{"id":11924,"date":"2005-03-31T11:12:00","date_gmt":"2005-03-31T09:12:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=11924"},"modified":"2022-05-09T14:51:42","modified_gmt":"2022-05-09T12:51:42","slug":"crime-school-lektion-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/03\/crime-school-lektion-6\/","title":{"rendered":"Crime School: Lektion 6"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Alle paar Jahre stemme ich zehn Taschenb\u00fccher mit einem Handgriff aus dem Regal, t\u00fcrme sie neben meinem Bett und mache mich an die Lekt\u00fcre. Das braucht seine Zeit, aber macht nichts. Ich kenne die zehn B\u00fccher gut, es sind Krimis. Und ich lese sie immer wieder. Warum eigentlich?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Zehn B\u00fccher? Da schaut der Krimiexperte interessiert auf, \u00fcberlegt kurz und triumphiert dann: \u201eAha, die Martin-Beck-Romane von Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6! Zwischen 1965 und 1975 erschienen, die Pioniere des sozialkritischen Krimis und seit einiger Zeit Blaupausen f\u00fcr fast alles, was uns als \u201aSchwedenkrimi\u2019 vor die Flinte kommt.\u201c So ist es, Meister. Beantwortet aber meine Frage nicht. Warum lese ich zum wiederholten Male Krimis, deren Plots ich im Schlaf dahererz\u00e4hlen k\u00f6nnte? Deren Sprache (es mag an der \u00dcbersetzung liegen; ich kann leider kein Schwedisch) mich nicht selten nervt, etwa wenn es hei\u00dft \u201eDer Name des Tages war Ottilia.\u201c<br \/>Ich merke schon: Man beantwortet sich seine Fragen am besten selbst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Abbildung von Wirklichkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Pioniere des sozialkritischen Krimis\u201c: Ich gebe zu, das hat was. Und ist SO nicht ganz richtig. Richtig ist, dass uns die Kritik der Autoren am schwedischen \u201eWohlfahrtssystem\u201c, ihre Warnungen vor einer Polizeidiktatur und ihre Schilderungen der moralischen Verwahrlosung einer Gesellschaft nach der Lekt\u00fcre aller zehn Romane als ihre hervorstechendste Eigenschaft im Ged\u00e4chtnis bleibt. Die Betonung liegt aber hier ganz klar auf \u201ealler zehn Romane\u201c. Analysiert man sie n\u00e4mlich einzeln, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck, so, wie sie erschienen sind, zeigt sich, dass jenes \u201esozialkritische Element\u201c f\u00fcr Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 nicht zu den Basisintentionen geh\u00f6rt haben kann, als sie sich zu ihrem gro\u00dfen Projekt entschlossen.<br \/>Die ersten F\u00e4lle sind ziemlich \u201ekritikfrei\u201c. In \u201eDie Tote im G\u00f6takanal\u201c gilt es, den M\u00f6rder einer amerikanischen Touristin zu ermitteln. Nichts sonst. \u201eDer Mann, der sich in Luft aufl\u00f6ste\u201c tut dies anscheinend in Ungarn, wo der Roman \u00fcberwiegend spielt. Auch hier bleibt schwedische Sozialwirklichkeit samt ihrer Analyse au\u00dfen vor, wenn man einmal von der umwerfenden Erkenntnis absieht, dass schwedische Journalisten ziemliche S\u00e4ufer und Intriganten sein m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p><br \/>\u201eDer Mann auf dem Balkon\u201c steht dann jedoch f\u00fcr eine Richtungs\u00e4nderung. Hier f\u00fchren uns die Autoren ein Exemplar jener Gattung \u201egl\u00fccklicher Schwede im sozialen Nest\u201c vor, einen v\u00f6llig vereinsamten Mann, der seine \u201eVolksrente\u201c verzehrt und seine Triebe nicht mehr unter Kontrolle hat. Wir begegnen zum ersten Mal dem Bullenp\u00e4rchen Kristiansson und Kvant, das uns von nun an immer wieder erheitern und erschrecken wird (allerdings wird Kvant ablebensbedingt sp\u00e4ter durch Kvastmo ersetzt), wahren Karikaturen der Tr\u00e4g- und Faulheit. Noch erheitern sie uns eher.<br \/>Doch die Personenzeichnung des \u201eMannes auf dem Balkon\u201c ist beeindruckend genug, um uns naive Leser zum ersten Mal am Idealbild der schwedischen Gesellschaft zweifeln zu lassen.<br \/>Fortan begegnen wir immer wieder solchen Menschen, sei es in \u201eEndstation f\u00fcr 9\u201c oder \u201eAlarm in Sk\u00f6ldgatan\u201c oder \u201eUnd die Gro\u00dfen l\u00e4sst man laufen\u201c oder \u201eDas Ekel aus S\u00e4ffle\u201c \u2013 entsozialisierte Wracks am Rande einer Wohlfahrtsgesellschaft, durch jedes Raster gefallen, ohne eigenes Verschulden in die Katastrophe getrieben, vom F\u00fcrsorgestaat bis zum Ersticken umarmt.