{"id":11944,"date":"2005-04-07T11:11:00","date_gmt":"2005-04-07T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=11944"},"modified":"2022-05-09T23:33:01","modified_gmt":"2022-05-09T21:33:01","slug":"crime-school-lektion-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/04\/crime-school-lektion-9\/","title":{"rendered":"Crime School: Lektion 9"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Was ich in den vorausgegangenen Folgen der Crime School vor allem vermitteln wollte, war das Abenteuer des Lesens an sich, die Erkenntnis, ein Text sei nicht nur ein von oben nach unten, von links nach rechts zu lesendes Diktat des Autors, sondern, recht eigentlich, etwas, das die einengende Zweidimensionalit\u00e4t einer Buchseite verl\u00e4sst und in unseren K\u00f6pfen zu dreidimensionalen, mehr oder weniger labyrinthisch strukturierten Gebilden erbl\u00fcht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Mit allen Schikanen des digitalen Zeitalters: Lesen ist ein, wie wir in der IT-Branche sagen, \u201eMultimedia-Event\u201c besonderer G\u00fcte. Wir stellen uns Bilder vor, bewegte wie unbewegte, h\u00f6ren Stimmen und Ger\u00e4usche, riechen, schmecken, f\u00fchlen, kontrollieren die Interaktion (indem wir langsamer, schneller lesen, abschweifen, zur\u00fcckbl\u00e4ttern oder, auch das muss leider sein, das Buch ganz einfach zuklappen).<\/p>\n\n\n\n<p>So betrachtet, w\u00e4re ein Essay mit dem majest\u00e4tischen Titel \u201eDer Krimi im Zeitalter der fortschreitenden Digitalisierung\u201c schlichtweg \u00fcberfl\u00fcssig. Denn welche M\u00f6glichkeiten, die wir als LESER nicht h\u00e4tten, k\u00f6nnte uns der Computer bieten? Anders verh\u00e4lt es sich f\u00fcr die Person des Autors. Was wir multimedialisieren, legt er zumindest an (wiewohl er kaum nennenswerten Einfluss auf das Resultat der Lekt\u00fcre hat; beschreibt mir der Autor eine Frau als \u201eblond, drall und dicklippig\u201c, denke ich mitnichten an Claudia Schiffer, auch wenn es der Autor so intentiert haben sollte. Ich denke an Frau Bardot, basta!). Und m\u00fcsste er nicht interessiert sein, die M\u00f6glichkeiten des Mediums \u201eComputer \/ Internet\u201c auszunutzen, um seine Arbeit zu differenzieren, ja, am Ende gar zu einer neuen \u00c4sthetik des Schreibens von (Kriminal-)Romanen zu gelangen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die alte Nietzsche \u2013 Weisheit \u201eDas Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken\u201c bek\u00e4me wohlm\u00f6glich einen g\u00e4nzlich neuen Sinn, denn das \u201eSchreibzeug\u201c Computer h\u00e4lt nicht mehr nur die in Worte gefassten Gedanken fest, es ge- oder verunstaltet sie auch auf eine Weise, die einer Revolution gleichkommen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorsicht. Wenn ich schon sagte, Lesen sei im Grunde multimedial, also \u201edigitalisiert\u201c, dann muss ich auch sagen, dass \u201edigitale Literatur\u201c genau den umgekehrten Effekt haben kann. Sie zerst\u00f6rt durch das Diktat des Konkreten, des qua Medien sichtbar Gemachten genau diese unsere Bef\u00e4higung zum \u201e3D-Lesen\u201c und macht uns zu blo\u00dfen passiven Rezipienten dann nur noch zweidimensionaler Informationen und Reize oder, das w\u00e4re noch der bessere Fall, sie bietet uns perfekte 3D-R\u00e4ume, in denen wir uns ergehen k\u00f6nnen, ohne daran zu denken, uns selbst einen zu schaffen. Das w\u00e4re besser, aber noch lange nicht gut. In diesem Zusammenhang sei jetzt nur kurz die \u201eVerfilmung\u201c erw\u00e4hnt, eine \u201eMultimedialisierung\u201c, die ebenfalls ihre T\u00fccken haben kann (und ihre Chancen), mit dem R\u00fcstzeug der Digitaltechnik indes weder im Guten noch im B\u00f6sen mitzuhalten vermag. Sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits: Zumindest theoretisch ist es m\u00f6glich, Texte durch den Einsatz digitaler Techniken auf eine h\u00f6here Ebene der Wahrnehmung zu heben. Oder, sagen wir es weniger euphorisch: Es kann mir die Chance einr\u00e4umen, n\u00e4her zum Leser zu kommen, ihm Sichtweisen anzubieten, die er selbst vielleicht nicht als selbstverst\u00e4ndlich ansieht und folglich ausblendet. Aus Gr\u00fcnden, \u00fcber die noch zu reden sein wird, erscheint mir gerade der Krimi als ideales Studienobjekt in Sachen \u201edigitale Aufbereitung\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorab zwei Beispiele, die sowohl das Positive als auch das m\u00f6gliche Negative solcher Darstellungsweisen illustrieren m\u00f6gen: Ich schreibe einen \u201eInternetkrimi\u201c, der es dem Leser erlaubt, von der Perspektive des Ich-Erz\u00e4hlers in die des neutralen \u201eEr\u201c zu wechseln. Stellen wir es uns grob technisch vielleicht so vor: Ein