{"id":11914,"date":"2005-03-24T11:11:00","date_gmt":"2005-03-24T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=11914"},"modified":"2022-05-09T14:35:46","modified_gmt":"2022-05-09T12:35:46","slug":"crime-school-lektion-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/03\/crime-school-lektion-4\/","title":{"rendered":"Crime School: Lektion 4"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Sch\u00f6n, dass einige von euch nicht davor zur\u00fcckschrecken, mich auf meinem irrlichternden Weg durch die Weltliteratur, auf der Suche nach dem wahren Wesen des Kriminalromans zu begleiten. Ich wei\u00df ja selber nicht so genau, wohin das alles f\u00fchren wird, ob wir am Ende gar zur gro\u00dfen verborgenen Felsenhalle gelangen werden, wo der uralte W\u00e4chter der Regeln des Krimis schon auf uns wartet und jene Steintafeln ausliefert, auf die der erste Krimiautor geritzt hat, wie ein Text beschaffen sein muss, um ein guter Krimi zu sein.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Steht da vielleicht ganz oben im donnernden Imperativ: \u201eEin Text, der nicht die Wirklichkeit abbildet, ist kein Krimi!\u201c? Hm, ich bin mir nicht sicher. Ich frage, was Wirklichkeit und Krimi angeht, lieber noch einmal nach, und zwar bei einem absoluten Meister seines Fachs.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vladimir Nabokov \u2013 der Architekt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich eines nicht mag, dann sind es Krimis, deren Autoren sich schlauer d\u00fcnken als die Leser. Ihr kennt das: Man liest und r\u00e4tselt mit \u2013 aber am Ende hat man keine Chance, weil kein normaler Mensch auf die richtige L\u00f6sung kommen konnte. Detektive als \u00dcbermenschen, diese Sherlock Holmes \u2013 Verschnitte und Niemals-Irrenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas anderes ist es, wenn ich bei der Aufl\u00f6sung eines Falles mir mit der flachen Hand gegen die Stirn klopfen muss. Mensch, darauf h\u00e4ttest sogar DU kommen k\u00f6nnen! Letztmalig passiert bei Boris Akunins tollem Krimi \u201ePelagria und der schwarze M\u00f6nch\u201c. Aber das ist nichts im Vergleich zu Vladimir Nabokov und seinem Roman \u201eLolita\u201c. Dieser ganze Text ist ein R\u00e4tsel, ja, vielleicht das faszinierendste der gesamten Literatur des 20. Jahrhunderts, und es verwundert vorab nicht, dass wohl kaum ein Roman so missinterpretiert wurde wie gerade dieser. Als Hohelied auf den Kindsmissbrauch zumeist, von Menschen, die, wenn sie das Buch \u00fcberhaupt gelesen haben, nur das beste Beispiel f\u00fcr die Armut im Geiste sind, die sich weder um materiellen Wohlstand noch Ansehen noch Schulbildung schert. Armut im Geiste ist eine gerechte Plage. Sie wirft sich gefr\u00e4\u00dfig auf alle Bev\u00f6lkerungsschichten, und es gibt nur ein Mittel, ihrer Herr zu werden: denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Also \u201eLolita\u201c. Das ist, jedes kleine Literaturlexikon gibt dar\u00fcber Auskunft, nat\u00fcrlich auch ein veritabler Krimi: Kindsmissbrauch, wie schon erw\u00e4hnt, Entf\u00fchrung, ein geheimnisvoller Verfolger, der schlie\u00dflich von dem B\u00f6sewicht mit dem sch\u00f6n diabolischen Namen Humbert Humbert ermordet wird, und, am Ende, die Katharsis. Das Gute siegt (teilweise), der \u00dcbelt\u00e4ter schmachtet im Gef\u00e4ngnis und stirbt schlie\u00dflich selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun sch\u00e4tzt man \u201eLolita\u201c aber kaum als guten Krimi, sondern als ein absolutes Zauberwerk der Sprache. Wer hier Pornografisches vermutet, wird entt\u00e4uscht und erh\u00e4lt Schilderungen, bei denen einem die Luft wegbleibt. Wer sich an Notzucht aufgeilen m\u00f6chte, wird nur besoffen durch den Genuss einer atemberaubenden Sprache. Schweigen wir ganz von der Konstruktion des Textes. Es geht einfach nicht besser. Alles stimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles? Hm. Geben wir die \u201eLolita\u201c einem Zerberus des literarischen Realismus in die Hand, einem profunden Kenner der Alltagslogik. Er wird lesen und lesen und seine Stirn wird sich immer mehr, immer bedrohlicher in Falten legen. \u201eHa!