{"id":11935,"date":"2005-04-05T11:11:00","date_gmt":"2005-04-05T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=11935"},"modified":"2022-05-28T02:28:40","modified_gmt":"2022-05-28T00:28:40","slug":"crime-school-lektion-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/04\/crime-school-lektion-8\/","title":{"rendered":"Crime School: Lektion 8"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Die Dramaturgie der ersten sieben Beck-Romane ist simpel und stets die gleiche: Ein Verbrechen geschieht und wird in m\u00fchevoller Kleinarbeit aufgekl\u00e4rt. Am Ende steht indes nicht die Aufl\u00f6sung als Selbstzweck. Wenn das letzte R\u00e4tsel gel\u00f6st ist, haben wir eine Person in ihrem ganzen Elend kennengelernt, manchmal auch mehrere, Protagonisten einer Gesellschaft, die sich von Roman zu Roman mehr entbl\u00f6\u00dft und schlie\u00dflich jene Konturen zeigt, die es den Autoren in den Romanen acht bis zehn erm\u00f6glicht, sie zum Schauplatz einer Groteske zu machen, die nur noch Monster und Psychowracks geb\u00e4ren kann.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Stellen wir uns f\u00fcr einen Moment vor, dieses zweifelsohne hehre und tragf\u00e4hige literarische Konzpt w\u00e4re mit anderen Mitteln als denen des Kriminalromans realisiert worden. Martin Beck und die Seinen als Sozialarbeiter etwa oder, krasser, als Mitarbeiter der Personalabteilung eines Unternehmens, deren Aufgabe es ist, geeignete Arbeitskr\u00e4fte zu rekrutieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Zweifel: Auch ohne den Einsatz &#8222;genre\u00fcblicher&#8220; Mittel h\u00e4tten Sj\u00f6wall \/ Walh\u00f6\u00f6 ihr Konzept zufriedenstellend realisieren k\u00f6nnen. Auch der m\u00f6gliche Einwand &#8222;Ja, schon, aber das w\u00e4re reichlich langweilig geworden&#8220; ist zun\u00e4chst einmal unberechtigt. Langweilige Krimis sind Legion, aufregende &#8222;Alltagsgeschichten&#8220; aber auch nicht so selten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Argument f\u00fcr die Form des Kriminalromans h\u00e4ngt mit der in einer der letzten Lektionen vorgestellten \u201eSchnittstellenthese\u201c zusammen. Man hat einen Stoff und m\u00f6chte, dass er mit den Lesern kommuniziert. Das funktioniert nat\u00fcrlich a) statistisch gesehen am besten, wenn es m\u00f6glichst viele Leser gibt und b) dieser Stoff in einem m\u00f6glichst dramatischen, unterhaltenden Gewand erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber betrachten wir uns einige Beispiele. Im ersten Roman, \u201eDie Tote im G\u00f6takanal\u201c, f\u00fchrt die Arbeit der Mordkommission zur Entmittlung des T\u00e4ters, eines sehr unauff\u00e4lligen, gar netten Mannes, dessen Einstellungen zu Frauen und ihrer Sexualit\u00e4t nicht nur finsterstes Mittalalter ist, sondern dar\u00fcber hinaus psychotisch gefestigt. Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 gelingt es hier, den Zustand der Gesellschaft im Zustand einer einzelnen Person zu fokussieren: Das Krankhafte hinter der Fassade der pausenbackigen sichtbaren Wirklichkeit. Hier ist die Wahl des Genres \u201eKrimi\u201c geradezu zwingend. Nicht, weil man diesen Zustand nicht auch mit anderen Mitteln darstellen k\u00f6nnte, sondern weil nur der Krimi auf nat\u00fcrliche Weise jene dramaturgische Kurve zu zeichnen vermag: Ausgehend vom Unfassbaren (die Tat) \u00fcber die Normalit\u00e4t t\u00e4glicher Arbeit (die Ermittlungen) hin zu ihrer finalen Vermengung, Unfassbares und Alltag in einer geradezu gespenstisch fruchtbaren und innerhalb der Gesellschaft lebensf\u00e4higen Symbiose.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich, wenngleich im Resultat genau umgekehrt verh\u00e4lt es sich in \u201eUnd die Gro\u00dfen l\u00e4sst man laufen\u201c. Ein zwielichtiger Industrieller wird w\u00e4hrend eines Arbeitessens in einem Restaurant erschossen. Beck und Co. glauben den T\u00e4ter im Milieu des Toten ermitteln zu k\u00f6nnen, die oberste Polizeif\u00fchrung s\u00e4he einen \u201cnormalen\u201d T\u00e4ter lieber. Auch hier das Unfassbare \u2013 die Normalit\u00e4t der Arbeit \u2013 und ihre Vermengung. Nur dass hier nicht das Krankhafte hinter Normalit\u00e4t versteckt wird, sondern die Normalit\u00e4t sich als Kern des Krankhaften offenbart. Der T\u00e4ter ist Opfer einer brutalen Leistungs- und Gewinnmaximierungsgesellschaft, die Tat eine zuf\u00e4llige Aktion eines im Grunde nicht gewaltt\u00e4tigen, daf\u00fcr jedoch am Zustand der Gesellschaft zerbrochenen Mannes.