{"id":11939,"date":"2005-04-06T11:10:00","date_gmt":"2005-04-06T09:10:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=11939"},"modified":"2022-05-09T23:30:26","modified_gmt":"2022-05-09T21:30:26","slug":"crime-school-ein-lehrer-erinnert-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/04\/crime-school-ein-lehrer-erinnert-sich\/","title":{"rendered":"Crime School: Ein Lehrer erinnert sich"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/325720292X.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Dass man B\u00fccher, Krimis insbesondere, einfach nur \u201eaus Wolluscht\u201c lesen kann, ist eine Erkenntnis, die man nicht zu kommentieren braucht. Vielleicht m\u00fcsste man es aber des \u00f6fteren doch tun, um den Eindruck zu vermeiden, in unserer Schule werde dieser Vergn\u00fcgungsfaktor generell verteufelt, ausgeblendet oder geringsch\u00e4tzig behandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitnichten. Aber, liebe Jungen und M\u00e4dchen, das hier ist eine seri\u00f6se Schule! Wir analysieren und versuchen, zum Wesen des Krimis vorzudringen, seine Mechanismen zu begreifen und, who knows, irgendwann einmal den Schl\u00fcssel zu finden, mit dem wir ein Buch \u00f6ffnen und wie in einem offenen Buch darin lesen k\u00f6nnen. Oder so \u00e4hnlich\u2026<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dankenswerter Weise hat mich der flei\u00dfige Sch\u00fcler Ludger \u2192 hier daran erinnert, dass man bestimmte Selbstverst\u00e4ndlichkeiten doch ab und zu explizit machen sollte, um Missverst\u00e4ndnisse zu vermeiden. Auch ich lese bisweilen B\u00fccher einfach \u201enur so\u201c, ja, fr\u00fcher habe ich Krimis \u00fcberhaupt, WENN \u00fcberhaupt, \u201enur so\u201c gelesen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/pauker.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Dies gibt mir Gelegenheit, euch so ganz en passant eine kleine, wenngleich pr\u00e4gende Episode aus meiner Jugend zu erz\u00e4hlen. Setzt euch bequem hin, steckt die Gameboys weg, h\u00f6rt auf zu simsen, h\u00f6rt zu:<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich jung war \u2013 auch Lehrer waren einmal jung &#8211; , da las ich keine Krimis. Ich las anst\u00e4ndige, h\u00f6here Literatur und die Tatsache, dass ich, als ich SEHR jung war, den einen oder anderen Jerry-Cotton-Roman weggeputzt hatte, wurde als l\u00e4ssliche S\u00fcnde eines vorpubert\u00e4ren Charakters in der Entwicklung verbucht.<br \/>Irgendwann sah ich dann einen Film: \u201eDer d\u00fcnne Mann\u201c, nach dem gleichnamigen Roman von Dashiell Hammett. Ich brauche euch nicht viel \u00fcber diesen Film zu sagen; ihr habt ihn nat\u00fcrlich alle gesehen. Jedenfalls: Der Film gefiel mir, und ich beschloss, mir das Buch zu besorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider ohne Erfolg. In meiner l\u00e4ndlichen Buchhandlung f\u00fchrten sie den Roman nicht, doch die freundliche Dame empfahl mir einen anderen Hammett: \u201eRote Ernte\u201c. Das war nun etwas ganz anderes als \u201eDer d\u00fcnne Mann\u201c, und ich las den Krimi zun\u00e4chst auch nur mit dem obligatorischen schlechten Gewissen desjenigen, der seiner vergeudeten Lesezeit nachweint, die man doch h\u00e4tte bittesch\u00f6n besser mit der Lekt\u00fcre eines Shakespeare, B\u00f6ll oder Sartre verbraten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch dann passierte es: Der Text sprach mit mir! Er sagte (nicht wortw\u00f6rtlich, aber sinngem\u00e4\u00df): Ich, der Roman \u201eRote Ernte\u201c, zeige dir ein St\u00fcck Wirklichkeit, wie du es bisher noch nicht erfahren hast. Ich schicke einen Detektiv, der zur Erledigung eines Routineauftrags in eine Stadt kommt, durch eine v\u00f6llig korrupte Welt. Dieser Detektiv ist hart, er ist zynisch, nichts kann ihn bremsen. Er ist der Geist, den man rief und jetzt nicht mehr los wird, er r\u00e4umt auf in dieser schrecklichen Welt, mit den Mitteln des B\u00f6sen tut er das, er ist skrupellos, geht buchst\u00e4blich \u00fcber Leichen, und am Ende ist alles wieder gut, und nichts ist gut.<br \/>Das passte nicht in meine Vorstellung von Wirklichkeitsbeschreibung. So eine Moral vermittelte einem keiner der Autoren \u201eguter B\u00fccher\u201c, die sich vor lauter Humanismus und Existenzphilosophie nicht mehr einkriegten. Und schon gar nicht so kurzweilig, ohne ein Wort zu viel, ohne ein Wort zu wenig.<\/p>\n\n\n\n<p>Seitdem lese ich Krimis als Literatur. Manchmal ist es schlechte Literatur, manchmal gute. Manchmal ist das Vergn\u00fcgen grenzenlos, manchmal wird es so hom\u00f6opathisch verabreicht, dass es gegen Null tendiert.<\/p>\n\n\n\n<p>So, jetzt haben wir aber genug geplaudert! Morgen oder \u00fcbermorgen geht es wieder an die Arbeit! Packt eure Handys aus, qu\u00e4lt euren Gameboy, schie\u00dft mit Stanniolkugeln auf die Hinterk\u00f6pfe der M\u00e4dels in den B\u00e4nken vor euch! Ach, so jung m\u00fcsste man auch noch einmal sein! \u00c4h\u2026lieber nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass man B\u00fccher, Krimis insbesondere, einfach nur \u201eaus Wolluscht\u201c lesen kann, ist eine Erkenntnis, die man nicht zu kommentieren braucht. Vielleicht m\u00fcsste man es aber des \u00f6fteren doch tun, um den Eindruck zu vermeiden, in unserer Schule werde dieser Vergn\u00fcgungsfaktor generell verteufelt, ausgeblendet oder geringsch\u00e4tzig behandelt. Mitnichten. Aber, liebe Jungen und M\u00e4dchen, das hier ist [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[2330,2348],"class_list":["post-11939","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives","tag-crime-school","tag-dashiell-hammett"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11939","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11939"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11939\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11939"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11939"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11939"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}