St\u00fcck Handlung in der Ich-Form wird gezeigt. Klickt der Leser auf einen Button \u201eEr\u201c, wird diese Handlung quasi von au\u00dfen reportiert. Ein Button \u201eIch\u201c erscheint und erlaubt es, wieder zu wechseln. Problem 1: Der Autor m\u00fcsste seinen Roman zweimal schreiben. Da wir bei vielen bedauern, dass sie ihn \u00fcberhaupt einmal geschrieben zu haben, w\u00e4chst dadurch leider auch der Mistberg ins Gigantische. Problem 2: Der Leser m\u00fcsste den Roman zweimal lesen. Ist das Ganze nur l\u2019art pour l\u2019art, d.h. ergibt sich aus dem Vergleich der jeweiligen Textpassagen nicht quasi eine neue Sichtweise (etwa dadurch, dass sich zwei Einsch\u00e4tzungen eines Tatbestandes unterscheiden), dann handelt es sich um groben Zeit- und Lustraub seitens des Autors. Ergibt sich diese neue Sichtweise, muss der Leser sie rezipieren k\u00f6nnen, ohne den Faden zu verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweites Beispiel: Ich stelle einen Krimi konventionell ins Netz, erg\u00e4nze ihn jedoch um Abbildungen. Beschreibe ich etwa eine Kommode, dann sieht man diese Kommode im Bild. Da dies auch schon beim herk\u00f6mmlichen, also Buch-, Verfahren kein Problem w\u00e4re, setzen wir noch eins drauf: Die Schubladen der Kommode sind anklickbar und \u00f6ffnen sich. Wir erkennen Gegenst\u00e4nde, die m\u00f6glicherweise mit der Handlung in Verbindung stehen, gar f\u00fcr sie wichtig sind. Problem 1: Der Autor verlagert Teile der Handlung von der Text- auf die Bildebene. Das kann in Ordnung sein oder verdammt schiefgehen. Mehr dazu noch nicht, weil wir hier wirklich ausf\u00fchrlicher werden m\u00fcssen. Problem 2: Die Qualit\u00e4t der visualisierten Teile. Auch hierzu sp\u00e4ter mehr. Problem 3: Der Leser ger\u00e4t aus dem \u201eLesefluss\u201c. Er muss Objekte anklicken, betrachten, zur\u00fcck zum Text gehen, wieder etwas anklicken, interpretieren, vielleicht andere Texte zu den angeklickten Objekten lesen usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden Beispiele stehen stellvertretend f\u00fcr die momentan im \u201eWeb\u201c zu besichtigenden Hauptformen der Digitalisierung von Krimis: Hypertext-Konstruktionen (Links, die zu weiteren Texten und wieder zur\u00fcck f\u00fchren) und multimedial aufbereitete Textpr\u00e4sentationen. Meistens findet man sie in Mischformen (viele Links, viele Bildchen), nicht selten auch in Form von Spielen. Interessanterweise scheint eine der ersten Spielarten von \u201eOnline-Krimis\u201c fast verschwunden zu sein: der Jeder-darf-mitschreiben-Text. Man findet ihn kaum noch.<\/p>\n\n\n\n<p>Generell gilt auch: Digitalisierte Krimis sind f\u00fcr die Buchform verloren (was die Chance einer Akzeptanz dramatisch herabsetzt. Erinnert sei an die Vision vom \u201epapierlosen B\u00fcro\u201c, die ja, wie wir alle wissen, wunderbar umgesetzt wurde). Sie sind theoretisch in der Lage, die Literatur zu revolutionieren (Was sich leicht so dahinschreibt, ich wei\u00df. Aber auch das wird ein Thema der n\u00e4chsten Lektionen sein). Sie sind praktisch in der Lage, die Literatur zum Kasperletheater zu degradieren. Sie erfordern bessere Autoren. Sie erfordern bessere Leser.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden in den n\u00e4chsten Wochen das Thema nicht nur theoretisch, sondern durchaus auch praktisch unter die Lupe nehmen. Die bisherigen Sujets (Realit\u00e4tst\u00fcchtigkeit, Genredefinition etc.) werden nat\u00fcrlich dabei eine Rolle spielen und, so steht zu hoffen, in einem neuen Licht zu sehen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Oh ja: Und irgendwann in n\u00e4chster Zeit gibt\u2019s auch die Klassenarbeiten zur\u00fcck. Wer jetzt noch etwas nachreichen m\u00f6chte, der tue es bald HIER!. Es m\u00fcssen wahrlich keine Essays sein. Stichworte, kurze Anmerkungen: Alles ist willkommen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ich in den vorausgegangenen Folgen der Crime School vor allem vermitteln wollte, war das Abenteuer des Lesens an sich, die Erkenntnis, ein Text sei nicht nur ein von oben nach unten, von links nach rechts zu lesendes Diktat des Autors, sondern, recht eigentlich, etwas, das die einengende Zweidimensionalit\u00e4t einer Buchseite verl\u00e4sst und in unseren [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-11944","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11944","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11944"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11944\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11944"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11944"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11944"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}