{"id":11962,"date":"2005-04-18T11:12:00","date_gmt":"2005-04-18T09:12:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=11962"},"modified":"2022-05-10T00:27:01","modified_gmt":"2022-05-09T22:27:01","slug":"crime-school-lektion-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/04\/crime-school-lektion-12\/","title":{"rendered":"Crime School: Lektion 12"},"content":{"rendered":"\n<p>Arthur Conan Doyle hat die Blaupause vorgegeben: Ein Verbrechen geschieht. Sherlock Holmes \u00fcbernimmt. Er recherchiert. Verschafft sich Einblicke in die Vorgeschichte. Sammelt die Informationen in seinem ph\u00e4nomenalen Ged\u00e4chtnis, einer Hochleistungsmaschine f\u00fcr treffende Schlussfolgerungen. Es dauert nicht lange, und der Fall ist gekl\u00e4rt. Dem wie immer sprachlos staunenden Dr. Watson (so sind sie halt, diese Akademiker), wird am Ende am heimischen Kaminfeuer haarklein erkl\u00e4rt, wie alles zusammenpasst.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Selbstredend ist Holmes\u2019 Genie zu einzigartig, als dass es bei der Kl\u00e4rung eines Falles in Umwegen verzetteln w\u00fcrde. Seine Nachfolger im 20. Jahrhundert haben es leider schlechter getroffen: Sie graben sich durch Berge disparater Informationen und stellen erst nach deren korrekter Auswertung jene Kausalketten her, die zur L\u00f6sung des Falles f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Unverzichtbar ist hier die \u201eChronologie der Ereignisse\u201c, und es ist sicher kein Zufall, dass in Krimis meist die chrono-kausale Ereigniskette am Ende des Romans repetiert wird. Dieser \u201eZeitstrahl\u201c ist wichtig: Weil Person B. zum Zeitpunkt X. dieses und jenes gesagt hat, kann sie Person C. zum Zeitpunkt Y. nicht get\u00f6tet haben, daf\u00fcr jedoch war Person D. zum Zeitpunkt Z\u2026 Es dem Leser noch einmal in die richtige Reihenfolge zu bringen, ist eine letzte Dienstleistung des Autors. Falsche F\u00e4hrten, Unma\u00dfgebliches etc. bleibt au\u00dfen vor oder wird nur am Rande erw\u00e4hnt, wenn es f\u00fcr den korrekten Verlauf von Bedeutung war.<\/p>\n\n\n\n<p>Verfolgen wir noch einmal, wie in Krimis Zeit als Kitt des Kausalen entsteht. Sowohl f\u00fcr den Ermittler als auch f\u00fcr den Leser ist der Fall zun\u00e4chst eine gro\u00dfe, unordentlich gepackte Kiste voller Informationen. Etwas ist geschehen, und es macht keinen Sinn. Personen tauchen auf und m\u00fcssen abgesch\u00e4tzt, eingeordnet werden. Ereignisse, losgel\u00f6st von jeglichem kausalen Bezug, m\u00fcssen ihren Platz in der Kette finden. Warum wirft Lady Carlsworth ihrem Butler James diesen \u00e4ngstlichen Blick zu? Welchen Sinn hat es, dass der Ermordete im Telefonbuch den Namen \u201eLudger Menke\u201c angestrichen hat? Ein Verd\u00e4chtiger? Oder wollte er sich nur fernm\u00fcndlich \u00fcber einen falschen Link beschweren?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe bei der Analyse der Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 \u2013 Romane schon einmal darauf hingewiesen, wie reizvoll es f\u00fcr den Leser sein kann, diese Ermittlungsarbeit, die zugleich auch immer Arbeit an Chronologie, Kausalit\u00e4t und Sinnhaftigkeit ist, zu verfolgen. Sie setzt etwas in uns in Schwingungen, erinnert uns daran, dass auch unser Alltag \u201eErmittlung\u201c in diesem Sinne ist. Das Leben eine gro\u00dfe, unordentliche Kiste voller zerst\u00fcckelter, vager, mehrdeutiger Informationen, gef\u00e4hrlich, weil unbekannt, zumeist von geringem Unterhaltungswert, weil monoton und redundant. Das Leben: die Suche nach Sinn, Kausalit\u00e4t, zeitlicher Ordnung \u2013 und das Ganze spannend, nervenaufreibend