{"id":11916,"date":"2005-03-26T11:11:00","date_gmt":"2005-03-26T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=11916"},"modified":"2022-05-09T14:39:41","modified_gmt":"2022-05-09T12:39:41","slug":"crime-school-lektion-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/03\/crime-school-lektion-5\/","title":{"rendered":"Crime School: Lektion 5"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Einige von euch m\u00f6gen sich fragen, warum in einer Schule, die sich dezidiert dem Krimi widmen m\u00f6chte, bis jetzt nicht ein wirklicher Vertreter dieses Genres aufgetaucht ist. Nicht einmal die Klassiker. Die Antwort ist einfach.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der \u201eKriminalroman\u201c ist ein literarisches Genre, also eine Untergattung der Belletristik, beinahe eine special-interest-Nische, wenngleich eine gro\u00dfe. Per se ist der Krimi stets unterhalb dessen angesiedelt, was als \u201ehohe Literatur\u201c firmiert. Genre eben, so wie Jack London zum Genre des Abenteuerromans z\u00e4hlt oder Jules Verne mal als Jugend-, mal als SF-Autor herhalten muss. Die Kritik des Kriminalromans erfolgt meist in diesen engen Grenzen. Dass seine Elemente indes auch anderswo, in besagter \u201ehoher Literatur\u201c eben, vorkommen, wird meist unter den Tisch gekehrt. Dabei k\u00f6nnen wir gerade hier eine Menge lernen. Und zweitens: Es geht uns ja nicht nur um den Krimi und wie man herausfindet, ob er gelungen oder misslungen ist. Es geht auch um das Lesen an sich, das selbst bereits Detektivarbeit sein kann, wie in der letzten Folge beschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute widmen wir uns einem Autor, der zeitlebens Krimiver\u00e4chter war. Zitieren wir ihn zum Beweis:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201e(\u2026) die Millionen-Beliebtheit des >Krimi&lt;, ob Buch ob Fernsehen, spricht gleichzeitig das k\u00fcnstlerische Todesurteil \u00fcber ihn. (\u2026) Nat\u00fcrlich muss es dergleichen >geben&lt;: das Volk hat sein Anrecht auf Unterhaltung! Nur w\u00e4re ihm vielleicht, ab &amp; zu, zu bedeuten: da\u00df es sich bei seinem Zeitvertreib nicht um Kunst handele, sondern um Kindernahrung.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><br \/>Eindeutige Worte. Sie lassen sich aber schon gleich etwas relativieren, wenn man sich den Kontext anschaut, in dem sie stehen: eine sehr positive, geradezu marktschreierische W\u00fcrdigung von Wilkie Collins, dessen Hauptwerk \u201eDie Frau in Wei\u00df\u201c er soeben ins Deutsche \u00fcbertragen hatte. Wir sprechen, unsere Germanistikstudenten haben es l\u00e4ngst erraten, von<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arno Schmidt, dem menschgewordenen Krimi.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Arno Schmidt, der Krimis nicht mochte, hat zwei Romane verfasst, die nicht nur dankbar auf Errungenschaften des Genres zur\u00fcckgreifen, sondern deren Plots ganz in der Tradition des Krimis stehen: \u201eDie Gelehrtenrepublik\u201c (1957) und \u201eKAFF auch Mare Crisium\u201c (1960).<br \/>\u201eDie Gelehrtenrepublik\u201c spielt im Jahr 2008, ist also, wenn wir es sch\u00f6n genrem\u00e4\u00dfig nehmen wollen, SF. Der Ich-Erz\u00e4hler, ein Journalist namens Charles Henry Winer, soll \u00fcber die IRAS berichten, eine k\u00fcnstliche Insel im Pazifik, auf der K\u00fcnstler und Wissenschaftler aus aller Welt leben und arbeiten. Diese Welt ist infolge eines atomaren Krieges teilweise zerstrahlt. In einem Ballon muss Winer der sogenannten \u201eHominidenstreifen\u201c \u00fcberfliegen, ein verseuchtes Gebiet, in dem sich neben schrecklichem Getier auch eine Zentaurenart entwickelt hat. Sabotage zwingt Winer, im Streifen zu landen. Er lernt Thalja, eine