{"id":11954,"date":"2005-04-11T11:11:00","date_gmt":"2005-04-11T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=11954"},"modified":"2022-09-10T03:32:38","modified_gmt":"2022-09-10T01:32:38","slug":"crime-school-lektion-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/04\/crime-school-lektion-11\/","title":{"rendered":"Crime School: Lektion 11"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Ob mit Hyperlinks vernetzt oder multimedial aufgebrezelt: Die digitale Inszenierung eines Krimis scheint nur quantitativ zu funktionieren. Es werden zus\u00e4tzliche Informationen und Interaktivit\u00e4t bereitgestellt, aber der eigentliche Textkorpus und die Art, wie ich ihn als Leser erkunde, \u00e4ndert sich nicht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es gibt andere Beispiele. Die Hyperlinktechnik als Schl\u00fcssel, einen Text zum Labyrinth zu machen, durch das ich mich orientierend taste. Der Autor Matthias Penzel etwa hat Teile seines Romans \u201eTraumHaft\u201c so verlinkt, dass man durch den \u2192Text \u201esurfen\u201c kann. Das funktioniert. Aber nur, weil schon der zugrundeliegende \u201ePapiertext\u201c nicht nur als kontinuierlich zu lesender Flie\u00dftext konzipiert wurde, sondern es zudem erlaubt, quasi kreuz und quer gelesen zu werden. Penzels Roman ist das gelungene Beispiel einer Prosa, die sowohl eine Geschichte erz\u00e4hlt als auch einen \u201eRaum\u201c absteckt, in dem ich mich als Leser ohne R\u00fccksicht auf die Gesetze der storygebundenen Chrono-Logik bewegen kann. Aber: Penzels Text ist eben kein Krimi. Er ist ein \u201eRockroman\u201c, der ein individuelles Schicksal und die allgemeinen Parameter (das Rock-Business) gleicherma\u00dfen aufzeichnet. Penzel gelingt es mit \u201eTraumHaft\u201c, sowohl die Lesezeit zu manipulieren (d.h. der Leser muss nicht am Anfang beginnen und mit dem Ende aufh\u00f6ren) als auch die erz\u00e4hlte Zeit. Die Story ist die Story, aber sie ist eben nur ein Teil des Ganzen. Ein Erz\u00e4hlkontinuum wird als Alternative geboten, ist aber nicht zwingend.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders beim Krimi. K\u00f6nntet ihr euch vorstellen, einen Krimi kreuz und quer zu lesen? Mittendrin anfangen, dann kurz den Schluss \u00fcberfliegen, wieder ab durch die Mitte und schlie\u00dflich mit dem Anfang aufh\u00f6ren? \u2013 Ich kann es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wohlgemerkt: Wir reden im Moment von der Lesezeit. Sie ist an die Story gekettet, der Leser kann bei seiner Lekt\u00fcre gar nicht anders, als sich an die Vorgaben zu halten. Tut er es nicht, liest er keinen Krimi mehr, denn seine Lese-Art zerst\u00f6rt das, was die Lesevorgabe, dieses von der ersten bis zur letzten Seite, erst erm\u00f6glicht: die Spannung, den dramaturgischen Bogen.<br \/>Kreuz-und-quer-lesen vermag eine neue Spannung aufzubauen, und hier sind Hypertexte eine neue und reizvolle Geschichte. \u00dcbrigens brauche ich nicht unbedingt die Kr\u00fccke \u201eDigitaltechnik\u201c, um Zeitgesetze im Roman au\u00dfer Kraft zu setzen. Penzel demonstriert es auch in der Papierform von \u201eTraumHaft\u201c, und das ber\u00fcchtigtste Beispiel f\u00fcr diese Technik ist \u201eFinnegans Wake\u201c von James Joyce, dessen \u201eUlysses\u201c dagegen wie ein Heftchenroman daherkommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber diese Technik ist wider die Natur des Krimis. Womit wir uns endlich der Frage widmen sollten, was denn einen Krimi von einem St\u00fcck \u201eNormalliteratur\u201c unterscheidet.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur hat drei Ebenen: den Inhalt, die Sprache und die Form. \u00dcber die Sprache brauchen wir an dieser Stelle nicht zu reden. Sie ist frei wie ein Vogel und unterliegt keinen Genreregeln. Inhalt und Form durchaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Genre definiert sich dadurch, dass ihm inhaltlich und \/ oder formal gewisse Regeln und Beschr\u00e4nkungen eigen sind. Auch \u00fcber die inhaltlichen brauchen wir an dieser Stelle nicht viele Worte zu verlieren, sie liegen auf der Hand. Es geschieht ein Verbrechen und man besch\u00e4ftigt sich, wie auch immer, damit. Dies kann als Detektivroman, Spionagekrimi, Whodunnit etc. geschehen.<\/p>\n\n\n\n<p>So, jetzt sollten wir aufpassen. Ich habe ganz bewusst nicht geschrieben: \u201eDies kann IN FORM eines Detektivromans etc.