<\/p>\n\n\n\n<p><br \/>Und dennoch: Zwar wird nun die Stimme lauter, die all dies nicht nur beschreibt, sondern auch noch kommentiert (sei es durch die Autoren oder aus den M\u00fcndern des Romanpersonals), der gro\u00dfe Rundumschlag ist das aber nicht. Es ist das, was ich die \u201eselektive, exemplarische Abbildung von sozialer Realit\u00e4t\u201c nennen m\u00f6chte. Figuren wie der M\u00f6rder in \u201eDer Mann auf dem Dach\u201c, die junge Prostituierte und der kleine Dealer in \u201eAlarm in Sk\u00f6ldgatan\u201c oder der Amokl\u00e4ufer in \u201eDas Ekel aus S\u00e4ffle\u201c werden mit dem Scheinwerfer der Sprache aus der grauen Masse Mensch hervorgeholt. Sie sind, weil in Kriminalf\u00e4lle verwickelt, \u00fcberzeichnet, m\u00fcssen es auch sein. Das Genre steigert die Trostlosigkeit, die Ausweglosigkeit des Personals und l\u00e4sst sie dadurch st\u00e4rker hervortreten. Eine der St\u00e4rken des Kriminalromans, sollte man meinen, aber auch eine seiner Schw\u00e4chen, wenn dieser Effekt nur noch plakativ wirkt, die Personen anstatt scharf zu zeichnen lediglich karikiert und ihr Schicksal der blanken Sensationsgeilheit opfert.<\/p>\n\n\n\n<p><br \/>Doch jetzt kommen die drei letzten B\u00fccher der Reihe, und nun wird alles anders. Es beginnt auch gleich mit einer Z\u00e4sur: In \u201eVerschlossen und verriegelt\u201c tritt Martin Beck fast ein Jahr nach einer schweren Schussverletzung wieder seinen Dienst an. Es hat sich einiges ver\u00e4ndert. Die schwedische Polizei wurde \u201ereformiert\u201c (bei Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 hei\u00dft das \u201emilitarisiert\u201c), einige merkw\u00fcrdige Typen tauchen auf: Stig Malm etwa, Becks neuer Vorgesetzter, ein Schleimer und Kotzbrocken vor dem Herrn, oder der exaltierte, von Bank\u00fcberf\u00e4llen faszinierte \u201eBulldozer\u201c Ohlsson. \u00dcberhaupt ist die Polizei nicht mehr die Polizei des ersten Falles: Es wimmelt von Faulenzern, Psychopathen, L\u00fcgnern, Schl\u00e4gern, Dummk\u00f6pfen in Uniform. Die Gesellschaft befindet sich in einem l\u00e4hmenden Zustand der Angst, keiner traut mehr seinem Nachbarn, Kriminalit\u00e4t und Hysterie steigen, Moral und Vertrauen sinken.<br \/>Jetzt halten sich die Autoren nicht mehr zur\u00fcck:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eIch bin der Mann, der sich nach 27 Dienstjahren in solchem Ma\u00dfe seines Berufes sch\u00e4mt, da\u00df mein Gewissen es mir verbietet, ihn noch l\u00e4nger auszu\u00fcben.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><br \/>Mit diesen Worten quittiert Lennart Kollberg, Becks engster Mitarbeiter, in Band 9, \u201eDer Polizistenm\u00f6rder\u201c, seinen Dienst. Eine konsequente Entscheidung, denn die schwedische Gesellschaft samt ihrer Polizei, die Sj\u00f6wall und Wahl\u00f6\u00f6 in den letzten drei B\u00fcchern entwerfen, ist ein mit den Mitteln der Groteske und der Karikatur geschaffenes Vexierbild. Entwickelte sich das gesellschaftliche Szenario der ersten sieben B\u00e4nde aus der Beschreibung von Individuen, so ist es nun umgekehrt. Das stark bearbeitete, sprich \u00fcberzeichnete Szenario gebiert das Personal. Eine legitime Methode, eine andere Art, mit Wirklichkeit umzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p><br \/>So. Genug f\u00fcr heute. Ich bin, das sei betont, noch immer nicht so weit, dass ich meine Frage, warum ich diese 10 Taschenb\u00fccher immer und immer wieder hervornehme, beantworten k\u00f6nnte. Ich sch\u00e4tze beide Arten, mit Wirklichkeit zu arbeiten, sie zu Literatur zu machen und \u00fcber den Kopf des Lesers wieder zu Wirklichkeit. Auch fasziniert mich, wie sich die Autoren rein handwerklich weiterentwickeln. Es beginnt mit lapidaren, fast tagebuchartigen Aufzeichnungen der t\u00e4glichen Arbeit eines Teams aus Kriminalbeamten und endet kunstvoll, dramaturgisch komplex, perfekt und \u00fcberraschend mit den letzten drei B\u00e4nden. Wirklich \u00fcberrollen tut mich jedoch etwas ganz anderes, und davon mehr in der n\u00e4chsten Lektion. Zu dieser sind Meinungen wie immer herzlich willkommen. Und vergesst nicht, eure Hausaufgaben zu erledigen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle paar Jahre stemme ich zehn Taschenb\u00fccher mit einem Handgriff aus dem Regal, t\u00fcrme sie neben meinem Bett und mache mich an die Lekt\u00fcre. Das braucht seine Zeit, aber macht nichts. Ich kenne die zehn B\u00fccher gut, es sind Krimis. Und ich lese sie immer wieder. Warum eigentlich?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[2330,470,2344,2345],"class_list":["post-11924","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives","tag-crime-school","tag-schweden","tag-sjoewall","tag-wahloeoe"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11924","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11924"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11924\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11924"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11924"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11924"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}