{"id":11952,"date":"2005-04-09T11:11:00","date_gmt":"2005-04-09T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=11952"},"modified":"2022-09-10T03:33:59","modified_gmt":"2022-09-10T01:33:59","slug":"crime-school-zwischenlektion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/04\/crime-school-zwischenlektion\/","title":{"rendered":"Crime School: Zwischenlektion"},"content":{"rendered":"\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Das Katalogisieren und Einordnen in die jeweiligen Schubladen \u00fcberlasse ich Literaturwissenschaftlern und Kritikern. Nat\u00fcrlich auch Bibliothekaren und Buchh\u00e4ndlern, die ihrem Klientel einen Anhaltspunkt geben m\u00fcssen, wo \u00e4hnlich strukturierte B\u00fccher zu finden sind. Sie finden meistens daran genauso viel Spa\u00df und Befriedigung wie Jake an einer sauber sortierten Lego Sammlung.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>schreibt unser australischer Gastsch\u00fcler, der von mir als Krimiautor sehr gesch\u00e4tzte \u2192 Marcus Starck. <\/p>\n\n\n\n<p>Einspruch, Euer Ehren!<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Als Autor von Romanen sind mir \u201eGenres\u201c herzlich gleichg\u00fcltig. Sobald ich zu schreiben anfange, gelten MEINE Regeln, zurrt das gro\u00dfe Universum Literatur auf die zwar viel bescheidenere, daf\u00fcr jedoch unendlich konkretere Galaxie dpr-Literatur zusammen. Konkreter, weil sie sich ausschlie\u00dflich auf den Text konzentriert, der ab diesem Zeitpunkt der Herr und Meister ist, f\u00fcr den ich schufte.<\/p>\n\n\n\n<p>So. Das war das sch\u00f6ne Ideal. Kommen wir nun zur nicht ganz so sch\u00f6nen Wirklichkeit. Als Autor von Romanen wei\u00df ich genau, dass der erste Lektor, dem mein Manuskript in die H\u00e4nde f\u00e4llt, in seinem \u201eGenre-Werkzeugkasten\u201c nach den geeigneten Instrumenten kramen wird, um meinen Text zu kategorisieren. Ein Mord geschieht? Hm, d\u00fcrft\u2019n Krimi sein. Ein Detektiv taucht auf? Unbezweifelbar ein Krimi! H\u00e4? Der Roman spielt im Jahre 2040? Science Fiction! Und ein Krimi dazu? Also Crime Science Fiction oder was? Wie bitte? Eigentlich ist das gar nicht SF? Wieso spielt er dann im Jahr 2040? Und so weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Leser ist kaum anders gestrickt. Wer \u201eR\u00e4tselkrimis\u201c f\u00fcr das nonplusultra des \u201eGenres\u201c h\u00e4lt und nichts daneben gelten l\u00e4sst, wird meinen Roman kaum m\u00f6gen. Wer sich schon beim Begriff \u201eSF\u201c zu sch\u00fctteln beliebt, greift erst gar nicht dazu, wenn er liest, die Handlung spiele im Jahr 2040.<\/p>\n\n\n\n<p>Genres allerorten also. Du entkommst ihnen nicht. Und, mal ganz ehrlich, Marcus, sind wir nicht genauso? Ist dieses \u201ek\u00fcmmert mich nicht\u201c nicht eigentlich eine Notl\u00fcge, mit der wir unsere Autorensouver\u00e4nit\u00e4t st\u00fctzen wollen? Denn nat\u00fcrlich wei\u00df ich genau, dass ich jetzt einen Krimi schreiben will und nichts anderes. Ich habe, vielleicht sehr pr\u00e4zise, vielleicht sehr vage, meine Genredefinition im Kopf. Schlie\u00dflich stehen wir alle auf den Schultern von Riesen, und wenn wir schlau sind, lernen wir von ihnen. DIE haben das \u201eGenre\u201c entwickelt, DAS sind meine Kirchenv\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Und hier, genau hier, m\u00f6chte ich das Arbeiten mit den Lego-Steinen der Literaturgattungen nicht den Literaturwissenschaftlern \u00fcberlassen. Um Gottes Willen! Ich geh\u00f6re, wenn auch nur der Ausbildung nach, ebenfalls zu diesem erlauchten Kreis, und ich habe ihn reichlich satt. Das sind die Damen, die in Lektoraten sitzen und nicht zwischen dem fiktiven und dem Autor-Ich unterscheiden k\u00f6nnen (du kennst die Sorte ja auch, wie ich vor kurzem lesen durfte), das sind die Herren, die mal schnell ihr M\u00e4ntelchen in den Wind h\u00e4ngen und wieder \u201eSozialkritik! Sozialkritik! Ohne die keine Literatur!\u201c rufen, wenn\u2019s rein gesellschaftlich-stimmungsm\u00e4\u00dfig danach ist. Denen soll ich es \u00fcberlassen, \u00fcber \u201eGenres\u201c nachzudenken? Auf dass sie mit ihren erb\u00e4rmlichen Erg\u00fcssen weiterhin Studenten infiltrieren, die dann Lehrer werden oder Journalisten oder eben Lektoren und somit ihre akademischen Homunculi bis in alle Ewigkeit weiterreichen und am Leben erhalten? N\u00f6, da mach ich nicht mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzukommt, dass ich ein sehr altmodischer Mensch bin, was das Schreiben anbelangt. Wenn ich schon einen Krimi schreibe, dann will ich wissen, wie das Handwerkszeug aussieht, das ich bewusst oder unbewusst benutze. Man kann nur mit etwas souver\u00e4n spielen, das man gut kennt, nur das ver\u00e4ndern, dessen Gestalt man begreifen kann. Damit fahre ich gut, muss ich sagen, und die Crime School, in der ich mich als \u201eLehrer\u201c auff\u00fchre (obwohl ich f\u00fcr diesen Beruf niemals geeignet w\u00e4re), aber recht eigentlich auch nur ein Sch\u00fcler bin (und zwar der unwissendste), hilft mir dabei. Und nat\u00fcrlich meine Sch\u00fcler. Ich habe inzwischen gelernt, dass der Begriff \u201eGenre\u201c fast ausschlie\u00dflich inhaltlich besetzt ist: Detektivroman, sozialkritischer Krimi, Spionagekrimi\u2026 Aber das ist eben nur ein Teil dessen, was das \u201eGenre\u201c ausmacht. Ich arbeite mich jetzt weiter vor, die Lektion 11 wird es zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sich mit den Strukturen von Literatur auseinander zu setzen, ist nicht allein Aufgabe der Literaturwissenschaft. Sondern auch und besonders die der Autoren. Und der Leser? Sch\u00f6n, wenn sie sich auch dar\u00fcber Gedanken machen, wo eigentlich das St\u00fcck Lesefleisch herkommt, das da sch\u00f6n portionsgerecht auf dem Teller liegt. Dahinter steckt ja etwas sehr Lebendiges, und im Gegensatz zum Fleisch habe ich bei Literatur den Vorteil, dass das, was ich da konsumiere, nicht unbedingt tot bleiben muss. Es kann zu neuem Leben erweckt werden. Denken \u00fcber den Tellerrand hinaus ist dazu aber absolut notwendig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Das Katalogisieren und Einordnen in die jeweiligen Schubladen \u00fcberlasse ich Literaturwissenschaftlern und Kritikern. 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