und, so jedenfalls mag\u2019s die Mehrheit, mit einem guten und sittenkonformen Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Krimis treffen also einen Nerv. Sie sind nicht nur hinsichtlich der Lesezeit an Chrono-Logik gekettet, sie stellen auch Chronologie her. Und je \u201ehaschierter\u201c die erz\u00e4hlte Zeit ist (ein Ausdruck, f\u00fcr den ich mich \u00fcbrigens bei Sch\u00fcler Bernd bedanke), desto notwendiger und reizvoller ist es, die Herstellung der Chrono-Logik als Leser zu verfolgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt Ausnahmen, Kriminalromane, die gegen diese Regel versto\u00dfen. Spontan erinnere ich mich an Carlo Emilio Gaddas \u201eDie gr\u00e4\u00dfliche Bescherung in der Via Merulana\u201c, wo genau dieses Unterfangen, einen Fall zu kl\u00e4ren und somit die Ordnung der Ereignisse wiederherzustellen, \u201emisslingt\u201c. Gewiss mag es einem naiven Leser, der sich vom Titel des Buches zur Lekt\u00fcre dieses vermeintlichen \u201eKrimis\u201c verf\u00fchren l\u00e4sst, so ergehen, wie einem unbekannten Rezensenten bei Amazon, der sich beklagt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie &#8222;Spur&#8220;, die schlu\u00dfendlich verfolgt wird, l\u00e4\u00dft den Leser ratlos zur\u00fcck. Nachdem ich mich Stunden um Stunden durch diesen W\u00e4lzer gequ\u00e4lt hatte, hatte ich nicht das Gef\u00fchl, irgendeinen nennenswerten Gewinn daraus ziehen zu k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gaddas \u201eGr\u00e4\u00dfliche Bescherung\u201c verliert seinen Krimi-Anspruch und wird zu einem faszinierenden Nur-Roman, den ich, je weiter er fortschreitet, nicht mehr als Geschichte wahrnehme, sondern als Zustandsbeschreibung. Immer mehr fallen die Ereignisse aus der Zeit, der Kausalit\u00e4t, der Sinnhaftigkeit. Ich lese zwar weiterhin von vorne nach hinten, verliere jedoch den Bezug zu dieser Lese-Zeit-Richtung. Das Versprechen einer Chrono-Logik ist jedoch weiterhin pr\u00e4sent, kann aber nicht eingel\u00f6st werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die in fr\u00fcheren Lektionen behandelten \u201eNicht-Krimis\u201c, Nabokovs \u201eLolita\u201c und Raabes \u201eStopfkuchen\u201c, arbeiten mit den Zeit-Gesetzen des Krimis auf ihre eigene Weise. Ganz seltsam ist es beim \u201eStopfkuchen\u201c. Hier wird nicht die Chronologie des Verbrechens entwickelt, sehr wohl aber die Chronologie (sprich auch die Kausalit\u00e4t und Sinnhaftigkeit) einer falschen Schlussfolgerung, mithin eine nicht der Chrono-Logik entsprechenden Kausalkette.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der \u201eLolita\u201c ist die (Krimi-)Handlung erkennbar Fiktion in der Fiktion. Die von ihr erstellte Chrono-Logik dient dazu, die gro\u00dfe unordentliche Kiste einer psychischen Extremsituation zu beschreiben und zu erkunden. Was also hier aufgekl\u00e4rt wird, ist nicht der Fall selbst, sondern die Frage, warum es \u00fcberhaupt einen \u201eFall\u201c geben muss.<\/p>\n\n\n\n<p>So, genug f\u00fcr heute. Beim n\u00e4chsten Mal wollen wir diese Gedanken fortf\u00fchren und mit mehr Beispielen f\u00fcttern. Bis dahin: Lernt flei\u00dfig und gebt euren Senf hier dazu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Arthur Conan Doyle hat die Blaupause vorgegeben: Ein Verbrechen geschieht. Sherlock Holmes \u00fcbernimmt. Er recherchiert. Verschafft sich Einblicke in die Vorgeschichte. Sammelt die Informationen in seinem ph\u00e4nomenalen Ged\u00e4chtnis, einer Hochleistungsmaschine f\u00fcr treffende Schlussfolgerungen. Es dauert nicht lange, und der Fall ist gekl\u00e4rt. 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