junge Zentaurin kennen und wei\u00df bald darauf, wie es ist, eine Frau mit dem K\u00f6rper eines Pferdes physisch zu lieben. Auf IRAS angekommen, entpuppt sich die sch\u00f6ne \u00e4therische Welt der Wissenschaften und K\u00fcnste rasch als tr\u00fcgerisch. Winer kommt einer unglaublichen Geschichte auf die Spur\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Wie alle Texte Schmidts, ist auch \u201edie Gelehrtenrepublik\u201c ein literarisches Beziehungsgeflecht besonderen Ranges. Der Roman fu\u00dft auf der \u201ePropellerinsel\u201c von Jules Verne, es gibt Reminiszenzen an Karl May und andere, der Held selbst wird als Urgro\u00dfneffe des Autors eingef\u00fchrt. Die Anleihen an den Krimi sind eher konventionell: b\u00f6se M\u00e4chte, die etwas vertuschen wollen, und dann, am Ende, das schier Unglaubliche, an dem nat\u00fcrlich wieder einmal die Russen Schuld haben, wie in den 50ern nicht anders zu erwarten (dass Schmidt kein kalter Krieger war, sei hier nur am Rande erw\u00e4hnt; seine Beurteilung der Situation ist erstaunlich vielschichtig).<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich wie in der \u201eGelehrtenrepublik\u201c sind auch in \u201eKaff\u201c die Russen die B\u00f6sewichte. Der Roman spielt auf zwei Ebenen: einer \u201erealen\u201c Jetztzeit-Ebene in einem Kaff in der L\u00fcneburger Heide, wo der Ich-Erz\u00e4hler Karl mit seiner Freundin im Haus einer Tante einige Urlaubstage verbringt sowie einer \u201efiktiven\u201c, wieder \u201eutopischen\u201c Ebene, auf dem Mond n\u00e4mlich. Hier leben, nach der obligatorischen Atomkatastrophe Amerikaner und Russen in zwei getrennten Kolonien. Der Amerikaner Charles kommt abermals einem unglaublichen Verbrechen auf die Spur.<\/p>\n\n\n\n<p>Beide Romane besitzen also offensichtliche thematische und dramaturgische Ber\u00fchrungspunkte, doch eines unterscheidet sie grundlegend: die Darstellung der \u201eWirklichkeit\u201c. \u201eDie Gelehrtenrepublik\u201c ist ein genrem\u00e4\u00dfiger Mix aus SF und Krimi mit durchaus aktuellpolitischen Analogien. \u201eKaff\u201c trennt, auch optisch \u201eWirklichkeit\u201c und \u201eFiktion\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier f\u00fcge ich ein kleines aside ein und verweise auf die parallel zur Crime School gef\u00fchrte Diskussion \u00fcber die Behandlung der Realit\u00e4t in Kriminalromanen in Ludger Menkes \u2192 Nachtbuch. Ausgel\u00f6st habe ich diese erfreuliche Diskussion selbst, und zwar mit meiner Behauptung, allzu scharfes Nachdenken \u00fcber Realismus in der Literatur sei, mit Verlaub, dummes Zeug, da Literatur naturgem\u00e4\u00df Wirklichkeit konstituiere. Man kann es auch umdrehen und behaupten, Literatur sei Fiktion, weil Wirklichkeit, die mit Sprache beschrieben werde (geht es auch anders?), eben auch Fiktion sei. Sei\u2019s drum. Es hat in den 80er Jahren eine \u201eRealismusdebatte\u201c gegeben, und Arno Schmidt, der wie kein zweiter Autor dieses Jahrhunderts, Wirklichkeit beschrieben hat, stand als eines der Forschungsobjekte im Mittelpunkt. Es war eine fruchtlose Debatte. Ich schrieb damals eine eigene Zeitschrift mit Arbeiten \u00fcber Arno Schmidt voll (l\u00e4ngst vergriffen) und habe mich auf meine Weise an dieser Debatte beteiligt, indem ich versucht habe, die Instanz \u201eAutor\u201c aus dem Werk zu sch\u00e4len und sie selbst als \u201efiktiv\u201c zu \u00fcberf\u00fchren, eine Inszenierung des \u201eempirischen Autors\u201c Arno Schmidt gewisserma\u00dfen. Dies wirklich nur am Rande, aber seitdem ist es mir ziemlich wurscht, ob Realismus oder Fiktion. Texte sind wirklich, und die sogenannte Wirklichkeit ist eine Inszenierung eines jeden, der sich in dieser Wirklichkeit als Subjekt definiert. Erinnerungen spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle, sie sind desgleichen \u201eFiktion\u201c, weil hergerichtet, oder, \u201eWirklichkeit\u201c, weil die Wirklichkeit desjenigen, der sich erinnert.