchlt sich zur \u201eRoten Schanze\u201c hingezogen, einer ehemaligen Festung, die jetzt ein landwirtschaftliches Anwesen ist, auf dem der Bauer Andreas Quakatz und seine Tochter Valentine hausen.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00fcbsch; aber jetzt \u00fcberlegt sich Raabe etwas, das v\u00f6llig aus der Reihe f\u00e4llt. Er bedient sich des Krimigenres, um die beiden Bewohner der \u201eRoten Schanze\u201c zu Ausgesto\u00dfenen werden zu lassen. Der alte Quakatz n\u00e4mlich wird als angeblicher M\u00f6rder eines gewissen Kienbaum verd\u00e4chtigt, mehrmals verhaftet, doch immer wieder entlassen, weil man ihm die Tat nicht beweisen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch befinden wir uns ganz auf dem Boden des Genres und seiner Regeln. Es sei aber wenigstens erw\u00e4hnt, dass der Kriminalroman im Deutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts noch keine wirkliche Tradition hat, im Gegensatz zu England mit seinen gothic novels und seinem famosen Wilkie Collins. In Deutschland dient das Mysteri\u00f6se, das B\u00f6se wohl seit der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts immer wieder als willkommene Folklore, etwa in den zahlreichen Romanen mit ihren Geheimlogen und deren dunklem Treiben (Schillers \u201eGeisterseher\u201c w\u00e4re zu nennen, aber auch Jean Pauls \u201eDie unsichtbare Loge\u201c). Raabe ist also, was Regeln betrifft, ziemlich ungebunden \u2013 und er nutzt diese Freiheit ebenso schamlos wie genial.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn was im Verlauf der Geschichte passiert, widerspricht allem, wirklich allem, was wir heute unter den Grundregeln f\u00fcr einen guten Krimi verstehen. Zun\u00e4chst: Das Verbrechen an Kienbaum wird mit keinem Wort erl\u00e4utert. Wir erfahren buchst\u00e4blich nichts \u00fcber die Tat, die Umst\u00e4nde, das Opfer. Stopfkuchen selbst erz\u00e4hlt anl\u00e4sslich des Besuches eines Jugendfreundes die Geschichte seine \u201eEroberung der Roten Schanze\u201c nebst deren Jungerbin Valentine, und dabei f\u00e4llt der Name Kienbaum so ziemlich auf jeder dritten Seite \u2013 mehr aber nicht!<\/p>\n\n\n\n<p>Und wie dieser Stopfkuchen erz\u00e4hlt! Aus- und abschweifend, manchmal in knappen R\u00e4tseln, meistens jedoch vom Hundertsten ins Tausendste kommend, sodass seine beiden Zuh\u00f6rer, der Jugendfreund Eduard und Frau Valentine, ihn st\u00e4ndig ermahnen m\u00fcssen, doch beim Thema zu bleiben. Dann irgendwann, sehr beil\u00e4ufig, erw\u00e4hnt Stopfkuchen, er habe das R\u00e4tsel um Kienbaums M\u00f6rder gel\u00f6st! Aha, jubeln Zuh\u00f6rer und Leser, endlich! Wir kriegen doch noch einen veritablen Krimi! Vergesst es! Stopfkuchen erz\u00e4hlt unger\u00fchrt weiter und erst auf den letzten Seiten des Romans pr\u00e4sentiert er die Aufl\u00f6sung.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber etwas Wunderbares ist geschehen! Wir, die Leser, haben uns fangen lassen von diesen st\u00e4ndigen Kienbaum-Erw\u00e4hnungen, es hat uns in diesen zun\u00e4chst doch mit einiger Schwierigkeit zu lesenden Roman gezogen. Was wir gefunden haben, ist, ja doch, liebe Sch\u00fcler, WIRKLICHKEIT! Nicht etwas Kurzlebiges aus dem 19. Jahrhundert, sondern etwas sehr Zeitloses. Es geht um Au\u00dfenseitertum, darum auch, wie einer, der ausgesto\u00dfen wurde, langsam verr\u00fcckt wird (der alte Quakatz n\u00e4mlich) und ein anderer, der ein n\u00fctzliches Glied der Gesellschaft ist, vor seiner Schuld im wahrsten Sinne des Wortes davonl\u00e4uft und eine Normalit\u00e4t aufrecht erh\u00e4lt, die es doch nicht gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Raabe verwendet hier also das Genre \u201eKrimi\u201c gegen alle uns heute gel\u00e4ufigen Regeln. Er nutzt es meisterlich, um uns mit dem Text sprechen zu lassen, der uns tats\u00e4chlich sehr viel zu erz\u00e4hlen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>So, Jungs und M\u00e4dchen, genug f\u00fcr heute. In der n\u00e4chsten Lektion zeigen wir einen anderen Gro\u00dfmeister und wie er mit den Ingredienzien eines Krimis umgegangen ist. Ihr werdet Baukl\u00f6tze staunen und Bewunderung kotzen!<br \/>Kommentare wie stets an unsere Schulmail-Adresse!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute arbeiten wir aus, was in der letzten Stunde besprochen wurde und beginnen damit eine kleine Reise durch die Geschichte des Kriminalromans, seiner Regeln und seiner Autoren, die sich nicht an diese Regeln gehalten haben. Zun\u00e4chst jedoch: Der Sch\u00fcler Zander hat zu Recht moniert, dass der in Lektion 1 genannte \u201eMister Dynamit\u201c nicht beim BKA, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[2330,2332],"class_list":["post-11912","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives","tag-crime-school","tag-wilhelm-raabe"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11912","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11912"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11912\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11912"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11912"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11912"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}