\u201c geschehen, denn hierbei handelt es sich nicht um eine FORM, sondern um Inhalt. Form in der Literatur bezieht sich auf die Konstruktion eines Textes, auf seine architektonische Komponente. Dies zu beachten, ist f\u00fcr die folgenden Ausf\u00fchrungen von gro\u00dfer Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuvor noch dies: Form, Sprache und Inhalt agieren nicht unabh\u00e4ngig voneinander, in keinem literarischen Werk. Sie interagieren und erzeugen \u201eetwas\u201c, das man \u201eEindruck auf den Leser\u201c, \u201eMagie\u201c nennen k\u00f6nnte. Bei Krimis hat dieses Interagieren eine zus\u00e4tzliche Aufgabe: Es soll Spannung \/ Suspence erzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p>Welches sind nun formale Kriterien f\u00fcr einen Roman? Ich kenne nur ein einziges: die Zeit. Alles ist von ihr abh\u00e4ngig, und die Art und Weise, wie sie funktioniert oder auch nicht funktioniert, erm\u00f6glicht es uns \u00fcberhaupt erst, das \u201eGenre Kriminalroman\u201c als solches aus dem gro\u00dfen Ganzen Literatur zu extrahieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir den Begriff \u201eGenre\u201c also eingrenzend als etwas definieren wollen, das sich durch spezielle Regeln und Eigenarten von der \u201eNormalliteratur\u201c unterscheidet, dann ist diese Kettung an die Zeit und an die Story sicher das erste Merkmal f\u00fcr einen \u201eKrimi\u201c.<br \/>Aber wir m\u00fcssen unterscheiden zwischen Lesezeit und erz\u00e4hlter Zeit. Ein guter Krimi funktioniert eben nicht unbedingt nur als die chronologisch \u201ereale\u201c Wiedergabe von Ereignissen. Was wir, nebenbei, aus dem Fernsehen kennen, wenn man uns mit \u201eR\u00fcckblenden\u201c begl\u00fcckt. Dazu aber mehr in der n\u00e4chsten Lektion.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein sch\u00f6nes und wirklich gelungenes Beispiel f\u00fcr das Arbeiten mit der Chronologie der Ereignisse ist Arnaldur Indridasons \u201eTodeshauch\u201c. Man findet Leichenteile und beginnt sie auszugraben, um die Identit\u00e4t des Toten bestimmen zu k\u00f6nnen. Leider hat man ein Arch\u00e4ologenteam mit dieser Arbeit beauftragt, die sich entsprechend qu\u00e4lend lange hinzieht. Diese Arbeit wird nun abwechselnd mit der Vorgeschichte des Verbrechens erz\u00e4hlt. Wir wissen nicht, ob es wirklich die Vorgeschichte ist, wir wissen auch nicht, wer am Ende sein Leben lassen muss \u2013 doch je l\u00e4nger der Roman dauert, desto klarer wird dem Leser, dass hier zwei Zeitstr\u00e4nge quasi aufeinander zu erz\u00e4hlt werden und irgendwann einmal kollidieren. Der ebenso geniale wie simple Trick des Autors besteht eben darin, die Arbeit der Leichenbergung hinzuziehen. Die Spannung steigert sich von Kapitel zu Kapitel.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber, da ein Story erz\u00e4hlt wird, ist nat\u00fcrlich auch hier das Diktat der Zeit nicht au\u00dfer Kraft gesetzt. Es ist, in seinen mehr oder weniger engen Grenzen, nur manchmal etwas flexibler, doch die Bindung zwischen Lesezeit und erz\u00e4hlter Zeit bleibt erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe im Moment das Gef\u00fchl, das wir in unserer Crime School an einem entscheidenden Punkt angelangt sind. Zum einen, weil wir uns dem Begriff \u201eGenre\u201c nicht mehr auf der inhaltlichen Ebene n\u00e4hern, zum anderen, weil die Chrono-Logik als gro\u00dfe Klammer noch l\u00e4ngst nicht genau genug betrachtet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber eines sollten wir uns jedenfalls im Klaren sein: Auch wenn ich versuche, das Genre Krimi zu definieren, es also aus dem Kontext \u201eNormalliteratur\u201c herauszul\u00f6sen, bedeutet das nicht, dass innerhalb eines Krimis die \u00fcblichen Charakteristika von Literatur keine Geltung mehr bes\u00e4\u00dfen. Die M\u00f6glichkeiten eines Krimis sind also nach wie vor die M\u00f6glichkeiten eines \u201eNormaltextes\u201c, nur eben mit der Einschr\u00e4nkung, dass bestimmte Vorgaben ihren Einsatz reglementieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir befinden uns im Moment am Anfang einer spannenden Geschichte. Sch\u00f6n w\u00e4re es, wenn die Sch\u00fcler selbst etwas dazu beitr\u00fcgen, auf diesem Weg weiterzugehen. Kennt ihr besonders originelle Beispiele, wie in Krimis mit Zeit, also Erz\u00e4hlkontinuit\u00e4t gearbeitet wird? Falls ja, dann gebt mir hier Bescheid. In der n\u00e4chsten Lektion werden wir uns dieses Ph\u00e4nomen Zeit und wie es auf die M\u00f6glichkeiten von Krimitexten einwirkt, an ausgew\u00e4hlten Beispielen n\u00e4her betrachten. Sich \u00fcber die M\u00f6glichkeiten von Texten zu unterhalten, seien sie nun genregebunden oder nicht, Papier oder digital, bedeutet Analysearbeit. Ich wei\u00df, das passt nicht in das Bild des \u201efree-wheeling poet\u201c, aber ich halte es da mit einem ber\u00fchmten Bewohner der S\u00fcdheide, der seine Prosa zuerst zu berechnen pflegte, bevor er sie niederschrieb.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob mit Hyperlinks vernetzt oder multimedial aufgebrezelt: Die digitale Inszenierung eines Krimis scheint nur quantitativ zu funktionieren. 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