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Beck-Romane sind durchg\u00e4ngig charakterisiert vom dramaturgischen Muster des Ineinandergreifens von Normalit\u00e4t und A-Normalit\u00e4t. Bereits die Arbeit an sich und die Zeichnung des ermittelnden Personals leben von diesem Widerspruchspaar, das doch erst die Dynamik der Handlung erlaubt.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders ist es in den letzten drei Romanen, wo das Schema Tat \u2013 Ermittlung \u2013 Aufkl\u00e4rung in zwei entscheidenden Punkten modifiziert wird. Zum einen dadurch, dass nicht mehr nur ein einziges Verbrechen gekl\u00e4rt wird. Das \u201eB\u00f6se\u201c greift ineinander \u00fcber, man k\u00f6nnte auch sagen: die Mischungen aus Normalit\u00e4t und A-Normalit\u00e4t mischen sich mit anderen, \u00e4hnlichen Konglomeraten. Zum anderen l\u00f6st sich das Team und damit auch das Arbeitsprozedere auf. \u201eVerschlossen und verriegelt\u201c etwa sieht Beck als Solisten, w\u00e4hrend seine Kollegen hinter Bankr\u00e4uber herjagen. Das sehr kunstvolle Verkn\u00fcpfen dieser Handlungsstr\u00e4nge erschafft nun nicht mehr Protagonisten, die auf die Gesellschaft weisen. Die Gesellschaft als Geflecht aus Normalit\u00e4t und A-Normalit\u00e4t selbst fabriziert solche Protagonisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzukommt eine weitere Spezialit\u00e4t des Genres: das \u201eWhodunnit\u201c. In den ersten sieben Romanen kannte man entweder den T\u00e4ter von Anfang an oder lernte ihn lediglich am Ende des Buches kennen. Nun aber, vor allem in \u201eVerschlossen und verriegelt\u201c, ist auch der R\u00e4tsell\u00f6ser gefragt und Beck selbst n\u00e4hert sich der Position des \u201e\u00dcber-Ich\u201c, das dem staunenden T\u00e4ter seine Tat minuti\u00f6s schildert (was aber nicht der Clou des Romans ist; der sei im Interesse aller, die den Roman sensationellerweise nicht kennen sollten, hier ausgespart).<\/p>\n\n\n\n<p>Fassen wir noch einmal zusammen: Das Konzept der Sj\u00f6wall \/ Walh\u00f6\u00f6 \u2013 Romane ist zun\u00e4chst unabh\u00e4ngig vom \u201eGenre\u201c Krimi zu sehen. Bei der Frage der Umsetzung allerdings (und nur darum kann es in einer Kritik gehen; \u201eIdeen\u201c oder \u201eBotschaften\u201c sind erst einmal nichts weiter als Treibstoff f\u00fcr die Literaturproduktion. Allein betrachtet sind sie nichts wert. Jeder Idiot kann \u201etolle Ideen\u201c haben.) zeigt sich, wie unverzichtbar die Genrewahl ist. Sie schafft Schnittstellen zum Leser (und sei es nur, um diesen bei der Stange zu halten, weil es \u201eso spannend!\u201c ist) und formt die Spannungsb\u00f6gen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich: Es ginge auch anders. Ich behaupte nach wie vor, dass die Grundkonzepte von Sj\u00f6wall \/ Walh\u00f6\u00f6 auch ohne das Krimiger\u00fcst tragf\u00e4hig sein k\u00f6nnten. Die Schwierigkeiten w\u00e4ren indes enorm. Es w\u00e4re etwa so, als w\u00fcrde ich mit dem Zug von Frankfurt nach Berlin fahren wollen und dabei wie selbstverst\u00e4ndlich Zwischenaufenthalte in London, Peking und Melbourne einplanen. Reizvoll, gewiss, aber ein wenig umst\u00e4ndlich.<\/p>\n\n\n\n<p>So. Wir speichern diese Ausf\u00fchrungen jetzt auf unserer Festplatte und werden auf die Ergebnisse sicher noch das eine oder andere Mal zur\u00fcckkommen. Die n\u00e4chsten Lektionen stehen aber f\u00fcr einen kleinen Kurswechsel. Es geht um den Krimi im digitalen Zeitalter. Multimedia-Krimi? Hypertext-Krimi? Wie sieht\u2019s aus? Wo liegt die Zukunft? Gibt es \u00fcberhaupt eine? Da es hier um das Wesen von (Krimi-)Literatur geht, passt es wunderbar in unseren Unterricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ach ja: Einige von euch haben ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht. Wir werden die bisher eingegangenen und hoffentlich noch eingehenden Arbeiten selbstverst\u00e4ndlich hier vorstellen und uns Gedanken \u00fcber das Genre machen. Die Schuladresse besteht weiterhin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Dramaturgie der ersten sieben Beck-Romane ist simpel und stets die gleiche: Ein Verbrechen geschieht und wird in m\u00fchevoller Kleinarbeit aufgekl\u00e4rt. Am Ende steht indes nicht die Aufl\u00f6sung als Selbstzweck. 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