\u201c, ruft er endlich aus, \u201edas soll real sein? Das soll gut konstruiert sein? Dass ich nicht lache! Herr Nabokov, Sie sind ein Grobschnitzer! Sie schrecken vor nichts zur\u00fcck, nicht einmal vor dem Bem\u00fchen des gn\u00e4digen Zufalls, ohne den ihre Handlung nicht voranzutreiben w\u00e4re. Sie sind schlimmer als Leo Malet, dessen Nestor Burma auch immer \u201ezuf\u00e4llig\u201c mit der Nase auf den richtigen Weg gesto\u00dfen wird, wenn er wieder mal nicht wei\u00df, wie es weitergeht. Schlimmer als jeder Heftchenst\u00fcmper, der \u201enat\u00fcrlich ganz zuf\u00e4llig\u201c eine Bohrmaschine im Sack hat, mit der er ein Loch in die Wand bohrt, um ein Gespr\u00e4ch zu belauschen, das den Fall l\u00f6st.\u201c So k\u00f6nnte er sprechen, unser Zerberus und \u2013 er h\u00e4tte Recht.<br \/>Worum geht es konkret? Um Zuf\u00e4lle. Es stimmt: Vladimir Nabokov treibt die Handlung seiner \u201eLolita\u201c durch das Geschehenlassen unm\u00f6glichster Zuf\u00e4lle voran. Der Held will sich von einem Nervenzusammenbruch erholen und mietet sich ein Zimmer. Doch das Haus brennt kurzfristig ab. Er mietet sich also bei Familie Haze ein, deren Tochter Lolita aber gar nicht da sein d\u00fcrfte, sondern zur Sommerfrische bei der Tante. Nur leider: Tantchen bricht sich das Bein und Lolita ist hier, und die Story kann munter weiter gehen. W\u00e4re da nicht die Mutter der Kleinen. Die muss man ausschalten, und der grimmige Nabokov hat keine Skrupel, sie von einem Auto \u00fcberfahren zu lassen, das einem Hund ausweichen muss, der\u2026 und so weiter. Es ist furchtbar.<br \/>Oder doch nicht? Denn kommen wir nun zu dem, was ich weiter vorne die Chance genannt habe, als Leser einen Fall l\u00f6sen zu k\u00f6nnen, indem ich einfach die richtigen Schl\u00fcsse ziehe. Wenn ich das unvoreingenommen tue, muss meine erste Schlussfolgerung die sein, dass ein Ass wie Nabokov, ein solcher Schreibgott, keine Anf\u00e4ngerfehler macht. Er will uns etwas damit sagen, er will uns zum Denken bringen, auf den richtigen Weg locken. Man kann es auch anders ausdr\u00fccken: Er macht uns zu Detektiven in einer Art Metatext, einem Krimi, der nichts mehr mit dem eigentlichen, Wort gewordenen Krimi zu tun hat, sondern dar\u00fcber hinaus reicht \u2013 nein, genauer: ein Krimi, der uns in die Konstruktion des Romanes selbst f\u00fchrt, denn nur um sie geht es Nabokov.<br \/>Die Story, durch unglaubliche und unrealistische Zuf\u00e4lle vorangetrieben und durch sie erst m\u00f6glich gemacht, ist nichts weiter als ein sehr wackliges Konstrukt, ein Tagtraum, der dazu dient, eine Sache, die in der Wirklichkeit nicht geschehen konnte, in der grenzenlosen Welt des Romans geschehen zu machen. Wir geraten dadurch zun\u00e4chst auf eine andere Ebene innerhalb des Romans. Wer hat diesen Wunsch? Nat\u00fcrlich Humbert Humbert, der Mann in seinem Gef\u00e4ngnis. Und dieses Gef\u00e4ngnis ist pl\u00f6tzlich nicht mehr ein realer Ort, sondern ein Seelenzustand. Irgendetwas w\u00fctet in Humbert Humbert, ist unvollendet und schreit so sehr nach Vollendung, dass er eine Geschichte konstruiert. Was? Auch dar\u00fcber gibt der Roman Auskunft. Der junge Humbert n\u00e4mlich war in ein M\u00e4dchen verliebt, und nachts am Strand glaubte er sich am Ziel seiner W\u00fcnsche. Sie w\u00fcrde sich ihm hingeben \u2013 doch dann steigen pl\u00f6tzlich einige Taucher lachend aus dem Wasser, die Gelegenheit ist vorbei. Das M\u00e4dchen stirbt kurz darauf.<br \/>Humberts P\u00e4dophilie ist also nichts weiter als die Suche nach der Erf\u00fcllung eines Jugendtraums. Lolita gibt es gar nicht! Sie ist ein Produkt der Phantasie Humberts, eine Wahnvorstellung in seinem Gef\u00e4ngnis, das keine steinernen Mauern hat.