{"id":11933,"date":"2005-04-02T11:11:00","date_gmt":"2005-04-02T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=11933"},"modified":"2022-05-28T02:29:03","modified_gmt":"2022-05-28T00:29:03","slug":"crime-school-lektion-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/04\/crime-school-lektion-7\/","title":{"rendered":"Crime School: Lektion 7"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Die Helden des klassischen Detektivromans sind sowohl Meister der Induktion als auch der Deduktion. Prinzipiell unfehlbar, agieren sie in einem Ambiente, das scheinbar nur aus Indizien besteht, die darauf warten, gedeutet zu werden. Machen die Helden denn doch mal einen Fehler, geh\u00f6rt dies zur Dramaturgie des Romans, nicht aber zum Wesen jenes \u00dcber-Ich, zu dem der Held (manchmal auch eine Heldin) beim Leser geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Von solcher Perfektion kann beim Detektiv der Hammett\/Chandler &#8211; Schule keine Rede sein. Gr\u00fcbler, zynisch gewordene Moralisten, schlecht gekleidete Eckensteher, die was auf die Fresse kriegen. Der Triumph ist f\u00fcr sie stets auch eine Niederlage, eine Niederlage gegen die \u00dcbermacht aus Dummheit, Korruption und R\u00fccksichtslosigkeit. Verk\u00f6rpert der allwissende Held das \u00dcber-Ich, so der Detektiv, dessen Zynismus eine Mischung aus entt\u00e4uschter Menschenliebe und Weltekel ist, das psychoanalytische ES, die dunkle Energie.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wo bleibt das Ich? Dieser mal pfeifende, mal h\u00e4ngenden Kopfes durch die Allt\u00e4glichkeit bewegte K\u00f6rper, der sich \u00fcber den Faktor Arbeit definiert, sie zugleich liebt und verachtet, der stets aufs Neue mit &#8222;Aufgaben&#8220; konfrontiert wird und kein besseres Mittel zu ihrer Erledigung kennt als die ewig gleichen stupiden Handgriffe und Fragen?<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Zweifel: Wenn wir alle \u00fcber Nacht zu Detektiven in Kriminalromanen w\u00fcrden, dann f\u00e4nden sich weit \u00fcber 90% von uns in dieser letzten Kategorie wieder. Keine \u00dcbermenschen, keine Zerrissenen &#8211; nein, schlichte Arbeiter, Buchhalter, Klinkenputzer der Verbrechensaufkl\u00e4rung w\u00e4ren wir &#8211; so wie Martin Beck und die Seinen in den zehn Romanen von Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugegeben: Es gibt nicht nur drei Arten von Kriminalromanen, und das mit der Analogie zu den Freud&#8217;schen Instanzen \u00dcber-Ich, Es und Ich ist mir spontan eingefallen, w\u00e4hrend ich die ersten Zeilen in meinen PDA tippte. Aber mit Psychologie hat es schon etwas zu tun, eine vielleicht verborgene Saite unserer Existenz ger\u00e4t in Schwingungen, wenn wir Martin Beck und seine Crew auf dem langen Weg zur L\u00f6sung einer Aufgabe begleiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn diese M\u00e4nner sind keine Helden. Sie sind Arbeiter, Beamte, ihr Metier ist die Kleinarbeit, das Sich-Verrennen in Sackgassen, die bittere Entt\u00e4uschung nach anf\u00e4nglicher Euphorie, der verzweifelte Kampf gegen b\u00fcrokratischen Starrsinn &#8211; und die Resignation, wenn alles vorbei und nur scheinbar &#8222;gut&#8220; ist. Wenn wir die Erf\u00fcllung des Kriteriums &#8222;realistisch&#8220; an die Bedingung kn\u00fcpfen, dass etwas in einem Text unmittelbar mit dem Leben der Leser zu tun hat, dann ist die banale Beschreibung der so unspektakul\u00e4ren Arbeit des Stockholmer Teams von einer kaum noch zu \u00fcberbietenden Wahrhaftigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Gewiss arbeiten die wenigsten von uns im Metier der Verbrechensbek\u00e4mpfung; aber die Schilderung dieser Arbeit, bei der ein Problem St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck und auf zum Teil entnervenden Umwegen gel\u00f6st wird, ist allgemeing\u00fcltig und reicht weit \u00fcber das Feld der Arbeit hinaus. Im Grunde arbeiten Beck und seine Leute so, wie wir selbst im t\u00e4glichen Leben versuchen, uns zu orientieren, Meinungen zu bilden, uns einer \u00dcberzeugung zu vergewissern oder sie zu revidieren. Wir kl\u00e4ren keine neunfachen Morde in Linienbussen auf; aber das flei\u00dfige Team der kleinen grauen Zellen legt genau wie die schwedische Sonderkommission Tag f\u00fcr Tag ein Puzzle aus vielen Erlebnisfetzen zusammen, um sich ein Bild von der Welt zu verschaffen, sich Dinge zu erkl\u00e4ren, die eigentlich unfassbar sind und mit der Welt ins Reine zu kommen, auch wenn man dunkel ahnt, dass L\u00f6sungen immer faule Kompromisse sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schilderung dieser Arbeit ist es nicht allein; es sind erst die Charaktere der Arbeiter, die uns ber\u00fchren. \u00dcber die Jahre hinweg sind es f\u00fcnf Personen, die uns immer wieder begegnen: das Ged\u00e4chtniswunder Fredrik Melander, der immer, wenn man ihn braucht, auf dem Klo sitzt; Einar R\u00f6nn, der durchschnittliche, aber zuverl\u00e4ssige Beamte; Gunvald Larsson, Abk\u00f6mmling aus gutem Hause, brutal und dennoch mitleidsf\u00e4hig; Lennart Kollberg, aufbrausend und am Ende zu sensibel f\u00fcr diesen Beruf; Martin Beck selbst: ungl\u00fccklich verheiratet, Einzelg\u00e4nger, auf seinen Beruf fixiert und eher politisch indifferent, sp\u00e4ter, weil neu verliebt, gelassener und auf seine bescheidene Art gl\u00fccklich- Zusammen stehen sie f\u00fcr einen komplexen Organismus, ein Individuum mit all seinen m\u00f6glichen seelischen und emotionalen Zust\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen Menschen bei der Arbeit zuzusehen bedeutet sich selbst ein bisschen besser kennenzulernen. Hier liegt die Magie dieser Romane, hier werden die Wirklichkeit der Texte und die Wirklichkeit der Leser eins.<\/p>\n\n\n\n<p>In der n\u00e4chsten Lektion werde ich versuchen, die aus dem beiden Hauptelementen \u201egesellschaftliche Wirklichkeit\u201c und \u201epsychische Wirklichkeit\u201c vorangetriebene Dramaturgie der Martin-Beck-Romane etwas genauer zu analysieren und ihre Dynamik zu beschreiben. Bleibt dran, Leute, meckert, lobt, w\u00fcnscht oder verw\u00fcnscht, wie immer an diese Adresse.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Helden des klassischen Detektivromans sind sowohl Meister der Induktion als auch der Deduktion. Prinzipiell unfehlbar, agieren sie in einem Ambiente, das scheinbar nur aus Indizien besteht, die darauf warten, gedeutet zu werden. Machen die Helden denn doch mal einen Fehler, geh\u00f6rt dies zur Dramaturgie des Romans, nicht aber zum Wesen jenes \u00dcber-Ich, zu dem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[2330,474,2344,2345],"class_list":["post-11933","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives","tag-crime-school","tag-krimi","tag-sjoewall","tag-wahloeoe"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11933","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11933"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11933\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11933"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11933"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11933"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}