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zu \u201eKaff\u201c. Wir haben auch hier einen scheinbar konventionellen Einsatz krimispezifischer Strategien, doch das t\u00e4uscht. Die Erz\u00e4hlungen vom Mond sind mitnichten SF, wie man auf den ersten Blick meinen k\u00f6nnte. Sie sind vielmehr Therapie, denn Karl erz\u00e4hlt seiner Freundin nur deshalb die Geschichte von den Menschen auf dem Mond, um sie, nun ja, zu \u201eenthemmen\u201c. Sie leidet n\u00e4mlich seit einem sexuellen Missbrauch an einer \u201eVerklemmtheit\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer allgemeineren Ebene sind die Geschehnisse auf dem Mond eine psychoanalytisch durchgef\u00fchrte Bestandsaufnahme, die beiden beteiligten Hauptpersonen betreffend. Das hat, unter anderem, die Arno-Schmidt-Forschung bewiesen, und jetzt kommen wir zum eigentlichen Grund, warum wir Arno Schmidt in der Crime School vorstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Beispiel von Vladimir Nabokovs \u201eLolita\u201c haben wir gesehen, wie uns ein Text dazu bringen kann, selbst zu Detektiven zu werden, um sein Geheimnis zu ergr\u00fcnden. Im Falle Arno Schmidts ist dies eskaliert. Schon Anfang der Siebziger Jahre wurde, kurz nach dem Erscheinen von Schmidts volumin\u00f6sem Hauptwerk \u201eZettels Traum\u201c, das \u201eArno Schmidt Dechiffriersyndikat\u201c gegr\u00fcndet, das es sich zum Ziel gesetzt hat, alle Winkel des Buches auszuleuchten, jede Anspielung zu identifizieren. Bis heute ver\u00f6ffentlichen Forscher ihre diesbez\u00fcglichen Funde im \u2192 \u201eBargfelder Boten\u201c. In der 1985 gegr\u00fcndeten \u2192 \u201eGesellschaft der Arno Schmidt-Leser\u201c haben sich Menschen aus allen Berufsfeldern zusammengefunden, um \u00c4hnliches zu tun. L\u00e4ngst geht es nicht mehr nur um versteckte Zitate und Anspielungen. Arno Schmidt selbst ist zum Kriminalfall geworden, zum Gegenstand von Hobbyschn\u00fcffeln, die die Zeichen der B\u00fccher zu lesen versuchen, um ihres Urhebers habhaft zu werden. Schmidts Manie, jedes Detail seiner Schilderungen dem \u201ewirklichen Leben\u201c zu entnehmen, ist eine der Quellen des Forschertuns. Wenn Schmidt schreibt, das Haus stehe da und da, habe diese und jene Farbe, dann stimmt das. Selbst die Mondauf- und unterg\u00e4nge sind exakt \u2013 und so sie es einmal nicht sind (wie im \u201eSteinernen Herz\u201c von 1956), dann hat das seinen Grund.<br \/>Zwar gibt es im \u201eKriminalfall Arno Schmidt\u201c kein Verbrechen. Aber seit Jahrzehnten Mysterien genug, um Menschen zu Detektiven werden zu lassen, die sich nichts Gr\u00f6\u00dferes vorstellen m\u00f6gen, als ein Indiz richtig gedeutet, einen Sachverhalt aus dem Verhau der Sprache gel\u00f6st zu haben. Wenn ihr also mal keine Krimis lesen wollt, dann k\u00f6nnt ihr hier selbst in einem mitspielen. Und lasst euch nicht entmutigen: Schmidt-Lesen gilt als schwierig, aber alle, die sich haben einfangen lassen, waren am Anfang genau so doof wie ihr. Schreiber dieses eingeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>So. Sch\u00fclermails sind wie stets willkommen, die n\u00e4chste Lektion wendet sich nun aber wirklich mal einem Krimiklassiker zu oder, pr\u00e4zise, zweien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einige von euch m\u00f6gen sich fragen, warum in einer Schule, die sich dezidiert dem Krimi widmen m\u00f6chte, bis jetzt nicht ein wirklicher Vertreter dieses Genres aufgetaucht ist. Nicht einmal die Klassiker. 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