<br \/>Wir verlassen nun die Textebene und wenden uns dem Autor zu. Vladimir Nabokov wurde 1899 in St. Petersburg als Sohn wohlhabender Eltern geboren. Zu Beginn der Oktoberrevolution fl\u00fcchtet die Familie nach Berlin, wo der Vater 1922 ermordet wird. Ein politischer Mord. Nabokov lebt bis 1937 in Berlin, zieht dann nach Paris, schlie\u00dflich in die USA, wo er eine Dozentenstelle erh\u00e4lt. 1955 erscheint, nach vielen hervorragenden, aber erfolglosen Romanen, \u201eLolita\u201c \u2013 und zwar, kurioserweise, in einem franz\u00f6sischen Verlag namens \u201eOlympia Press\u201c, der auf die Produktion schl\u00fcpfriger englischsprachiger Texte spezialisiert ist, die amerikanische Touristen gerne kaufen.<br \/>Das gro\u00dfe Thema der B\u00fccher Nabokovs ist die verlorene Heimat Russland, die verlorene Jugend, die nur noch in Erinnerungen pr\u00e4sent ist, leuchtet. Auch hier, in der Biografie des Autors, ist etwas unvollendet geblieben und muss zu Literatur gerinnen, um Wirklichkeit zu werden.<br \/>Fassen wir zusammen, was unsere detektivische Arbeit an der \u201eLolita\u201c gebracht hat:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Unserer scharfen Beobachtungsgabe ist nicht entgangen, dass \u201eirgendetwas nicht stimmt\u201c mit diesem Text. Er ist eigentlich wunderbar, aber dann gibt es diese merkw\u00fcrdigen Anf\u00e4ngerfehler, dieses Bem\u00fchen der Zuf\u00e4lle.<\/li><li>Wir ziehen einen logischen Schluss: Der Zufall ist kein Zufall. Er f\u00fchrt uns vielmehr auf eine andere Bedeutungsebene, einen dunklen Punkt in der Vergangenheit des Helden Humbert Humbert.<\/li><li>Wir schlagen einige Seiten zur\u00fcck und lesen die entscheidende Passage am Strand. Wir wissen nun, dass es eigentlich darum geht, in Gedanken jene Jugendepisode zu jenem gl\u00fccklichen Ende kommen zu lassen, das sie in Wirklichkeit nicht hatte.<\/li><li>Wir ziehen einen zweiten logischen Schluss: Die Geschichte von Lolita wird von einer Person in einer Geschichte von Vladimir Nabokov erfunden. Lolita existiert nicht, sie wurde nie verf\u00fchrt.<\/li><li>Wir besch\u00e4ftigen uns mit der Biografie des Autors und sto\u00dfen auf eine Situation, die mir der vergleichbar ist, die Humberts Manie ausgel\u00f6st hat. Auch Nabokov will etwas zu einem gl\u00fccklichen Ende kommen lassen, das durch die Wirren der Geschichte kein gl\u00fcckliches Ende gefunden hat.<\/li><li>Wir haben den Fall gel\u00f6st. Und es hat sich gelohnt. Hunderte von Seiten perfekter Literatur, trunkenmachender Sprache und Dramaturgie. Man nenne mir einen \u201erichtigen Krimi\u201c, einen \u201eder Erfordernissen der Realit\u00e4t\u201c entsprechenden Roman, der dies auch geleistet h\u00e4tte. Ich kenne keinen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Was haben wir nun gelernt? Wir haben gelernt, dass ein Krimi manchmal erst dann ein Krimi wird, wenn wir Detektive werden und \u00fcber das Buch hinaus recherchieren. Wir haben zudem gelernt, dass \u201eWirklichkeit\u201c ein Konglomerat verschiedener Ebenen und Zust\u00e4nde sein kann. Dar\u00fcber sollte man, ja muss man nachdenken. In der n\u00e4chsten Lektion pr\u00e4sentiere ich dann einen Mann, der ein ausgewiesener Krimiver\u00e4chter war. Was ihn aber keineswegs davon abhielt, sich des Genres ausgiebig zu bedienen.<br \/>Hard stuff, Freunde. Kommentare wie immer an die Schulmailadresse.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sch\u00f6n, dass einige von euch nicht davor zur\u00fcckschrecken, mich auf meinem irrlichternden Weg durch die Weltliteratur, auf der Suche nach dem wahren Wesen des Kriminalromans zu begleiten. Ich wei\u00df ja selber nicht so genau, wohin das alles f\u00fchren wird, ob wir am Ende gar zur gro\u00dfen verborgenen Felsenhalle gelangen werden, wo der uralte W\u00e4chter der [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[2330,2312,2336],"class_list":["post-11914","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives","tag-crime-school","tag-lolita","tag-nabokov"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11914","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11914"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11914\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11914"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11914"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11914"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}